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Dez
15
2008

Berghain: So kommt man durch die härteste Tür Berlins

Das Berghain morgens um 6. Foto von Deef.

Eine heftige Gravitationskraft geht aus vom Berghain in Berlin. Trotz langer Anstehzeiten und strikter Türpolitik zieht es wie ein gigantisches Schwarzes Loch aus Beton und Stahl scharenweise partywütige Techno- und Housefans an. Hier ein paar Tipps, wie mit hoher Wahrscheinlichkeit reinkommt.

Mund-zu-Mund-Propaganda und unzählige Reviews haben das Berghain und die darin befindliche Panorama Bar über die Grenzen Deutschlands hinaus berühmt und berüchtigt gemacht. “Best club in the world”, schreibt die New York Times und der Lonely Planet vermerkt: “Raw, massive, industrial – this hedonistic club in a former power plant looks like an utopian wet dream: sort of Metropolis meets Blade Runner”.

“Wir suchen uns selbst aus, mit wem wir feiern”

Was immer wieder im Zusammenhang mit dem Berghain genannt wird, ist die strenge Türpolitik. Wer reinkommt lobt sie, wer abgewiesen wird, ist empört, wie ein Blick ins clubeigene Forum zeigt. User Pissedoff ätzt:

Die Tür des Berghain scheint eine archaische Politik in Hinblick auf unterschiedliche Gesellschaftsschichten zu führen. (…) Einfach primitiv auf so sekundäre Merkmale wie Kleidung sofort auf Gesinnung und gesellschaftlichen Rang zu schließen.”

Dagegen lobt Forumsnutzer Jesaja:

Einen besonderen Dank an die Türsteher (…). Ihr macht einen Spitzenjob und mit Euch steht und fällt das ganze Berghain. Lasst Euch nicht beirren und bleibt so.”

“Wir suchen uns selbst aus, mit wem wir feiern”, ist der Standardspruch der Bouncer, womit sie es der Phantasie der Abgewiesenen überlassen, warum sie nicht zum erlauchten Kreis gehören. Es gibt keine offizielle Erklärung der Betreiber, wer rein darf und wer nicht. Deshalb habe ich ein paar Tipps zusammengestellt. Sie sind subjektiv und ohne Anspruch auf Allgemeingültigkeit und Vollständigkeit.

So kommt man ins Berghain

Das Publikum besteht vornehmlich aus schlanken, hübschen Jungs in Jeans und T-Shirt sowie Athleten, die im Verlauf der Nacht ihren nacktem Oberkörper zeigen. Dazu kommen schöne, aber nicht posh gestylte Mädchen und einige feminine, aber nicht CSD-like geschmückte Transen. Die meisten Gäste sind schätzungsweise zwischen 25 und 40 Jahren alt. Es sind stets viele Gays da und alle anderen sind zumindest schwulenfreundlich. Wer sich in dieser Beschreibung wiederfindet, wird höchstwahrscheinlich eingelassen.

Um die Chancen reinzukommen, nicht zu verschlechtern, sollte man:

