Feb
05
2010

Axolotl Roadkill: Alles nur geklaut?

Axolotl Roadkill © Helene Hegemann, Ullstein Verlag - Foto von Deef

Axolotl Roadkill” (Partnerlink zu Amazon) ist der gerade erschienene Debüt-Roman der 17jährigen Berlinerin Helene Hegemann. Das Buch wird aller Orten gelobt (Rezensionsüberblick via buecher.de):

  • “An Axolotl Roadkill werden sich dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Debüts messen lassen müssen.” (Der Tagesspiegel, 2010)
  • “Ein deutsches Romandebüt mit einer solchen Kraft hat es lange nicht gegeben.” (FAS 2010)
  • “Das Buch ist phänomenal. Und die Autorin ist ein Phänomen.” (Süddeutsche Zeitung, 2010)
  • “Von einer großen Suchbewegung getrieben, voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken.” (Der Spiegel, 2010)
  • “Verblüffend klug, angenehm grotesk und herrlich sprachgewandt.” (Die Welt, 2010)
  • “Ein Kugelblitz in Prosaform und Prosasprache.” (Die Zeit, 2010)
  • “Axolotl Roadkill kann man als großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre lesen.” (FAZ, 2010)

Das Setting: Die 16jährige Berlinerin Mifti ist ein wohlstandsverwahrlostes, aber  philosophisches Mädchen. Statt in die Schule zu gehen und sich mit Gleichaltrigen abzugeben, verbringt sie ihr Leben lieber mit degenerierten älteren Freunden und den beiden ebenfalls älteren Halbgeschwistern, erlebt dabei schlimmste Drogenabstürze, lieblosen Autosex und wünscht sich unausgesprochen nichts sehnlicher als Disziplinierung durch ihre Eltern. Doch ihre Mutter ist tot und ihr Vater wohnt nicht bei seinen Kindern, sondern zieht es vor mit seiner jungen Freundin in einer eigenen Wohnung zu leben.

Die Handlung von Axolotl Roadkill hat Helene Hegemann dekonstruiert und fragmentarisiert. Wo ist der Anfang, wo das Ende und wo die Dramaturgie dazwischen? Wer spricht in den Dialogen eigentlich miteinander? Egal, denn was zählt ist das unglücklich bis wütende Coming-of-Age-Gefühl, Opfer in einem Chaos zu sein, dass man selbst nicht verschuldet hat. Auf dieser Bühne lässt Helene Hegemann grandiose Sätze vom Stapel wie:

  • “Ich liege als klar zu erkennendes Opfer mit blutendem Hinterkopf auf dem Bauch und genieße den Zustand der totalen Verantwortungslosigkeit.”
  • “Hör endlich auf damit, diese pseudonaiven, pseudokleinkindlichen Aussagesätze aus dem Gehege deiner Zähne zu entlassen.”
  • “Niedlich ist Silber, Sadismus ist Gold”
  • “Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfelds gleich mit entlarvt.”
  • “Hätte man dich und mich nicht bei unseren Müttern lassen dürfen? (…) Das schmeckt nach Scheiße, Metall, das schmeckt bitter und das schmeckt definitiv nicht nach Trost, aber vielleicht schmeckt es nach Sinn, in diesem allgemeinen Dahinschimmeln.”
  • “Ich habe Sandkuchen grundsätzlich nur dann gebaut, wenn die Möglichkeit in der Luft lag, wenigstens einen mit Kühltasche und Eistee ausgestatteten Erwachsenen auf der gegenüberliegenden Spielplatzbank davon zu begeistern. Genau dieser Impuls ist eigentlich das Einzige, was übrig geblieben ist aus ‘meiner schweren Kindheit’”.
  • “Heroin ist keiner dieser diffuse Versprechungen abliefernden Zugänge zum menschlichen Leben, sondern die einzige Möglichkeit das Wort “Leben” als das zu entziffern, was es ist: gar nichts.”

Ich bin begeistert und frage mich, wie ein 17jähriges (bzw. als sie es schrieb, war sie 16) Kind so etwas schreiben kann. Ist es nicht eher unwahrscheinlich, dass sie sich mit Stoffen wie Heroin und Orten wie dem unvermeidlich vorkommenden Berghain auskennt? Ins Berghain dürfen dank härtester Türpolitik nicht mal Leute, die auch nur AUSSEHEN wie unter 21jährig. Hegemann schreibt trotzdem glaubhaft darüber, weil sie sich von anderen Autoren inspirieren ließ, was zunächst einmal legitim ist. Doch die Inspiration nimmt copy-paste-mäßige Züge an, wie wir hier sehen:

Axolotl Roadkill, Seite 23:

“Ich habe Fieber, Koordinantionsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut…”

Im Buch STROBO (Partnerlink zu Amazon), welches der Berliner Blogger Airen letztes Jahr veröffentlichte, heißt es auf Seite 106:

“Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut.”

Axolotl Roadkill, Seite 36:

“Ophelia steht auf dem Klodeckel, um drei Lines Speed auf der Trennwand zur Nachbartoilette zurechtzumachen.”

Wir vergleichen mit Strobo, Seite 146:

“…als sich das als zu kompliziert erweist, klettert Marc auf die Klobrille und macht die Lines an der Grenze zu Nachbartoilette zurecht.”

In Axolotl Roadkill auf Seite 52 spricht Helene Hegemann von “Technoplastizität”. Ein Begriff, den Airen auf Seite 118 seines Buches verwendete.

