“Axolotl Roadkill” (Partnerlink zu Amazon) ist der gerade erschienene Debüt-Roman der 17jährigen Berlinerin Helene Hegemann. Das Buch wird aller Orten gelobt (Rezensionsüberblick via buecher.de):
- “An Axolotl Roadkill werden sich dieses Jahr wohl alle deutschsprachigen Debüts messen lassen müssen.” (Der Tagesspiegel, 2010)
- “Ein deutsches Romandebüt mit einer solchen Kraft hat es lange nicht gegeben.” (FAS 2010)
- “Das Buch ist phänomenal. Und die Autorin ist ein Phänomen.” (Süddeutsche Zeitung, 2010)
- “Von einer großen Suchbewegung getrieben, voll treffender Beobachtungen und überraschender Gedanken.” (Der Spiegel, 2010)
- “Verblüffend klug, angenehm grotesk und herrlich sprachgewandt.” (Die Welt, 2010)
- “Ein Kugelblitz in Prosaform und Prosasprache.” (Die Zeit, 2010)
- “Axolotl Roadkill kann man als großen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre lesen.” (FAZ, 2010)
Das Setting: Die 16jährige Berlinerin Mifti ist ein wohlstandsverwahrlostes, aber philosophisches Mädchen. Statt in die Schule zu gehen und sich mit Gleichaltrigen abzugeben, verbringt sie ihr Leben lieber mit degenerierten älteren Freunden und den beiden ebenfalls älteren Halbgeschwistern, erlebt dabei schlimmste Drogenabstürze, lieblosen Autosex und wünscht sich unausgesprochen nichts sehnlicher als Disziplinierung durch ihre Eltern. Doch ihre Mutter ist tot und ihr Vater wohnt nicht bei seinen Kindern, sondern zieht es vor mit seiner jungen Freundin in einer eigenen Wohnung zu leben.
Die Handlung von Axolotl Roadkill hat Helene Hegemann dekonstruiert und fragmentarisiert. Wo ist der Anfang, wo das Ende und wo die Dramaturgie dazwischen? Wer spricht in den Dialogen eigentlich miteinander? Egal, denn was zählt ist das unglücklich bis wütende Coming-of-Age-Gefühl, Opfer in einem Chaos zu sein, dass man selbst nicht verschuldet hat. Auf dieser Bühne lässt Helene Hegemann grandiose Sätze vom Stapel wie:
- “Ich liege als klar zu erkennendes Opfer mit blutendem Hinterkopf auf dem Bauch und genieße den Zustand der totalen Verantwortungslosigkeit.”
- “Hör endlich auf damit, diese pseudonaiven, pseudokleinkindlichen Aussagesätze aus dem Gehege deiner Zähne zu entlassen.”
- “Niedlich ist Silber, Sadismus ist Gold”
- “Ich hingegen erfreue mich an der von mir perfekt dargestellten Attitüde des arroganten Arschkindes, das mit seiner versnobten Kaputtheit kokettiert und die Kaputtheit seines Umfelds gleich mit entlarvt.”
- “Hätte man dich und mich nicht bei unseren Müttern lassen dürfen? (…) Das schmeckt nach Scheiße, Metall, das schmeckt bitter und das schmeckt definitiv nicht nach Trost, aber vielleicht schmeckt es nach Sinn, in diesem allgemeinen Dahinschimmeln.”
- “Ich habe Sandkuchen grundsätzlich nur dann gebaut, wenn die Möglichkeit in der Luft lag, wenigstens einen mit Kühltasche und Eistee ausgestatteten Erwachsenen auf der gegenüberliegenden Spielplatzbank davon zu begeistern. Genau dieser Impuls ist eigentlich das Einzige, was übrig geblieben ist aus ‘meiner schweren Kindheit’”.
- “Heroin ist keiner dieser diffuse Versprechungen abliefernden Zugänge zum menschlichen Leben, sondern die einzige Möglichkeit das Wort “Leben” als das zu entziffern, was es ist: gar nichts.”
Ich bin begeistert und frage mich, wie ein 17jähriges (bzw. als sie es schrieb, war sie 16) Kind so etwas schreiben kann. Ist es nicht eher unwahrscheinlich, dass sie sich mit Stoffen wie Heroin und Orten wie dem unvermeidlich vorkommenden Berghain auskennt? Ins Berghain dürfen dank härtester Türpolitik nicht mal Leute, die auch nur AUSSEHEN wie unter 21jährig. Hegemann schreibt trotzdem glaubhaft darüber, weil sie sich von anderen Autoren inspirieren ließ, was zunächst einmal legitim ist. Doch die Inspiration nimmt copy-paste-mäßige Züge an, wie wir hier sehen:
Axolotl Roadkill, Seite 23:
“Ich habe Fieber, Koordinantionsschwierigkeiten, ein Promille im überhitzten Blut…”
Im Buch STROBO (Partnerlink zu Amazon), welches der Berliner Blogger Airen letztes Jahr veröffentlichte, heißt es auf Seite 106:
“Ich habe ein Grad Fieber sowie ein knappes Promill Alkohol im überhitzten Blut.”
Axolotl Roadkill, Seite 36:
“Ophelia steht auf dem Klodeckel, um drei Lines Speed auf der Trennwand zur Nachbartoilette zurechtzumachen.”
Wir vergleichen mit Strobo, Seite 146:
“…als sich das als zu kompliziert erweist, klettert Marc auf die Klobrille und macht die Lines an der Grenze zu Nachbartoilette zurecht.”
In Axolotl Roadkill auf Seite 52 spricht Helene Hegemann von “Technoplastizität”. Ein Begriff, den Airen auf Seite 118 seines Buches verwendete.
Axolotl Roadkill, Seite 72:
“Wir erfahren an dieser Stelle, dass ich nicht nur neben Edmonds Keyboard aus eloxiertem Aluminium gekotzt, sondern mich (gleichermaßen skrupellos) mit dem Argument »Scheiß Kapitalismus!« geweigert habe, ihm meine Schulden vom Vortag zurückzuzahlen.”
Bei Airen liest sich das auf Seite 123 so:
“Wie ich eben erfahre also angeblich mit dem Argument »Scheiß Kapitalismus!« geweigert zu bezahlen, neben die Bar gekotzt und paar Tische umgeschmissen.”
Axolotl Roadkill, Seite 74:
“Ich mache drei Schritte nach vorn und knalle rückwärts gegen irgendeinen sich im öffentlichen Raum befindlichen Werbeträger von Langnese. Ich drehe mich um und knalle rückwärts gegen einen grobporigen Typen in grünen Klamotten. Er [der Polizist] setzt mich in ein Taxi…”
Wir vergleichen mit Strobo, Seite 124:
“Ich steige aus, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Dann stehe ich auf, mache drei Schritte nach vorn und pralle rückwärts gegen die Bahn. Schließlich kommen zwei so grobporige Bahnbullen und verfrachten mich in ein Taxi.”
Hegemann lässt ihre Protagonistin auf Seite 136 sagen:
“»Wir unterhalten uns gerade über Bisexualität!«, moderiere ich schwerstelegant zu ihr hinüber.”
