
Kurz vor der Tür: Der Anfang der 45-Minuten-Schlange vorm Berghain
Man stelle sich vor, es gäbe Außerirdische. Die säßen zum Beispiel in Cooper’s Bar, hielten sich vom Barkeeper, der ständig “Alles eine Frage der Technik” vor sich hin derilierte, fern und wünschten sich an einen besseren Ort.
“Ja”, sagte der eine, “da gibt es ja diesen Kaff-Planet namens Erde.”
“Da wo die harmlosen, wurstförmigen Gestalten die dominierende Spezies sind?”
“Größtenteils harmlos, ja. Und da steht der Technoschuppen am Ende des Universums.”
“Oh ja, das Berghain”.
So könnte das sein, denn der Technoclub, dessen Betreiber nie die Publicity suchen, hat einen Ruf, der – so scheint es – über die Grenzen des Planeten hinausreicht. Ein Massenhype ist entstanden, den viele kritisch sehen. Schlimm, schlimm, schlimm – sagen die, die den Laden schon immer kannten. Die alten Stammgäste. Die Berliner. Die, für die Techno irgendwie mehr war, als nur elektronische Tanzmusik. Und obwohl der Laden schon lange kein Geheimtipp mehr ist, kann man immer noch hervoragende Feiernächte darin erleben. Denn die Musik ist immer noch erste Liga und die rigorose Türpolitik verhindert, dass nur Touris auf der Tanzfläche stehen. Und bloß weil Lady Gaga mal im Berghain abgestürzt ist und Fotos davon in der BILD landeten, ist das Berghain noch keine peinliche Promiabstellkammer, wie es das P1 angeblich mal war.
Also kein Grund zur Aufregung. Regt sich jemand auf? Ja, Timon Engelhardt ärgert sich in der Juni-Ausgabe des Berghain-Flyers (als pdf hier) über die Berichte, die sich mit dem Technoclub am Wriezener Bahnhof beschäftigen. Voll Abscheu reimt er:
Lady Gaga, andere auch.
Titten, Schwänze , auch mal Bauch.
Strobo,
Nebel, Sascha Lobo.
Gesichtstattoo und Augenringe.
House Music. Verbotene Dinge. (…)
Sonntag mittag alle dicht.
Jeder drin, Helene nicht. (…)
Airen fickt gern auf dem Klo,
ist auch schön da, Schmutz und so.
Und fährt fort:
Irgendwann ist dann auch mal alles gesagt. Alles. Man kann sogar schon schlechte Reime fabrizieren aus euren kläglichen Versuchen, etwas einzufangen, was nicht verstehen wird, wer sich nicht darauf einlassen kann. Eure Mischung aus Faszination und Abscheu, dieses Gefühl, unbedingt auch mal ein paar aufgeregte Sätze zu einem Hype zu verassen. Es macht mich krank. Echt. Eure Texte sind Autounfälle. Kommt feiern. Quetscht euch von mir aus in crazy Fantasy-Uniformen, wenn es das einfacher macht. Aber bittebittebitte keine idiotischen Schwachsinnsartikel mehr. Persönlich Bekannte ausgenommen.
Das Oktoberfest in München gibt es seit 1810 und alles ist bereits darüber geschrieben worden. Aber es bewegt jedes Jahr die Massen und zieht alljährlich eine neue Generation an, weswegen immer wieder aufs Neue darüber berichtet wird. Die Wiesn ist der Superlativ der bierseligen Schunkelfeierei und das im Dezember 2004 eröffnete Berghain eine moderne Variante davon. Extase und Absturz liegen auf der Theresienwiese und am Wriezener Bahnhof eng beieinander und somit kann man auch nicht anders als mit einer Mischung aus Faszinantion und Abscheu über Berghain und Oktoberfest schreiben. Immer und immer wieder. Wenn es einen nicht interessiert, muss man es ja nicht lesen.
Habe ich jetzt einen Autounfall gebaut? Ich hoffe nicht. Ich hab ja nicht mal ein Auto…
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schön wars gestern… oder heute… ;-)
Aaahhhh, Deef! Ein Autounfall isses nicht, aber Oktoberfest und Berghain in einem Atemzug zu nennen, ist schon … mutig :)
Dass ins Berghain viele Touristen gehen, konnte man spätestens vor ein paar Wochen feststellen, als der Esnas… Esnalla..falla…jökul …… also, als dieser Vulkan rumgestaubt hat. Da standen zur besten Berghain-Primetime plötzlich statt 400 nur 40 Leute vor der Tür.
Trotzdem sind die Touristen, die ins Berghain gehen, beileibe nicht dieselben Touristen, die man tagsüber im Tacheles oder abends volltrunken beim Pubcrawl in Mitte sieht. Derartiges Geschmeiß (sorry, mir ist gerade kein anderes Wort eingefallen) wissen die Türleute nach wie vor gut rauszufiltern.
Gerade letzte Nacht konnte man wieder super erleben, dass viele der Gäste den “klassichen” Berghain-Spirit in sich tragen – egal, ob sie zur alten E-Werk- / Ostgut-Liga gehören oder gerade zum ersten Mal aus Venezuela nach Berlin gereist sind, um den legendären Schuppen zu sehen.
Und ja, es gibt auch andere Touristen im Berghain. Zum Beispiel solche, die den Club für eine Sehenswürdigkeit halten und es schaffen, in 6 Stunden nicht einmal zu tanzen. Oder solche, die in Lederjacke auf der 90 Grad heißen Tanzfläche stehen und sich 30 Minuten lang unterhalten oder SMS tippen. Für die habe ich meine eigene Strategie: Ich setze mein freundlichstes Lächeln auf und sage “Guys … the thing is called dancefloor, not stand-around-floor. C’mon, move your feet!” — Wenn das nicht hilft, trete ich ihnen so lange auf die Füße, bis sie freiwillig abhauen :-D
@Glamorama: Letzte Nacht? Da hätten wir uns begegnen können.
wer einmal (oder zweimal) im P1 war, der wird trotz allem und wem auch immer, dem berghain den herzensplatz einräumen,und schliesslich ist es ja auch hoch genug.
@ Deef: Beim nächsten Mal können wir gerne ein informelles Blog-Treffen an der Klobar veranstalten :D
@Bienenstich: Auch wer noch nie im P1 war, kann dem BH einen Herzensplatz einräumen. :)
@Glamorama: Unbedingt!
@Deef: Super, dann lass einfach ‘ne Nachricht in mein Blog fallen, wenn Du das nächste Mal dort bist. Falls nicht gerade irgendwo die Welt untergeht, bin ich jeden Samstag da :)