Axolotl Roadkill, Seite 72:

“Wir erfahren an dieser Stelle, dass ich nicht nur neben Edmonds Keyboard aus eloxiertem Aluminium gekotzt, sondern mich (gleichermaßen skrupellos) mit dem Argument »Scheiß Kapitalismus!« geweigert habe, ihm meine Schulden vom Vortag zurückzuzahlen.”

Bei Airen liest sich das auf Seite 123 so:

“Wie ich eben erfahre also angeblich mit dem Argument »Scheiß Kapitalismus!« geweigert zu bezahlen, neben die Bar gekotzt und paar Tische umgeschmissen.”

Axolotl Roadkill, Seite 74:

“Ich mache drei Schritte nach vorn und knalle rückwärts gegen irgendeinen sich im öffentlichen Raum befindlichen Werbeträger von Langnese. Ich drehe mich um und knalle rückwärts gegen einen grobporigen Typen in grünen Klamotten. Er [der Polizist] setzt mich in ein Taxi…”

Wir vergleichen mit Strobo, Seite 124:

“Ich steige aus, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Dann stehe ich auf, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Schließlich kommen zwei so grobporige Bahnbullen und verfrachten mich in ein Taxi.”

Hegemann lässt ihre Protagonistin auf Seite 136 sagen:

“»Wir unterhalten uns gerade über Bisexualität!«, moderiere ich schwerstelegant zu ihr hinüber.”

Der Satz steht fast genau so auf Seite 99 von Strobo:

“»Wir reden gerade über Bisexualität«, moderiere ich mich zu Jan rüber,…”

Axolotl Roadkill, Seite 80:

“Anstatt mir zu antworten, wickelt sie die Plastikfolie ab. Schlussendlich liegt auf dem Mahagonitisch eine Messerspitze bräunlichen Pulvers, das wie Instanttee aussieht und nach einer Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig riecht. Aus einem Stück Silberpapier dreht sie sich ein Röhrchen, auf ein weiteres schüttet sie die Hälfte des Pulvers. Als sie ein Feuerzeug unter die Folie hält, schmilzt das Heroin und zieht eine kleine Rauchschwade hinter sich her. Dieser Dampf wird von Ophelia mit Hilfe des besagten Aluröhrchens inhaliert, bis nur noch irgendwas ganz Schmutziges, Kleines, Böses zurückbleibt und sie mich fragt: »Und, wie sehen meine Pupillen jetzt aus?«”

Die gleiche Szene bei Airen auf Seite 65f:

“Schicht um Schicht wickle ich die Plastikfolie ab, bis in der Mitte eine gute Messerspitze bräunlichen Pulvers zum Vorschein kommt. Sieht in etwa so aus wie Instant-Tee und riecht säuerlich, wie eine Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig. Diacetylmorphin. Dann hole ich Alufolie. Aus einem Stück drehe ich mir ein Röhrchen. Auf ein anderes schütte ich ein Viertel des Pulvers. Sobald ich ein Feuerzeug unter die Alufolie halte, schmilzt das Heroin (…) und zieht eine kleine Rauchfahne hinter sich her. Mit dem Röhrchen im Mund versuche ich sie einzufangen. (…) Als alles verdampft ist und nur noch eine schmutzige Spur auf der Alufolie übrig bleibt, gehe ich ins Bad und begutachte meine Pupillen.”

Update 7.02.2010: Axolotl Roadkill, Seite 11:

“Meine Existenz setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde.”

Vergleich mit Airens Blogtext Einerseits vom 28. Mai 2009:

“…für Erwachsene, mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten, …”

Das sind nur die offensichtlichsten Stellen. Es gibt noch mehr, in denen nicht Wort für Wort kopiert, aber das Handlungsmotiv einer Szene übernommen wurde. Helene Hegemann zeigt uns in Axolotl Roadkill zwar, dass sie nicht nur für ihr Alter, sondern ganz allgemein eine beachtenswert wortgewaltige und wundervoll böse Schreibe hat. Aber statt sich nur von anderen inspirieren zu lassen und zu zitieren, schreibt sie ab. Das stört den guten Eindruck ganz empfindlich.

Update 7.02.2010: Hegemann lässt ihre Figur Edmond auf Seite 15 erwähnen, dass ein Spruch bei “so ‘nem Blogger”  abgekupfert ist, nämlich der Satz “Berlin is here to mix everything with everything”, den Airen am 28. Juni 2008 in sein Blog schrieb. Edmond  fährt fort mit den Worten: “Ich bediene mich überall, wo ich Inspirationen finde und beflügelt werde, Mifti”. Der konkrete Hinweis auf Airen, sein Blog oder Buch fehlt. Er wird lediglich ab der zweiten Auflage von Axolotl Roadkill in der Danksagung (siehe Foto, danke für den Hinweis in den Kommentaren an @Clara) aufgelistet. In der ersten Auflage fehlt die Nennung (Foto).

Das alles ändert freilich nichts daran, dass Hegemann Worte und Ideen von Airen als ihre eigenen ausgibt, da die konkreten Stellen (siehe oben) nicht als Zitat kenntlich gemacht wurden und keine nachvollziehbare Quellenangabe erfolgt. Anders geht sie dagegen mit einem Satz aus David Foster Wallace’ Erzählung John Billy auf S. 193 um. Es ist als Zitat kenntlich gemacht und Ullstein hat beim Verlag Kiepenheuer & Witsch die Erlaubnis eingholt es zu verwenden und darauf mit voller Quellen- und Copyrightangabe auf S. 4 von Axolotl Roadkill hingewiesen. Von Airen hat Hegemann mehr als einen Satz übernommen, dennoch wird ihm keine entsprechende Zitation zuteil. Was soll das?