Der Satz steht fast genau so auf Seite 99 von Strobo:
“»Wir reden gerade über Bisexualität«, moderiere ich mich zu Jan rüber,…”
Axolotl Roadkill, Seite 80:
“Anstatt mir zu antworten, wickelt sie die Plastikfolie ab. Schlussendlich liegt auf dem Mahagonitisch eine Messerspitze bräunlichen Pulvers, das wie Instanttee aussieht und nach einer Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig riecht. Aus einem Stück Silberpapier dreht sie sich ein Röhrchen, auf ein weiteres schüttet sie die Hälfte des Pulvers. Als sie ein Feuerzeug unter die Folie hält, schmilzt das Heroin und zieht eine kleine Rauchschwade hinter sich her. Dieser Dampf wird von Ophelia mit Hilfe des besagten Aluröhrchens inhaliert, bis nur noch irgendwas ganz Schmutziges, Kleines, Böses zurückbleibt und sie mich fragt: »Und, wie sehen meine Pupillen jetzt aus?«”
Die gleiche Szene bei Airen auf Seite 65f:
“Schicht um Schicht wickle ich die Plastikfolie ab, bis in der Mitte eine gute Messerspitze bräunlichen Pulvers zum Vorschein kommt. Sieht in etwa so aus wie Instant-Tee und riecht säuerlich, wie eine Mischung aus Zigarettenkippen, Müll und Essig. Diacetylmorphin. Dann hole ich Alufolie. Aus einem Stück drehe ich mir ein Röhrchen. Auf ein anderes schütte ich ein Viertel des Pulvers. Sobald ich ein Feuerzeug unter die Alufolie halte, schmilzt das Heroin (…) und zieht eine kleine Rauchfahne hinter sich her. Mit dem Röhrchen im Mund versuche ich sie einzufangen. (…) Als alles verdampft ist und nur noch eine schmutzige Spur auf der Alufolie übrig bleibt, gehe ich ins Bad und begutachte meine Pupillen.”
Update 7.02.2010: Axolotl Roadkill, Seite 11:
“Meine Existenz setzt sich momentan nur noch aus Schwindelanfällen und der Tatsache zusammen, dass sie von einer hyperrealen, aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten-Installation halb zerfleischt wurde.”
Vergleich mit Airens Blogtext Einerseits vom 28. Mai 2009:
“…für Erwachsene, mit farbigem Schattenspiel auf hyperrealen aber durch Rohypnol etwas schlecht aufgelösten Vaselintitten, …”
Das sind nur die offensichtlichsten Stellen. Es gibt noch mehr, in denen nicht Wort für Wort kopiert, aber das Handlungsmotiv einer Szene übernommen wurde. Helene Hegemann zeigt uns in Axolotl Roadkill zwar, dass sie nicht nur für ihr Alter, sondern ganz allgemein eine beachtenswert wortgewaltige und wundervoll böse Schreibe hat. Aber statt sich nur von anderen inspirieren zu lassen und zu zitieren, schreibt sie ab. Das stört den guten Eindruck ganz empfindlich.
Update 7.02.2010: Hegemann lässt ihre Figur Edmond auf Seite 15 erwähnen, dass ein Spruch bei “so ‘nem Blogger” abgekupfert ist, nämlich der Satz “Berlin is here to mix everything with everything”, den Airen am 28. Juni 2008 in sein Blog schrieb. Edmond fährt fort mit den Worten: “Ich bediene mich überall, wo ich Inspirationen finde und beflügelt werde, Mifti”. Der konkrete Hinweis auf Airen, sein Blog oder Buch fehlt. Er wird lediglich ab der zweiten Auflage von Axolotl Roadkill in der Danksagung (siehe Foto, danke für den Hinweis in den Kommentaren an @Clara) aufgelistet. In der ersten Auflage fehlt die Nennung (Foto).
Das alles ändert freilich nichts daran, dass Hegemann Worte und Ideen von Airen als ihre eigenen ausgibt, da die konkreten Stellen (siehe oben) nicht als Zitat kenntlich gemacht wurden und keine nachvollziehbare Quellenangabe erfolgt. Anders geht sie dagegen mit einem Satz aus David Foster Wallace’ Erzählung John Billy auf S. 193 um. Es ist als Zitat kenntlich gemacht und Ullstein hat beim Verlag Kiepenheuer & Witsch die Erlaubnis eingholt es zu verwenden und darauf mit voller Quellen- und Copyrightangabe auf S. 4 von Axolotl Roadkill hingewiesen. Von Airen hat Hegemann mehr als einen Satz übernommen, dennoch wird ihm keine entsprechende Zitation zuteil. Was soll das?
Helene Hegemanns Quasi-Eingeständnis “ich bediene mich überall” kann nicht als Rechtfertigung herangezogen werden. Es stellt sich viel mehr die Frage, warum andere Rezensenten an dieser Stelle nicht begonnen haben, Lunte zu riechen. Eine Google-Suche hätte sie zu Airens Blog und darin zu seinem Roman geführt.
Das Schlimme an der Sache ist, dass Axolotl Roadkill derzeit in den Himmel gehypt wird und die kleine Helene sich zum Lieblingskind von Maxim Biller und (siehe oben) vielen Feuilletonisten mausert. Airens Strobo kennt dagegen praktisch niemand, da es in einem kleinen Undergroundverlag und nicht wie Axolotl Roadkill bei Ullstein erschienen ist. So ist zu befürchten, dass Hegemann damit durchkommt, von einem guten, aber leider unerfolgreichen Autor abgeschrieben zu haben.
Update 6.02.10: Durch einen Kommentar unter diesen Artikel werde ich auf eine weitere Textquelle von Hegemann aufmerksam. Sie beendet Axolotl Roadkill auf Seite 204 mit einem Brief, den Miftis tote Mutter an ihre Tochter richtet:
“…ich sehe die Sünde in deinem Grinsen. In der Form deines Mundes. Alles, was ich will, ist, dich in schrecklichen Schmerzen aufgehen zu sehen. Obwohl wir uns nie wieder treffen werden, erinnere ich mich an deinen Namen. Ich kann nicht glauben, dass du mal so warst wie jeder andere. Du bist inzwischen kein Kinder mehr, sondern ein Abbild des Teufels….”
So geht das noch eine halbe Seite weiter. Vergleicht man die ganze Passage mit dem Songtext von “Fuck U”, einem Titel, der 2005 auf dem Album Noise der Band Archive (Song bei Youtube) erschien, so fällt auf, dass Hegemann diesen ins deutsche übersetzte und fast wörtlich übernahm. Hier nur ein Teil:
“…see the sin in your grin and the shape of your mouth.
All I want is to see you in terrible pain.
Though we won’t ever meet I remember you name.
Can’t belive you were once just like anyone else.
Then you grew and became like the devil himself….”
Update 7.02.10: Lesenswertes zum Thema in der Basler Zeitung, dem Autorenforum, dem Blog Leben im Zitat.
Update 7.02.10: Die Fotos von der Danksagung mit und ohne Nennung von Airen sind nun weiter oben im Artikel verlinkt.
Update 7.02.10: Helene Hegemann und der Ullstein Verlag reagieren.


Berlin und Heroin
Obwohl auch mir das ganze Theater um Helene Hegemanns Roman übertrieben vorkommt, um es milde auszudrücken, muss ich der Autorin doch eines zugestehen: Im Gegensatz zu Airen, dem Blogger, verfügt sie über Sprachgefühl. Ihre Sätze klingen, haben Rhythmus und sogar etwas von Eleganz – es ist offensichtlich, dieses Mädchen kann einfach schreiben. Airens Texte wirken dagegen wie unmotivierte Tagebucheinträge. Nachdem ich die oben zitierten Passagen gelesen habe, wundert es mich also überhaupt nicht, dass “Axolotl” hochgejubelt wird, während “Strobo” im Subkulturellen gründelt.
