
Die Münchner Literaturwissenschaftlerin Marion Schwehr verbindet Kurzgeschichten mit Google Maps. Das Ergebnis nennt sie Streetview Literatur. Mehr erfahren oder gar teilnehmen dort.

Die Münchner Literaturwissenschaftlerin Marion Schwehr verbindet Kurzgeschichten mit Google Maps. Das Ergebnis nennt sie Streetview Literatur. Mehr erfahren oder gar teilnehmen dort.

Knut ist tot. Der Eisbär brach gestern einfach zusammen und trieb tot im Wasser seines Geheges. Wodurch Knut gestorben ist, ist bislang unklar. Ein Thema das viele Menschen bewegt. Auf ganz unterschiedliche Weise.
Verschwörungstheoretiker fragen sich: War es das Fischfutter aus Japan? Oder Gaddafis Geheimdienst? Optimisten sehen natürlich das Gute: endlich ist Knut wieder mit seiner Ersatzmutter vereint. Sein Tierpfleger Thomas Dörflein starb nämlich schon 2008.
Kinder fragen derweil ihre Eltern: kommt Knut in den Tierhimmel? Und wenn die Eltern bejahen, fragen die Aufgeweckteren, ob Knut im Tierhimmel nicht den Wahrsage-Kraken Paul aufrisst. Da ist es schon besser den Kindern die Wahrheit zu sagen: Knut kommt auf den Friedhof der Kuscheltiere. Oder wenn man ganz ehrlich sein möchte: Knut wird ausgestopft. Oder verbrannt. Nicht schockiert sein. Kinder wachsen an der Wahrheit. Und sie mögen sowohl Teddys als auch Feuer. weiterlesen »
Diesen kleinen Text hatte ich für diese Lesung geschrieben.
Guten Tag, ich bin der Leibhaftige. Sie können mich aber auch Satan, Diablo, Deibel oder schlicht Teufel nennen. Luzifer und Mephisto klingen auch schön in meinen spitzen Ohren. Ich bin hier um ein Missverständnis aufzuklären, eine Schuldfrage. Normalerweise können Sie bei allem, was Sie nervt, getrost mir die Schuld geben. Bei Katastrophen, Kriegen, Unfällen und Verbrechen sowieso. Aber auch Kleinigkeiten wie mieses Wetter, fehlendes Streusalz, ausgefallene ICEs, das Partei-Programm der FDP, die Wahl zum Manager des Jahres und alle Sendungen von RTL gehen auf meine Kappe. Aber ich bin völlig unschuldig, was Weihnachten angeht. Gut, ich habe zwar meine Hände im Spiel seine wundervollen Begleiterscheinungen besonders höllisch zu gestalten wie zum Beispiel Fussgängerzonen-Bürgerkrieg, die Preisoffensive an der Glühweinfront, Wichtelwahnsinn auf der Firmenweihnachtsfeier, Geschenketerror beim Familienfest und das Feiertagsfernsehprogramm mit den 300 schönsten Märchenfilmen der Tschechoslowakei. Geschenkt, aber die Wurzel all diesen Übels, Weihnachten selbst hat Gott verbrochen. weiterlesen »

Luzie – Foto (cc) kainr via Flickr
Luzie fühlte sich wie ein überfahrenes Reh. Aber das Gefühl nahm mit jeder Minute, die das Diazepam mehr Wirkung aufbaute, ab und verlor sich in einer wabernden Wohligkeit, die Gründe und Konsequenzen schluckte und an deren Stelle ein wattiges Gefühl von Geborgenheit setzte. Es musste der Rücksitz des Golfs sein. Luzie öffnete kurz die Augen. Es war der Rücksitz des Golfs. Sie lag über die ganze Breite darauf, weil sie klein war, musste sie die dünnen Beine kaum anwinkeln. Sie war angegurtet mit dem Bauchgurt des mittleren Sitzes, ihre Sicherheitsparanoia funktionierte noch, und kuschelte sich mit dem Gesicht zur Bank unter ein Kissen aus dem Merchandisingprogramm von “Chihiros Reise ins Zauberland”. weiterlesen »