Helene Hegemanns Quasi-Eingeständnis “ich bediene mich überall” kann nicht als Rechtfertigung herangezogen werden. Es stellt sich viel mehr die Frage, warum andere Rezensenten an dieser Stelle nicht begonnen haben, Lunte zu riechen. Eine Google-Suche hätte sie zu Airens Blog und darin zu seinem Roman geführt.

Das Schlimme an der Sache ist, dass Axolotl Roadkill derzeit in den Himmel gehypt wird und die kleine Helene sich zum Lieblingskind von Maxim Biller und (siehe oben) vielen Feuilletonisten mausert. Airens Strobo kennt dagegen praktisch niemand, da es in einem kleinen Undergroundverlag und nicht wie Axolotl Roadkill bei Ullstein erschienen ist. So ist zu befürchten, dass Hegemann damit durchkommt, von einem guten, aber leider unerfolgreichen Autor abgeschrieben zu haben.

Update 6.02.10: Durch einen Kommentar unter diesen Artikel werde ich auf eine weitere Textquelle von Hegemann aufmerksam.  Sie beendet Axolotl Roadkill auf Seite 204 mit einem Brief, den Miftis tote Mutter an ihre Tochter richtet:

“…ich sehe die Sünde in deinem Grinsen. In der Form deines Mundes. Alles, was ich will, ist, dich in schrecklichen Schmerzen aufgehen zu sehen. Obwohl wir uns nie wieder treffen werden, erinnere ich mich an deinen Namen. Ich kann nicht glauben, dass du mal so warst wie jeder andere. Du bist inzwischen kein Kinder mehr, sondern ein Abbild des Teufels….”

So geht das noch eine halbe Seite weiter. Vergleicht man die ganze Passage mit dem Songtext von “Fuck U”, einem Titel, der 2005 auf dem Album Noise der Band Archive (Song bei Youtube) erschien, so fällt auf, dass Hegemann diesen ins deutsche übersetzte und fast wörtlich übernahm. Hier nur ein Teil:

“…see the sin in your grin and the shape of your mouth.
All I want is to see you in terrible pain.
Though we won’t ever meet I remember you name.
Can’t belive you were once just like anyone else.
Then you grew and became like the devil himself….”

Update 7.02.10: Lesenswertes zum Thema in der Basler Zeitung, dem Autorenforum, dem Blog Leben im Zitat.

Update 7.02.10: Die Fotos von der Danksagung mit und ohne Nennung von Airen sind nun weiter oben im Artikel verlinkt.

Update 7.02.10: Helene Hegemann und der Ullstein Verlag reagieren.

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Geschrieben von Deef in: Der ganze Rest | Tags: , , , , , |
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382 Kommentare

  • Moritz sagt:

    Bei einem oder zwei Sätzen hätte ich da ja nur von Zufall gesprochen, aber das ist dann doch schon sehr deutlich. Vielleicht sollte man die jubelnde Presse mal darauf aufmerksam machen?

    Hab mir gerade den STROBO-Trailer zur multimedialen Lesung angesehen – das hört sich echt saumäßig gut an. Ich denk das werde ich mir mal kaufen oder wünschen, genauso wie “Deutsch für den Ausländer” (das wollte mir zu Weihnachten irgendwie niemand schenken -.-).

  • monale sagt:

    sehr interessant … ich hatte beim lesen tatsächlich öfter ein déjà-vu-gefühl in der bauchgegend, schob das aber an die derzeit allgemeine übersättigung an texten. aber so … danke für die aufklärung! und peinlich für ullstein sowie die hypenden rezensenten.

  • drikkes sagt:

    Es gibt bei so einem Hype natürlich auch Gegenstimmen, @pauneu hat vorgestern (?) auf diesen Artikel aus der Basler Zeitung hingewiesen.
    http://bazonline.ch/kultur/buecher/Die-Schoenheit-des-kaputten-Kindes/story/19814397

    Die von Dir aufgezeigten Stellen, das ist schon klar mehr als “Inspiration”. Nichts gegen Sampling und Remix, aber dann bitte auch die Quellen beim Namen nennen. Aber wie Du gesagt hast: Die Vorlage ist weitgehend unbekannt und wenn der Papi Dramaturgengott Carl Hegemann heißt, wird dieser Einwand im Sande verlaufen.

  • Misch sagt:

    Ich hab die Lösung; strobo kaufen und die copycat. Danke für den Vergleich. Ich denke es ist gut solche intertextuellen bezüge zu sehen und aufzuzeigen. Aber ist das schon abschreiben? vielleicht kommen nun beide Titel zu ihrer verdienten Aufmerksamkeit.

  • Marion sagt:

    airen strobo ist 28 und sein text klingt durchgehend weinerlich und frustriert. vielleicht ist er sogar älter. und er schreibt sachen wie “berghain ist der beste club der welt” nein nein, jetzt tut mal nicht so, als hätte der das heroin erfunden.

  • Marcus Kober sagt:

    Eine sehr schöne Analyse… Gut erkannt und gegenübergestellt. Ich hatte schon die ganze Zeit ein komisches Gefühl bei dieser Sache. Mit sechzehn sowas zu schreiben (ich hab’s allerdings leider selbst nicht gelesen) und auch glaubhaft rüberzubringen ist doch etwas seltsam, wenn man gleichzeitig einen recht wohlbehaltenen Eindruck macht. Dass sie sich allerdings so ausgiebig und auch unverschämt an anderen Texten bedient, hätte ich nicht gedacht.
    Natürlich gibt es auch in der Literatur eine Zitatkultur und mal können Anspielungen auch mehr als einfach nur Anspielungen sein. Doch so nah am Original und mit keinem sonstigen Zeichen für einen Sinn für ein solches Zitat – das ist dann doch sehr auffällig…

  • Deef sagt:

    @Marion: Es geht hier um Abschreiben, nicht um die Einschätzung von Airen. Selbst wenn Airens Buch schlecht wäre, was nicht der Fall ist, wäre die Kritik an Hegemann gerechtfertig. Airens Texte sind nicht durchgehend weinerlich und frustiert, sondern teilweise sehr liebevoll bis euphorisch.