  1. in der Schlange vor dem Einlaß nicht negativ auffallen, weil man beispielsweise betrunken, laut, oder aggressiv ist.
  2. nicht zu jung oder zu alt aussehen. Das Berghain ist kein Club für Teenies oder deren Großeltern.
  3. nicht wie ein Tourist wirken oder klingen. Provinzler und Ausländern sind zwar nicht unwillkommen, aber vermutlich legen die Betreiber wert darauf, dass das Berliner Stammpublikum in der Mehrheit bleibt.
  4. nicht die “falsche” Kleidung tragen. Wer over- oder underdresst kommt, zu posh, businesslike oder brav aussieht, kommt tendenziell nicht rein. Auch Träger von Snowboardjacken haben schlechte Karten. Vermutlich will man Leute, die nicht zur lässigen Feierszene gehören, draußen halten.
  5. nicht in einer Gruppe kommen. Je größer die Gruppe, desto größer die Chance, dass eines der Gruppenmitglieder den Türstehern nicht gefällt. In dem Fall wird die ganze Gruppe abgewiesen.
  6. nicht unsexy aussehen, weil man z.B. Akne mit ungeschnittenen Haaren, einer Zahnspange, Fettsucht und Klamotten von Kik (siehe oben) kombiniert.
  7. sich nicht als Klischee-Tunte mit abgebrochenen Handgelenken geben. Im Berghain wird die friedliche Koexistens von technophilen Schwulen, Lesben, Bisexuellen und Heten zelebriert. Das heißt aber nicht, dass man jeden reinlässt, bloß weil er z.B. schwul ist. Wer aussieht, als sei er Madonna-Mania- oder Schlagerparty-Stammgast, läuft Gefahr abgewiesen zu werden.
  8. keine Kamera bei sich tragen, denn Fotografieren ist im Berghain verboten. Handys mit Kamerafunktion werden wieder geduldet (zeitweise musste man sie laut einigen Quellen abgeben), Bilder sollte man aber auch damit nicht machen, wenn man keinen Rauswurf provozieren will.
  9. keine Waffen oder illegalen Drogen bei sich tragen oder etwas, das so aussieht, wie z.B. unidentifizierbare Tabletten, Pulver oder Flüssigkeiten. Hinter der Tür wird jeder Besucher einer mal mehr, mal weniger gründlichen Leibesvisitation mit Taschenkontrolle unterzogen.

Casting an der härtesten Tür Berlins

Türsteher Sven Marquardt, dessen eindrucksvolle Erscheinung mit schwarzem Mantel, diversen Piercings und Gesichtstattoo die Legende der “härtesten Tür Berlins” mitgeprägt hat, sagte in einem Interview, dass es am Einlaß mitunter wie bei einem Casting zugehe. Für welche Rolle? Wir wissen es nicht. Bei der Eröffnung seiner Fotoausstellung, hatte ich die Gelegenheit Marquardt zu fragen, wen er reinlässt und wen nicht. Es gehe um Aggressionskontrolle, erklärte er mir und darum, nur Leute einzulassen, die zu den “leidenschaftlichen Partys” vom Berghain passten. Das bestätigt meine Beobachtungen.

Wer sich alle Mühe gibt und dennoch abgewiesen wird, sollte nicht die Schuld bei sich suchen. Marquardt gibt zu, dass er bei den schnellen Entscheidungen an der Tür auch mal Fehler macht. Außerdem vermute ich, dass an besonders vollen Abenden wie Silvester, Tanz in den Mai oder wenn Stars auflegen auch nach quantitativen Kriterien aussortiert wird. Könnte heißen: zwanzig Leute dürfen rein, dann wird eine Gruppe abgewiesen, wieder zwanzig Leute rein, dann wird wieder eine Gruppe abgelehnt usw.

Abgewiesen – was nun?

Wird einem der Eintritt verwehrt, sollte man keinesfalls versuchen, die Entscheidung zu diskutieren, sondern einfach gehen. Jedes weitere Wort ist zwecklos. Es soll schon Leute gegeben haben, die sich erneut in die Schlange gestellt haben und beim zweiten Mal reinkamen. Empfehlen kann man diese Taktik bei einer Anstehzeit von 20 bis 60 Minuten nicht. Statt dessen bietet es sich an, in den 15 Gehminuten entfernten Club Maria zu gehen, der Kulisse für einige Szenen des ausgezeichneten Films Berlin Calling war.

Mehr zum Berghain in der Gefühlskonserve: Schau dir den  Videotrailer (1min47s) zum Buch STROBO – Technoprosa aus dem Berghain an. Oder lausche den Hörbuchfassungen der Storys Küss mich (12min) und In der Hölle (14min).

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Geschrieben von Deef in: Der ganze Rest | Tags: , , , , , , |
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57 Kommentare

  • Josefin sagt:

    Ich kann euch hierbei nur recht geben, solche leute will man auch nicht in einem club haben.
    Die machen einem nur die ganze party kaputt.

