Jun
09
2012

Beinahvergewaltigung in Tomb Raider: “Na und?” oder “geht’s noch?”

Da steckt so vieles drin, was emotionalisiert und eine Diskussion ver-un-sachlichen kann: Videospielekritik an sich, Kinder, Gewaltdarstellung, Vergewaltigung sowie Meinungs- und Kunstfreiheit. Und noch viel mehr, was man reininterpretieren kann: die Befürchtung, der Diskutant sei pro Zensur und Verbote, würde Moralisten, Zeigefingerhebern oder Spielkulturmissverstehern das Wort reden. Und trotzdem kann man darüber eine sachliche Diskussion führen. Sogar auf Twitter.

Diskutieren auf Twitter? Viele haben damit schlechte Erfahrungen gemacht, wie der Searchstring “twitter nicht diskutieren” zeigt. Aber es geht doch, wie man gleich hier lesen kann. Zunächst das Thema:

Das Video zeigt Spielauschnitte aus dem kommenden Tomb Raider, das im März 2013 erscheinen soll. Ab 2m16s ist in diesem Video oder bei PC Games noch ausführlicher zu sehen: Heldin Lara Croft wird beinah vergewaltigt und kann sich nur dadurch retten, dass sie den Angreifer aus nächster Nähe erschießt. Letzteres sehen wir nicht, aber danach taumelt sie blutbespritzt und traumatisiert davon. (UPDATE in diesem Kommentar)

Das erste Tomb Raider erschien 1996 und das Spiel und viele Nachfolgetitel für Konsolen und PC erhielten USK-Alterseinstufungen ab 12 oder ab 16 Jahren. Die beiden Tomb Raider-Filme von 2001 und 2003 mit Angelina Jolie in der Titelrolle waren frei ab 12. Es gab auch Spiel-Versionen für den Game Boy, wie z.B. “Tomb Raider – The Prophecy“, das frei ab 6 war. Das über Jahre immer weiter aufgebaute Image von Lara Croft ist: anatomisch unrealistisch, aber harmlos. Tomb Raider-Spiele stehen für Klettern, Rätseln und handzahme Ballerei.

Die Atmosphäre der Spiele veränderte sich über die Jahre. “The Angel of Darkness” von 2003 war düsterer, fiel aber imagetechnisch nicht aus dem Rahmen, da es ohne (oder zumindest mit wenig) Blut auskam. Das kommende Tomb Raider stellt dagegen einen kompletten Bruch dar. Ich gebe zu, nicht alle Teile der Serie in den letzten Jahren gespielt zu haben, aber eine Lara Croft, die von einem über ihr knienden Vergewaltiger bedrängt wird? Ihm als letzten Ausweg ins Gesicht schießen muss und dann blutverschmiert von dannen kriecht – das kommt mir nicht in den Sinn, wenn ich an Tomb Raider denke. Ich halte das in diesem konkreten Fall für geschmack- und verantwortungslos und twitterte deshalb:

Es ergaben sich daraus mehrere Diskussionen, die erste per Direktnachrichten mit @Infinsternis:

Weitere Diskussionen mit @manuspielt, @yesnocancel und @dramaking:

Ich liebe Videospiele. Ich konsumiere neben friedfertigen Medien auch Literatur, Hörspiele, Filme, Serien und Comics für Erwachsene, in denen psychische und physische Gewalt eine Rolle spielt. Ich schau mir gern Pornos und Hentai an und bin der letzte, der anderen etwas wegnehmen will, nur weil es nicht meinen Geschmack trifft. Nein, ich möchte auch keine geschnittenen Spiele, keine staatliche Zensur oder Verbote, die über das hinausgehen, was der geltende §131 Strafgesetzbuch für Gewaltverherrlichung vorsieht.

Und trotzdem oder gerade deshalb finde ich, dass wir, die wir Videogames spielen und lieben, mehr können, als auf ignorantes “Killerspiel”-Gebashe (Millionen gut dokumentierte Beispiele bei stigma-videospiele.de) reflexhaft mit der Total-Blockade selbst von berechtigter Kritik zu reagieren. Es steht völlig außer Frage: Die Kunst ist frei. Aber genauso hat jeder die Freiheit seine kritische Meinung über die Kunst im Allgemeinen und Spiele im Besonderen zu äußern. Zum Beispiel um zu sagen, dass es geschmacklos ist, wenn “Call of Duty: Black Ops” in der ungeschnittenen Version vom Spieler verlangt, einem gefesselten Soldaten Glasscherben in den Mund zu stopfen und ihn zu schlagen.

Square Enix, der Hersteller des nächsten Tomb Raider-Teils, ist darüber hinaus sogar verantwortungslos. Denn “Call of Duty: Black Ops”, in Deutschland geschnitten und ab 18 erhältlich, ist ein Erwachsenenspiel mit Erwachsenenspiel-Image. Man kann annehmen, dass es eher durch den großen Bruder des Schulfreunds in Kinderhände gelangt, als durch verantwortungslose Eltern. Man darf befürchten, dass sich bei Tomb Raider mehr Eltern überreden lassen, ihren Teenagern oder gar Kindern das Spiel zu kaufen. Wenn das passiert, handeln Eltern verantwortungslos. Dass es mit höherer Wahrscheinlichkeit passiert als bei Call of Duty, Modern Warfare oder Max Payne, liegt aber am harmlosen Image von Tomb Raider und der rücksichtslosen Brutalisierung der Spiel-Marke durch Square Enix – und dafür können weder Kinder noch Eltern etwas.

Sollten wir Kritik an Gewalt in Videospielen Leuten überlassen, die Spiele hassen und/oder keine Ahnung davon haben? Sollten wir uns diese Diskussion selbst verbieten, bloß weil Politiker und zum Teil auch sogenannte Experten und einige Journalisten sich unsachlich äußern? Das können wir doch viel besser. Ich glaube, dass es einen Effekt auf Gamestudios und Publisher hat, wenn sich viele Spieler und Spielerinnen kritisch zu geschmack- und verantwortungslosem Umgang mit Gewalt in Games äußern. Und auch auf Eltern. Und in diesem konkreten Fall vielleicht auch auf uns – hinsichtlich der Frage, wie wir das Thema Vergewaltigung und ihre Darstellung einschätzen. Das leisten natürlich nicht ein paar Tweets und dieser eine Artikel – aber eine offene Diskussions- und Kritikkultur täte uns Spielern und den Games gut.

UPDATE vom 7.07.2012 in diesem Kommentar.

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Geschrieben von Deef in: Videogames | Tags: , , , , , , , |

32 Kommentare

  • Raventhird sagt:

    Ich habe übrigens seit fast zehn Jahren kein Videospiel mehr gespielt und keine Ahnung, wie die Reihe(?) Tomb Raider ist :). Meine Kompetenz in der Frage darf insofern gerne bezeifelt werden. Ich sah nur diesen (aus meiner Sicht völlig harmlosen) Trailer und daher schickte ich die erste DM aus dieser langen Diskussion oben.

  • Deef sagt:

    Das wird sich zeigen. Man sollte vielleicht erwähnen, dass Du @Infinsternis bist. Oben kommen ja mehrere Twitterer zu Wort.

  • nilz sagt:

    Erstmal: Boah, sieht das scheisse aus, das Spiel. Null TR-Feeling mehr. Eher wie ein schlechtes Drake, das man dadurch cooler pimpen will, das man es brutaler macht. Schnarch. Wie arm. Einzig die Sequenz in der man offensichtlich spielen muss, mit gefesselten Händen zu fliehen, stell ich mir ganz originell vor. Ansonsten: Bäh. Das sieht irgendwie alles so billo aus. Und Bullet Time Schiessereien brauche ich bei Lara auch nicht. Das alles wirkt wie so ein Gemischtwarenladen, hat aber nicht mehr die Power der Originalität wie die ersten drei TRs. Die haben offensichtlich den Anschluss verloren.

    Dann: Die Vergewaltigung, die natürlich eine ist. Wer behauptet, da wäre keine, lügt oder hat keine Augen im Kopf. Sorry, no offense, aber das ist mehr als offensichtlich. Da brauch man nicht drüber zu diskutieren. Die Frage aber, wie weit ein Spiel gehen darf – vor allem im speziellen und eben nicht generell – ist aber spannend und wichtig. Ich bin ganz mit dir, Deef, wenn du sagst das TR ein recht harmloses Image hat und deswegen dieser Twist zu der “neuen Härte” mindestens problematisch ist. Auch als Eltern Teil könnte ich diese Logik durchaus nachvollziehen. Und ja, auch da gebe ich vielen ein bisschen Recht, die Eltern sind natürlich hier in der Pflicht. Aber eben nicht nur. Ich find es ein bisschen billig wenn sich Videospieler auf der USK ausruhen und nur die Eltern für “versagen” verantwortlich machen. Nun, wenn ich kein Kind hätte würde ich vielleicht auch so denken, aber natürlich weiß jeder, das die Realität anders ist. Im Eltern-Kind-Verhältnis spielt Vertrauen ja auch eine große Rolle. Ich möchte nicht jeden Tag den Ranzen meines Kindes durchsuchen, im Zimmer umherschnüffeln, mich immer neben die Konsole setzen, um zu gucken das sie auch ja immer etwas altersgerechtes bei sich hat. Und da wir vermutilch alle einmal Kinder und Jugendliche waren wissen wir auch, das wir immer Zugriff auf alles haben. Ich zum Beispiel mochte “Die Ärzte ab 18″ als ich 15 war. Nun war die ja noch vergleichsweise harmlos. Es geht nicht so sehr darum meinem Kind die ganze Zeit zu erzählen, was es darf und was nicht. Sondern zu lernen, Dinge einzuordnen. Puh. Das ist dann jetzt doch ein längerer Absatz geworden :)

    Nun: Die Vergewaltugungsszene ist natürlich superunnütz. Hauptsache noch krasser als die anderen. Wobei das vielleicht sogar künstlerisch, wenn man sehr wohlwollend ist, die logischste Konsequenz aus der Reihe ist, weil ja gerade Lara Croft immer so sexuell aufgeladen war, weil irgendwie in jedem Artikel in Videospiel-ferner Presse über sie, hauptsächlich über die Brustgröße philosophiert wurde. Da sie als Archäologin aber mitten in einem harten Männer-Business steckt, in dem um Artefakte gekämpft und getötet wird, musste das vielleicht zwangsläufig passieren, das einer dieser groben Kerle sich die Frau auch mal “nehmen will”, weil die so atemberaubend ist. Wie gesagt: Wenn man sehr wohlwollend ist.

    Ein abschliessendes Fazit, wie verantwortungslos ich das finde, kann ich dir geben wenn ich das Coverartwork sehe. Ich denke nämlich das gerade das viele Eltern bei ihrer Kaufentscheidung beeinflusst. Vermutlich sogar hauptsächlich. Die gucken sich die Cover im Laden an, lesen vielleicht noch hinten drauf und entscheiden dann, ob das etwas für ihr Kind ist oder nicht. Da ist es dan wichtig die “Härte” zu symbolisieren.

