Jul
01
2010

Die “Scroll-Edition” der WELT KOMPAKT

WELT KOMPAKT - regulär und Scroll-Edition - Foto von Deef
Die WELT KOMPAKT – links regulär, rechts die “Scroll Edition” vom 1.07.2010 – Foto von Deef

Man stelle sich vor, ein Blogger schreibt ein Buch, so wie z.B. Airen oder viele andere. Wie sind die Seiten formatiert? Natürlich hochkant, weil das für Bücher das beste Format ist. Nun hat die WELT KOMPAKT eine Ausgabe mit Texten von Bloggern und anderen  Internetpublizisten gefüllt und lässt die Zeilen quer laufen und die Zeitung von unten nach oben blättern. Lange Zeilen, das wissen Printprofis und Blogger, die sich versehentlich mal für ein sehr breites Layout entschieden haben, lesen sich schlecht. Allerdings fällt so auch dem unaufmerksamen Leser sofort auf, dass diese Zeitungsausgabe ganz anders ist.

Was mich wundert: die beiden beteiligten Blogger, die noch am ehesten der WELT KOMPAKT-Leserschaft namentlich bekannt sein dürften, Jeff Jarvis und Robert Basic, werden auf der Titelseite nicht angeteast. Ein Zugeständnis an den Gruppenspirit in der Redaktion, dem das Unterscheiden von A- und B-Bloggern abträglich gewesen wäre? Oder ist der Text von Jarvis kein Blattverkäufer, weil er in ähnlicher Form schon vor ein paar Tagen online stand?

Beim Durchblättern scheint es so, als hätte die “Scroll-Edition” weniger Anzeigenplätze als die reguläre WELT KOMPAKT. Ganzseitige Reklame und kleinteilige Anzeigenflächen fehlen. Das kann daran liegen, dass anscheinend Volkswagen als Exklusiv-Werbepartner gewonnen wurde: alle Anzeigen werben mit dem Spruch “Think Blue” für die “Bluemotion Technologies” von VW. Interessant die Seite mit dem Kreuzworträtsel. Sie wird dick umrandet von einer Fläche im Blauton der VW-Anzeigen und mit dem Text “Mehr wissen. Think Blue. Weniger verbrauchen”. Der Hinweis, dass es sich um nicht-redaktionellen Inhalt handelt, fehlt.

Ich habe nicht alle Texte en details gelesen, aber ich glaube, die beteiligten Blogger haben den besten Job bei dieser Werbeaktion für die WELT KOMPAKT geleistet. Die Macher der Zeitung müssen sich dagegen fragen lassen, warum die Artikel nicht in der für gedruckte Zeitungen bewährten Form erschienen sind. Und warum das Layout so eigenwillig gehalten ist: Typo, die in Fotos läuft und Fotos, die ohne Abstand an Textkästen geklatscht wurden. Das kann kein Versehen sein – so wie es bei manchen Schülerzeitungen Absicht ist, mit den Normen eines ästhetischen Layouts zu brechen.

Mehr über den Entstehungsprozeß der “Scroll Edition” ist bei Turi2 unter dem Titel “Blogger mit begrenzter Macht bei WELT KOMPAKT” zu lesen. Kress bewertet die Ausgabe unter der Überschrift “Eine Idee von gestern“. Ein paar der Blogger äußern sich in einem Video auf welt.de. Und sehenswert auch das Videostatement des stellvertretenden Chefredakteurs Frank Schmiechen:

Update:

Frank Schmiechen schreibt nachträglich über die Werbeaktion: “Heute ist WELT KOMPAKT wieder in bewährter Form erschienen. Die meisten von Ihnen werden erleichtert gewesen sein. Wir sind es auch.”

Der beteiligte Blogger Bosch dazu: “Ein etwas freundlicheres Wort für die Blogger, welche sich trotz aller Kritik aus dem Netz, diesem Experiment gestellt haben, hätte mich an dieser Stelle seitens der ansonsten guten Gastgeber mehr gefreut als das Bekenntnis, froh zu sein, dass man uns Blogger wieder los ist.”

Ein Autor des Modeblogs Dandy Diary beklagt, dass sein eingereichter Text von der Welt-Kompakt-Redaktion massiv verändert worden sei: “Jegliche Schärfe und auch die Nennung von Markennamen wurden gestrichen.”

Wer sich selbst ein Bild machen möchte, man kann die “Scroll-Edition” hier als pdf herunterladen: klick.

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Geschrieben von Deef in: Der ganze Rest | Tags: , , , , , , , |

21 Kommentare

  • uli sagt:

    Eine neue Sportart taucht auf, nennen wir sie Blobben. Der DFB hat Angst, dass das Blobben dem Fußball die Zuschauer wegnimmt. Alles Höhnen hilft nichts – immer mehr Leute blobben und der DFB kriegt noch mehr Angst.

