Da war es wieder, das Argument der Politischen Korrektheit. In der Debatte bei Spreeblick um homophobe Äußerungen in einem CDU-Forum äußert ein Kommentator:
Ich kann das Theater um diesen Beitrag nicht wirklich nachvollziehen. Muss man denn für Homosexualität sein? Gerade hier spürt man doch immer wieder sehr stark den Druck der sog. „Politischen Korrektheit“, die nicht nur hier die Meinungsfreiheit ziemlich einschränkt.
Was ist Politische Korrektheit? Ein Verhaltenskodex, der bestimmte Ansichten verbietet? Eine Geisteshaltung, die niemandem wehtun will und deshalb jeglichen Witz oder Ironie vermeidet? Ein gesellschaftlicher Maulkorb? Das mag man glauben und ist damit konservativer Propaganda auf den Leim gegangen. Politische Korrektheit ist vor allem ein rechter Propagandabegriff. Wir lesen bei Wikipedia (und wem diese Quelle nicht verlässlich genug sein mag, der kann gerne den zahlreichen wissenschaftlichen Literaturhinweisen im Wikipediaartikel nachgehen):
Konservative Studenten, Akademiker und Journalisten übernahmen den Ausdruck und wandelten ihn in eine Chiffre zur Ablehnung linker Antidiskriminierungsbemühungen. (…) US-Konservative verwandelten ihn in den 1990er-Jahren überdies in einen politischen Kampfbegriff zur Auseinandersetzung mit dem politischen Gegner. Allerdings wird er auch weiterhin von undogmatischen Linken verwendet. Politikwissenschaftler beschreiben den abwertenden Gebrauch des Ausdruckes Political Correctness als eine der „Strategien“ der konservativen Verteidigung traditioneller Werte. „Political Correctness“ äußert sich hierbei als „vehement betriebene Diffamierungskampagne gegen die Liberals.“
Wer keinen Rassismus will, braucht das Wort “Nigger” nicht. Und wer keine Homophobie im Sinn hat, quasi sexuellen Rassismus, braucht die Aussagen nicht, dass Homosexualität “ein gesellschaftliches Problem” oder “eine heilbare Krankheit” sei. Wer sich darauf beruft, dass die politische Korrekheit seine Meinungsfreiheit beschneide, spürt in Wirklichkeit nur die gesellschaftliche Ablehnung seiner diskriminierenden Äußerungen und versucht sich selbst als diskriminiertes Opfer zu stilisieren.
Eine infame Umkehrung der Tatsachen, die wir durchschauen sollten, statt in die Übertoleranzfalle zu tappen und zu denken, ich bin zwar nicht dieser Meinung, aber das muss auch gesagt werden dürfen. Rassismus, egal auf welcher Grundlage, ist keine Meinung, keine politische Anschauung, sondern ein Verbrechen.
So isses. Es ist ja fast schon absurd, was heute süffisant als “politisch korrekt” abgetan wird. Ganz schlecht auch, wenn man plötzlich Gutmensch ist. Und nicht uninteressant, wenn man gerade von Verfechtern “christlicher” Werte abwertend als solcher bezeichnet wird.
Die politisch Korrekten glauben halt gerne, es gäbe einen gesellschaftlichen Konsens für Dinge, bei “freier Meinungsbildung” nicht konsensfähig sind. Aber es ist nunmal nicht “politisch korrekt” Homophobie albern, Folter verabscheungswürdig und Genmais bedenklich zu finden. Es ist schlicht mehrheitsfähig.
@ramses101: Das Wort “Gutmensch” durfte ich jetzt schon mehrmals auf mich selbst angewendet sehen und alle Anwender waren gleich: voll mit “christlichen” und “westlichen” Werten und nicht bereit, über irgendetwas auch nur fünf Sekunden nachzudenken – eine Meinung hat man schließlich nicht, um sich darüber Gedanken zu machen.
Das bookmarke ich mal, weil: auf den Punkt. Danke dafür.
Zunächst einmal: das entsprechende CDU-Forum habe ich nicht frequentiert. Dementsprechend weiss ich nicht, ob es zu homophoben Äußerungen gekommen ist. Da Deef davon berichtet, gehe ich einmal mit bestem Gewissen davon aus, dass dem so war.
Der Artikel fokussiert ja dennoch eine andere Thematik: vom “Mythos der Politischen Korrektheit”.
Sofern man diese These vertritt sollte man aber auch nicht davor zurückschrecken, die “freie Meinungsäußerung” zu konkretisieren. Und diese ist – abgesehen von einigen wenigen Straftatbeständen – ebenso vage.
Dazu müsste man schon folglich definieren können, wo die “freie Meinungsäußerung” an ihre Grenzen stösst. “Beleidigung”, “Verleumdung” etc. sind einige strafrechtliche Bemessungsgrundlagen eben dieser Grenzen. Dennoch, vielfach befinden wir uns in rechtlichen Grauzonen, in denen subjektiv geurteilt wird – jedoch ohne strafrechtliche Konsequenz.
Der “Mythos der Politischen Korrektheit” ist ebenso ein Mythos, wie die “freie Meinungsäußerung” klar definiert ist.