Das Thema beider Werke – Drogen, Sex und jugendlich-pathetisches Pseudophilosophieren – ist ja wirklich nun so prickelnd nicht und kann allein genommen keinen Grund für Außergewöhnlichkeit darstellen. Im Gegenteil, mir kommt es eher abgelutscht und hochgradig kindisch vor. Was machen Jugendliche, wenn sie mal so richtig schocken wollen? Drogen fressen, in der Bushaltestelle vögeln und peinlich sentimentale Statements loslassen, über Sinn und Nichtsinn des Lebens, ach ja, und natürlich den “Scheiß Kapitalismus”. Was ist daran neu, das möchte man schon fragen! Und unabhängig!?! Beim besten Willen, das Lebensgefühl aus “Axolotl” darf nicht als unabhängig bezeichnet werden. Ist man jetzt Freigeist, wenn man in den harten Klitschen verkehrt und den größten Teil des Tages unter dem Einfluss von bewusstseinsverändernden Substanzen steht? Wo hat die Feuilleton-Gesellschaft bloß die letzten 50 Jahre gelebt?
Hegemann darf man den Hype um ihr Buch allerdings genauso wenig vorwerfen wie den Applaus von der falschen Seite. Sie hat einen Roman über Dinge geschrieben, mit denen man sich als Jugendlicher eben so beschäftigt, und das nicht ohne Talent und Stil. Dass damit ein weiterer Kassenschlager Berlin und Heroin in eine Ecke stellt, ist bedauerlich, aber wir können damit leben. Was Airen, den Blogger angeht, der nebenbei gesagt weit davon entfernt ist, ein guter Autor zu sein, hätte ihm wohl kaum etwas Besseres passieren können. Ok, Helene Hegemann hat geklaut, und ja, natürlich hätte sie korrekt zitieren müssen. Aber mal ehrlich: Außer ein paar trostlosen Drogenromantikern wäre “Strobo” niemandem jemals wieder in die Hände gefallen, wenn da nicht eine junge Frau mit der für den Literaturbetrieb so unerläßlichen Aura des Intellektualismus ein bisschen von ihm abgekupfert hätte. Airen sollte – und wird sich sicherlich – sehr geehrt fühlen, spätestens nachdem er Hegemanns Buch gelesen hat.
http://fischertochter1.twoday.net/stories/6181410/
selbst gerade 18 geworden schreibe ich auch und sage: es geht selbst im jungen alter ohne abschreiben. aber jetzt heißt es plötzlich: das repräsentiert ja nur die nullerjahre, wenn an copy-pastet. na toll. mein nächstes projekt heißt harry potter und den sprachrhythmus rowlings kann ich auch noch übertreffen. wäre hegemann über 20 würde kein mensch ihr buch beachten. dann wäre copy-paste nicht mal aufgefallen.
man recherchiere bevor man in den himmel lobe (im übrigen halte ich weder hegemann noch airen für große dichter (aber über geschmack streitet man bekanntlich)).
wenn man schon sonst nichts tut: verurteilen sollte man hegemanns copy-paste weil auch mit 17 stirbt man nicht an etwas kritik.
[...] zum Thema: Die Gefühlskonserve Spiegel Online + Kommentar Welt Online taz.de Kommentar von Wolfgang Schneider (boersenblatt.net) [...]
Zugegeben, der Ideenklau war teilweise so dilettantisch, dass man ernsthaft an die schriftstellerischen Fähigkeiten Hegemanns zweifeln muss, wobei man aber auch von einer 17jährigen vielleicht nicht mehr erwarten kann. Sie glaubte vielleicht wirklich, dass man das nicht merkt und sie damit durchkommt. Ich persönlich würde mir dagegen schon zutrauen, etwa eine Darstellung eines Drogenkonsums so zu adaptieren und umzuschreiben, dass man nicht mehr von einem Klau sprechen kann. Allerdings schützt solche Dummheit nicht vor Strafe und ggbflls vor Schadenersatzforderungen. Wie viele Eltern zahlen für ihre Kids, weil die irgendwelche Texte, Videos oder Musik ins Netz gestellt haben. Und dass ausgerechnet manche Kritiker nun nichts mehr davon wissen wollen, lässt tief blicken. Also: Die Staatsanwaltschaft ist gefragt, schon aus öffentlichem Interesse.Mögliche Delikte: Urheberrechtsverletzung in professionellem Massstab, Betrug, Untreue.
[...] der Beliebigkeit frei Haus zum Gebrauch. In der Tat: diese Sätze von Hegemann, die auf dem Blog „Gefühlskonserve“ zitiert werden, sind billige [...]
Zweite Auflage? Dritte Auflage?
Die Sache mit der Namensnennung von Airen in der zweiten Auflage ist nun schon bei unserer Enzyklopädie Wikipedia angekommen: “Die zweite Auflage von Axolotl Roadkill, die bereits vor der Kontroverse gedruckt wurde, beinhaltet zwar eine allgemeine Danksagung an Airen, die umstrittenen Passagen sind jedoch in keiner Weise als Zitate gekennzeichnet”, wobei dieser Blog als Quelle angegeben wird. Es verhält sich m.E. anders: Die zweite Auflage ist mindestens schon die dritte.
Ich kann das aus eigener Erfahrung, wenn auch hier nur anonym, versichten, denn ich habe das Buch unmittelbar nach den großen Besprechungen lesen wollen und nicht mehr erhalten (“vergriffen, wird nachgedruckt”); anderen ging es ebenso. Ich habe zwei Exemplare gesehen und angefaßt, die mit Sicherheit nicht zum ersten Auflage gehören, weil sie erst nach der zwischenzeitigen Nichtlieferbarkeit gekauft wurden, die aber auch nicht den Namen Airen in der Danksagung führen. Ich gehe davon aus, daß andere dies aus eigener Erfahrung bestätigen können. Das legt den Schluß nahe, daß die sog. “zweite Auflage” tatsächlich schon die dritte ist. Es mag auch sein, daß im Druckprozeß einige Exemplare mit ausgetauschter Danksagungsseite innerhalb der Auflage eingeschoben wurden. Jedenfalls schreibt auch Clara “@Deef: in meiner Ausgabe (ich hab die dritte) steht Airen in der Danksagung.” (6.2., 10.51 Uhr).
Die Art den Hegemann-Verteidigung, die Clara an dieser für die Plagiatsvorwürfe zentralen Stelle unternimmt, und ihr genaues Wissen darüber, am 6.2. die dritte Auflage zu haben (wo steht das im Buch? Hat noch jemand am 6.2. ein Exeplar mit Dank an Airen besessen?) weckt in mir den zugegeben etwas unfeinen Verdacht, Clara könnte dem Produktionsprozeß näher stehen als andere. Aber das ist eine öffentliche Angelegenheit. Bitte mal in Buchhandlungen nach dem aktuell ausliegenden Axolotl schauen, ob da nicht noch hier und da zweite Auflage herumliegt. Es ist kein Problem, in 20 oder 100 Alibi-Exeplaren einer Auflage eine Buchseite, auch nachträglich, auszutauschen. Dies kann etwa am 6. Februar geschehen sein, d.h. infolge dieses Blogs und nicht unabhängig davon. Ich finde das irgendwie wahrscheinlicher.
<<Wie kommt man überhaupt auf die Idee, ein Buch zu schreiben, indem einfach Passagen übernommen werden? Klar: Sie ist ein Kind. Aber war es nicht seit je her normal, dass nur diejenigen sich mitteilen, die wirklich etwas (neues) zu sagen haben? Diejenigen, die in der Regel ein paar Jahre erwachsen sind…<<
Walter Benjamin
hat in den 40ern an seinem "Passagenwerk" gearbeitet. Idee war, ein ganzes Buch (etwa 1000 Seiten) ausschließlich(!) aus Zitaten zu machen: die Dinge sozusagen einmal durch sich selbst hindurchgedacht bzw. sich denken lassen…
Er hat das auch weitgehend realisiert, wiewohl seine "Minikommentare" drin sind + die natürlich wundervoll…
Genuin neue Theorie/Denkarbeit auf der Basis von längst geschriebenem: Eva Meyer ist hier zu empfehlen, bei Stroemfeld erschienen. Sehr unbekannt, sehr genau, sehr gut. Elfriede Jelinek hat schon früh gesampelt, da ging es u.a. um sowas wie Warenhausidentitäten, sozusagen…
Heute ist ja alles Verwurstung der Verwurstung – das Rad also zum 3. Mal erfunden (ganz "echt!) + nichtmal die Rezensenten merken es noch so recht… Hauptsache !