    Da hat der DFB eine Idee: Wir laden ein paar bekannte Blobber ein und lassen sie gegen die argentinische Nationalmannschaft antreten. “Die schaffen das schon”, wird im Vorfeld verkündet, “und außerdem ist es ja nur ein Experiment.”

    Als es bei Halbzeit 0:7 steht, wird Jogi Löw interviewt. Er erklärt den Zuschauern, dass der Betreuerstab alles tue, um ein Desaster abzuwenden, wenngleich sich das schwierig gestalte, weil die Blobber seltsame Vorstellungen von Fußball hätten.

    Aber nun werde er sich selber einwechseln, um Messi persönlich auszuschalten, auch wenn es weh tue.

    Die wenigen Zuschauer des Spektakels übergeben sich spontan.

    Sorry für den schrägen Vergleich, aber vielleicht rückt es das Video ein bisschen gerade.

  • Llama sagt:

    “Typo, die in Fotos läuft und Fotos, die ohne Abstand an Textkästen geklatscht wurden…” TÜLLISCHHH blogger wolen geheimnisvoll sein! :D geheimnisvoll und anders

  • Ich habe an dieser WELT KOMPAKT-Ausgabe mitgeschrieben (war aber bei der “Redaktionssitzung” gestern nicht dabei) und bin über das Ergebnis enttäuscht. Das skurile Format ist noch das geringere Übel. Schlimmer: die Zeitung ist eigentlich keine wirklich aktuelle Zeitung. Sie besteht zum guten Teil aus mehr oder wenig zeitlosem Stehsatz, aus – natürlich lesenswerten (!) – Beiträgen der Blogger, die lediglich um einige wenige aktuelle Randnotizen, die die Blogger aus Agenturmeldungen zusammensuchen durften, ergänzt wurden. Letztlich hat man den Bloggern wohl nicht zugetraut unter Zeitdruck eine Zeitung druckfertig zu erstellen. So besteht die WELT KOMPAKT im Wesentlichen aus gedrucktem Internet.
    Ich wünsche dem Verlag den Mut zu einem neuen Anlauf: eine Ausgabe der WELT KOMPAKT, die wirklich aktuell ist und GEMEINSAM von klassischen Redakteuren und Bloggern erstellt wird, in der sich der so unterschiedliche Stil von Online-Journalismus und Blogs einmal wirklich zu einer spannenden Melange verbindet.

  • Tim sagt:

    Das war ein grandioses Eigentor, wie es aussieht:

    basicthinking.de/blog/2010/07/01/welt-kompakt-scroll-edition-misslungener-versuch-zeigt-belanglosigkeit-des-webs/#more-19965

    Da sollten Blogger für ein einen Marketinggag herhalten, inkl. des pseudo-avantgardistischen Layouts. Die Message, die dabei rüberkommt: Eine richtige Zeitung kann nichts ersetzen. Danke an alle Blogger, die sich für einen Flug und eine Nacht im 4-Sterne-Hotel so richtig vorführen haben lassen und der ganzen Bloggerei in deutschland einen Bärendienst erwiesen haben.

  • rose sagt:

    blah blah blah. ihr wart ja auch alle da. blah blah blah.

  • rose sagt:

    ach so ja, ich hatte es ja vergessen. ihr seid ja su super funky real, ihr lasst euch ja nicht einfach so kaufen. jajaja, da haben die einfach total günstig content eingekauft und blah blah blah. könnte kotzen, wenn ich den text da oben ein zweites mal lese….

  • Ella sagt:

    Mal was anderes: was ist mit “Blogger sind zu schade für ne Tageszeitung”? wars das Ziel, zu beweisen, dass “Blogger” – allein schon scheiße, alle Blogschreibenden in einem Begriff zusammenzufassen – Daily-News-Reporter sein können oder auch nicht? Dass das Medium Blog am ehesten mit dem Medium Zeitung verglichen werden sollte, entsprang höchstwahrscheinlich einer Birne aus der Riege der sich-zu-ernst-nehmer; die guten Blogs sind ohnehin eher die, die wie Bücher/ Kurzgeschichten sind.

  • Rudi sagt:

    könnte kotzen, wenn ich den text da oben ein zweites mal lese….

    Ich könnte kotzen, wenn ich deine Kommentare lese.

    Ach was, alles, was ich von Dir lese, erzeugt bei mir Brechreiz.

  • Rudi sagt:

    Wer zum Geier ist eigentlich diese komische rose? Muss man die kennen? Hat die irgendeine Relevanz?

    Rosé finde ich cool, rose überhaupt nicht.

    Ist rose ein gewöhnlicher Vorname?

    Rose Breitsameter, Abiturientin des Luisengymnasium in Pasing?