    Abgesehen von dem Elternpart: Kinder werden es trotzdem spielen. Und viele werden es vermutlich nicht so richtig checken, was da passiert, da stimme ich auch zu. Für die wird Lara hauptsächlich einfach bedroht und muss sich wehren. Was es nicht ein Mü besser macht, aber wenigstens etwas tröstet. Square Enix hat sich hier sehr, sehr albern verhalten und es sagt eine Menge über deren Vertrauen in die Serie und die Figur aus, wenn sie meinen so etwas schon nötig zu haben. Super: Erst eine Lizenz vor die Wand fahren und dann versuchen, die mit so krassem Scheiß wie möglich wieder zu retten. Naja. Ich brauchs nicht. Da spiel ich lieber wieder Drake (wobei mir meine Indiana-Jones-Fan-Tochter (ja, die hat die gesehen, obwohl sie noch nicht 12 ist, ich verantwortungsloser Vater, ich!), wobei mir Töchterchen auch supergerne nur zuguckt, weil das halt super spannend ist. Das ist wahres Elternglück, wenn man hört: “Papa, spielst du heute wieder Untscharted?” ;)

  • Ich gebe Manu völlig recht: Wenn die Eltern ihren Kindern ein Ab18-Spiel kaufen (weil frühere Teile mal ab 12 und völlig harmlos waren), dann ist das in der Tat ein Problem der Eltern, die sich anscheinend nicht genug für ihre Kinder interessieren.

    Aber auch wenn die Eltern auf die Altersfreigabe achten, werden die Kinder früher oder später Videospiele zocken, für die sie eigentlich zu jung sind. Weil Videospiele cool sind (im Ggs. zu Büchern) und weil Freunde oder Bekannte an solche Spiele herankommen (die ja immer interessanter sind, als das, was sie gerade spielen dürfen). Das war bei uns früher auch schon so (ich habe mich damals in meinem Schülerausweis älter gemacht, um Filme ab 16 sehen zu können) und das wird auch in Zukunft so sein. Aber auch hier sind die Eltern gefragt, die die Entwicklung ihrer Kinder beobachten und spätestens dann mit ihnen reden sollten, wenn sie merken, dass die mit etwas nicht zurecht kommen.

    Ich habe selbst zwei kleine Kinder, die irgendwann Videospiele zocken werden. Ich selbst spiele auch gerne, kann aber mit der expliziten Gewaltdarstellung, die nach meiner Beobachtung immer mehr zunimmt, nichts anfangen. Ich kann jetzt nicht sagen, ob das an meiner Erziehung, meinem Alter oder daran liegt, dass ich selber Kinder habe, aber ich habe eine ganz einfache Lösung für mein Problem: wenn mir ein Spiel zu brutal ist, dann kaufe ich es einfach nicht. Es gibt immer noch genug Alternativen (und ich habe eh zu wenig Zeit zum Zocken). Und wenn nur genug Leute so handeln, dann wird der Publisher Verlust machen und sich beim nächsten Mal überlegen, ob sich Brutalität wirklich auszahlt. Wenn das Spiel aber ein Erfolg ist, dann bin ich wohl einfach nicht (mehr) die Zielgruppe dafür. Auch das ist ok. Am Ende bleibt mir immer noch Nintendo. ;)

  • Wie muß ich mir das denn jetzt so vorstellen?

    Filmische Szenenaufgabe: schmieriger eindeutig als bös stereotyp klassifizierter Bösewicht will Gewalt ausstrahlend eine in die Ecke gedrängte weiblich attraktive Frau bedrängen. Was könnte der machen?

    Vorschlag: er könnte sie sexuell bedrängen und eindeutige sexuelle Übegriffe starten?

    Antwort: NEIN, das wäre (in der Tat) eine Vergewaltigung!

    Äh, ja? Zu unwahrscheinlich?

    Nein, aber es geht um eine Szene in einem Spiel, nicht um eine Szene im Film oder um eine Szene in einem Buch oder um eine Szene im Theater oder einer CSI-Folge oder um eine Szene bei Sopranos.

    Ach so. Ne, das lassen wir dann lieber. Lassen wir den lieber eine Pistole an die Schläfe der Frau halten um ihr das Hirn aus zu pusten wie vorher schon zu sehen war.

    Ja, besser!
    ____________________

    Ich empfinde diese Szene als absolut glaubwürdig innerhalb der gezeigten Gewaltorgie. Man darf freilich fragen, ob die ganze Gewaltdarstellung notwendig ist. Das gilt dann freilich für alle Medien. Und JA, man darf Spielegewalt und vor allem und noch mehr die Gewalt, die man selber spielen kann, auch in Hinblick auf Kinder und Jugenderziehung hinterfragen, ich sehe da durchaus einen Zusammenhang, auch abseits der döseligen Killerspieldebatte.

    Aber innerhalb einer szenischen filmischen Aufbereitung einer Gewaltsituation einen Vergewaltigunsgversuch nicht zu zeigen, weil das aber im Gegensatz zur Exekutionszenen vorher nun doch zu weit ginge… Dem kann ich nicht folgen.

  • TravellingStar sagt:

    Ich habe eine Verständnisfrage zu deinem ursprünglichen Tweet, Deef: es klingt ein wenig, als sei nicht die Vergewaltigung an sich dein Problem, sondern die Tatsache, dass die Protagonistin daraufhin ihren Peiniger erschießt. Wäre die Situation für dich weniger verstörend gewesen, wenn die Frau an sich verübte Gewalt ohne Widerstand ertragen hätte?

    Ich finde übrigens auch Folter in solchen Spielen nicht “gerade noch ok”, sondern einfach zum Kotzen. Und natürlich hinkt der Vergleich Videospiele/Bücher so sehr, dass House dagegen ein Gesellschaftstänzer ist. Unterschiedliche Medien werden unterschiedlich rezipiert. Ohne eine entsprechende Diffenzierung wird jede Diskussion früher oder später im Sande verlaufen.

  • Deef sagt:

    @TravellingStar:

    Der ursprüngliche Tweet lautete:
    “Blut in Videospielen? Ok. Folter? In ab-18-Games tolerabel. Aber eine Beinahvergewaltigung? GEHT’S NOCH?! http://bit.ly/KgPIai #LaraCroft”

    Was lässt dich glauben, dass ich mich an Lara Crofts Notwehr störe? Oder meintest du einen anderen Tweet?

    Wie ich im Artikel oben ausführte, finde ich die Folter-Szene in “CoD: Black Ops” geschmacklos. Auf die nahm ich in dem obigen Tweet Bezug. Die Folter-Szene stößt mich ab, aber ich toleriere sie. Ganz im Sinne der Definition, wie sie z.B. bei Wikipedia steht: “Toleranz, auch Duldsamkeit, ist allgemein ein Geltenlassen und Gewährenlassen fremder Überzeugungen, Handlungsweisen und Sitten.”

    Denn erstens handelt es sich um Game, das nie etwas anderes war als ein Kriegsspiel für Erwachsenen. Und zweitens habe ich freiwillig die ungeschnittene Version gekauft und freiwillig den Content “which some players might find offensiv” gespielt.

  • Sebastian sagt:

    Du schneidest hier viele Themen auf einmal an, das ist garnicht so leicht, darauf strukturiert zu antworten. Ich versuch’s einfach mal, und falls ich irgendwo trollig klingen sollte, das will ich überhaupt nicht, mir ist daran gelegen, meine Gedanken darzulegen, na, ob das man klappt. Punkte, die mir aufgefallen sind:

    1: “Meine Kritik am Spiel wird als Verbotsforderung verstanden.”
    2: “Wir dürfen Kritik nicht den Nichtspielern überlassen.”
    3: “Tomb Raider hat ein harmloses Image. Darf sie sich ändern?”
    4: “Der neue Teil propagiert Rape Culture. Hersteller sind in der Pflicht, auf die Zielgruppe zu achten.”

    1: In den Twitterdiskussionen wirfst Du einige Nebelkerzen, in dem Du die Diskussion immer wieder auf ein Verbot lenkst, um dann zu sagen “Ich will das ja garnicht verbieten, nur kritisieren!”. Dass manuspielt dir eine Verbotsforderung unterstellt, fantasierst Du dir herbei. Die Frage “Warum soll man das nicht thematisieren dürfen” ist doch rein theoretisch gemeint. So zieht sich dein Vorwurf dann durch die Absätze, weil das die These ist, die Du vertreten willst, aber wirklich finden lässt sich da nichts. Jedenfalls bei keinem der von dir gebrachten Beispiele. Im Gegenteil solltest vielleicht eher Du darauf achten, Diskussionen nicht im Keim zu ersticken, in dem vorschnell mit dem Vorwurf-Vorwurf reagierst.

    2: Ich habe in den von dir gezeigten Diskussionen keinen erlebt, der sich bei Videospielkritik in eine Blockadehaltung verfällt und davon nichts hören will. Aber Leute, die einen anderen Standtpunkt vertreten als Du. Und das ist legitim.
    Vielmehr sehe ich eine ganz andere Entwicklung: Ehemalige Hardcorezocker sind jetzt selbst Eltern, wodurch es jetzt viel mehr Menschen gibt, die einen differenzierten Blick auf das Thema haben. Die Entwicklung wird sich zwangsläufig eher noch fortsetzen. Insofern sehe ich das Problem schwinden, dass Videospielkritik Leuten überlassen wird, die keine Ahnung haben. “Das wächst sich raus.” Natürlich gibt es diese Shitstorm-Bewegung von 18-jährigen, die bei jedem Frontal-Bericht die Kommentarspalten stürmen und “Ololol, Kackb00ns!!!” schreien, die gehen mir auch auf den Sack. Wenn es die sind, die Du mit dem Aufruf zu mehr Diskussionsbereitschaft erreichen willst. Viel Glück, aber ich würde mich auf die Erwachsenen Zocker konzentrieren. Und da sehe ich das Problem nicht.

    3: Um aber mal auf das konkrete Beispiel zu kommen: Tomb Raider hat kein harmloses Image. Es hat überhaupt kein Image. Jedenfalls nicht bei videospielfernen Menschen. Die Mainstream-Marke Lara Croft ist seit zehn Jahren tot und exakt kein Elternteil wird sich im Kaufhaus denken “ach, das ist doch die harmlose Lara Croft, das kann ich meinem Kind schenken.” Du gestehst der Reihe eine Popularität zu, die sie (außerhalb von Spielerkreisen) überhaupt nicht mehr hat. Eltern, die ihren Kindern Tomb Raider kauften, kauften auch: Battlefield 3, Call of Duty Black Ops. Weil’s denen eh egal ist. Bei Eltern, die ihren Kindern überhaupt nicht zocken lassen, ist es auch egal. Und differenzierdende und interessierte Eltern informieren sich und wissen dann auch beim neuen Tomb Raider, woran sie sind.