“Rassismus, egal auf welcher Grundlage, ist keine Meinung, keine politische Anschauung, sondern ein Verbrechen.”
Falsch. Dies ist Deine “freie Meinungsäußerung”. Rassismus als solcher ist erst einmal nicht strafrechtlich relevant, also kein “Verbrechen” im eigentlichen Sinne. Zudem werden wir allesamt zu einer äußerst subjektiven Beurteilung, was Rassismus bereits sei, kommen.
Die “freie Meinungsäußerung” endet im Strafrecht. Nur dies hat eine Relevanz. Alles andere darüber hinaus ist eine bloße Gesinnung, Einstellung oder gar “Politische Korrektheit”, die wir aufgrund unserer Erziehung genießen durften: eine subjektive Wahrnehmung der Dinge.
Und als solche erst einmal rechtlich, wenngleich nicht moralisch, unantastbar.
@Jörg: In diesem Artikel geht es darum, dass Gegner der Bürgerrechts- oder Antidiskriminierungsbewegung sich mit dem Hinweis auf Meinungsfreiheit in positives Licht rücken wollen und den Propaganda-Begriff der politischen Korrektheit benutzen, um liberale Diskussionsgegner abzuwerten.
Da Du aber damit anfängst: Wegen seiner Rasse nicht diskriminiert zu werden ist zunächst mal ein Grundrecht (Grundgesetz, Art. 3, Abs. 3).
Darüber hinaus ist Rassismus sehr wohl strafrechtlich relevant als Volksverhetzung (z.B. § 130, Abs. 2 Strafgesetzbuch) und wird mit Geld- oder Freiheitsstraßen geahndet.
Aktueller Fall: Der Volksverhetzer Udo Voigt, seines Zeichens NPD-Chef. http://bit.ly/VG8Dm
@Deef
Wir mißverstehen uns.
“Volksverhetzung” als eine Art des praktizierenden Rassismus ist natürlich strafbar. Der Rassismus bzw. die geistige Einstellung hierzu, ist es erst einmal nicht.
Ein “Schwulenhasser”, ein “Sexist”, ein “Rassist” ist aufgrund seiner (ethisch) erbärmlichen Einstellung zunächst nicht zu belangen. Nur, wenn aufgrund dessen Tatbestandsmerkmale des Strafrechts berührt werden, liegt ein konkreter Fall vor. So auch bei Voigt.
Das Netz ist voll von menschenverachtenden Pamphleten, weisst Du sicherlich. Doch nur in geringem Umfang hat man auch hier eine rechtliche Handhabe.
Ich will garnicht bestreiten, dass es übelste Konsorten gibt, die sich unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit richtig austoben. Doch, denen nützt auch das Totschlagargument “Politische Korrektheit” nichts. Wes Geistes Kind sie sind, wird einem recht schnell klar werden.
Also, Aussagen zur Homosexualität wie “eine heilbare Krankheit” offenbaren uns doch eh die (fehlenden) Gedankenstränge des Verfassers, ganz gleich, welche vermeidliche Legitimation er voran schickt.
Die Problematik der “Politischen Korrektheit” sehe ich also weniger in den Aussagen “Geistig Armer”, sondern vielmehr in der Auslegung der “Publizistischen Grundsätze” der hiesigen Medienlandschaft. Aber dies führt zu weit, und ich befürchte, dass ich nicht auf den von Dir konkreten Fall eingegangen bin, sondern die “Politische Korrektheit” unter anderen Gesichtspunkten betrachtet habe.
Ein Rassist ist zunächst einmal ein Volltrottel. Was solls!?! Sofern er jedoch keine strafrechtlichen Dinge hierdurch verursacht, mag er meines Erachtens an seiner Gebrechlichkeit dahinsiechen.
Die Demokratie bietet eben auch solchen Deppen ein gewisses Mass an Spielraum, die sie seit ca. 60 Jahren begleiten.
Nachtrag:
Habe mir auf Spreeblick den entsprechenden Artikel zu Gemüte gefügt.
Keine Frage, das Zeitalter der Aufklärung ist an einigen tatsächlich vorübergegangen.
Aber wie Du so schön bemerkt hattest:
“Aaarrgh!
(Ich versuche ruhig durchzuatmen und daran zu denken, dass die Meinungsfreiheit auch für bös-blödigsten Propaganda-Bullshit gilt.)”
Ende im Gelände.
Allen Gegnern der PC sollte man klarmachen: PC ist auch, ihnen nicht gleich auf’s Maul zu hauen, weil einem ihre Nase oder Meinung nicht passt, sondern stattdessen ruhig, ein Gläschen in der Hand, mit ihnen zu diskutieren. Und der ultimative PC-Satz ist meiner Meinung nach: “Was du nicht willst, was man dir tu’, das füg’ auch keinem andern zu.” Gar nicht so schwer, gelle? ;-)
@deff Ahso, vielen Dank übrigens für die Definition. Entspricht voll meiner selbstgebastelten Definition, drückt es aber viel besser und gehaltvoller aus. Vergratuliere also gerne und empfehle das weiter.