<<Thema beider Werke – Drogen, Sex und jugendlich-pathetisches Pseudophilosophieren –
ist ja wirklich nun so prickelnd nicht und kann allein genommen keinen Grund für Außergewöhnlichkeit darstellen. Im Gegenteil, mir kommt es eher abgelutscht und hochgradig kindisch vor. Was machen Jugendliche, wenn sie mal so richtig schocken wollen? Drogen fressen, in der Bushaltestelle vögeln und peinlich sentimentale Statements loslassen, über Sinn und Nichtsinn des Lebens, ach ja, und natürlich den “Scheiß Kapitalismus”. Was ist daran neu, das möchte man schon fragen! Und unabhängig!?!<<
Ja, dem ist leider ganz + gar zuzustimmen…
Literaturbetrieb will aber "Intensität"; weswegen auch beim Jungfestival "Prosanova" 2008 tatsächlich die jungen Genies von ihren TV-geschulten Altersgenossen vor der Lesung beim Übungsinterview immer darauf befragt wurden, ob bzw. dass sie ja auch selber mal so richtig, also nicht in der besten Gegend..gewohnt..oder im Heim….Kiffen…Praktikum..() ..oder…
Was also das jeweils vorgetragene Buch mit ihrem Leben etc. zu tun..etc….habe….
.
S o gesehen bleibt das Potential von intelligentem Sampeln & Remix etc. noch lange eine schöne Möglichkeit, den gesellschaftlichen Auftrag zur Vollfigur zu unterlaufen…
(Ich empfehle hier den Räuberroman von Robert Walser als Basislektüre, Anfang des 20 Jh.)
Muss halt besser genutzt werden als Hegemann das hinbekommen hat..
Ihr "Denken" ist eher 1dimensionale Volksbühnenrethorik-nochmal gesa(i)mpelt; ihre Mittel gar nicht neu.
Das Buch ist nicht sehr schlimm schlecht; nur im Verhältnis zur Feuilletoneuphorie wird es so etwas flach… Wird sie selbständiges Schreiben (und vorher: Denken!) mit fremden Stimmen noch lernen: vielleicht… Energie ist ja da. : -)
Mädchen & SexDrugsRocknRoll: das zieht halt auch mehr, als Typ der das mit seinen 28 noch ernst nimmt.. + auch nicht so recht an Figurenbildung interessiert scheint… ;-)
[...] in die “Spiegel”-Bestsellerliste gekommen. Deef Primasens hat ihr Buch gelesen und in seinem Blog dargelegt, wie stark einige Passagen daraus Teilen des Romans “Strobo” des Berliner Bloggers [...]
[...] Axolotl Roadkill Die 17-jährige Helene Hegemann hat sich bei ihrem Debütroman teilweise bei einem Blogger bedient. [...]
Warum das Herumgeschwurbele? Das Buch ist grottenschlecht geschrieben. Durchs Abschreiben wurde es nicht besser. Die ganzen Feuilletonis holen sich doch bei der Vorstellung, sie vögelten mit kindlichem Blondie einen runter. Deshalb dieser “Hurra ne schreibende Lolita”-Effekt. Das hat mit Literatur nichts zu tun.
Ich bin schockiert, wie man Hegemanns Diebstahl herunterspielt. Man ist doch selbst mit 16 Jahren nicht so blöd und weiß, dass es nicht rechtens ist ganze Textabschnitte zu klauen – völlig egal, ob diese aus einem Blog, einem Buch ect. stammen. Sie ist mit 16 Jahren kein Kind mehr und sollte auch nicht wie ein solches behandelt werden. Was spielt es da für eine Rolle wer von beiden Autoren besser schreiben kann, die Sätze hübscher formuliert? Sie klaut Ideen, Sehnsüchte, Abgründe. Was bleibt da von Hegemann übrig? Nichts. Erst wenn Hegemann es in ihrem nächsten Buch schafft mit eigenen Worten eigene Ideen umzusetzen, spreche ich von ihr als Autorin. Man kann nur hoffen, dass dieses Vergehen Konsequenzen hat.
Das Schlimmste an Hegemann: Selbst das, was ihr wirklich weh tun müsste, der Tod ihrer drogenkranken Mutter, die Vernachlässigung, all das wird unter ihrer Feder zum Fake. Sie schafft es tatsählich, ihr an sich berührendes Schicksal mit einer solch voyeuristischen, marktschreierischen Attitüde darzustellen, dass man sich angeekelt abwendet. “We love to entertain you”. Das lässt tief blicken. Die Hälfte des Textes jetzt auch noch geklaut, das ist nur das Tüpfelchen auf dem i.
@ Marie Mayer
Das ist die Frage: “Sie ist mit 16 Jahren kein Kind mehr und sollte auch nicht wie ein solches behandelt werden.”
Und es ist wahrscheinlich auch das eigentliche Thema des Buches – diese modernen Mischseelen. Einerseits schockresistent wie alte Leute, andererseits tief verwirrt und bedrückt über das, was das Erwachsenenleben denn nun für sie werden soll, zum dritten aber auch wie kleine Kinder im Gefühl lebend, dass bei allem doch noch die Eltern die Hand über einen halten und beschützen – “richtig Schlimmes kann mir doch nicht passieren, Papa?” Ich kann mir gut vorstellen, dass das Buch und die Zitiererei genau so entstanden ist, wie Kinder spielen. Und außerdem: Ich kann mich gut erinnern, wie man mit 16, 17, 18 anfängt mit der verbalen Renommiersucht. Jedenfalls als Kind aus gebildetem Elternhaus. Ich war noch bei den ersten Seminararbeiten stolz wie Oskar, wenn mir richtig lange Sätze gelangen. Boh, 15 Zeilen lang! Und so schön kompliziert! Nach der Pubertät fängt das an. Und gibt viele Leute, bei denen hört das bis zur Todesanzeige nie wieder auf. Als Jugendlicher orientiert man sich ja geistig auf Vorbilder wie verrückt. Das ist ein Grund, warum junge Genies in der Literatur so selten sind wie rote Diamanten. Obwohl die Hirne in dieser Zeit so wundervoll herumfeuern, viel schneller assozieren, zum Teil auch noch plastisch wachsen. In der Musik bricht sich das Genie der Jugend immer wieder Bahn. Im Schreiben und Denken ganz früh das wirklich Eigene zu finden, ist nur ganz wenigen vergönnt. Und dann vielleicht eher in den leichten Formen, z.B. Lyrik. Bei Dylan strömte es mit 20,21 aufs Papier, als würde er es direkt aus seinem Kopf “abschreiben” ^^. Keine Vernunftkontrolle, einfach fließen lassen. Auch bei ihm mit viel geistiger Renommiersucht, damals. Heute sagt er: “So wie damals kann ich das nicht mehr. Keine Chance. Ich weiß gar nicht, wer ich damals war.” Aber solche freischwebenden Verse am Rande zum Tiefseeunsinn sind leicht. Einen ganzen Roman auf den Faden zu kriegen ist normalerweise 40% permanente Versagensangst. Und 50% Schweiß. Damit haben’s die Kinder nicht so. Aber ohne dem ist Genie in der Literatur nicht zu haben. Doch, die “Autorin” ist ein Kind. Viel mehr, als man glauben sollte. Ihre literarischen Motive sind von den Erwachsenen stibitzt. Davon sollte man sich nicht täuschen lassen. Auch wenn die Kinder das gerne hätten, dass man ihnen abnimmt, dass sie schon groß sind, alles verstehen und vor nichts Angst haben.