Foto (cc) Gribanov
Folgende Geschichte gibt es auch als 12-minütiges Hörbuch hier.
Mit einem – wie ich später herausfand – selbstverfassten Empfehlungschreiben und einem Polohemd, dessen Kragen hochgeschlagen war, ging er ins Büro meines Chefs. 15 Minuten später wurde er mir als mein neuer Partner vorgestellt. Tassilo. weiterlesen »
Anonyme Formspringfrage: In der Nacht erscheint dir ein Engel. Gott will Rat von dir. Was gibst du dem Allmächtigen mit auf den Weg?
Also Schnucki, Gott fragt nicht um Rat. Und wenn er schon den Gabriel oder einen von den anderen Jungs schickt, dann um zu verkünden. Gott ist allmächtig, allwissend und ich glaube nicht dass es ihn gibt. Aber rein theoretisch, machen wir das Spielchen. Der Engel kommt, will meinen Rat, ich sag, “ok, Junge, bring mich hin.”
Er schnippt mit den Finger und BUMM ich steh vor Gott. Gott ist weiblich, unglaublich dick und schwarz und hat eine ansteckende Lache. Sie reicht mir ein Becks, bietet mir einen weichen Ledersessel (ja, Gott killt Tiere, dafür sind sie da) an und sagt,
“Deef, ich hab dir ein schönes Leben auf Erden geboten oder?” Ich denke kurz über meine Antwortoptionen nach, während sie fortfährt “Ich kann deine Gedanken lesen und ich entnehme, dass du ganz zufrieden warst, also kommen wir gleich zum Punkt: Der Papst spinnt. In Afrika krepiern alle an AIDS und der erzählt den Leuten Kondome wären Sünde. Was soll ich tun? Und sag mir nicht, ich soll den Papst ermorden. Das hab ich schon versucht, aber es klappt nicht.”
“Hygiene und Gesundheit sind doch Christliche Werte. Darauf aufbauend könnte er doch auch Kondome für die Welt segnen” werfe ich ein.
“Das ist eine gute Idee”, entgegnet Gott. “Wieso bin ich da nicht früher drauf gekommen? Vielleicht sollte ich mal wieder die Bibel lesen.”
“Und vielleicht könnte der Papst auch mehr auf den Islam zugeh…”
“Danke dass du hier warst, du weißt ich bin sehr beschäfigt.” Und BUMM war ich wieder auf der Erde und erwachte neben einem leeren Kasten Bier in meinem Erbrochenen. Wer weiß, ob ich mir das nur eingebildet hab.
Auch eine Frage? Stell sie hier.

Foto (cc) Audreyjm529
Der See ist schwarz wie Tusche und in ihm spiegelt sich der bewaldete Hügel dahinter. Mein Blick gleitet von der Wasserfläche auf das gegenüberliegende Ufer, den Wald und in den Nachmittagshimmel. Ein kleines Flugzeug nähert sich. Es fliegt S-Kurven auf seltsam unbeholfene, fast schon gefährlich anmutende Weise. Dann schwebt es dicht an den See heran und – ich muss zweimal hinsehen – wassert. Es sah zuvor gar nicht wie ein Wasserflugzeug aus, sondern wie eine lächerliche Miniaturversion einer Concorde. Eine Luke öffnet sich und aus dem Inneren winkt mein Cousin Phil.
Das Universum ist kompliziert und da gibt es Dinge, die man nicht für möglich hält. Sie passieren einfach und man freut sich, sofern man sie nicht durch zuviel Nachdenken ruiniert. Ich denke nicht nach und springe ins schwarze, bodenlose Wasser. Schnell bin ich rübergeschwommen, hab mich auf einen Landeschwimmer der Machine gezogen und nehme im Cockpit Platz. Phil und ich umarmen uns. “Absolut schräge Steuerung”, meint er und überläßt mir den Start. weiterlesen »
Nein. Fuck! Warum? NEIN! FUCK!!! WARUM?!!! Das Wochenende in Berlin war perfekt gewesen. Eine Unaufmerksamkeit auf der letzten Etappe der Heimreise, der Bahnfahrt von Regensburg nach München, hat alle guten Gefühle gelöscht. Ich stehe vor meiner Wohnungstür und atme mit offenen Mund. War ich völlig verpeilt, als ich aus dem Zug gestiegen bin? Entweder mit den Gedanken schon zuhause oder’n Berghain-Flashback. Wie sonst konnte es mir passieren, dass ich meinen Koffer in der Gepäckablage vergesse? Erst jetzt, vor der Wohnungstür hab ich’s bemerkt.
“Kontaktieren Sie die Schaffnerin des Zuges,” bitte ich dem Telefonisten der Bahnhotline.
“Geht nicht.”
“Aber es könnte sonst vielleicht Bombenalarm wegen herrenlosen Gepäck ausgelöst werden”, versuche ich die Vorteile aus Bahn-Sicht herauszukehren.
“Der Zug könnte ja auch entführt werden”, antwortet er ohne jede Gefühlsregung. Und keucht nach einer Pause ein heiseres Stromberg-Lachen. Ich lege auf und stell mir vor, wie ich seinen gesichtslosen, mit Headset versehenen Kopf in einen Bottich rauchende Schwefelsäure tauche. weiterlesen »
Auf ihren taillierten T-Shirts prangt neonfarben “3 Tage wach”. Die Trägerinnen lächeln und zeigen mit den Fingern auf ihre Brüste. Die Pose halten sie solange, bis das Blitzen der Kamera in der Hand ihrer Freundin aufhört. Der Apparat verschwindet in einer Handtasche, die drei schlanken Körper in der tanzenden Menge. Harter House, maximaler Bass, verspielte Visuals an den Wänden. This club is a place to be.
Das steht auch in den Reiseführern, die die jungen Oktoberfestbesucher lesen. Sie brauchen auf der Tanzfläche doppelt soviel Platz, sie schreien doppelt so laut, wenn der Beat stärker wird. Zwei oder mehr Liter Wiesnbier wirken und machen vergessen, dass man in Lederhosen oder Dirndl in einem Elektroclub auffällt wie eine Nonne in einem Striplokal.
Um drei liegen Lederhosen und Dirndl müde auf den Sofas oder übergeben sich auf den Klos. Einige versuchen vor dem Club vergeblich ein Taxi zu bekommen. Die Fahrer schauen auf die Kleidung, sehen die ferngesteuerten Bewegungen und schütteln den Kopf. Schnell winken sie einen nüchtern wirkenden Fahrgast in Club-Outfit heran und brausen davon.
Die Mädchen mit den bedruckten Shirts wischen Haare aus verschwitzten Gesichtern, nippen an Wodka-Bulls und knipsen sich dabei. Sie kichern nicht über die verbliebenen Trachtträger, die am Rand der Tanzfläche eingeschlafen sind. Passt schon, das ist München im September und vielleicht gehen sie morgen Nachmittag in kurzem Dirndl selbst aufs Oktoberfest.

