Feb
05
2010

Axolotl Roadkill: Alles nur geklaut?

Axolotl Roadkill © Helene Hegemann, Ullstein Verlag - Foto von Deef

Axolotl Roadkill” (Partnerlink zu Amazon) ist der gerade erschienene Debüt-Roman der 17jährigen Berlinerin Helene Hegemann. Das Buch wird aller Orten gelobt (Rezensionsüberblick via buecher.de):

  • “An Axolotl Roadkill werden sich dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Debüts messen lassen müssen.” (Der Tagesspiegel, 2010)
  • “Ein deutsches Romandebüt mit einer solchen Kraft hat es lange nicht gegeben.” (FAS 2010)
  • “Das Buch ist phänomenal. Und die Autorin ist ein Phänomen.” (Süddeutsche Zeitung, 2010)
  • “Von einer großen Suchbewegung getrieben, voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken.” (Der Spiegel, 2010)
  • “Verblüffend klug, angenehm grotesk und herrlich sprachgewandt.” (Die Welt, 2010)
  • “Ein Kugelblitz in Prosaform und Prosasprache.” (Die Zeit, 2010)
  • “Axolotl Roadkill kann man als großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre lesen.” (FAZ, 2010)

Das Setting: Die 16jährige Berlinerin Mifti ist ein wohlstandsverwahrlostes, aber  philosophisches Mädchen. Statt in die Schule zu gehen und sich mit Gleichaltrigen abzugeben, verbringt sie ihr Leben lieber mit degenerierten älteren Freunden und den beiden ebenfalls älteren Halbgeschwistern, erlebt dabei schlimmste Drogenabstürze, lieblosen Autosex und wünscht sich unausgesprochen nichts sehnlicher als Disziplinierung durch ihre Eltern. Doch ihre Mutter ist tot und ihr Vater wohnt nicht bei seinen Kindern, sondern zieht es vor mit seiner jungen Freundin in einer eigenen Wohnung zu leben.

Die Handlung von Axolotl Roadkill hat Helene Hegemann dekonstruiert und fragmentarisiert. Wo ist der Anfang, wo das Ende und wo die Dramaturgie dazwischen? Wer spricht in den Dialogen eigentlich miteinander? Egal, denn was zählt ist das unglücklich bis wütende Coming-of-Age-Gefühl, Opfer in einem Chaos zu sein, dass man selbst nicht verschuldet hat. Auf dieser Bühne lässt Helene Hegemann grandiose Sätze vom Stapel wie:

  • “Ich liege als klar zu erkennendes Opfer mit blutendem Hinterkopf auf dem Bauch und genieße den Zustand der totalen Verantwortungslosigkeit.”
  • “Hör endlich auf damit, diese pseudonaiven, pseudokleinkindlichen Aussagesätze aus dem Gehege deiner Zähne zu entlassen.”
  • “Niedlich ist Silber, Sadismus ist Gold”
  • “Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfelds gleich mit entlarvt.”
  • “Hätte man dich und mich nicht bei unseren Müttern lassen dürfen? (…) Das schmeckt nach Scheiße, Metall, das schmeckt bitter und das schmeckt definitiv nicht nach Trost, aber vielleicht schmeckt es nach Sinn, in diesem allgemeinen Dahinschimmeln.”
  • “Ich habe Sandkuchen grundsätzlich nur dann gebaut, wenn die Möglichkeit in der Luft lag, wenigstens einen mit Kühltasche und Eistee ausgestatteten Erwachsenen auf der gegenüberliegenden Spielplatzbank davon zu begeistern. Genau dieser Impuls ist eigentlich das Einzige, was übrig geblieben ist aus ‘meiner schweren Kindheit’”.
  • “Heroin ist keiner dieser diffuse Versprechungen abliefernden Zugänge zum menschlichen Leben, sondern die einzige Möglichkeit das Wort “Leben” als das zu entziffern, was es ist: gar nichts.”

Ich bin begeistert und frage mich, wie ein 17jähriges (bzw. als sie es schrieb, war sie 16) Kind so etwas schreiben kann. Ist es nicht eher unwahrscheinlich, dass sie sich mit Stoffen wie Heroin und Orten wie dem unvermeidlich vorkommenden Berghain auskennt? Ins Berghain dürfen dank härtester Türpolitik nicht mal Leute, die auch nur AUSSEHEN wie unter 21jährig. Hegemann schreibt trotzdem glaubhaft darüber, weil sie sich von anderen Autoren inspirieren ließ, was zunächst einmal legitim ist. Doch die Inspiration nimmt copy-paste-mäßige Züge an, wie wir hier sehen:

Axolotl Roadkill, Seite 23:

“Ich habe Fieber, Koordinantionsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut…”

Im Buch STROBO (Partnerlink zu Amazon), welches der Berliner Blogger Airen letztes Jahr veröffentlichte, heißt es auf Seite 106:

“Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut.”