@Brett
gracie, sehr schönes Nachdenken über Jugend/Produktivität, und ihre Bewegung zwischen Schaum und Möglichkeit…
[...] zur Rolle des Internets in diesem Spektakel. Deef Pirmasens, Betreiber des Blogs “Gefühlskonserve“, ist in dem Buch auf mehrere Auffälligkeiten gestoßen, die ihn auf Anhieb stutzig machten: [...]
Hat irgendwer schon bemerkt, dass sie sich auch beim französischen Horrorfilm “Martyrs” bedient hat? Die Szene, in der die gehäutete Ich-Person mit ihrer Mutter redet (S.42). Ich kann mich an den Dialog im Film zwar nicht mehr ganz erinnern, meine aber einige Parallelen entdeckt zu haben, zum Beispiel Sätze wie “Die Menschen haben verlernt, zu leiden”. Vom ganzen Setting, welches komplett kopiert ist, mal abgesehen.
Ich wuesste da ein nettes Jobangebot für unser Fräuleinwunder: in einem Copy-Shop!
@Deutscher Winter:
ich habe meine Ausgabe am 6.2. gekauft. Es ist die 2. Auflage und der Dank an Airen ist schon drin.
@Soso:
Soso, ich war heute in der Buchhandlung und habe ebenfalls zwei Ex. “2. Auflage 2010″ mit dem geänderten Dank gesehen. Daß Clara oben am 6.2. von der “dritten” schreibt [Clara “@Deef: in meiner Ausgabe (ich hab die dritte) steht Airen in der Danksagung.” (6.2., 10.51 Uhr)], ist am Buch nicht erkennbar/ausgewiesen und vor dem Hintergrund meiner Erfahrung ein Indiz für meine Behauptung: Die nominell zweite Auflage ist tatsächlich die dritte oder die zweite Auflage weist Explare mit verschiedener Danksagung auf. Für einen Eingriff in den Druckvorgang wäre 5.2. Plagiatsnachweis, 6.2. Buch fertig beim Kunden allerdings zu knapp.
Hat Irmgard Keun nicht genauso angefangen, vor achtzig Jahren?
@Deutscher Winter
Richtig, wenn der Plagiatsvorwurf tatsächlich erst am 5.2. öffentlich gemacht wurde, ist es schliechtweg unmöglich, dass der Kunde am 6.2. ein Exemplar in den Händen hält, in dem als Reaktion auf den Plagiatsvorwurf die Danksagung geändert wurde.
Anscheinend ist dem Verlag schon länger bekannt, dass die Autorin kopiert hat und hat dementsprechend versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben und es dann erst öffentlich gemacht. Oder?
Jetzt schreit alle Welt auf, “Die Welt ist schlecht!”, doch haben wir das nicht alle schon vorher gewusst?
Autoren schreiben bei anderen Autoren ab. Ist ganz, ganz schlimm.
Doch, der eigentliche Betrug besteht darin, dass Rezensenten bei anderen Rezensenten abschreiben und damit erst Hypes produzieren!
Und nur mit Hypes werden Rezensenten zu ganz wichtigen Leuten.
Wenn mal ein bislang unbeachtetes Talent, den Kopf ein klein wenig aus der Mittelmäßigkeit heraus streckt.
Wie schrieb schon DIE ZEIT im letzten ZEIT-Magazin : “Wie ein Wunderkind (H.H.) gemacht wird!”?
Drum merke: Wunderkinder machen sich nicht selber!
vielleicht noch von Interesse:
auf Kurzgeschichten.de (Anmeldung erforderlich) scheint Helene sowohl unter dem Profilnamen “ElektraMueller”
http://www.kurzgeschichten.de/vb/member.php?u=19171
im April 2008 1 Geschichte
http://www.kurzgeschichten.de/vb/search.php?searchid=2004132
als auch zuvor unter dem Profilnamen “torpedo.portrait”
http://www.kurzgeschichten.de/vb/member.php?u=15377
seit Juli 2006 14 Geschichten
http://www.kurzgeschichten.de/vb/search.php?searchid=2004012
veröffentlicht zu haben.
Scheinbar sind dort auch viele Reaktionen von ihr auf Kommentare anderer Nutzer zu ihren Geschichten zu finden.
“Autoren schreiben bei anderen Autoren ab.”
Dass das nichts Neues ist, wird wohl niemand bestreiten. Was diesen Fall aber so außergewöhnlich macht, ist der enorme Umfang und die Dreistigkeit, mit der dies geschieht. Und wenn manche Kritiker dann noch die schützende Hand erheben und das Kopieren in diesem Fall als Kunstform zu etablieren versuchen, kann man doch nur von Willkür und Scheinheiligkeit sprechen!
Wer so schlecht abschreibt ohne es so zu verfremden, dass man es nicht mehr merkt, kann einfach kein Talent besitzen. Nein, da gehört schon viel eher so etwas wie ein gehöriges Maß an Blödheit dazu. Das ist doch einfach nur dummdreist! Aber wer so einen lieben und noch dazu prominenten Papi hat darf sich trotzdem noch was darauf einbilden. O tempora, o mores!
@Manuel Moser
Das mit der freien Literatur gefällt mir! Dann müßte die kleine Helene nämlich Strobos Namen nennen und der wäre mit einem Schlag ebenfalls berühmt. Vielleicht würden ihn zukünftig Verlage ansprechen, und er könnte bald ebenso reich und berühmt sein :-)
Das Konzept scheint ja in der freien Musikszene zu funktionieren, also warum nicht auch im Literaturgeschehen.
So aber – ohne die wahren UrherberInnen zu nennen ist’s absolut unfair! Der Kleinen gehört eine kräftige Klage und saftige Entschädigungszahlungen aufgebrummt!
eine ganz üble geschichte…so dreist abzuschreiben, ist mehr als peinlich!
wenn ich herr “strobo” wäre, würde ich mir mit der verspäteten danksagung in “axolotl roadkill” den hintern wischen!
da stürzt man soviele male breit im berghain ab um “schore”-geschichten aufzuschreiben und dann kommt ein kleines mädchen mit flaum hinter den öhrchen und schreibt, gedopt mit einer saftigen spritze “vitamin b” eine textzusammenfassung aus “strobo”, dunklen erinnerungen an “wir kinder von bahnhof zoo”, substitutionsdokumentationen aus dem fernsehen und weiß der geier was…
ich bin dagegen
Man sollte die Abschreiberei von Helene Hegemann als das sehen, was sie ist: eine intelligente Sechzehnjährige, die von ihrem Normalleben eher gelangweilt scheint und sich auf Spaziergänge in die schier unübersichtliche Bloggerszene begibt, findet dort ein paar echte Sahnstücke, markiert sie als Lesezeichen, jongliert ein bisschen mit ihren eigenen Wünschen, Süchten, Sehnsüchten, setzt gut platziert die gefundenen Sahnestückchen ein und ein freches und freies Stück Literatur kommt dabei heraus. Dass es Plagiate enthält? Das kümmert sie wenig, schließlich ist der Verlag eigentlich in der Pflicht, hier Verdacht zu schöpfen und die Sechzehnjährige auf “Leihstücke” hin abzuklopfen. Hat die Lektorin aber wohl nicht gemacht, klar, da wittert man die Sensation und das Geschäft dahinter. Beim nächsten Mal wird H. H. – sie ist ja nicht dumm! – es bestimmt schlauer anfangen. Oder sie liefert uns vielleicht sogar etwas Authentisches? Etwas, dass man einer Siebzehnjährigen gut und gern abkauft? Ich bin überzeugt, das könnte sie auch!