    Die letzten Tomb Raider-Teile haben nicht so sehr gezündet, so dass der neue Teil keine Erwartungen schürt, weder hinsichtlich der Qualität, noch, und das ist ja hier das interessante, hinsichtlich inhaltlichen Ausrichtung. Es ist vergleichbar mit einem der zahlreichen anderen “Gritty Remakes” der letzten Jahre. So wie es nun wieder einen sehr dunklen Batman gibt oder ein sehr dunkles Schneewittchen, gibt es nun eben ein sehr dunkles Tomb Raider. Man kann von einem Hersteller nicht verlangen, ewig an einem Markenimage zu kleben, weil man damit einen kleinen Kreis von Leuten irritieren würde. Das wäre kulturelle Stagnation. Und man kann dem Trailer natürlch vorwerfen, mit seinen Szenen einfach nur Buzz erzeugen zu wollen. Man kann ihm aber auch zugute halten, dass er offen kommuniziert, wohin die Marke Tomb Raider nun wandert. Und wenn dann Leute wider besseren Wissens den bunten Rätselspaß von einst erwarten (was so auch Quatsch ist, Tomb Raider war nie ein Zelda) und dann verstört sind – dann ist das so. Dann ist diesen Menschen nicht zu helfen. Der Hersteller hat seine Pflicht erfüllt, in dem er ganz offen damit umgeht, dass sein neues Spiel nichts für Kinder ist. Mehr muss er nicht tun.

    4: Und was ist jetzt von dem Trailer zu halten? Ich finde den Begriff Rape Culture, der hier eingebracht wurde, völlig deplatziert. So wie er überhaupt immer sehr schnell eingebracht wird, weil er halt irgendwie gewichtig klingt, weil natürlich was dahintersteckt. Aber er passt hier überhaupt nicht. Mir geht ja regelmäßig die Hutschnur hoch, wenn der Begriff in einem Nebensatz eingefügt wird, ohne zu erläutert, inwieweit man sich darauf bezieht., und weil es viel zu häufig für den Buzz-Effekt genutzt wird, den Du an anderer Stelle kritisierst. Du sagst: “Menschen, die gegen Rape-Culture sind, dürfen das Spiel kritiseren.” Was meinst Du damit, was ist dein Begriff von Rape Culture?
    Die generelle Einbindung der Thematik sexueller Gewalt in Unterhaltungsmedien? Spielt da nicht auch der Kontext eine Rolle? Wird in dem Spiel die sexuelle Gewalt verharmlost oder legitimert, oder ergibt sich Lara Croft der Gewalt? Ich will dem Spiel jetzt nicht den künstlerischen Wert von Irreversible anerkennen, aber ich finde die Szene hier nicht weniger legitim als dort. Jedes Medium hat das Recht, sich dem Thema sexuelle Gewalt zu nähern, wenn sie dort nicht propagiert oder legitimiert wird oder es als selbstverständlich genommen wird, dass die Frau sich dieser ergibt.

    Kleiner Randaspekt: Die sexuelle Komponente von Lara Croft war auch früher schon Thema. In Teil 1 wurde sie als Sexsymbol aufgebaut, in Teil 2 konnte man sie im Intro als 16-jährige spielen. Das gab damals durchaus Diskussionen, inwieweit man dort mit dem Lolita-Image spielt. Ich will damit gar kein neues Fass aufmachen, nur darauf hinweisen, dass Tomb Raider schon zuvor für Diskussionsstoff in diese Richtung gesorgt hat. Fand ich bemerkenswert.

  • xbg sagt:

    Der Trailer in seiner Gesamtheit macht auf mich den Eindruck eines Max-Payne-artigen Albtraums (meine Vergleichsmaßstäbe sind etwas eingerostet). Ich finde auf jeden Fall die Parallele bemerkenswert zu den anderen Kindermedien, von denen man sagt, sie seien im Laufe der Zeit erwachsen und düster geworden, wie Harry Potter und Der Hobbit bzw. Herr der Ringe. Obwohl ich zustimmen muss, dass es möglicherweise irreführend aus der TR-Geschichte heraus ist, könnte auch einfach der Gedankengang dahinterstecken: auch die Lara Croft Fans werden älter.

  • Roman Held sagt:

    Als 2010 der Trailer zu “Dead Island” binnen eines Tages auf allen Blogs gefeiert wurde und darin ein (Zombie-)Kind seine Eltern anfällt und von ihnen aus dem Fenster geworfen wird, fand ich den Trailer brillant und zugleich die Szene mit dem Mädchen abscheulich. Als der Trailer zu “Bioshock” seinerzeit implizierte, dass der Spieler in der Ich-Perspektive kleine Mädchen quälen muss, beschloss ich das Spiel nicht zu spielen. Ich war verstört von den bizarren Vergewaltigungsszenen in “Silent Hill” und fand die Schilderungen der Figur Jack in “Mass Effect 2″ von Vergewaltigung und Missbrauch anstrengend. In “Mas Effect 3″ wird in einer Schlüsselszene ein Kind getötet und mehrfach siehst Du es brennend in verschiedenen Sequenzen wieder auftauchen. Und von den unverantwortlichen Verfehlungen und der extremen Frauenverachtung von “Duke Nukem Forever” fange ich gar nicht erst an… und jetzt kommst Du mit einem so lahmen und für mich nicht einmal ansatzweise nachvollziehbaren Vorwurf, im Trailer zum “Tomb Raider”-Reboot würde eine Vergewaltigung impliziert?
    - Ich dachte Du bist durchaus ein versierter Gamer. Aber in welchem videospielfernen Teil der Reailität hast Du denn bitte die letzten zehn Jahre verbracht?

    Das neue Tomb Raider ist ein Reboot der gesamten Reihe und soll aus dem unrealistischen Puzzle-Action-Game mit der unrealistisch dickbusigen Wichsfigur einen harten Survival-Action-Titel machen. Und genau das sehe ich in dem Trailer. Ich sehe eine verstörte junge Frau in einer offensichtlich extrem feindlichen Umgebung, die dieses Mal ausnahmsweise nicht gegen dämliche Grabfallen, Wölfe und Spermaflecken auf dem Bildschirm, sondern um ihr nacktes Überleben kämpfen muss. Nein, falsch, ich sehe, dass ICH dieser Frau beim Überleben beistehen muss. Ich sehe ein Spiel, dass mich vermutlich anstrengen und mitnehmen wird, bei dem ich mich stark mit der Figur identifizieren werde und endlich mal keine dümmliche Wichsvorlage mit wackelnden Titten am Bildrand habe, sondern eine auf mich verdammt stark wirkende weibliche Hauptfigur, die mich von ihrem Kampf her ein bisschen an Ellen Ripley aus “Alien” erinnert und nun endlich den Titel “Beste Videospielheldin” verdient erlangen könnte. Und ich gebe offen zu, ich liebe, was ich da sehe. Dass Lara Croft lustvoll wie eine Pornomatratze stöhnte, wann immer sie in den alten Spielen einen Treffer einsteckte, ließ mich meine Augen so stark verdrehen, dass ich regelmäßig im Spiel abnippelte, weil meine Augen ständig kreisten. Das waren Dreckspiele und diese Figur mit ihrer unmöglichen Anatomie sollte man noch heute jenen um die Ohren schlagen, die damals stets betonten, einen “starken Frauencharakter” geschaffen zu haben und eine “Leitfigur”. Lara Croft war niemals mehr als eine Onaniephantasie ohne irgendeinen Charakter und eine Beleidigung von Frauen und Männern gleichermaßen. Ich bin dankbar, dass sie das nun nicht mehr zu sein scheint. Jedenfalls nicht mehr so sehr wie einst.

    Wie Du sicher weißt, wird das neue Tomb Raider voraussichtlich mindestens mit dem ESRB M (Mature, Age 17 or over) vertrieben werden (M wurde beantragt) wie die meisten Survival- oder Horror-Games der letzten Jahre. Und was ich sehe, ist ein Survival-Game, das im Trailer weitaus “harmloser” daherkommt als die meisten Games des Genres, die mir bekannt sind.
    Aber nun zu Deiner Vergewaltigung:

    Die ist Moppelkotze! Wo wird die denn vergewaltigt? Was ich sehe ist ein bedrohlicher Mann, der sie eindeutig sexuell agressiv anfasst, inmitten einiger Kampfszenen, und schließlich wirft er sich auf sie und sie greift nach der Waffe… und dann schleppt sie sich blutüberströmt weg.
    Würdest Du mit sexueller Belästigung argumentieren, würde ich Dir zustimmen. Er demütigt sie, und ganz klar ist auch vorher im Trailer zu sehen, dass er foltert, und es steht außer Frage, dass dieser Mann keinerlei Respekt nicht nur vor Frauen, sondern generell vor Menschen hat. Willkommen in der Videospielwelt der Abziehbildbösen! Da ist sexuelle Belästigung nicht neu, die ist schon immer da gewesen und meist viel bildhafter und eindringlicher dargestellt (siehe oben) als hier. Aber alles über sexuelle Belästigung und Demütigung hinaus ist ebenso Mutmaßung Deinerseits wie dieses ganze Gezeter hier vollkommen aufgeblasen ist.
    Wenn ich diese Szene im fertigen Spiel sehe, wird mich das quälen, weil ICH da gedemütigt und gequält werde. Und das wird mich nur umso mehr motivieren, mich dagegen zu wehren. Und genau so funktionieren doch Spiele immer. Du rächst den Tod, die Folter, das Irgendwas von Irgendwem oder Dir, und Du wirst provoziert, damit Du entsprechend reagierst. Ist diese Form der Motivation neu für Dich? Stimmt, bei Tetris kam das nie vor! In jedem anderen Spiel (selbst bei den späteren “Myst”) war das ein wesentlicher Bestandteil der Handlung und Spielermotivation!

    Und worauf willst Du eigentlich mit all dem hier hinaus? Geht es jetzt noch um die sexuelle Bedrohung und Herabwürdigung einer Videospielfigur, die einst nackt im Playboy zu sehen war und von Millionen Pubertierender im Kopf mehr als nur sexuell belästigt worden ist? Oder ist das ein etwas holpriger Versuch, mal wieder die “Videospiele bringen Übel in unsere Köpfe”-Debatte anzufeuern?

    Ach übrigens, Schätzchen, hast Du eigentlich “Dead Space” gespielt? http://www.youtube.com/watch?v=nKkPFDEiC6Q

  • toba sagt:

    Vielleicht mal ne andere Perspektive auf die Sache: Zunächst find ich den Trailer sehr vielversprechend und freue mich auf das Spiel. Das liegt vielleicht daran, dass ich mit den alten TR-Sachen nicht so wahnsinnig viel anfangen konnte, bin also kein Fan der jetzt vor den Kopf gestoßen wird. Stattdessen sehe ich im Trailer, wie ein Spiel angekündigt wird, in dem die Hauptfigur so was wie emotionale Tiefe besitzt. Die neue Lara ist schwach und überfordert und wird mit allerlei Katastrophen konfrontiert, an denen sie wächst. So weit, so vielversprechend.