Axolotl Roadkill, Seite 36:

“Ophelia steht auf dem Klodeckel, um drei Lines Speed auf der Trennwand zur Nachbartoilette zurechtzumachen.”

Wir vergleichen mit Strobo, Seite 146:

“…als sich das als zu kompliziert erweist, klettert Marc auf die Klobrille und macht die Lines an der Grenze zu Nachbartoilette zurecht.”

In Axolotl Roadkill auf Seite 52 spricht Helene Hegemann von “Technoplastizität”. Ein Begriff, den Airen auf Seite 118 seines Buches verwendete.

Axolotl Roadkill, Seite 72:

“Wir erfahren an dieser Stelle, dass ich nicht nur neben Edmonds Keyboard aus eloxiertem Aluminium gekotzt, sondern mich (gleichermaßen skrupellos) mit dem Argument »Scheiß Kapitalismus!« geweigert habe, ihm meine Schulden vom Vortag zurückzuzahlen.”

Bei Airen liest sich das auf Seite 123 so:

“Wie ich eben erfahre also angeblich mit dem Argument »Scheiß Kapitalismus!« geweigert zu bezahlen, neben die Bar gekotzt und paar Tische umgeschmissen.”

Axolotl Roadkill, Seite 74:

“Ich mache drei Schritte nach vorn und knalle rückwärts gegen irgendeinen sich im öffentlichen Raum befindlichen Werbeträger von Langnese. Ich drehe mich um und knalle rückwärts gegen einen grobporigen Typen in grünen Klamotten. Er [der Polizist] setzt mich in ein Taxi…”

Wir vergleichen mit Strobo, Seite 124:

“Ich steige aus, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Dann stehe ich auf, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Schließlich kommen zwei so grobporige Bahnbullen und verfrachten mich in ein Taxi.”

Hegemann lässt ihre Protagonistin auf Seite 136 sagen:

“»Wir unterhalten uns gerade über Bisexualität!«, moderiere ich schwerstelegant zu ihr hinüber.”

Der Satz steht fast genau so auf Seite 99 von Strobo:

“»Wir reden gerade über Bisexualität«, moderiere ich mich zu Jan rüber,…”

Axolotl Roadkill, Seite 80:

“Anstatt mir zu antworten, wickelt sie die Plastikfolie ab. Schlussendlich liegt auf dem Mahagonitisch eine Messerspitze bräunlichen Pulvers, das wie Instanttee aussieht und nach einer Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig riecht. Aus einem Stück Silberpapier dreht sie sich ein Röhrchen, auf ein weiteres schüttet sie die Hälfte des Pulvers. Als sie ein Feuerzeug unter die Folie hält, schmilzt das Heroin und zieht eine kleine Rauchschwade hinter sich her. Dieser Dampf wird von Ophelia mit Hilfe des besagten Aluröhrchens inhaliert, bis nur noch irgendwas ganz Schmutziges, Kleines, Böses zurückbleibt und sie mich fragt: »Und, wie sehen meine Pupillen jetzt aus?«”

Die gleiche Szene bei Airen auf Seite 65f:

“Schicht um Schicht wickle ich die Plastikfolie ab, bis in der Mitte eine gute Messerspitze bräunlichen Pulvers zum Vorschein kommt. Sieht in etwa so aus wie Instant-Tee und riecht säuerlich, wie eine Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig. Diacetylmorphin. Dann hole ich Alufolie. Aus einem Stück drehe ich mir ein Röhrchen. Auf ein anderes schütte ich ein Viertel des Pulvers. Sobald ich ein Feuerzeug unter die Alufolie halte, schmilzt das Heroin (…) und zieht eine kleine Rauchfahne hinter sich her. Mit dem Röhrchen im Mund versuche ich sie einzufangen. (…) Als alles verdampft ist und nur noch eine schmutzige Spur auf der Alufolie übrig bleibt, gehe ich ins Bad und begutachte meine Pupillen.”

Update 7.02.2010: Axolotl Roadkill, Seite 11:

“Meine Existenz setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde.”