Also da muss ich Gitta vehement widersprechen. Nicht dumm? Jedenfalls merkt man sofort, dass es geklaut ist. Die Lektorin ist schuld? Aber sie hat sie ja gefragt! Und dann hat dieses Früchtchen ja auch auf andere Anleihen aufmerksam gemacht! Vor allem aber einem Kollegen was wegzuklauen – das ist einfach nur niedrig und gemein – und blöd noch dazu, zumal wenn man einen Daddy im Business hat!
Grimmelshausen verhaften, Goethe verhaften, Georg Büchner verhaften:
Ich werde den ganzen Kontext des Plagiatgeschreis, nicht kaufen, nicht lesen, nicht einmal geschenkt haben wollen. Ihr müsst die ganze Literaturgeschichte verhaften, die ganze Kunst, es gibt doch nichts neues unter der Sonne. Ist das nicht Allgemeinbildung und ist es nicht Allgemeinbildung das wir von uns lernen. Total irre dieser Geistgeiz. Und nun Kollege OttmarBergmann: der sagte es ist erlaubt sich mit fremden Federn zu schmücken und er hat recht, sonst müssten wir ja alle die Schnauze halten. “Hier handelt es sich nicht um wissenschaftliche Arbeiten für Examen, sondern um das Prinzip Collage. Dessen Freiheit dürfen wir uns nicht nehmen lasse” Ottmar Bergmann . Nur weiter so es gibt soviele Anwälte die Geld verdienen wollen auf Trottelgebieten. Ich verschenke hiermit alle geschriebenen Sätze für Allgemeinbildung. Ein Idiotenland.
Wir sind vom Idiotenclub
Und laden herzlich ein
Bei uns ist jeder gern gesehn
Nur dußlig muß er sein
Bei uns gilt die Parole
Stets doof bis in den Tod
Und wer bei uns der Doofste ist
Ist Oberidiot
( Kinderpoesie aus Peter Rühmkorf
„Über das Volksvermögen, Exkurse in den literarischen Untergrund“, Hamburg 1967)
Hegemann hat sich eindeutig von der US-Fernsehserie “Californication” zu dieser Tat verleiten lassen!
In der Serie fällt der 16-jährigen Mia das Manuskript des neuen Romans von Hank Moody (David Duchovny) in die Hände, woraufhin sie dessen Fassung etwas editiert/optimiert und anschließend unter ihrem Namen veröffentlicht. Lustig hierbei ist, dass besagter Roman ziemlich schonungslos und offen die Sexbeziehung zw. einer 16-jährigen und einem Erwachsenen aufgreift und die falsche Autorin von den Kritikern gefeiert wird…
Na, fällt was auf? Würde sagen, hier im aktuellen Fall ist eine ähnliche Ausgangsposition gegeben.
Viell. wollte H. nur mal testen, ob sowas im realen Leben auch möglich ist……
@Rainer Wieczorek Ja, ja, das ist schon im Allgemeinen richtig. Im Speziellen stellt es sich aber ein klein wenig komplizierter da. Da nimmt sich jemand nicht alte Traditionstexte, neue Dokumente oder sonst etwas vor und baut daraus ein eigenes Bild, sondern nimmt jemand einen ganz frischen Text, wenn man so will, ein direktes Konkurrenzprodukt, und nutzt es, um eine vermeintliche eigene Leistung aufzupeppen und aufzuwerten. Das ist das Heikle. Und es ist eben nicht nur ein Verflechten von Material. Dafür ist es zu nah. Die Ausleihungen bei anderen machen auch keinen Sinn als “Anspielung”, “Weiterdenken” oder “Reflexion”. Ansonsten magst du ja recht haben. In der modernen Kunst, Musik, Literatur schleusen sich überall externe Partikel ein. Trotzdem gibt es den Punkt, wo der Tatbestand der “Kleptovelle” erfüllt ist. Müsste sich jetzt mal die Autorin zu äußern, wie viel Prozent mehr oder weniger importierte Rohstoffe sind. Meine Vermutung geht Richtung 90%. Aber ich weiß es natürlich auch nicht. Auch dann muss man vielleicht nicht die Backen aufblasen. Ein Roman als Arrangement vorgefundener Texte wäre lediglich als solcher kenntlich zu machen. Dann geht es vielleicht noch als interessantes Experiment durch. Verkauft wird und wurde es aber als “eigenes Werk”. Als Werk einer 17jährigen wurde es sensationalisiert. Letztlich eine Frage der künstlerischen Aufrichtigkeit.
hier war sie auch aktiv:
http://www.neon.de/user/kirSchprinzip.
und hier:
http://torpedo.portrait.myblog.de/
http://torpedo.portrait.myblog.de/torpedo.portrait/page/870404
auch so:
http://lovelyskizze.myblog.de/
professioneller:
http://www.myspace.com/Lovelyskizze
Zitat:
http://lovelyskizze.myblog.de/lovelyskizze/page/1271916
“Jeder versuchte Diebstahl an einem auf dieser Seite veröffentlichten Text wird zur Anzeige gebracht und dort blau angestrichen. Alles andere wäre zu prosaisch.
copyright by leni hegemann”
@interessant: Da steht mir der Mund offen. Danke für den Link!
[...] Geschichte droht dieser Tage an Plagiatsnachweisen zu [...]
[...] aus dem Netz herausgelutscht und auf Papier gekotzt hat. Helene, Du hast es verstanden! Du saugst!) Ein wahres Kulturzecken-Paradies ist derzeit, aber schon seit einiger Zeit, die Armbeuge, in der [...]
Bereits am 2.2.2010 habe ich einen Kommentar (Nr. 17) in Zeit Online geschrieben und Zweifel geäußert, ob Hegemann den Text selbst geschrieben hat.
http://www.zeit.de/2010/05/Helene-Hegemann?commentstart=17#comments
Dafür handelte ich mir Häme ein. Klar.
Diesen Blog kannte ich zuvor nicht. Erst durch die Mainstream-Presse erfuhr ich von diesem Blog und finde ihn phantastisch!
Ich weiss nicht, ob jemals zuvor eine so junge Autorin bzw. Autor in den serioesen literarischen Feuilletons einen vergleichbaren Hype ausgeloest hat wie Helene Hegemann mit Axolotl Roadkill? Deshalb schlage ich vor, die aus meiner Sicht total geniale Autorin fuer den Literatur Nobelpreis zu nominieren.
Dass Helene Hegemann etwas drauf hat, bewies sie bereits mit ihrem Film “Torpedo”, der ihr den hoch beachteten Ophylspreis einbrachte. Ich will damit sagen, dass alles dafuer spricht, dass H.H. nicht aus kreativer Not heraus ihre Schriftstellerkollegen plagiiert haben kann, sondern einzig aus einer ART Ueberdruss an ihrer eigenen Genialitaet. Es soll ja auch Genies gegeben haben, die sich am Ende selbst nicht mehr gewachsen waren.
Nach Axolotl Roadkill wird die literarische Welt nicht mehr sein, was sie mal war oder gewesen zu sein glaubte- und zwar aus einem einfachen Grunde: Wer bisher als Autor mit seinem Text nicht weiter kam, da er in einem kreativen Stau steckte, wird sich ab sofort dadurch neuen Schwung holen, dass er seinem eigenen Werk passende Texpassagen anderer Autoren einverleibt. D.h., dass die Axolotl Roadkill-Performance, die nicht zuletzt auch eine Marketing-Performance von ULLSTEIN zu sein scheint, uns einen weltweit beschleunigten Ausstoss von literarischen Meisterwerken im Stile der Protagonistin H.H. bescheren wird. Und am Ende wird es dann auch keine identifizierbare Autoren mehr geben, sondern nur noch namenlose Meisterwerke als Ausdruck eines von jedem literarischen Ego total befreiten, reinen Geistes der Spezies Homo Sapiens Sapiens.