  • unionista sagt:

    @misch

    Sätze übernehmen (und ein bisschen abwandeln) hat nichts mit intertextuellen Bezügen zu tun. Das nennt man ein Plagiat.

  • Deef sagt:

    @Marion: Deinen letzten Kommentar hab ich gelöscht und jedem weiteren dummen Hassgeschreibsel von dir wird es genauso gehen.

  • Clara sagt:

    Was regt ihr euch denn alle auf. Steht doch schon alles im Romas selbst. Helene Hegemann tut doch gar nicht so, als hätte sie sich nicht bedient, siehe Roman S.15:

    »Licht und Schatten, genau, weil meine Arbeit und mein Diebstahl authentisch werden, sobald etwas meine Seele berührt. Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage. Es ist also nicht von dir? Nein. Von so ´nem Blogger.

    Ich finde, dass dieser Roman einen eigenen, neuen Stil prägt, wie ich ihn selbst noch nicht gelesen habe und der sich schon gar nicht bei Strobo finden lässt. Außerdem steht er bei den Danksagungen am Ende. Ich glaube jeden Vorwurf den man ihr machen kann, den hat sie längst schon selbst reflektiert und ist selbst Teil des Romans. Ich finde die Vorwürfe unhaltbar, da es sich, wenn ich das richtigs sehe, um ca. 1 Seite handelt. Hegemann hat ihre eigene Geschichte, ihr eigenes Statement und eine eigene Sprache, die viel wortgewaltiger und nachhaltiger ist, als die zur Inspiration dienende Strobolektüre.

  • drikkes sagt:

    Wenn er tatsächlich Erwähnung findet, will ich nichts gesagt haben. So oder so, das Buch liegt lesebereit auf dem Nachttisch.
    Generell ist mir an einigen Kritiken aufgestoßen, wie sehr sie (aufgrund von Hegemanns Alter?) Erzählerin und Autorin über einen Kamm scheren.

  • anderer deef sagt:

    geiler artikel deef
    du hast dich sehr diplomatisch zurückgehalten, finde ich schön “Das stört den guten Eindruck ganz empfindlich.” ich würds gar abgefuckt nennen

    was mir noch aufstößt ist die eher gequälte und nicht spielrisch-selbstironische suche nach alternativen ausdrucksmöglichkeiten….”…aus dem Gehege deiner Zähne zu entlassen.” – so lassen sich also alte kritikerhasen heutzutage verführen

  • Deef sagt:

    @Clara: Was redest du da für einen Mist? Airen und sein Buch Strobo werden NICHT in den Danksagungen am Ende erwähnt und dass Hegemann irgendwo im Buch schreibt, dass irgendwas “von so ‘nem Blogger” ist, rechtfertigt gar nichts. Zumal sie auf der von dir beschriebenen Seite 15 meines Wissens noch nicht mal Airen zitiert, sondern wer weiß wen. Dass Hegemann eine gute Schreibe hat, ist unbestritten, dass sie aber durch die Text-Klauerei massiv verliert auch.

  • Deef sagt:

    @anderer Deef: Das ist das Feuchtgebiete-Syndrom. Schon die unsägliche Roche hat viele Kritiker glauben lassen, es ginge in ihrem Ekel-Roman um sie selbst, was sie hinterher versuchte zu relativieren.

  • Gachmuret sagt:

    Mhm,

    also beim besten Willen, nein. Die Zusammenstellung dort oben legt durchaus nahe, daß Frau Hegemann “Strobo” gelesen hat. Zum Plagiat fehlt da aber noch a bisserl was. Tut mir Leid, aber die Gegenüberstellungen beweisen eher das größere literarische Talent Frau Hegemanns.

    Womit ich nicht ausschließen möchte, daß es sich um ein Plagiat handelt, aber dafür brauchts schon ein paar tiefgründigere Analysen. Ein paar identische Motive oder ähnlich klingende Phrasen reichen da nicht.

    Denn, wie Golo Mann meinte, wir alle sind, was wir gelesen. Jede Idee, jedes kreative Werk, hat seine Ursprünge und die lassen sich immer finden. Ein Plagiat aber ist dem Wesen nach keine kreative Leistung und für diesen Vorwurf sehe ich da keine ausreichende Basis.

  • lena sagt:

    @Gachmuret

    es braucht tatsächlich nicht mehr als identische motive und phrasen. die argumentation, dass etwas, was man einmal gelesen hat, unterschwellig mit einfließt zieht hier leider nicht: sonst könnte man in der musik ja auch einfach eine melodie, die man sich quasi “angeeignet” hat mit etwas eigenem umbauen und es wäre kein plagiat (ist es aber).

    und woher nimmst du die basis für die behauptung, dass plagiat keine kreative leistung ist? wenn ich den “zauberberg” mit den “buddenbrooks” zusammenschreibe und das alles in venedig spielen lasse dann ist das durchaus eine höchst kreative leistung, aber eben auch plagiat.

  • Kay sagt:

    Es ist das alte Lied – Tiere und Kinder ziehen immer. Wahrscheinlich stürzen sich die Schreiberlinge deshalb mit so viel Enthusiasmus auf die Autorin. Deefs Gegenüberstellung muss man auch gar nicht weiter bewerten. Er selbst tut es recht zurückhaltend, was ich gut finde.
    Jeder kann die Vergleiche für sich wirken lassen und sich seine Meinung bilden. Für die nahezu kopierten Phrasen muss man sie aber wirklich nicht in den Himmel loben.