Vergleich mit Airens Blogtext Einerseits vom 28. Mai 2009:

“…für Erwachsene, mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten, …”

Das sind nur die offensichtlichsten Stellen. Es gibt noch mehr, in denen nicht Wort für Wort kopiert, aber das Handlungsmotiv einer Szene übernommen wurde. Helene Hegemann zeigt uns in Axolotl Roadkill zwar, dass sie nicht nur für ihr Alter, sondern ganz allgemein eine beachtenswert wortgewaltige und wundervoll böse Schreibe hat. Aber statt sich nur von anderen inspirieren zu lassen und zu zitieren, schreibt sie ab. Das stört den guten Eindruck ganz empfindlich.

Update 7.02.2010: Hegemann lässt ihre Figur Edmond auf Seite 15 erwähnen, dass ein Spruch bei “so ‘nem Blogger”  abgekupfert ist, nämlich der Satz “Berlin is here to mix everything with everything”, den Airen am 28. Juni 2008 in sein Blog schrieb. Edmond  fährt fort mit den Worten: “Ich bediene mich überall, wo ich Inspirationen finde und beflügelt werde, Mifti”. Der konkrete Hinweis auf Airen, sein Blog oder Buch fehlt. Er wird lediglich ab der zweiten Auflage von Axolotl Roadkill in der Danksagung (siehe Foto, danke für den Hinweis in den Kommentaren an @Clara) aufgelistet. In der ersten Auflage fehlt die Nennung (Foto).

Das alles ändert freilich nichts daran, dass Hegemann Worte und Ideen von Airen als ihre eigenen ausgibt, da die konkreten Stellen (siehe oben) nicht als Zitat kenntlich gemacht wurden und keine nachvollziehbare Quellenangabe erfolgt. Anders geht sie dagegen mit einem Satz aus David Foster Wallace’ Erzählung John Billy auf S. 193 um. Es ist als Zitat kenntlich gemacht und Ullstein hat beim Verlag Kiepenheuer & Witsch die Erlaubnis eingholt es zu verwenden und darauf mit voller Quellen- und Copyrightangabe auf S. 4 von Axolotl Roadkill hingewiesen. Von Airen hat Hegemann mehr als einen Satz übernommen, dennoch wird ihm keine entsprechende Zitation zuteil. Was soll das?

Helene Hegemanns Quasi-Eingeständnis “ich bediene mich überall” kann nicht als Rechtfertigung herangezogen werden. Es stellt sich viel mehr die Frage, warum andere Rezensenten an dieser Stelle nicht begonnen haben, Lunte zu riechen. Eine Google-Suche hätte sie zu Airens Blog und darin zu seinem Roman geführt.

Das Schlimme an der Sache ist, dass Axolotl Roadkill derzeit in den Himmel gehypt wird und die kleine Helene sich zum Lieblingskind von Maxim Biller und (siehe oben) vielen Feuilletonisten mausert. Airens Strobo kennt dagegen praktisch niemand, da es in einem kleinen Undergroundverlag und nicht wie Axolotl Roadkill bei Ullstein erschienen ist. So ist zu befürchten, dass Hegemann damit durchkommt, von einem guten, aber leider unerfolgreichen Autor abgeschrieben zu haben.

Update 6.02.10: Durch einen Kommentar unter diesen Artikel werde ich auf eine weitere Textquelle von Hegemann aufmerksam.  Sie beendet Axolotl Roadkill auf Seite 204 mit einem Brief, den Miftis tote Mutter an ihre Tochter richtet:

“…ich sehe die Sünde in deinem Grinsen. In der Form deines Mundes. Alles, was ich will, ist, dich in schrecklichen Schmerzen aufgehen zu sehen. Obwohl wir uns nie wieder treffen werden, erinnere ich mich an deinen Namen. Ich kann nicht glauben, dass du mal so warst wie jeder andere. Du bist inzwischen kein Kinder mehr, sondern ein Abbild des Teufels….”

So geht das noch eine halbe Seite weiter. Vergleicht man die ganze Passage mit dem Songtext von “Fuck U”, einem Titel, der 2005 auf dem Album Noise der Band Archive (Song bei Youtube) erschien, so fällt auf, dass Hegemann diesen ins deutsche übersetzte und fast wörtlich übernahm. Hier nur ein Teil:

“…see the sin in your grin and the shape of your mouth.
All I want is to see you in terrible pain.
Though we won’t ever meet I remember you name.
Can’t belive you were once just like anyone else.
Then you grew and became like the devil himself….”

Update 7.02.10: Lesenswertes zum Thema in der Basler Zeitung, dem Autorenforum, dem Blog Leben im Zitat.

Update 7.02.10: Die Fotos von der Danksagung mit und ohne Nennung von Airen sind nun weiter oben im Artikel verlinkt.

Update 7.02.10: Helene Hegemann und der Ullstein Verlag reagieren.

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Geschrieben von Deef in: Der ganze Rest | Tags: , , , , , , |

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