ULLSTEIN, so hoert man ich aus vertraulicher Quelle, verfuegt bereits ueber eine Software, die eingehende Manuskripte zu neuen Werken rekombiniert und gleichzeitig einen Formbrief ausspuckt, der den sich beerbenden Autor wissen laesst, dass sein Manuskript leider abgelehnt werden musste. Axolotl Roadkill soll uebrigens nicht der erste derartige Coup von ULLSTEIN sein. Nur dass das niemand bemerkt hatte. Insofern ist die plumpe Plagiat-Aktion bei Roadkill auch nicht debil, sondern der Zweck der Sache. Denn schliesslich hat die Aufdeckung der genialen Inzenierung dem Verlag dann auch den erwarteten Schub fuer eine fette Neuauflage eingebracht.
Dass Helene Hegemann mit Axolotl den deutschen Mittelstand vorangebracht hat wie sonst nur die Ruestungsindustrie das vermag, ist in Zeiten der Not mehr als verdienstvoll, doch leider nicht ausreichend fuer einen Literatur-Nobelpreis. Entscheiden ist vielmehr, dass H.H. der in § 5 des Grungesetzes garantierten Freiheit der Kunst eine Bresche geschlagen hat, die den Handlungsspielraum aller kreativ arbeitenden Personen in nie gekannter Weise erweitert. Was bisher als Diebstahl Geistigen Eigentums durchaus auch als strafrechtlich relevante Tat betrachtet wurde, ist laut H.H. ab sofort als Ueberfuehrug fremden Textmaterials in einen “voellig anderen und eigenen Kontext” zu werten (O-Ton H.H. in DIE WELT vom 9. Febr. 2010).
Zuletzt noch einen Gruss an meinen Freund Rainer Wieczorek: Wusstest Du eigentlich, dass Sancho Pansa den Cervantes von Don Quichotte abgeschrieben hat? Ende Aura.
Lieber Negentropos, abgesehen von den rechtschreiberlichen Fluechtigkeitsfehlern gefaellt mir Deine Argumentation. Ich finde auch, dass das Axolotlplotl den Nobelpreis verdient hat. Endlich ist was los in Berlin.
Gestern Nachmittag, so erzaehlte mit ein Freund, soll ein sich notorisch unterbewertet fuehlender Dichter aus Wut darueber, dass Helene Hegemann nicht auch von ihm abgeschrieben hat, die Dussmann-Fliale in der Friedrichstr. gestuermt und sich die Taschen mit den dort stapelweise herumliegenden Axolotl-Buecher vollgestopft haben, angeblich um diese in einen anderen, persoenlicheren Kontext zu ueberfuehren. Als er sich vom Personal bedraengt fuehlte, habe der voellig aufgeloest wirkende aeltere Herr eine Art Rauchbombe gezuendet, worauf die Sprinkleranlage die restlichen Werke der H.H. ebenfalls in einen anderen Aggregatzustand versetzt habe.
In Pankow soll eine Punklady bei Lidl einen Camembert geklaut haben und – als sie vom Personal gestellt wurde – gesagt haben, sie sei 1. hungrig und 2. Grafitti-Kuenstlerin und dass sie nun auf der Stelle den Kaese sich einverleiben und damit in einen deutlich persoenlicheren Kontex versetzen wuerde, damit sie die Kraft habe, ihren Tag zu beenden.
Ich gehe morgen auch klauen.
Gruesse
vom
Ambidexter
Und jetzt haben sie auch Faulkner erwischt ^^
http://www.nytimes.com/2010/02/11/books/11faulkner.html?src=twt&twt=nytimesarts
Aber das ist eben die prinzipiell andere Art des Aufgreifens und Verwertens, die nicht kupfert, sondern verwandelt.
Nichts in der eigenen Birne, Helene? So scheint es zumindest. Und es ist immer wieder erstaunlich, auf welche Weise sich jemand empören oder erklären kann, wenn er (respektive sie) “auf frischer Tat” ertappt wird. Dann wird es eigentlich nur noch peinlich. Das gilt auch für den Verlag.
Und als ob es Wilhelm Busch schon geahnt hätte, so ist natürlich auch hier wieder der Überbringer der üblen Nachricht der Bösewicht – und nicht der, der Übles getan hat. So liest man schon in Buschs “Frommer Helene”:
“Ach, die sittenlose Presse!
Tut sie nicht in früher Stund
All die sündlichen Exzesse
Schon den Bürgersleuten kund?!”
Wie können Deef und einige gemeine Pressevertreter auch nur so unanständig und fies in das pseudogeniale Vermarktungskonzept des Ullstein Verlages hineingrätschen? So was tut man nicht.
Wir sprechen ja schließlich auch über ein Mädchen, dass sich gerade erst mühsam aus der Pubertät herausarbeitet. Da wird halt viel gelitten, gefühlt und geschrieben. Wenn es halt nur was Eigenes gewesen wäre und wenn es das rosafarbene Tagebuch in der heimischen Schreibtischschublade nur nicht verlassen hätte…
Je länger ich mir die Sache anschaue (habe mir auch die genannten Links zu ihren Blogs und Myspace angesehen), desto mehr glaube ich, man sollte das Mädchen in Ruhe lassen… Sie ist schwerst traumatisiert – u.a. hat ihr ihre Mutter (siehe Blog) eine Vergewaltigung gewünscht??? – und wollte sich mit diesem Buch auskotzen – wenn auch mit Hilfe anderer. Zudem hat sie noch nicht mal die Pubertät überwunden. Da wiegt Kritik zehn Mal so schwer. Sie sollte sich in eine Therapie begeben und ihre Traumata angemessen aufarbeiten, damit sie auch IRGENDWANN einmal als Künstlerin ernstgenommen werden kann. Das wünsche ich ihr von ganzem Herzen.
[...] dass sie gleich mehrere Sätze übernommen hat und den außer ihr anscheinend nur noch Deef Pirmasens gelesen hat, dem die Übereinstimmungen auch als erstem aufgefallen sind. Der Roman trägt [...]
@ Ruderer
Lieber Ruderer, dankenswerterweise geben Sie den Hinweis auf Irmgard Keun. Sich diesen Plagiatsvorwurf gegen ihr “Kunstseidenes Mädchen” nochmals zu vergegenwärtigen, könnte ein wenig Klarheit auch in Hegemanns Fall bringen.
Zur Erinnerung: Keun wandte sich am 12. Juli 1932 hilfesuchend an Kurt Tucholsky, da sie Plagiatsvorwürfen ausgesetzt war. Ihr Roman sei bei Robert Neumanns “Karriere” abgeschrieben. Sie behauptet, Neumann habe sich selbst bei ihrem Verlag beschwert.
Tucholsky verwendete sich anscheinend bei Neumann für Keun, schrieb aber ihr selbst einen Brief, in dem er ihr vorhielt, sie habe zwar nicht abgeschrieben, aber sie habe “den Ton gestohlen”. Er beschwört sie: “Warum in aller Welt haben Sie das gemacht? Sie haben doch dergleichen gar nicht nötig! Sie sind eine hochbegabte Schriftstellerin – ich habe gegen manches Einwände, aber Sie können bereits etwas, und, was mehr Wert ist: Sie sind jemand. Und nun das da – ! (…) Ich trete für neue Leute ein, wo ich nur kann, und daß ich kein Literaturpapst bin, wissen Sie auch. Aber bitte glauben Sie mir: hätte ich “Karriere” gekannt und wäre das Buch nicht von Ihnen gewesen, so hätte ich daraus einen bösen Casus gemacht.”