    Es wird ein Erwachsenenspiel werden, soviel steht wohl jetzt schon fest. Wahrscheinlich kommt es ab 18 oder 16 Jahren in den Handel. Damit dürften Eltern wie Nilz es nicht ihren 12-Jährigen Töchtern schenken/vorspielen. Wahrscheinlich wird es einzelnen 13-jährigen Kids in die Hände fallen, die dann – ich mutmaße weiter – es wieder weglegen, weil die Hauptfigur nicht abgebrüht und männlich genug ist. Vermutlich wird dann weiter CoD oder Max Payne oder andere Scheiße gezockt, die viel eher auf diese Zielgruppe zugeschnitten ist.

    Was ich damit sagen will: Wir tun uns keinen Gefallen damit, wenn wir alles an Erwachsenenkultur so zurecht zensieren, dass es Kindern nicht schadet. Kinder finden immer einen Weg, die Verbote zu umgehen. Das haben wir früher gemacht, das werden die Kinder unserer Kinder noch tun.

    Diese Vergewaltigungsszene ist in meinen Augen harmlos. Vergewaltigung findet (leider leider leider) überall statt: In jeder Zeitung, in allen Nachrichten, in Filmen, Büchern, Hip Hop und im echten Leben. Ich heiße das nicht gut, aber hier versucht das Spiel eine realistische Welt abzubilden, in der es durchaus plausibel ist, dass böse Männer ein attraktives Mädchen verwaltigen würden. Das Spiel verharmlost aber nichts, sondern setzt das in den richtigen Kontext, also sehe hier moralisch kein Problem. (Soweit man das aus dem Trailer herauslesen kann, ob das fertige Spiel das dann noch immer so handhabt, wird man sehen müssen)

    Gemessen an dem, was in vielen anderen Spielen geboten wird, ist das kein Aufreger. In Crysis Warhead gibt es eine Szene, wo die Hauptfigur einen unbewaffneten koreanischen Soldaten foltert und anschließend hinrichtet. Hat kein Schwein interessiert, die Hauptfigur war ja amerikanischer Soldat.

  • myko sagt:

    Ich bin Gamerin. Den Trailer habe ich gerade zum ersten Mal gesehen und die hier diskutierte Szene ist heftig. Sie weckt bei mir den instinktiven Wunsch, der jungen Frau zu helfen, sie zu umarmen gegen diesen Schock.

    Das ist auch die Funktion dieser Szene. Die Macher versuchen, die zu rettende Prinzessin mit dem Actionhelden zu fusionieren. Das hat in den früheren Teilen (ich kenne vom Zocken nur den ersten und war immer eher Shooterfan) die Optik der Figur übernommen, über die man witzeln konnte – auch als Frau – die aber nicht herabsetzend war.

    Lara Croft ist eine Frau vom Fach, Archäologin, sportlich, ehrgeizig, abgebrüht, humorvoll.

    Die Lara Croft in diesem Trailer ist ein Mädchen, eine Doktorandin oder sowas, die irgendwie in eine Situation gerät, von der sie den Rest ihres Lebens Alpträume haben wird. Das ist ein Downgrading auf einer Ebene, die gar nicht den Leib betrifft, es ist ein soziales Downgrading. Die Lara, die ich erinnere, ist mindestens Privatdozentin, eine gestandene Person, die weiß, wo sie hinwill und die: “I hate tombs” nur sagt, wenn sie dazu grinst.

    Der Trailer, den ich gerade gesehen habe, setzt Lara Croft nicht als Frau herab. Trotzdem interpretiert er sie neu. Ich höre jede Menge Opfergeräusche, Stöhnen, Keuchen, Fluchtatmen, Angstschreie. Wenn die Sounddesigner das im fertigen Spiel untergebracht haben, werde ich es schon deswegen nicht spielen können, weil solche Geräusche am Frontallappen vorbei direkt mein Rückenmark alarmieren. (Dazu ist es da, aber ich will diese Instinkte nicht in Nicht-Notsituationen abrufen, das ist für mich nicht angenehm.) Lara Croft, das Mädchen, wird jemand anderes retten müssen.

    Vorbei kommen wir an etwas anderem nicht: Die Diskussion, wann ein Spiel für welche Altersgruppe geeignet ist, wird schon lange mit sehr ungerechter Machtverteilung diskutiert und von der Politik immer wieder populistisch instrumentalisiert. Das Spiel, das ich jahrelang intensiv gespielt habe, ist indiziert. Unreal Tournament 99, ein Mehrspieler-Shooter, der vor einer Science-Fiction-Kulisse Wettbewerbe inszeniert (d.h. schon im Spiel ist angelegt, dass ein “Tod” keiner ist, sondern nur ein Punktverlust in einem Wettbewerb, der Respawn, die Wiederauferstehung, ist immer dabei.) Durch die Shooterhysterie ist dieses Spiel sogar in den Genuss einer Indizierung gekommen. Und das ist a) lächerlich, denn ein 10jähriger könnte es spielen, ohne Schaden zu nehmen und b) gefährlich. Denn jetzt landen Eltern, die diese Spiele schon kennen und wissen, wie willkürlich und schwammig die Altersvorgaben mitunter sind, in der Falle, ein solches Spiel wie das diskutierte auch harmloser einzuschätzen.

    Und in diesem Fall rechtfertigen die abgerufenen Emotionen durchaus eine höhere Alterseinstufung.

    Ich hätte Lara Croft einen etwas stattlicheren Habitus gewünscht, sie war immer eine starke Frau. Das Original hätte dem Kerl btw. in die Eier getreten, lange bevor die Hand unten angekommen war. ;-)

  • Unkenruf sagt:

    Sehr interessanter Blogpost und ich muss auch sagen: der Trailer hat mich fasziniert. Die Szenen machen Lust auf mehr, ich finde es spannend sich mit so einer Story zu beschäftigen, es kommt mir zumindest sehr verstörend und düster vor. Das ganze Spiel wird wohl eher ein Psychothriller. Ich habe Tomb Raider nie wirklich gespielt, ich glaube Teil 3 hatte ich mal eine Weile am Wickel. Aber ich verstehe deine Ansicht, der neue Teil ist einfach untypisch für die bisherigen, es ist was ganz neues in TR. Wie gesagt, die Thematik selbst ist schon sehr interessant, ich würde diese Elemente deshalb nicht aus dem Spiel nehmen (wenn es denn gut umgesetzt wird). Die Verantwortungslosigkeit von Square Enix besteht also deiner Ansicht doch nur darin, dass sie es als Tomb Raider Titel vermarkten, hätten sie ein neues Spiel daraus gemacht wäre es wieder etwas anderes, richtig? Ich glaube aber wirklich, dass die Eltern da am längeren Hebel sitzen: die Altersfreigabe wird auf den Titel gepackt und sie haben einfach die Pflicht verantwortungsbewusst zu handeln und zu schauen, was ihr Kind für Spiele spielt. Klar soll es keine Rundumbewachung geben, aber mit sowas müssen sie sich einfach auseinander setzen.

  • Thomas sagt:

    Wenn Eltern ihren Kindern dieses Spiel kaufen trotz eindeutiger Kennzeichnung mit dem FSK-Logo, dann ist das ihre Schuld und keinesfalls die Schuld der Entwickler.

    Selbst wenn Nintendo sich dazu entschließen würde Mario im nächsten Spiel Leute umschießen zu lassen, ist dass nicht die Schuld der Entwickler. Die machen ihre Arbeit und wollen möglichst Gewinn machen und mit Gewalt zieht man eben Kunden.

    Dass FSK-Logo zeigt was man vom Spiel erwarten kann, völlig egal wie die letzten Spiele waren oder welches Image die Marke hat.

  • SpielerZwei sagt:

    Mein lieber Deef,
    ich respektiere Deine Meinung, aber in diesem Fall schießt Du mit Kanonen auf Spatzen. Ja, der Tomb Raider Reboot ist eine Spur härter und “realistischer” als die Vorgänger. Das ist laut Entwickler auch so beabsichtigt. Vermutlich wird das Spiel auch eine entsprechende Alterfreigabe erhalten (16 oder 18). Aber mal ehrlich: Was sieht man in dem Trailer, was nicht auch in jeder zweiten Zwanziguhrfünfzehnsendung im TV läuft? Bei vielen der von Dir angeführten Beispiele, allen voran die von mir für ihre scheinheilige und platte Tabubruch-PR-Strategie verachtete CoD-Serie, bin ich komplett bei Dir. Aber dagegen ist der TR-Trailer noch ausgesprochen harmlos. Ich kann nur vermuten, dass das Teil bei Dir irgendwelche Knöpfe gedrückt hat, weil ja jeder so seine persönlichen Schmerzgrenzen hat, aber ich kann mich darüber beim besten Willen nicht wirklich aufregen.
    Letztendlich gibt für mich nur die Frage nach der Verantwortung der Eltern etwas her. Allerdings bin ich da auch nicht so der richtige Diskussionspartner, weil ich, Vater eines fünfjährigen Jungen und Videospieler seit gut 30 Jahren, mir einbilde, die entsprechende (Medien-)Kompetenz zu besitzen, unabhängig von USK-Empfehlungen zu entscheiden, was mein Sohn spielen und sehen darf. Die Meinungen gehen diesbezüglich ja sehr auseinander. Meine Frau findet beispielsweise, dass Super Smash Brothers eigentlich schon zu brutal für einen Fünfjährigen sei, weil man da andere Figuren verkloppen muss. Ich hingegen sehe das etwas entspannter, weil ich den Darstellungsgrad wichtig finde und außerdem kein Waldorf-Vater bin, der Gewalt grundsätzlich und am besten bis zum Abitur, von seinem Kind fernhalten will.
    Anyway. Deine These, dass auch verantwortungsvolle Eltern ihren Koten das neue TR kaufen könnten, weil die Serie in der Vergangenheit eher harmlos war, kann ich so nicht teilen. Erstens waren auch die alten TR-Spiele nicht ganz ohne, was den Gewaltgehalt angeht (die meisten Teile waren USK 16). Zweitens haftet der Serie nach wie vor das “Dicke-Titten-Image” an, was wohl gerade die Mütter davon abhalten sollte, ihren Kindern einfach das Spiel in die Hand zu drücken. Außerdem ist es etwas blauäugig, zu sagen, dass von den Vorgängern automatisch auf den neuen Titel geschlossen wird. Der Logik folgend dürften auch viele Kinder Nolans Dark Knight-Filme im Kino sehen, weil Papi mit Batman eher harmlose alte Comics oder die trashig-kultige Fernsehserie verbindet. Drittens bedeutet “verantwortungsvoll” bzw. “medienkompetent” nicht, einfach nach dem USK-Logo zu entscheiden, da hier die Bandbreite enorm ist. Ich wundere mich teilweise sehr über die Freigaben und hätte andere vergeben. Sowohl nach ober, als auch nach unter.
    Bleibt also am Ende doch nur die alte Diskussion, warum so viele Eltern nicht weiter interessiert, womit ihre Sprösslinge ihre Freizeit verbringen. Aber genau die würde ich jetzt nicht gerade über den besagten TR-Trailer führen wollen. Zumal ich, wie schon gesagt, eine blinde Befolgung der USK- und FSK-Freigaben nicht für wirkliche Medienkompetenz halte. Es ist natürlich besser, auf diese Freigaben zu achten, als sich gar nicht darum zu kümmern, aber wirkliche Kompetenz ist das auch nicht…

  • Deef sagt:

    Euch allen vielen Dank für Eure Meinungen und auch für die sachliche Kritik. Es folgen einige Antworten von mir.