  • Heute klaut man nicht, man kopiert und transformiert. #remixculture

  • Brett sagt:

    Der Fall wird ja immer schöner… Ich muss gestehen, ich kenne das Buch nur aus einer intelligenzfreien Rezension in der FR. Und jetzt hier. Wenn ich nur nach den Zitaten gehe – und darauf achte ich in immer am besten, weil das Geseire der Kritik in den meisten Fällen nicht viel taugt – dann denke ich: Wo bitte ist hier irgend ein “wortgewaltiger Satz”? Da ist viel Wille zur Gewalt. Und viel Gewalttätigkeit an der Sprache. Aber “Wortgewalt” heißt ja nicht, dass man jeden Satz mit Extrem-Wörtern vollfüllt. Herumschimpfen ist die billigste Form des Eindruckschindens. Das bisschen angeblicher Wirklichkeit, die in dem Buch drinsteckt, ist auch nur aus zweiter, dritter Hand?! Und dann nirgends halbwegs sprachliche Wahrheit, Genauigkeit? Das ganze ist nichts als gruselige Erregungsliteratur. Allerdings muss man sagen, dass immer mehr Bücher aus dieser Tra-la-la-Ecke kommen. Das ist wohl das, was jetzt gut geht: Tra-la-la in jeder Form.

  • Clara sagt:

    »TALENT ERFINDET – GENIE KLAUT«

    @Deef: in meiner Ausgabe (ich hab die dritte) steht Airen in der Danksagung.

    Hegemann schreibt ja nicht nur irgendwo was von nem Blogger, sondern das ganze Buch ist mit Verweisen durchzogen, dass sie sich schamlos überall bedient. »She mixed everything with everything« und dieses Zitat von Airen ist übrigens sogar als Zitat markiert in ihrem Buch und in deiner Analyse hier nicht erwähnt.

    Sie tut überhaupt nicht so, als würde sie nicht klauen: in der Pressemitteilung des Ullstein Verlags steht selbst drin, dass Sie sich bei Allem bedient hat Filme, Bücher, Medien jegliche Art, überall da, wo sie dachte, dass das was mit einer alternativen Lebensweise zu tun.

    Das es sich trotzdem, um eine eigene künstelrische Leistung und damit um ein eigenes Werk handelt, lässt sich einfach nicht bestreiten, durch diese wenigen Vergleiche die hier angemerkt werden. Das Buch hat 200 Seiten und der Plagiatsvorwurf ist sowas von haltlos.

    Man ist immer das Ergebnis seiner Lektüre die man gelesen, der Filme die man gesehen hat, der Menschen die einen Umgeben, der Sprache die man gezwungen ist zu lernen, um sowas wie ein Subjekt zu werden. Ich verstehe diese Vorwürfe nicht. Heiner Müller hat ganze Passagen abgeschrieben, Kleist von Shakespear geklaut, der sich wiederum selbst woanders bedient hat. Und wir im Zeitalter des schnelllebigen Internets versuchen Originalitätsansprüche zu stellen, bei einem Buch, dass eindeutig eine andere (neue) Sprache und eine eigene Geschichte zu erzählen weiß.

  • ecommunist sagt:

    Erinnert mich irgendwie an eine “Cyberpunk”-Kurzgeschichte, die ich mit 15 schrieb. “Neuromancer” hatte mich da trotz mangelnden tieferen Verständnisses ziemlich fasziniert, und die Geschichte bestand im wesentlichen aus Versatzstücken daraus. Ich kann also zumindest die Begeisterung der Autorin nachvollziehen.

  • Deef sagt:

    @Clara: Ich habe oben in den Artikel ein Foto der Danksagung eingefügt. Darin kein Hinweis auf Airen, wie du es behauptest. Wäre allerdings interessant, wenn spätere Auflagen editiert wurden. Kannst du mir einen Beleg mailen? deef [at] gmx punkt de.

    Zu deinen anderen Punkten: Im Buch werden teilweise kleinste Zitate, wie zum Beispiel “We love to entertain you – Pro7″ mit Quelle genannt. Ganz korrekt wird auf der Copyrightseite folgendes erklärt:

    “Der Abdruck auf S. 193 aus der Erzählung John Billy von David Foster Wallace erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlages Kiepenheuer & Witsch, Köln (in Kleines Mädchen mit komischen Haaren von David Foster Wallace. Titel der Originalausgabe: Girl with Curious Hair; © by Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co.KG, Köln 2001, S.121 f.)”

    Ist es nicht interessant, dass in Axolotl Roadkill Material von großen Playern wie KiWi und Pro7, korrekt zitiert wird (im Falle von KiWi sogar mit Bitte um Erlaubnis), während ein unbekannter Blogger, der bei einem Undergroundverlag verlegt wurde, keine solche Zitation erfährt? Ich finde, das wirft kein gutes Licht auf die Autorin und den Verlag. Und es widerspricht deinem “Alle schreiben eh von allen ab”-Argument, denn hier wird anscheinend mit zweierlei Maß gemessen.

    Unabhängig davon hat Helene Hegemann natürlich eine bemerkenswerte künstlerische Leistung erbracht. Wie ich oben erläuterte, finde ich ihre Schreibe in Teilen spektakulär.