    Ich kenne kein Mädchen, dessen Vorname rose lautet.

  • Tim sagt:

    Rose könnte also kotzen….

    Ich weiss, für dich war es eine tolle Erfahrung, mal in einer richtigen Redaktion… und dann bei Springer, wo man sonst ja nie reinkommt… “blah blah blah”.

    Wie wäre es denn mit ein wenig Selbstreflektion? Hat dir das Ergebnis gefallen? Was hättest du erwartet, wie das Produkt aussieht? Oder ging es gar nicht um die Aussenwirkung, sondern nur um den Selbsterfahrungstrip? Ich denke, dass sind zulässige Fragen. Du betonst gerne in der PR zu arbeiten. Da steht doch das Kommunikationsziel an erster Stelle.

    Ich sehe das so: Was am Ende bei den Lesern der Welt kompakt hängenbliebt ist bestenfalls, dass Blogger harmlose Sppinner sind. Du warst dabei. Hattest du den Eindruck, dass das gewünscht war? Wenn nicht, was ist denn schiefgelaufen?

  • Vorweg: ich war dabei.

    Dass die Scrolledition blöd zu lesen ist, war uns allen nach dem ersten Blick auf das vorgegebene Layout klar. Aber nachdem unser Gastgeber so stolz verkündet hat, dass sie es in unzähligen Nachtschichten extra so hingefrickelt hatten, da wollten wir einfach keine spiessigen Spielverderber sein.

    Auch ich fand es sehr schade, dass fast nur unsere vorher eingeschickten Beiträge und kaum Aktuelle gedruckt wurden, aber da fehlte bei der weltkompakt eben doch das letzt Quentchen Mut.

    Aber vielleicht hatten sie vielleicht auch ein bisschen Recht, denn der 30. Juni war ein ziemlich öder Tag, der von der blöden Bundespräsidentenwahl komplett gelähmt wurde … Mir wäre, glaube ich, nichts gescheites Aktuelles eingefallen …

  • Tim sagt:

    Mit zwei Gläsern Sekt in der Birne, wäre mir es auch schwer gefallen… (das war nun polemisch)

    Bringt es aber auf den Punkt. Blogger wurden damit geködert, eine “Zeitung” zu machen, als sie ankamen fanden sie sich als Statisten auf einem Event wieder.

  • @Tim deine Bemerkung hat etwas Rudi Völlerisches, aber wie Waldi bevorzuge ich Weissbier und das gabs nicht….

  • [...] Online WELT Online Scroll Edition Sollte man gesehen haben. Und dann: schnell wegscrollen und Deef Pirmasens’ Kritik [...]

  • Ich würde sagen: Eine Verarsche.

  • rex lex sagt:

    Im legendären Völler-Interview («Käse [...] Scheiß [...] Scheißdreck») hat Hartmann nach einem en passant ausgesprochen Vorwurf Völlers («schon drei Weizen drin») behauptet, er sei kein Weizenbiertrinker. Woher er dann wusste, dass es am Interviewort Island kein Weizenbier gab, bleibt ein Geheimnis.

  • unionista sagt:

    Marin Majica von der Berliner Zeitung kommt Deefs Kritik in vielen Punkten nahe. Zum Format: “Ist auch so praktisch wie ein 28-Zoll-Bildschirm zum Internetsurfen in der U-Bahn.”

    Er nennte es einen gescheiterten Versuch:
    http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2010/0702/medien/0042/index.html

    Den Verkaufszahlen scheint es aber nicht geschadet zu haben. Der Zeitungskioks im Berliner U-Bahnhof Hermannplatz hatte gegen 18 Uhr nur noch ein Exemplar. Ich habs gekauft. Entpuppte sich beim Lesen im Bus als äußerst unpraktisch. Ganz schön anstrengend, wenn man den einen Arm immer hochhalten muss, um die Schriftrolle auszuklappen.

  • [...] “Die Scroll-Editon der Welt Kompakt” Dieser Beitrag wurde unter Medien abgelegt und mit #wk107, Axel Springer Verlag, Blogosphäre, [...]

  • [...] Die “Scroll-Edition” der WELT KOMPAKT | Die Gefühlskonserve [...]

  • Nice Greetz sagt:

    Blödsinnige Aktion, hat da etwa ein Medium vor dem anderen Angst? Sicher, man kann sowas machen, aber einen echten Nutzen hat doch niemand.

    Zeizungen liest man(n) auf dem Klo und wer sich informieren möchte nutz das Netz.

  • [...] einen Kommentar Sterbende Netze – ein Beitrag für die WELT KOMPAKT vom 1. Juli 2010 Am viel diskutierten WELT Kompakt-Projekt der „Scroll Edition“ (Link öffnet als .pdf) hat auch Michael [...]

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