    @Nilz: Du schreibst

    Ein abschliessendes Fazit, wie verantwortungslos ich das finde, kann ich dir geben wenn ich das Coverartwork sehe. Ich denke nämlich das gerade das viele Eltern bei ihrer Kaufentscheidung beeinflusst. Vermutlich sogar hauptsächlich. Die gucken sich die Cover im Laden an, lesen vielleicht noch hinten drauf und entscheiden dann, ob das etwas für ihr Kind ist oder nicht. Da ist es dan wichtig die “Härte” zu symbolisieren.

    Genau. Wenn das Cover-, Werbe und Promotiondesign und die zugehörige PR des neuen Tomb Raider-Teils klar deutlich macht, dass es sich hier nicht mehr um die harmlose Kletter- und Rätsel-Lara von früher, sondern um ein brutales Actionspiel für Erwachsene handelt, würde Square Enix transparent und verantwortungsvoll handeln. Das wäre wünschenswert. Völlig unabhängig vom USK-Aufdruck betrachtet.
    Uncharted schätze ich übrigens auch sehr, habe alle drei Teile durchgespielt.

  • Deef sagt:

    @Einzelspieler: Du schreibst

    Wenn die Eltern ihren Kindern ein Ab18-Spiel kaufen (weil frühere Teile mal ab 12 und völlig harmlos waren), dann ist das in der Tat ein Problem der Eltern, die sich anscheinend nicht genug für ihre Kinder interessieren.

    Das kann man so sehen. Aber es gibt Argumente, die begründen, warum man auch von Spiele-Machern etwas Verantwortung einfordern kann. Ich habe im Artikel eins genannt und du nennst selbst auch eins:

    Aber auch wenn die Eltern auf die Altersfreigabe achten, werden die Kinder früher oder später Videospiele zocken, für die sie eigentlich zu jung sind. Weil Videospiele cool sind (im Ggs. zu Büchern) und weil Freunde oder Bekannte an solche Spiele herankommen (die ja immer interessanter sind, als das, was sie gerade spielen dürfen).

  • Deef sagt:

    @Sebastian:
    Danke für den ausführlichen Kommentar und auch für diese Botschaft

    …falls ich irgendwo trollig klingen sollte, das will ich überhaupt nicht, mir ist daran gelegen, meine Gedanken darzulegen, na, ob das man klappt.

    Du schreibst

    In den Twitterdiskussionen wirfst Du einige Nebelkerzen, in dem Du die Diskussion immer wieder auf ein Verbot lenkst, um dann zu sagen “Ich will das ja garnicht verbieten, nur kritisieren!”. Dass manuspielt dir eine Verbotsforderung unterstellt, fantasierst Du dir herbei. Die Frage “Warum soll man das nicht thematisieren dürfen” ist doch rein theoretisch gemeint. So zieht sich dein Vorwurf dann durch die Absätze, weil das die These ist, die Du vertreten willst, aber wirklich finden lässt sich da nichts. Jedenfalls bei keinem der von dir gebrachten Beispiele. Im Gegenteil solltest vielleicht eher Du darauf achten, Diskussionen nicht im Keim zu ersticken, in dem vorschnell mit dem Vorwurf-Vorwurf reagierst.

    Zunächst mal eine Binse. Ich bringe sie nicht, weil ich glaube, du wüsstest das nicht, sondern um darzulegen, was ich bei solchen Diskussionen im Hinterkopf zu behalten versuche:

    Wenn Menschen kommunizieren, kommt es häufig zu Missverständnissen. Die Wahrscheinlichkeit für Missverständnisse steigt, wenn z.B. bei schriftlicher Kommunikation das non-verbale fehlt oder bei Twitter sehr verkürzt kommuniziert wird. Botschaften kann man (nach diesem sehr beliebten Modell http://de.wikipedia.org/wiki/Vier-Seiten-Modell) aufdröseln in Sachinhalt und (teilweise unbewusste) Selbstoffenbarung, Beziehungsebene und Appell. Das Kommunikation mehrere Ebenen und Inhalte hat ist ganz normal, führt aber, wenn man diese verschiedenen Ebenen ignoriert oder überinterpretiert, gerne zu Missverständnissen und/oder dazu, dass ein Dialog unsachlich wird. Der erste Schritt dem entgegenzuwirken, ist sich zu fragen, was einem der andere übermittelt. Der zweite Schritt ist, den anderen zu fragen, ob er es überhaupt so gemeint hat, wie man es selbst verstanden hat. Das sollte nicht als Unterstellung geschehen. Dazu zwei Beispiele:

    Auf die Aussage von @Infinsternis: “Aber Kunst zensieren kann keine Lösung sein” antworte ich mit der Frage: “Habe ich den Zensur gefordert?”. Und seine Antwort lautet “Was ist das denn sonst? Du forderst, die Story umzuschreiben, dass diese Gewalt nicht vorkommt.”

    Wie Du siehst, gibt es die Zensur-Unterstellung. Und es ist wichtig, dass diese von @Infinsternis verbalisiert wird, damit ich darauf eingehen kann. Hätte ich nicht nachgefragt, hätten wir daran vorbeigeredet. Die Diskussion mit @Infinsternis geht aber sachlich weiter und läuft darauf hinaus, dass wir unterschiedliche Maßstäbe haben, wie wir die Freiheit der Kunst und die Verantwortung von Künstlern oder Spiele-Autoren bewerten oder abwägen. Wir haben also ein ärgerliches oder emotional unangenehmes Missverständnis aufgelöst in die sachliche Erkenntnis unserer beider Positionen.

    Zweites Beispiel:
    Auf Manus Frage “…aber warum soll das nicht thematisiert werden dürfen in diesem Medium?” reagiere ich, in dem ich ihm darlege, wie diese Frage bei mir ankommt: “Klingt, als unterstelltest du mir, ich würde Square Enix gerne eine Fast-Vergewaltungsszene verbieten wollen. Sagte ich das?”

    Beachte, dass ich nicht schreibe “du unterstellst mir, ich würde…”, sondern “Klingt, als unterstelltest du mir…”. Ich teile damit mit, was bei mir ankommt und gebe Manu die Möglichkeit das zu bestätigen oder den Eindruck zu korrigieren. Das tut Manu auch und teil mit, ihm ging es um die Frage, warum ich die Beinah-Vergewaltigungsszene als verantwortungslos bezeichne, woraufhin die Diskussion sachlich weiter geht.

    Das Missverständnis zwischen Manu und mir entstand, weil er in seiner Frage “…aber warum soll das nicht thematisiert werden dürfen in diesem Medium?” das Verb “dürfen” verwendete. Ohne “dürfen” gibt es keine Verbotsunterstellung in dem Satz. Würden Manu und ich uns persönlich kennen oder face-to-face miteinander sprechen, hätte ich das “dürfen” ignorieren können. Da das nicht der Fall ist, fragte ich nach, um zu erfahren, was er mir sagen will und um ihm klar zu machen, wie das bei mir ankommt.

    Diese beiden Beispiele machen deutlich:
    1.) es gab alleine in den Twitterdialogen mit Manu und @Infinsternis eine direkte, absichtliche und eine indirekte, unabsichtliche Zensur/Verbotsunterstellung. 2.) Dass ich darauf eingehe sind keine, wie du es nennst “Nebelkerzen”, sondern Maßnahmen, die das Verständnis erleichtern. 3.) Ich “ersticke” die Diskussion damit auch nicht, wie du es darstellst, sondern stelle Dinge klar, um die Gespräche davor zu bewahren, möglicherweise unsachlich zu werden.

    Du schreibst

    2: Ich habe in den von dir gezeigten Diskussionen keinen erlebt, der sich bei Videospielkritik in eine Blockadehaltung verfällt und davon nichts hören will. Aber Leute, die einen anderen Standtpunkt vertreten als Du. Und das ist legitim.

    Natürlich ist es das. Aber ich meinte auch nicht nur diese Diskussionen hier und jetzt, sondern allgemein. Ich habe das Gefühl (!), dass sich Spieler und Medien zu wenig mit brutalen Spieleinhalten auseinandersetzen. Nicht populistisch und verbotsfordernd, sondern einfach: was fällt uns auf? Wie fühlen wir uns dabei? Wie bewerten wir das? Natürlich gibt es dazu Artikel z.B. in der GEE und in diversen Blogs, aber es müsste mehr sein, um Reichweite zu erzielen, die über erfahrene Spieler hinausgeht.

    Im Fall von Tomb Raider wär das z.B. erreicht, wenn das neue Spiel z.B. im Kulturteil des SPIEGEL besprochen wird (was z.B. bei Heavy Rain wohl der Fall war http://www.spiegel.de/netzwelt/games/videospiel-heavy-rain-der-beste-digital-thriller-aller-zeiten-a-680010.html ). Vielleicht positiv. Aber mit Hinweis darauf, dass es jetzt ein Erwachsenenspiel ist.

    Das ist natürlich keine Kritik oder Forderung, die ich an Square Enix stelle, sondern wenn man so will an unsere Gesellschaft, von der ich mir wünschte, sie würde Spiele in den klassischen Kunst- und Kulturkanon aufnehmen, statt mit Unverständnis oder gar Argwohn zu betrachten. Damit das passiert, halte ich es u.a. für nötig, dass auch wir Spieler offen über das Schöne und nicht so Schöne in Spielen sprechen, über Inhalt und Story statt über grafische Features.

    Eben anders als z.B. der oben verlinkte Artikel der PC Games, in dem kein einziges nachdenkliches Wort zur Beinah-Vergewaltigungsszene fällt. Statt dessen heißt es “Der rund vier Minuten starke Gameplay-Trailer zeigt den Anfang des neuesten Tomb Raider-Teils – inklsuvie [sic] gefesselter Lara Croft und Befreiungsaktion. Schaut rein! (…) Wir wünschen euch viel Spaß mit dem Gameplay-Trailer zu Tomb Raider!”