  • monale sagt:

    @Clara: sorry, da muss ich mich mal einschalten. das ist sehr wohl plagiat. unter plagiat versteht man lt. urheberrecht die BEWUSSTE aneignung FREMDEN geistesgutes. da ist es egal, ob das lt. deiner definition “um wenige vergleiche” (was ich übrigens ganz anders sehe) geht oder das komplette buch abgeschrieben ist. das ist bewusster klau und somit auch keine “künstlerische leistung” – selbst, wenn die autorin das in ein anderes setting webt und ja alles achso arty daherkommen will. und die PM von ullstein ist absolut irrelevant in dem fall. das ist kein freifahrtsschein für plagiat. lediglich eine info an die fachpresse und branche. der 0815-leser hat nie was davon gehört und bleibt in dem glauben, dass es sich hier um eine eigene leistung handelt. was, wie oben erwähnt, definitiv nicht der fall ist.

  • creepy sagt:

    Ob zu recht oder unrecht — moralisch oder juristisch –, Ullstein werden garantiert am mächtigeren Hebel sitzen, v.a. dann noch mit so klangvoller Lit-Agentin, dem Papa (mächtig wie bei Wunderkind Crazy Benjamin Lebert) …

    Und die letzten Zauderer, rechtens oder nicht, werden weggefegt mit dem Thematisieren des Klauens, Copyleft/right in Zeiten der Technokultur … Sahnehäubchen in der Argumentation/Verteidigung, aus meiner Sicht: das anscheinend allerletzte Wort in der Danksagung: Kathy Acker (1947-1997, d.h. Helene Hegemann war fünf, als Acker gestorben ist, in der Wüste, arm und daher medizinisch ungenügend versorgt). Acker hat das Montieren und Klauen, auch das Argumentieren gegen die Idee des Künstlers-als-Schöpfer schon vor Jahrzehnten propagiert — als Fan von Burroughs und dessen Idee des Cut-up (deutsche Jünger/Fans/Freunde Burroughs: u.a. Fauser, auf dessen “Rohstoff” Hegemann-Rezensionen auch hinweisen…).

    Tja, Klauen, Samplen, Bedienen? Was ist neu, wie kommt das Neue in die Welt, wer erkennt es, wenn es kommt…?

    Die Frage ist, wie der Dieb vorgeht: Wo klaut er, was klaut er, und wie geht er mit denen um, bei denen er sich bedient hat?

  • @monale: Das kann man so pauschal nicht sagen, vor allem, weil sowohl die Tatsachbestände wie die einschlägige Rechtsprechung hier nicht einheitlich sind.

    Denn man muß immer auch die Schöpfungshöhe des vom Künstler neu geschaffenen Werkes berücksichtigen, in das jene als “Plagiat” gebrandmarkten Stellen, Passagen etc. eingearbeitet sind. Die Schöpfungshöhe einer bewußten (Text-)Collage ist anders einzustufen als ein Abdruck eines ganzen Textes unter eigenem Namen mit leichter Veränderung der Orthographie.

    Jemand, der ein Orchesterwerk einzig aus Phrasen und Melodien aus Werken anderer Künstler komponiert, wird gewöhnlicherweise auch nicht die originären Urheber einzelner Takte in die Partitur schreiben.

    “Plagiat”svorwürfe sind ja auch gegen Tellkamp erhoben worden; ganz grundsätzlich stellt sich doch auch vom künstlerischen Standpunkt aus die Frage, ob aus den Leistungen Dritter materielles oder immaterielles Kapital geschlagen werden soll, oder ob vorhandenes Material in eine neue Form zu bringen, Texte, Bilder und Musik aus ihrer bisherigen Anordnung herauszureißen, zu fragmentisieren und unter neuen Ordnungsgesichtspunkten neu zusammenzusetzen nicht eben auch eine schützenswerte künstlerische und intellektuelle Leistung ist.

    Die Empörung über literarisches und musikalisches Plagiat hat immer auch eine geschmäcklerische Seite.

  • monale sagt:

    @Joachim: klar, da hast du recht. pauschalisierungen sind beim plagiat natürlich nicht drin. allerdings bezog ich meine aussage direkt auf den o.g. fall. und ich bin – meinem geschmack nach – der meinung, dass hier kein “neues material” geschaffen wurde. literarische generationenportraits in dem stil gibt es zu genüge, sei es nun beispielsweise von airen oder auch lucy fricke. die rotzige interpretation der gegenwart ist immer wieder interessant und ein (wenn es denn gut gemacht ist) äußerst reizvolles stilmittel. nur fehlt mir bei hegemann sowohl die “neue sichtweise” wie auch “das herausreißen aus der bisherigen anordnung, um etwas neues zu schaffen”. und die tatsache, dass die autorin (oder meinetwegen auch der verlag) die zitierten textpassagen nicht kenntlich macht, bekräftigt wahrscheinlich nicht nur mich in der annahme, dass dies eben teilweise abgeschrieben ist und als “ihr werk” durchgehen soll.
    wenn man von anfang an klar kenntlich macht, dass es sich hier um eine textliche collage handelt (sowie bei jean teulés “der gehörnte marquis”, z.b.), dann nimmt auch die presse das produkt anders auf. dieses risiko wollte man hier wohl lieber nicht eingehen.

  • Deef sagt:

    @Clara: Habe eben aus einer weiteren Quelle eine Bestätigung für deinen Hinweis bekommen. Ab der zweiten Auflage von Axolotl Roadkill ist Airen in der Danksagung erwähnt. Danke auch dir für die Information.

    Warum wird Airen erst ab der zweiten Auflage gedankt? Und ist eine winzige Erwähnung in der Danksagung genug? Ullstein hat den einen Satz, den Hegemann auf S.193 aus David Foster Wallace’ Erzählung John Billy zitiert, mit Bitte um Erlaubnis bei Kiepenheuer & Witsch und kompletter Verlags- und Rechte-Zitation abgesichert (siehe S.4).