Robert Neumann kommentiert mit gehörigen Zeitabstand 1966: “Tucholsky intervenierte offenbar bei mir für Irmgard Keun – Kritiker hatten behauptet, ihr “Kunstseidenes Mädchen” sei ein Plagiat an mekiner “Karriere”; gleichzeitig, so ergibt sich jetzt, machte er der Keun schwere Vorwürfe wegen dieses angeblichen Plagiats und stellte ihr von meiner Seite finstere Maßnahmen in Aussicht. Ich hatte nie dergleichen behauptet, ich behaupte es heute nicht – ich hoffe, Frau Keun liest diese Versicherung, die ja bloß mit ein paar Jahrzehnten Verspätung kommt. Auch Frau Keun hatte mich nicht nötig. Wie es ja überhaupt mit dem sogenannten literarischen Diebstahl ganz anders steht als mit dem eines Laibes Brot. Für diesen ist der Hungernde freizusprechen, für jenen der Mann im Überfluß…”
(zit. n. I. Keun; Das kunstseidene Mädchen, Ed. m. Materialien, Klett Leipzig 2004)
Also: Irmgard Keun hat sich eines Stils und Tons bedient, den auch Neumann getroffen hatte, der für ihre jeweiligen Charaktere auf der Hand lag. Ein Plagiat ist dies nicht, weder der Plot, noch die Figuren, schon gar nicht der Text sind kopiert.
Daß Menschen in vergleichbaren Lagen an gleichem Ort und von gleichem Alter ähnlich sprechen ist naheliegend. Daß eine Autorin, die diesen jeweiligen Jargon gut kennt oder recherchiert hat, weist sie als das aus, was Tucholsky wie Neumann erkennen: daß sie eine begabte Schriftstellerin ist.
Hätte sie Passagen in mehr oder weniger freier Paraphrase zitiert, wäre sie eben das nicht.
Keun und Hegemann könnten also gar nicht verschiedener sein.
Zwei weitere Aspekte ergeben sich aus diesem historischen Vorfall:
Tucholsky macht einen Unterschied, wer es ist, dem ein Vorwurf gemacht wird. Und Neumann sagt, daß diejenige, die aus dem Vollen schöpfen kann, gegen den Plagiatsvorwurf immun ist.
Auch wenn es heute neue Medien gibt, die einen anderen Umgang mit dem Urheberrecht erzwingen, kann man sich ja mal ohne Schaum vor dem Mund zu orientieren versuchen, da hilft manchmal die zeitliche Distanz. Ob aus Hegemann ein Format wie Keun werden wird, wissen wir nicht. Zur Zeit ist sie die Hungernde, die wegen des Laibes Brot freizusprechen, aber wegen des literarischen Diebstahls zu verurteilen wäre.
Internet-affine Jugendliche schreiben in großer Zahl Fanfics – und sprechen damit dem Kulturpessimismus Hohn – in denen sie bewußt Charaktere und Plots aus der Literatur oder Filmen oder Spielen weiterspinnen, Alternativhandlungen ausprobieren… Das ist für einschlägig Belesene immer erkennbar, wird überhaupt nicht verschleiert und dient dem Fingerüben künftiger Autorinnen. So hats ja anscheinend Hegemann auch gemacht. Da wird etwas ins Netz gestellt und der Kritik ausgesetzt. Nie war es so leicht möglich, sein Schreiben anhand der Publikumskritik zu schulen. Aber wie käme ein Verlag dazu, die Alternativ-Plots zu Harry Potter, die sich meine Tochter ausgedacht hat, als eigenständiges Werk zu verkaufen, und aus ihrer Minderjährigkeit einen Marketing-Scoup zu machen?
Überdies bin ich nicht davon überzeugt, daß Hegemann überhaupt die Urheberin des Werkes ist, für das sie jetzt eingedost wird. Ich werde den Verdacht nicht los, daß sie wie ein Eislauf-Wunderkind von Erwachsenen mit übersteigertem Ehrgeiz vorgeschickt wird, die sie als Avatar benutzen, um ihre verquälte Phantasie verdeckt herauszulassen. Mit Entsetzen höre ich, daß sie heute bei Harald Schmidt beleuchtet werden soll. Ich kann aus meiner Einschätzung als Vater einer gleichaltrigen Tochter nur sagen: Laßt sie in Ruhe. Sorgt lieber dafür, daß sie zu eigener Stärke findet. Vielleicht ist sie ja gar nicht so weit weg von Natascha Kampusch, nur daß Hegemann in einem ganz virtuellen Verlies gefangengehalten wird.
1. Das ist eben der Unterschied zwischen Subkultur und Kultur: Subkuktur wird zur Kultur, wenn man eben Geld draus machen kann. Um Geld draus machen zu können braucht das Produkt allerdings schon auch Qualitäten. Sonst wärs kein potentielles Produkt.
2. Abschreiben ist so alt wie das Scheiben selbst. Man sollte sich halt nicht erwischen lassen, oder es so gut machen, wie olle Shakespeare, der ja sogar Mehrere gewesen sein soll. Vielleicht wird dann sogar was gaanz Neues draus. Ist Frau Hegemann halt nicht gaaanz geglückt. War ja aber auch der erste Versuch. Dafür hat der Verlag seine Urheberrechtsanwälte, die werde das schon irgendwie regeln. Denn ULLSTEIN, als alter Spitzenverlag der deutschen Literaturlandschaft, hat die Qualitäten der Autorin durchaus gesehen. Eben ein Produkt drin erkannt. Sonst wär es ja eben Subkultur geblieben. Aber dann haben die Billers halt nix zu arbeiten, die Verlage nix zu drucken, die Leute nix zu Lesen, wir nix zum drüber amüsieren, und die Buchhändler; Buchmessen, Buchhändlerkinder erstmal usw. usw. … was halt auch wieder Scheiße wäre.
In diesem Sinne
aber sicher hat diese kleine dreiste göre genau gewusst, was sie da macht – sie ist bloß davon ausgegangen, dass sie ganz geschmeidig damit durchkommt, den prominenten vater an der einen, den renommierten verlag an der anderen seite. ich könnte speien, so widerlich ist das!
@ moosmann Danke. “Daß Hegemann in einem ganz virtuellen Verlies gefangengehalten wird”, das glaube ich ja auch.
… sie – die kleine dreiste Göre (siehe @ schockiert, damit mir keiner mit einem Plagiatvorwurf kommt!)hat uns doch vorgeführt, wie scharf wir alle auf was Sensationelles sind. Da haben die ach so schlauen Literaturkritiker in den ach so renommierten Blättern sich voller Lobeshymnen auf diese “kleine dreiste Göre” gestürzt, ohne den kritischen Blick, den Verlag hats mächtig gefreut und dafür hat er gern Freiexemplare verteilt. So funktioniert das nun mal in dem Geschäft. Denn Geschäft ist es in erster Linie, Kunst und Kommerz sind siamesische Zwillinge in unseren Zeiten. Ich glaube, dass H.H. neben ihrer “Dreistigkeit” auch viel Talent hat und jede Menge Grips. So ein Kabinettstückchen wird sie bestimmt nicht wiederholen. Ich bin sicher, dass sie früher oder später für positivere Schlagzeilen sorgen wird. Wie einige KommentatorInnen hier ja selbst vermerken: sie ist doch eine gerade mal aus der Pubertät krabbelnde Göre, oder sie steckt noch mitten drin! Da hätte man schon eher vom Verlag erwarten können, dass er den Text mal genauer beleuchtet und die junge Autorin auf solche Gefahren hinweist. Aber der hatte wohl hauptsächlich den Kommerz im Blick. Na ja, auch verständlich. Ich wünsche der dreisten Göre jedenfalls, dass sie schnell wieder aus den Schlagzeilen und ihrem persönlichen Tief rauskommt und es das nächste Mal besser macht. Jeder Mensch hat Anspruch auf eine zweite Chance.