    Würde man so über den neuen SAW-Film oder ein Buch wie “American Psycho” schreiben? Nein. Und zwar selbst dann nicht, wenn man SAW oder “American Psycho” empfiehlt. Ein Element zur Akzeptanz von Spielen als Kulturgut ist die Art, wie Spieler und Journalisten darüber schreiben. Dominiert die – nennen wir es mal – euphorische Praktikanten-Schreibe, werden Spiele nicht ernst genommen. Wir brauchen mehr GEE, mehr Game One, mehr gute Blogs, mehr Spieler die sich wie Meister Agitpop hier http://agitpopblog.org/?p=456 grimmepreisverdächtig analytisch, intelligent und humorvoll zu Games äußern.

    Du schreibst

    3: Um aber mal auf das konkrete Beispiel zu kommen: Tomb Raider hat kein harmloses Image. Es hat überhaupt kein Image. Jedenfalls nicht bei videospielfernen Menschen. Die Mainstream-Marke Lara Croft ist seit zehn Jahren tot (…)

    Das glaube ich nicht. Gerade bei videospielfernen Menschen wirkten die Filme mit Angelina Jolie und sie wirken weiter, denn sie laufen ab und an im Fernsehen.

    Du schreibst:

    Man kann von einem Hersteller nicht verlangen, ewig an einem Markenimage zu kleben, weil man damit einen kleinen Kreis von Leuten irritieren würde. Das wäre kulturelle Stagnation.

    Das verlange ich auch nicht. Aber ich wünsche mir von einem Hersteller, dass er bei der Überführung einer Spielmarke von harmlos zu brutal umsichtig vorgeht. Zum Beispiel, wie von @Nilz oben erwähnt, durch ein passendes Coverbild sowie durch entsprechendes Werbe- und Promotiondesign und PR, die klar macht: das ist nicht mehr die Lara Croft von früher, das ist jetzt ein brutales Spiel für Erwachsene. Und wenn das nicht geschieht, dann darf ich das geschmack- und verantwortungslos nennen. Und wenn nicht ich alleine, sondern noch andere, gewichtigere Leute Kritik äußern und zwar jetzt, vorab, dann besteht eine gute Chance, dass Square Enix entsprechend handelt – falls sie es nicht ohnehin vorhatten. Diskussionen über Spiele sind Teil des idealerweise konstruktiven gesellschaftlichen Prozesses der Rezeption von Unterhaltung, Kunst und Kultur.

    Du schreibst

    4: Ich finde den Begriff Rape Culture, der hier eingebracht wurde, völlig deplatziert (…) weil es viel zu häufig für den Buzz-Effekt genutzt wird, den Du an anderer Stelle kritisierst.

    Abgesehen von der Nachfrage von @Infinsternis bist du der erste, der auf den Begriff aufspringt. Buzz war nicht das Ziel und ist dadurch auch nicht entstanden. Der Dialog mit @Infinsternis lief über nicht-öffentliche Twitter-Direktnachrichten, also konnte auch kein Buzz entstehen.

    Die Diskussion hier im Blog ist angenehm sachlich und kontrovers. Mindestens zwei Arten von Diskussionteilnehmern haben sich aber nicht zu Wort gemeldet: Leute, die meine Kritik derart übertrieben und/oder irrelevant finden, dass sie sich hier gar nicht äußern. Und Menschen, die meine Kritik als zu zahm und untertrieben erachten.

    Letzere hätten sich vielleicht auch zu Rape Culture und zur Wahrnehmung von fiktionaler und realer Vergewaltigung in der Gesellschaft geäußert. Da das bisher nicht passiert ist und ich kein Experte beim Thema Rape Culture bin, führe ich das nun auch nicht näher aus. Ich hab den Begriff beim Dialog mit @Infinsternis spontan eingeworfen – im Artikel, der etwas überlegter geschrieben ist, verwende ich “Rape Culture” nicht.

  • Deef sagt:

    @Roman Held:

    Du schreibst

    Und von den unverantwortlichen Verfehlungen und der extremen Frauenverachtung von “Duke Nukem Forever” fange ich gar nicht erst an… und jetzt kommst Du mit einem so lahmen und für mich nicht einmal ansatzweise nachvollziehbaren Vorwurf, im Trailer zum “Tomb Raider”-Reboot würde eine Vergewaltigung impliziert?

    Ich schrieb in dem Artikel und im ersten Diskussions-Tweet nicht Vergewaltigung, sondern Beinah-Vergewaltigung. Und die wird im Trailer nicht “impliziert”, sondern expliziert: sie ist klar zu sehen und zu hören.
    Duke Nukem bewegte sich schon immer außerhalb der Grenzen des sogenannten guten Geschmacks und war gerade deshalb – zumindest früher – großartig. Der Duke ist eine unschwer erkennbare Satirefigur. Wenn Autoren einen Antihelden, eine Witzfigur wie Duke Nukem frauenfeindlich auftreten lassen, ist das anders zu bewerten, als wenn ein Charakter so handelt, der als seriöses Rollenvorbild dient. Lara Croft war anatomisch gesehen auch kein seriöses Rollenvorbild, aber die Spielhandlung war größtenteils unblutig. Lara Croft hat u.a. durch die Filme mit Angelina Jolie ein anderes, harmloseres Image als z.B. Resident Evil und die zugehörigen Verfilmungen mit Milla Jovovich. Duke Nukem 3D von 1996 war freigegeben ab 18 Jahren, frühere Tomb Raider-Teile dagegen ab 6 bis 16 Jahren. All das zusammen beantwortet deine Frage: Selbstverständlich.

    Du schreibst

    Ich dachte Du bist durchaus ein versierter Gamer. Aber in welchem videospielfernen Teil der Reailität hast Du denn bitte die letzten zehn Jahre verbracht?

    Das Schöne ist ja, du und ich kennen uns und ich glaube, wir schätzen uns auch. Außenstehende können sich davon mittels dieses gemeinsamen Podcasts (Artikel, mp3) ein Bild machen.

    Deshalb können wir auch etwas heftiger miteinander streiten streiten, ohne uns gleich angegriffen zu fühlen. Ich vermute, du möchtest das. Nun mal sehen, wie rhetorisch erfolgreich du mit deinen provokativ formulierten Argumenten bist.
    Aber nun die Antwort auf deine Frage: In den letzten zehn Jahren habe ich bei im Durchschnitt acht gekauften Spielen pro Jahr insgesamt etwa 80 Games gezockt. Das aktuell meistgespiele ist Modern Warfare 3, welches mich laut der Statistik von Call-of-Duty-Elite 117 Stunden alleine im Online-Multiplayermodus beschäftigte. Davor ähnlich intensiv “Call of Duty: Black Ops” und Modern Warfare 2, sowie Mario Kart und Blur. Bis 2006 pro Woche drei bis sechs Stunden Counter-Strike. Wie sich das anhörte hier. Urteile selbst, ob das genügt, um als versierter Spieler zu gelten.

    Du schreibst:

    Das neue Tomb Raider ist ein Reboot der gesamten Reihe und soll aus dem unrealistischen Puzzle-Action-Game mit der unrealistisch dickbusigen Wichsfigur einen harten Survival-Action-Titel machen. Und genau das sehe ich in dem Trailer. Ich sehe eine verstörte junge Frau in einer offensichtlich extrem feindlichen Umgebung, die dieses Mal ausnahmsweise nicht gegen dämliche Grabfallen, Wölfe und Spermaflecken auf dem Bildschirm, sondern um ihr nacktes Überleben kämpfen muss. Nein, falsch, ich sehe, dass ICH dieser Frau beim Überleben beistehen muss. Ich sehe ein Spiel, dass mich vermutlich anstrengen und mitnehmen wird, bei dem ich mich stark mit der Figur identifizieren werde und endlich mal keine dümmliche Wichsvorlage mit wackelnden Titten am Bildrand habe, sondern eine auf mich verdammt stark wirkende weibliche Hauptfigur, die mich von ihrem Kampf her ein bisschen an Ellen Ripley aus “Alien” erinnert und nun endlich den Titel “Beste Videospielheldin” verdient erlangen könnte. Und ich gebe offen zu, ich liebe, was ich da sehe. Dass Lara Croft lustvoll wie eine Pornomatratze stöhnte, wann immer sie in den alten Spielen einen Treffer einsteckte, ließ mich meine Augen so stark verdrehen, dass ich regelmäßig im Spiel abnippelte, weil meine Augen ständig kreisten. Das waren Dreckspiele und diese Figur mit ihrer unmöglichen Anatomie sollte man noch heute jenen um die Ohren schlagen, die damals stets betonten, einen “starken Frauencharakter” geschaffen zu haben und eine “Leitfigur”. Lara Croft war niemals mehr als eine Onaniephantasie ohne irgendeinen Charakter und eine Beleidigung von Frauen und Männern gleichermaßen. Ich bin dankbar, dass sie das nun nicht mehr zu sein scheint. Jedenfalls nicht mehr so sehr wie einst.

    Schön. Geht aber am Thema und am Inhalt meiner Kritik vorbei. Ich kritisiere weder den Reboot der Serie an sich, noch den stärkeren anatomischen Realismus der Figur Lara Croft. Ich weise darauf hin, dass bei der Brutalisierung einer als harmlos bekannten Spielfigur etwas Umsicht sinnvoll ist, wenn man als Spiele-Macher verantwortungsvoll handeln will. Das mündet vor allem in die Frage, wie die Veränderung der unblutigen Lara hin zur Heldin in einem Erwachsenenspiel kommuniziert wird. Wenn Square Enix die Beinah-Vergewaltigungsszene in den Trailer packte, um schon Monate vor der Veröffentlichung des Spiels die Veränderung des Markenimages anzustoßen, wäre das positiv zu werten. Schlussendlich entscheidet beim Release das Coverdesign, die Werbung und die PR, ob sie verantwortungsvoll handeln oder nicht. Zum Thema wünschenswertes Coverdesign siehe auch die anderen Kommentar-Antworten.

    Du schreibst

    Aber nun zu Deiner Vergewaltigung: Die ist Moppelkotze! Wo wird die denn vergewaltigt? Was ich sehe ist ein bedrohlicher Mann, der sie eindeutig sexuell agressiv anfasst, inmitten einiger Kampfszenen, und schließlich wirft er sich auf sie und sie greift nach der Waffe… und dann schleppt sie sich blutüberströmt weg.
    Würdest Du mit sexueller Belästigung argumentieren, würde ich Dir zustimmen.

    Da ich im Artikel und im ersten Diskussions-Tweet nicht Vergewaltigung, sondern Beinah-Vergewaltigung schrieb, nehme ich an, du stimmst mir zu.

    Du schreibst

    Und worauf willst Du eigentlich mit all dem hier hinaus? Geht es jetzt noch um die sexuelle Bedrohung und Herabwürdigung einer Videospielfigur, die einst nackt im Playboy zu sehen war und von Millionen Pubertierender im Kopf mehr als nur sexuell belästigt worden ist? Oder ist das ein etwas holpriger Versuch, mal wieder die “Videospiele bringen Übel in unsere Köpfe”-Debatte anzufeuern?