    Warum wird bei Airen, der deutlich mehr als einen Satz “beigetragen” hat, ein anderer Maßstab angelegt?

  • drikkes sagt:

    Müßig, darüber zu spekulieren. Dieselbe Verlagsgruppe ist es zumindest nicht (Ullstein/Bonnier, KiWi/Holtzbrinck). Ob Autorin oder Verlag das anfangs verschweigen wollten, wird wohl nur eine Nachfrage klären.

  • Elmar Bracht sagt:

    Einzig und allein das Nicht-Erwähnen einer Quelle ist das was aufstossen könnte. Da haben Autorin und wahrscheinlich noch viel mehr’die Macher’ bzw. die treibende Kräfte (von denen es aus verschiedenen Gründen natürlich mehrere gibt) des Buches bzw. der Story bzw. der Kampagne evtl. einfach nicht aufgepasst. Ansonsten geht das doch alles so auf, wie man es von einem Umfeld, dass seit Jahren seinen Aktionsradius erprobt, festigt und mittlerweile auch verteidigt und mit Intellektualität unterfüttert, gewohnt ist. Betrachtet man beide Ansätze der Dekonstruktion – nicht nur den des Buches, sondern auch den Rezeption, wie z.B. auf dieser Seite, muss man feststellen: Klassenziel erreicht!

  • clara schumann sagt:

    egal um welches medium es sich handelt, welche kunstform: plagiat darf nicht auf die leichte schulter genommen werden. eine danksagung ist da keine wiedergutmachung für den diebstahl fremden gedankengutes (und sei es nur auszugsweise).

  • Vielleicht ist das hier unter Plagiatsvorwurf gestellte Phänomen ein “cultural shift”, eine sichtbare Auswirkung der durch und im Internet geförderten und gelebten “share”-Kultur, schließlich dürfte die Autorin damit ja auch aufgewachsen sein?

    Ein Plagiat im Wortsinne hat ja auch immer etwas mit kreativer Unfruchtbarkeit und Ausbeutung fremder Schaffenskraft zu tun. Ob die Autorin dasaß und sagte “Scheiße, mir fällt nix ein, schau’n ‘mer mal, wo ich etwas herbekomme” – und dann fahndet sie in ihrer Handbibliothek?

    Daß das Buch von Frau Hegemann ein publizistischer Erfolg ist und “Strobo” von “Airen” offenbar nicht, ist zwar in gewisser Weise nicht ganz zufällig, aber man sollte sich bei der Beurteilung dieser Sachlage weder von Sympathien noch Antipathien leiten lassen.

    Und aus meiner persönlichen Erfahrungen sind Plagiatsdiskurse, soweit sie nicht wissenschaftliche Texte und Qualifikationsschriften anbetreffen, auch Stellvertreterdiskussionen.

    Aber das sind nur Betrachtungen von außen, weder das Sujet im allgemeinen noch das Buch im besonderen interessieren mich. Autoren unter 35 lese ich eigentlich prinzipiell nicht, auch nicht, als ich noch selbst unter dieser Alters-Marke war.

  • Brett sagt:

    Schon Brecht war ja in Fragen des geistigen Eigentums etwas lax. Vorgefundenes zu nehmen, umzuschreiben, neu zu arrangieren – ach Gott, meinetwegen. Im Zweifelsfall ist so etwas dann ein Fall für die Gerichtsbarkeit.
    Was ich viel erschütternder finde, ist, dass hier eine ganz grobe, überwiegend ungelenkige Sprachblutwurst zur literarischen Delikatesse hochgehypt wird. Liest da eigentlich noch irgendwer mit Augen und Verstand? Das ist doch alles Deutsch 3 minus, poesiefreies Sprachtheater, aber zum Ausgleich emotional ganz aufgeregt und doll, wie das wirklich jeder und jede kann, zumal wenn man die Ideen sich noch hier und da ausborgt. Ich verstehe das nicht. Kann mal irgend jemand 10 Zeilen aus dem Buch zitieren, die er sprachlich wirklich gelungen findet? Würde mich interessieren. Vielleicht gibt’s ja doch Besseres als “Heroin ist keiner dieser diffuse Versprechungen abliefernden Zugänge zum menschlichen Leben …”

  • clara schumann sagt:

    generell spricht natürlich nichts dagegen, wenn man eigene werke in stil oder inhalt an ein vorangegangenes werk anlehnt, dennoch sollte man eben zwischen rezeption und kopie bzw plagiat unterscheiden. ein künstler verkauft ausschliesslich seine ideen, deswegen ist der diskurs hier wichtig.
    das positive an dem ganzen mag sein, dass auch airen mit seinem roman nun in die öffentlichkeit gerückt wurde. was die junge deutsche szene anbelangt, so habe ich sowohl benjamin von stuckrad-barre als auch alexa henning von lange gelesen (als sie und ich noch jung waren) und somit meine schuldigkeit getan. bourgeoiser pop.

  • Marcel sagt:

    Krass, wie sehr man die Literatur lieben und leben muss, damit einem solche Textpassagen im Vergleich mit anderen Werken auffällt. Das ist wirklich zu bewundern. Und bei der Kleinen hoffe ich, dass sie beim nächsten Buch ein wenig freier schreibt, ist ja schon fast wie bei Bands, die ihre Karriere mit Covern beginnen und dann doch noch den Bogen bekommen.

  • Ale sagt:

    Die ganze Geschichte ist ausserdem an Californication, erste Staffel, angelehnt… Langweilig!