Sie starrte auf das neue Macbook auf ihrem Schreibtisch und empfand nichts. Mehr als tausend Euro ausgegeben und trotzdem keinen Deut glücklicher. Sie war weder marken- noch technikgeil, aber es fehlte etwas. Sollten Anschaffungen nicht befriedigen? Vielleicht war es Glück, dass es nicht so war. Ihr Job als Online-Marketerin, ihre Wohnung mit Blick auf den Englischen Garten, ihr Singleleben – alles optimal. Mehr noch: Es standen so viele abgehakte Punkte auf ihrer “Das will ich im Leben erreichen”-Liste, dass man Angst haben musste, sie könnte jeden Augenblick einen kurzen Abschiedsbrief ins Facebookprofil posten, den letzten Mojito exen und ihren weißen Einser gen Brückenpfeiler lenken. weiterlesen »

Party in Meister Eders Werkstatt – Foto von Deef
Nur ein bisschen verschlafen. Schnelles Frühstück bei Häagen-Dazs am Hauptbahnhof. Um die Geschmacksintensität des New-York-Cheese-Cake mit Himbeersauce zu beschreiben, müsste man ein neues Wort erfinden. Diabetiker fallen schon ins Koma, wenn sie nur dran schnuppern. Ich nehme die S5 und komme noch rechtzeitig zum Wii- und Xbox-Zocken mit Freunden in Gilching. In einem Spiel versuchen wir zu dritt eine Stadt von Terroristen zu befreien. Wir sehen sowas von kein Land. Jedesmal wenn einer von uns den virtuellen Tod erleidet, zitieren wir die kaputtesten Berliner Comics. Weia, Weia, Stulle. Au Backe, Didi.
Warte danach auf dem Bahnsteig auf die S-Bahn, die mich zurück in die Zivilisation bringt. Augustiner in der Hand, Kippe im Mund, Stöpsel im Ohr, Electro im Kopf, Sonne im Gesicht. weiterlesen »
Hallo?
Deef, hier ist Gott.
Wer?
Du glaubst nicht an mich, ich weiß. Wie kann ich dir beweisen, dass ich es bin?
Ich hätte gerne drei Wünsche frei.
Wir sind nicht in einem Märchen.
Wenn Gott anruft, sind wir’s.
Ich will dich aber nicht mit Wünschen bestechen, sondern dir einen Beweis meiner Existenz liefern.
Wie wär’s mit Weltfrieden? weiterlesen »
Seit langem wieder Asthmaspray.
Hör’s Pisten-Rauchen auf.
Ne, sind seine Bilder.
Nicht anschauen!
Muss. Is wie Rauchen.
Eben noch bei anderen gezogen und schon Schachtel gekauft?
Ja und die Tage noch Amistad beschworen, heute Tachykardie.
Aber wer hat denn den Flugzeugträger im Abdomen geparkt, du Maso?
Es war die Sucht.
Nach?
Was ich nicht haben kann.
Zigarette?
Bitte.
Hab keine.
Gut.
In ihren Kellerwohnungen haben sich die Schneeglöckchen herausgeputzt. Langsam wagen sie sich in kleinen Gruppen an die Oberfläche und zeigen ihre makellos weißen Blüten. Sie sind der erste Glanz auf dem vom Winter geschundenen Rasen am Maximiliansplatz. Auch die Feierleute, die in kleinen Gruppen zu den Clubs dort laufen, haben sich zurecht gemacht. Es ist wieder mild genug, um die dicken Daunenjacken, die North Face-Parkas und die Wollmützen im Schrank zu lassen. Ungefütterte Lederjacken, Pullis mit ärmellosen Westen drüber und leichte Stoffmäntel künden ebenso den Frühling an, wie der Blütenzauber im Gras. weiterlesen »
Ich schrei Deinen Namen.
Hörst Du den Alarm?
Sie kommen nach.
Nimm meine Hand.
Da geht’s lang!
Sie machen gleich den Fang.
Ich bleib zurück. Lauf voran!
Sieh mich nicht so an.
Ich bin dran.
RUN
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