    Das steht oben im Artikel.
    Du schreibst

    Ach übrigens, Schätzchen, hast Du eigentlich “Dead Space” gespielt? http://www.youtube.com/watch?v=nK

    Durchgespielt. Siehe mein Review von 2009.

  • Deef sagt:

    @Unkenruf
    Du schreibst

    Die Verantwortungslosigkeit von Square Enix besteht also deiner Ansicht doch nur darin, dass sie es als Tomb Raider Titel vermarkten, hätten sie ein neues Spiel daraus gemacht wäre es wieder etwas anderes, richtig?

    Ja, wenn es unter einem anderem Markennamen erschiene, gäbe es die Problematik in der von mir geschilderten Form nicht. Aber ich habe auch nichts gegen die Entwicklung und Veränderung von Spielserien, bei denen der Name beibehalten wird. Ich erwarte aber vom Spiele-Hersteller mehr, als sich auf die gesetzliche Regelung zu beschränken, die entsprechende USK-Freigabe auf die Hülle zu kleben. Verantwortungsbewusst von Square Enix wäre es, klar zu kommunizieren, dass es sich beim neuen Tomb Raider und ein Erwachsenenspiel handelt. Es sollte aus Packungs-Cover, Werbung, Promotion und PR hervorgehen, dass wir es nicht mehr mit der unblutigen Kletter- und Rätsel-Lara zu tun haben. Vielleicht war der Trailer oben ein Schritt in diese Richtung. Wir werden es wissen, wenn das Spiel im März 2013 erscheint. Es ist aber nicht verkehrt, sein Unbehagen schon vorab öffentlich zu äußern. Konstruktive Kritik hilft im Idealfall auch Square Enix.

  • Deef sagt:

    @Thomas:
    Du schreibst

    Wenn Eltern ihren Kindern dieses Spiel kaufen trotz eindeutiger Kennzeichnung mit dem FSK-Logo, dann ist das ihre Schuld und keinesfalls die Schuld der Entwickler.
    Selbst wenn Nintendo sich dazu entschließen würde Mario im nächsten Spiel Leute umschießen zu lassen, ist dass nicht die Schuld der Entwickler. Die machen ihre Arbeit und wollen möglichst Gewinn machen und mit Gewalt zieht man eben Kunden. Dass FSK-Logo zeigt was man vom Spiel erwarten kann, völlig egal wie die letzten Spiele waren oder welches Image die Marke hat.

    So einfach kann man sich das natürlich machen. Du nennst allerdings keinen Grund, warum man das sollte. Ich nenne im Artikel und in den anderen Kommentarantworten Argumente, warum ich Spielemacher auch in der Verantwortung sehe. Nicht alles, was legal ist, ist auch moralisch richtig. Selbstverständlich kann jeder selbst entscheiden, welche moralischen Grundsätze und Regeln er für wertvoll erachtet.
    Mal ein Beispiel: die Schufa hatte ein Forschungsprojekt angekündigt, um zu prüfen, ob sich öffentliche Daten aus sozialen Medien zur Bewertung der Kreditwürdigkeit von Individuen nutzen lassen. Das ist legal, siehe hier.
    Der öffentliche Druck dagegen sorgte dafür, dass das beauftragte Forschungsinstitut das Projekt beendete – siehe dort.
    Ich finde die Datensammlung u.a. der Schufa (oder Otto) an sich fragwürdig. Das Schufa-Forschungsprojekt aber hätte mich nicht gestört. Denn es sollten nur öffentliche Daten verwertet werden, die in der Verantwortung der jeweiligen Nutzer liegen, die diese Daten freiwillig veröffentlichten. Das ist ein Beispiel für die unterschiedliche Bewertungen von Handlungsweisen durch Moral und Recht und ein Beispiel dafür, was öffentliche Kritik ganz ohne neue Gesetze, Verbote oder Zensur bewirken kann.

  • Deef sagt:

    @SpielerZwei

    Danke für deinen Kommentar und ich kann dir in vielem folgen. Ich glaube, dass die sachliche Diskussion über Spiele eben auch den Eltern hilft. Gerade denen, die selbst nicht spielen. Spiele sind ein Milliardengeschäft wie Filme, Musik und Literatur, trotzdem kommen Spiele noch zu wenig im medialen und kulturellen Diskurs vor. Es hat in den letzten Jahren zugenommen, dennoch sind Videogames im Kulturteil von Zeitungen und Magazinen, in Kunst- und Kultursendungen massiv unterrepräsentiert. Dort wäre der Ort, um sich auch mit Spielen für Erwachsene sachlich, inhaltlich, kritisch und empfehlend auseinandersetzen. Das stärkt das Ansehen der Spielkultur und die Medienkompetenz der Gesellschaft.
    Siehe dazu auch meine Kommentarantwort an Sebastian oben.

  • Deef sagt:

    @xbg: Ja. Wenn das bei der Werbung fürs fertige Spiel auch so kommuniziert wird, sähe ich kein Problem.

    @toba: Gewiss. Ich will auch nichts “zurecht zensieren”.

    @myko:
    Du schreibst

    Die Diskussion, wann ein Spiel für welche Altersgruppe geeignet ist, wird schon lange mit sehr ungerechter Machtverteilung diskutiert und von der Politik immer wieder populistisch instrumentalisiert.

    Vollkommen richtig. Deshalb gut, wenn mehr Menschen und vor allem mehr Spieler und Spielerinnen an der Diskussion teilnehmen.

  • Herr Kaliban sagt:

    Ah, came late to the party.

    Kurz meine 2 Cents:

    Ich sehe nicht, was die Szenen hat nichts mit “Rape Culture” zu tun haben könnten, den Kampfbegriff finde ich hier ganz falsch verwendet.

    Der Trailer zeigt IMHO eine spezifisch weibliche Verletzlichkeit, was gerade bei einer vollbusigen Abziehbild-Heldin ein harter Bruch — und damit der Figur Tiefe verleihen kann. Sollen doch die ganzen Jungs, die’s gewohnt sind, Lara auf die animierten Titten zu starren, sich auch mal in einer gespielten Situation kurz mit einer Gefahr auseinander setzen, der Frauen regelmäßig begegnen.

  • Rex Lex sagt:

    Was Herr Kaliban sagt, die letzten beiden Sätze.

  • »Paula« sagt:

    Hallo Deef,

    ich habe jetzt nicht die ganzen Kommentare gelesen, sondern wollte mal was nachfragen, weil ich Videospiele selten kaufe: Ist das FSK-18-Logo gut sichtbar? (Das neue TR IST doch hoffentlich ab 18?!)

    Ich fände es gut, wenn Spiele ab 18 in eine Art “Erwachsenen-Ecke” wandern, wie auch in Videotheken – dann wäre den Eltern vielleicht klarer, was sie da kaufen? Ebenso dicke, fette Hinweise bei Online-Händlern, wo noch mal bestätigt werden muss, dass klar ist, was da gerade gekauft wird. Dann wüssten vielleicht euch weniger Videospiel-affine Eltern Bescheid.

    Zur Szene an sich: ich kenne TR nicht, aber wenn das stimmt, dass es sich von einem relativ harmlosen Spiel zu einem brutalen verwandelt hat, wundert mich das in unserer heutigen Gesellschaft leider kaum noch. Ekelhaft – aber das ist ein anderes Thema.

  • Flo sagt:

    Bin erst jetzt über drei Ecken auf diesen Post gestoßen. Deef, ich kann zwar einen Teil deiner Argumentation durchaus nachvollziehen, aber zwei Punkte stoßen mir sauer auf.

    Erstens das “think of the children”-Argument. Es liegt in der Verantwortung der Eltern, den Medienkonsum ihrer Kinder zu begleiten und alters- und entwicklungsgerecht zu steuern. Einen vergleichbaren Entwicklungsprozess wie den, den du bei TR kritisierst, haben wir auch bei Harry Potter gesehen, aus einem ganz einfachen und eigentlich sehr logischen Grund: Das Publikum altert mit der Serie. Wer als Zwölfjähriger den ersten Band bei Erscheinen gelesen und sich an der ein oder anderen Stelle wohlig-schaurig gegruselt hat, hat Lord Voldemorts recht drastisch beschriebenen Tod im doch hoffentlich schon gereiften Alter von 22 Jahren erlebt. Hätte Rowling die Folgebände also nun alle für Zwölfjährige schreiben sollen?

    Dazu kommt in diesem Fall noch etwas, was Harry Potter fehlt: Tomb Raider erschien 1996 und war in Deutschland ab 16 Jahren freigegeben. Auch wenn die Serie verhältnismäßig zahm daherkam, war sie zu Beginn keine Kinderspielereihe. Aus wohl vordergründig kommerziellen Beweggründen wurde zwischenzeitlich das Gewaltlevel so herabgeschraubt, dass mehrere Titel ab 12 Jahren freigegeben werden konnten, und die Verfilmungen haben sicher ihren Teil zum harmlosen Titten-und-Herumhüpfen-Image beigetragen, aber in meinen Augen findet die Reihe sowohl von der Stimmung als auch vom Umgang mit Gewalt zu ihren Anfängen zurück – und damit zu ihrem inzwischen deutlich volljährigen Urspungspublikum. Soll man nun verbieten, Charaktere und Welten weiterzuentwickeln?

    Der zweite Punkt ist die Erwartung oder in diesem Fall vielmehr die Nicht-Erwartung von Ernsthaftigkeit in Computerspielen: Früher waren Spiele verpönt, weil sie unrealistisch waren und sich nicht oder nicht differenziert mit “der Wirklichkeit”, mit sozialen Problemen, mit ethischen Konflikten auseinandersetzten. Mittlerweile sind viele Genres erwachsen geworden. Wie groß war der Aufschrei über das Flughafenmassaker in Modern Warfare 2? Wie wurde damals über den ersten Teil von Max Payne geschrieben? Wie über die Optionen für gleichgeschlechtliche Beziehungen in der Mass Effect-Reihe? Und jetzt ist es eben eine Vergewaltigung, die den Sprung von der Wirklichkeit einerseits, von praktisch allen anderen Mediengattungen aber andererseits auf den Zockerbildschirm schafft. Und wieder wird geschrien. Ohne zu wissen, was die Entwickler daraus gemacht haben. Ohne zu wissen, wie Lara Croft, immerhin eine der einflussreichsten weiblichen Kunstfiguren der Neuzeit überhaupt, sich mit dem Erlebnis dieses Traumas auseinandersetzt. Die Szene ist krass, ohne Frage. Doch ob sie angemessen ist oder nicht, ob sie die Grenze des Erträglichen überschreitet, lässt sich meiner Ansicht nach nicht aus einem Dreineinhalbminutentrailer entnehmen. Was ich in den gezeigten Szenen vor allem sehe ist eins: Tiefe. Die Produzenten setzen am Charakter der Lara eine Entwicklung fort, die in Angel of Darkness begonnen hat. Weg von der toughen Abenteurerin, hin zu einem Menschen mit Stärken, Schwächen, Ängsten, und eben auch mit einer traumatischen Biographie.