  • N: sagt:

    also das kommt darauf an was es für eine veranstaltung ist und ob du evtl. ein ticket hast.

    wenn z.B. Dubstep/Elektronika/Glitch läuft
    wie zu Warp20 dann hast du mit hoher wahrscheinlichkeit gute karten.
    gruppen sind immer schlecht…
    und wenn du nicht mega steif bist und noch 15 pillen schmeisst dann noch besser..

    das einzige nimmt euch nen gehörschutz mit ;-)

    bei minimal/techhouse veranstaltungen wird mehr gesiebt. ist auch andere szene und anderes publikum musst ja nicht in baggys kommen.

    wer normal aussieht kommt auch rein…
    muss halt style zum abend,musik und so weiter sein

    ob das richtig falsch ist :/

  • Tja sagt:

    @koppnicker

    Nee, das war so gegen halb 2. Oft drehen irgendwelche Weiber schon in der Schlange richtig durch. Denen wünsche ich dann immer viel Glück beim Reinkommen. Und was die da noch rumdiskutieren…Insgesamt ist das Berghain in punkto weiblichem Geschlecht für mich ziemlich zweischneidig. Viele sind zwar hübsch, doch die Wenigsten haben Klasse.Oft freue ich mich regelrecht, wenn ich vor den Frauen bedient werde…grins Ich finde auch, richtig gut kann man da vor Allem mit den Männern feiern.

  • Pit sagt:

    Fakten – Fakten – Fakten

    Türsteher wird zum Autor… In meinem Buch möchte ich viele Vorurteile gegen Türsteher aus dem Weg räumen und Themen ansprechen, die den Alltag eines Türstehers begleiten und manchmal auch erschweren. Dabei möchte ich durch Sprache, Ausdrücke und Verhalten die Realität eines Türstehers darstellen, ohne dass es in meiner Absicht liegt, die Mitbürger dieser Gesellschaft abzuwerten oder zu verletzen. Ich möchte einfach nur den Blickwinkel eines Türstehers authentisch darstellen.

    http://www.Blickwinkel-Türsteher.de

  • f!tch sagt:

    Ersteinmal Lob an den Verfasser des Berichts. Dem ist nichts hinzuzufügen. Wer die Doku “Feiern” (gib’s auf DVD) gesehen hat, dem wird auch nicht entgangen sein, dass dort einer der Türsteher interviewt wurde. Nun bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich es dort oder woanders gehört habe, jedenfalls hieß es mal, dass Leute in der Lage sein sollten, für einen Abend lang einfach mal jemand anderes zu sein. Was auch immer damit gemeint ist…

    Ich hatte bis auf einmal nie Probleme mit dem Reinkommen. Doch war es jedesmal wie so eine Art Hürde, die es zu überwinden galt. Der Club ist in meinen Augen der Beste, den ich je besucht habe. Alleine schon die Optik, wenn man die Stufen zum Mainfloor hochsteuert und die dazugehörige Akustik nimmt mir jedesmal den Atem!

    Ich war jetzt seit zwei Jahren nicht mehr drin und weiß nicht, ob sich seither an der Atmosphäre irgendwas verändert hat, aber ich war diesbezüglich eigentlich nie enttäuscht. Ich fands nur immer extrem voll, was das Tanzen, besonders in der ex-Panoramabar fast unmöglich machte.

    Ich hoffe, das gute alte Bergi bald mal wieder besuchen zu können. Habe schließlich was nachzuholen…

    LG und feiert schön und nicht zu dolle!
    f!tch

  • prob sagt:

    Was nicht drinsteht: Man sollte nach friedlicher Freude aussehen. Dann kommt man auch mit Snowboardjacke rein – meiner Erfahrung nach.

  • HugoMüllerVogg sagt:

    Also ne, Clubs mit “Gesichtskontrolle” können mir echt gestohlen bleiben. Steht man sich stundenlang die Beine in den Bauch und dann kommt ein obercooler Türsteher an und läßt einen nicht rein, nur weil man gerade mal n Pickel auf der Stirn hat. Wie tief kann man eigentlich sinken, sich extra nur für die Türsteher zu verkleiden, nur um in einen Club zu kommen wo auch nichts anderes gespielt wird als in zig anderen Clubs?

    Naja, Techno/House ist eh nicht meine Welt, da geh ich lieber in Hamburg in den Kaiserkeller. Ist recht gemütlich da. :)

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