  • [...] es geht um mögliches Plagiat von Seiten Hegemanns. Deef Pirmasens, Autor des Blogs Gefühlskonserve hat zwischen Hegemanns Roman und einem anderen, der aus thematisch ganz ähnlicher Ecke kommt, [...]

  • Deef sagt:

    Im Artikel oben die Fotos (Danke an @Clara) der Danksagungen aktualisiert und ein paar weiterführende Links darunter eingefügt.

  • GraceKelly sagt:

    noch mehr…

    Unangenehm! Zufällig beim googeln darauf gestossen: copy-paste ist am bequemsten:

    bei Hegemann:
    “dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde”

    findet man bei kurzem Nachlesen auf der Seite von Airen:

    “…Erwachsene, mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten, …”

  • netdetective sagt:

    “Steht doch schon alles im Romas selbst. Helene Hegemann tut doch gar nicht so, als hätte sie sich nicht bedient, siehe Roman S.15:»Licht und Schatten, genau, weil meine Arbeit und mein Diebstahl authentisch werden, sobald etwas meine Seele berührt. Es ist egal, woher ich die Dinge nehme, wichtig ist, wohin ich sie trage. Es ist also nicht von dir? Nein. Von so ´nem Blogger.

    Das zeigt nur das schlechte Gewissen, falls ihr jemand auf die SPur kommt. Der völlig eindeutige geistige Diebstahl wird so noch nicht mal im Ansatz gemildert. Sie hätte Quellen nennen müssen und es vor allem in der Danksagung präzisieren müssen (a la: Die Dialoge auf den Seiten….stammen von). Die Sache ist justitiabel. Aber ich sage Euch voraus was jetzt in den Feuilletons passiert: eine Debatte darüber, das in internet zeiten alles wissen allen gehört….

  • stern sagt:

    Was sagt Airen?

  • MonikaKaiser sagt:

    Kann jemand den Link bei Amazon.de in einer Rezension veröffenltichen?

  • stern sagt:

    Entscheidend ist: wusste Airen das? Hat er zugestimmt? Davon haengt alles ab, auch die Frage, ob da noch mehr Klauereien sind.

  • Deef sagt:

    Der SuKuLTuR-Verlag, der Strobo verlegt hat, wurde nicht von Helene Hegemann oder Ullstein gefragt, wie mir der Verlagsgeschäftsführer bestätigte. Wie es mit Airen aussieht, werden wir in Bälde wissen.

  • stern sagt:

    Dann ist die Sache eindeutig. Es handelt sich keineswegs um eine Collage, und das kryptische “BEkenntnis” macht die Sache noch schlimmer. Es geht hier nicht nur um Textplagiate, sondern um plagiierte Phantasie und Geschichtsverläufe.

  • Spaghettimonster sagt:

    Ich finde die Hetze gegen Hegemann, die nun auf verschiedenen Blogs veranstaltet wird, nicht weniger peinlich als den Hype der Feuilletonisten. Nach einem dutzend textlichen Übereinstimmungen von einem Plagiat zu sprechen, zeugt vor allem von einem verkürzten Literaturverständnis:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13498191.html

    Kommt noch die Tatsache hinzu, dass das Buch über 200 Seiten umfasst, in der Danksagung Autoren erwähnt werden und innerhalb des Textes verschiedentlich Hinweise auf den “Diebstahl” eingestreut sind. Letztlich frage ich mich, was hinter dem teils glühenden Eifer steckt, mit dem man Hegemann des Plagiatismus überführen möchte.

  • Deef sagt:

    @Spaghettimonster: Hier wird keine “Hetze gegen Hegemann” veranstaltet. Es wird lediglich nachgewiesen, dass sie diverse Sätze und Ideen teils wörtlich übernahm ohne das im Text korrekt kenntlich zu machen.

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  • nilz sagt:

    das problem ist doch gar nicht das samplen und remixen und up-mashen. wir mögen diese kultur im netz und warum sollte das nicht auch in der literatur verwendet werden. kein problem. aber: wenn ich mir ein mash-up im netz anhöre, mir dange mouse “grey album” runterlade, wenn ich neu geschnittene filmtrailer sehe: dann weiß ich immer, was die ursprungszutaten waren, die originalzutatten und sehe dann, was daraus geworden ist. ich kann also wertschätzen:
    1.) WAS der künstler als basis seines werks ausgesucht hat und
    2.) WIE er es zusammengemischt und etwas neues draus erschaffen hat.
    und hegemann scheint mir diese chance eben nicht zu geben. und wenn ich dann wie oben gezeigt bekomme, das sie passagen einfach übernommen hat, dann ist das eben nicht mehr der künstlerische akt des samplens (weil sie es mir ja nicht sagt), sondern sich mit fremden federn schmücken.

    sind wir mal ehrlich: es wird ausser uns niemand mitbekommen. dafür werden verlag und promoter schon sorgen (ohne das das jetzt so verschwörungsmässig rüberkommen soll). die haben ja auch für den erfolg gesorgt, weil das buch plötzlich stapelweise bei hugendubel direkt an der kasse liegt. bei den anderen sicher auch. schade, wenn ein junges talent (und schreiben kann sie sicherlich, auch wenn ich die zitate von ihr nicht so prickelnd finde, aber technisch ist das schon in ordnung…und sie klaut ja auch geschmackssicher) so verheizt wird. welcher junge literat in deutschland hat es denn geschafft, seine fähigkeiten auszubauen, zu verbessern und dennoch den hype zu überleben? hmm? mir fällt tatsächlich kein einziger ein.

  • pepe sagt:

    @nilz: bin sicher, morgen sind die feuilletons voll davon. frage ist einzig und allein, was sagt der beklaute dazu?

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