    Also all das, was jahrzehntelang von Spielen gefordert wurde. Und nun ist es auch wieder nicht recht.

  • Flo sagt:

    Und um ein Zitat von dir aufzugreifen:

    “Und weil Stephen King schon falsch für Kinder ist, [...]”

    Ich habe, meinen bibliophilen Eltern sei Dank, im Grundschulalter die griechischen Mythen und etwa ab dem Übertritt aufs Gymnasium Karl May gelesen. King folgte mit 12 Jahren. Mit solcherlei Pauschalurteilen wäre ich vorsichtig.

  • Deef sagt:

    @Flo: Das Pauschalurteil zu King stellst du fest, mir ging es um etwas anderes. Schau dir gerne den Satz mit King in der Twitterdiskussion nochmal an. Es ging um die Schlüssigkeit von Argumenten.

  • Vorab: Ich spiele leidenschaftlich gerne Spiele, in denen es “ordentlich zur Sache geht”, wie die Computer Bild vermutlich sagen würde: Zuletzt habe ich es genossen, in Max Payne 3 hunderte Menschen abzuknallen. Ich fühle mich mit Gewalt in Videospielen wohl.

    Dennoch gebe ich Deef voll und ganz recht. Diese Szene ist unnötig und völlig deplatziert. Ich habe Deef auch nicht viel mehr hinzufügen, er hat eigentlich alles gesagt, möchte mir dennoch zwei Bemerkungen erlauben: Zum einen erschrickt es mich, wie manche eine offensichtliche versuchte Vergewaltigung als sexuelle Belästigung verharmlosen, und viel schlimmer, als wäre “nur” sexuelle Belästigung halb so schlimm. Zum anderen muss man das ganze im Kontext sehen – und der Kontext Tomb Raider ist das unpassendste Forum für solch eine Szene. Tomb Raider war bislang reine Popcorn-Unterhaltung. Jetzt versuchen die Macher, dem ganzen einen tiefgründigen Touch zu geben. Wahrscheinlich weil sie das Batman-Reboot von Christopher Nolan gesehen und gemerkt haben, wie toll das ist, plötzlich einen deepen Charakter zu haben. Man beachte nur die Werbebotschaft, ich zitiere: “Statt aberwitziger Weltreisen, alter Grabstätten und übernatürlicher Mythen steht Laras Werdegang im Vordergrund. Der Titel erzählt, wie aus einem verschüchterten Mädchen eine starke Persönlichkeit wird.” Ich kann mir richtig vorstellen, wie das Team herumsaß und sich fragte, was wohl ein schüchternes Mädchen zu einer starken Persönlichkeit werden lässt. Ach ja, natürlich – eine Beinahevergewaltigung! Da wächst man doch dran! Nein, sorry, Freunde, wir können über Gewalt reden, wir können über Blut reden, und das sehr gern. Aber weder ist es ok, das Foltern von Gefangenen in einem Computerspielkontext zu bagatellisieren, noch ist es angebracht, die psychische und physische Qual sexualisierter Gewalt als Vehikel für die krude Coming of Age-Story einer ehem. Sexbombe zu missbrauchen. In diesem Fall ist der Kontext einfach völlig falsch und deshalb sehe ich es so wie Deef: Die Szene hat dort nichts zu suchen.

  • Konrad sagt:

    Viele Menschen nehmen Videospiele zu ernst, viel zu ernst meiner Meinung. Es gibt wenig dagegen zu sagen, wenn man sich mit unserem Hobby tiefer auseinander setzen möchte, das Problem ist, dass dort meist wenig mehr Substanz vorhanden ist, als man auf den ersten Blick wirklich sieht.

    Videospiele, die im Mainstream beachtet werden, und das sind meist Triple-A-Titel vom Kaliber eines CoDs, Fifa und eben auch eines TombRaiders haben nur ein Ziel: sie sollen unterhalten und natürlich Geld bringen.

    Klar, es gibt Spiele die wollen und können mehr, auch durchaus große Produktionen sind darunter zu finden (Heavy Rain, Alan Wake…), doch das Grundanliegen diese Branche ist Entertainment. Das neueste Tomb Raider will da auch nicht mehr sein. Es ist sicherlich eine gut gestellte Frage, ob es unbedingt einen solchen Gewaltgrad braucht um unterhalten zu können, schaut man sich aber den amerikanischen Markt an (auf eben diesen zielt SquareEnix), dann sehen wir, dass Gewalt dort eine feste Größe der Popkultur ist und selten bis garnicht in Frage gestellt wird. Tomb Raider muss also zwangweise eine gewisse Qualität an Gewalt mitbringen um Kunden ködern zu können, deswegen ist sie da. Dass dich diese Gewalt anwiedert kann ich verstehen, empörtes Fingerzeigen und verweise aufs StGb werden der Thematik aber, wie bei einem Triple-A-Blockbuster, nur an der Oberfläche gerecht und zeigen eine stark moralpredigende Tendenz. Du hättest dich besser tiefer mit dem Thema befassen sollen, oder ganz einfach einen Drei-Zeiler als lustigen Rant bringen sollen.

    Ich bevorzuge inzwischen eher letzteres, schließlich ließt kaum einer lang ausgearbeitete Artikel über Spiele.

  • Deef sagt:

    @HerrKaliban: verzeih die späte Antwort. Du schreibst: “Der Trailer zeigt IMHO eine spezifisch weibliche Verletzlichkeit”. Das ist nur leider auch ein Klischee. Zumal wenn die Spielemacher in Interviews (siehe weiter unten in diesem Kommentar) vermitteln, die Beinahvergewaltigung sei ein “character defining moment”. Demnach reift Lara Croft zu einer toughen Frau heran, weil sie früher mal einen Vergewaltiger brutal abwehren musste. Können weibliche Charaktere nicht einfach so souverän und durchsetzungsstark sein? Muss es ein einschneidendes brutales, sexuelles Erlebnis geben, damit sie nicht nur Hausfrau und Mutter, sondern Heldin werden? Natürlich nicht und das was hier “character defining moment” genannt wird ist ein dummes Klischee. Zum Thema Rape Culture siehe auch weiter unten in diesem Kommentar.

    Update, wie die Debatte um Tomb Raider nach dem Erscheinen des Artikels oben weiterging:

    Zunächst sagte der Spiel-Produzent Ron Rosenberg, es gebe im neuen Tomb Raider eine Szene, in der versucht würde Lara Croft zu vergewaltigen (siehe http://bit.ly/Mohmj6 – genauer Wortlaut “They try to rape her”: http://bit.ly/LKbjXV ).

    Nachdem das eine Debatte anstieß und zu öffentlicher Kritik führte, griff Crystal Dynamics-Studiochef Darrell Gallagher ein und bestritt, dass der sogenannte “Crossroads”-Trailer eine versuchte Vergewaltigung zeige und sagte sinngemäß, das Spiel gehe nicht weiter als der Trailer und enthalte keine sexuelle Nötigung jeglicher Art. Dazu hier noch eine Quelle auf Deutsch
    http://bit.ly/LWUnd1

    Da heißt es abschließend auch so schön:
    In der öffentlichen Erklärung betont Gallagher zum Schluss, das man in Zukunft bei solchen Themen mehr auf die Formulierungen achten will.

    Schade, dass genau das in dem Statement von Gallagher nicht passiert, wenn er bestreitet, dass es eine versuchte Vergewaltigung und sexuelle Nötigung jeglicher Art in der Szene gibt. Die versuchte Vergewaltigung ist offensichtlich:

    http://youtu.be/adiFfdbXBfs

    Und es gibt noch mehr Anlass für Kritik. Nämlich dass diese Szene mit versuchter Vergewaltigung laut Gallagher als “one of the character defining moments” (Quelle: http://bit.ly/LKbjXV ) für Lara Croft verstanden werden soll. Kritik daran z.B. hier auf Deutsch http://bit.ly/NEzR0O

    Und auf Englisch im Guardian: http://bit.ly/MLVS0D
    “It is rare that strong women characters get to be protagonists in video games – and that’s part of the problem. If there were a multitude of women whose stories were told well – flawed, brilliant, good, evil, strong, weak and everything in between – the mischaracterisation of one would not have such an impact….”

    Gallagher bedient mit dem Verhalten seines Spielestudios (Trailer mit versuchter Vergewaltigung) und seinen versuchten Rechtfertigungen dazu (sei keine versuchte Vergewaltigung und keine sexuelle Nötigung jeglicher Art, sondern ein Erlebnis, das die Protagonistin definiere) ein kritikwürdiges Muster:
    http://en.wikipedia.org/wiki/Rape_culture

    “Rape culture is a concept used to describe a culture in which rape and sexual violence are common and in which prevalent attitudes, norms, practices, and media normalize, excuse, tolerate, or even condone sexual violence.”

    Dass das auch bei Fiktion, also bei von Medien konstruierter Realität, von Belang ist, steht nicht nur in dem Wikipedia-Zitat, sondern kann man auch in medienwissenschaftlichen Untersuchungen nachlesen.

    All das ist bereits jetzt, bevor das Spiel erscheint, eine Debatte wert. Man muss sich daran nicht beteiligen. Aber nur, weil man selbst (noch) nichts dazu sagen möchte, kann man der jetztigen Diskussion nicht die Grundlage absprechen.

    Generell gilt Meinungs- und Kunstfreiheit, nur beschränkt z.B. vom § 131 StGB “Gewaltdarstellung”, was auch explizte Gewaltdarstellung in ab18-Titeln erlaubt und das soll bitteschön auch so bleiben. Aber wenn Gewalt, sexuelle Nötigung, versuchte oder vollzogene Vergewaltigung thematisiert werden, dann bitte auch ehrlich und offen beim Namen genannt.

    Bitte nicht geleugnet und bitte nicht als “one of the character defining moments” beschönigt. Und natürlich ist es grundsätzlich wünschenswert, wenn solche Thematisierungen durch mehr Positivbeispiele an Games mit weiblichen Spielfiguren mengenmäßig weniger stark ins Gewicht fallen würden.

    Es ist deshalb auch nicht nur eine Debatte um Tomb Raider, Square Enix und Chrystal Dynamics, sondern eine gesellschaftliche Diskussion, die viel breiter ist und bei der die Haltungen und Reaktionen von Videospielern, Spielentwicklern, Unterhaltungs- und Kulturinteressierten usw. von Belang sind und sich in der Masse gegenseitig bedingen werden. Durch solche Debatten verändert und definiert sich fortlaufend was als “gut” und “gewünscht” gilt und so entsteht auch gesellschaftlicher Fortschritt.

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