Die Netzeitung über die Motivation von Bundesfamilienministerin Ursula Leyen den Jugendschutz zu verschärfen:
Hier wird zwar nicht gelogen, aber dennoch wird die Wirklichkeit durch Verletzung der journalistischen Sorgfaltspflicht verzerrt, denn “Fans von Gewaltspielen” werden als potentielle Amokläufer gebrandmarkt.
Dieser verkehrten Kausalbeziehungslogik folgend, könnte die Netzeitung beispielsweise über einen Frauenkiller schreiben “der Fan von Hetero-Sex sorgte mit einem weiteren Lustmord für Aufsehen”.
hmm, was mich interessiert, ist, ob bei den besagten Amokläufe(r)n Ähnlichkeiten im Verhalten oder bei den Waffen zu den gespielten Shootern bestehen? Wenn ja, würde ich sagen, dass die Aussage stimmt. Immerhin sind dann ja “Fans” von solchen Spielen Amokgelaufen, waren also offenbar potentielle Amokläufer. Es heißt ja nicht, dass “alle Fans” Amok gelaufen wären, sondern “Fans” – also nur ein Auszug derer. Bliebe danach dann noch die Frage, ob sie es auch ohne die Spiele getan hätten. Zudem würde ich sofort unterschreiben, wenn jemand sagen würde, “Jeder ist ein potentieller Amokläufer”, genauso, wie jeder Mensch aus meiner Sicht zunächst einmal potentiell Heterosexuell ist. Wenn es nicht so wäre, wäre die Welt meines Erachtens langweilig und berechenbar.
Es wird vllt. zu sehr vereinfacht (indem die Relation Gesamtspielerzahl – Amokläufer + nichtspielende Amokläufer fehlt) und müsste/sollte differenzierter dargestellt werden, aber wenn es nicht falsch ist, wüsste ich nicht, wo die Sorgfaltspflicht verletzt wäre? Man muss ja eigentlich dem Leser eine gewisse Intelligenz unterstellen, dass er die Aussage einzuordnen weiß (wenn nicht, weiß ich nicht, ob er sich von Erläuterungen abschrecken lässt?)
Ich stoße mich an dem zitierten Satz, weil er Fans von Gewaltspielen in Misskredit bringt. Es wird so getan, als sei es wichtig darauf hinzuweisen, dass einige Amokläufer Fans von Gewaltspielen waren. Es wird ein Zusammenhang hergestellt zwischen dem spielen von Gewaltspielen und Gewalthandeln, der so nicht erwiesen ist. Psychologen vermuten eine verstärkende Wirkung für ohnehin gefährdete Personen, aber bewiesen ist aber vor allem die umgekehrte Kausalität: Menschen, die OHNEHIN zu Gewaltphantasien und -taten neigen, suchen sich Gewaltinhalte (Filme, Musik, Bücher, Spiele).
Zur Sorgfaltspflicht: Als Journalist lernt man, Details, die nicht auschlaggebend sind, wegzulassen, wenn sie zu falschen Schlüssen führen können. So lernt man als seriöser Journalist die ausländische Herkunft von Straftätern nur zu berichten, wenn dies für den Fall bzw. die Geschichte notwendig ist, weil man sonst unnötiger Weise Fremdenhass schürt. Gleiches gilt natürlich auch für Details, die in anderer Form zu falschen Schlüssen führen können.
Wenn die Netzeitung darlegen wollte, dass Ministerin von der Leyen unter Zugzwang gestanden hätte, wegen einer öffentlichen Debatte, so hätte sie das tun können, ohne sich der populistischen Meinung “Spiele machen gewalttätig” zwischen den Zeilen anzuschließen. Zum Beispiel so:
“Hinzu kam der Druck, den die Debatte über so genannte Killerspiele erzeugte, denn in der Öffentlichkeit war der Eindruck entstanden, exzessives Spielen erhöhe die Gewaltbereitschaft und führe vermehrt zu Amokläufen.”
Zu Deiner ersten Frage: Es gibt kein mir bekanntes Spiel auf dem Markt, in dem es belohnt wird, sich selbst zu erschießen.
Also, erstmal Danke für die Antwort, ich glaube, ich habe den Fehler gemacht, den Text mit meinem Vorwissen zu lesen, das ist, dass die besagte Debatte eben auf dem Verdacht/ der Behauptung fußte, Ballerspieler seien gefährdet den Unterschied zwischen Spiel und Wirklichkeit zu verwischen etc.. Ich gebe zu, gerade wenn jemand völlig uninformiertes die Passage/ den Text liest, dass es zu Missverständnissen führt. Darüber habe ich nicht nachgedacht. Insofern ist Deine Formulierung sicherlich besser. Wobei man auch möglicherweise geschrieben hätte “der (bislang?) unbewiesene Verdacht, exzessives Gewaltspiele zu spielen könnte u.U. die Gewaltbereitschaft erhöhen (etc.)” – aber egal, ich glaube ich habe verstanden was Du meinst und mir geht es ja nicht darum. Ich bin auch eher Nichtspieler, obwohl ich durchaus schon Ego-Shooter hatte und kein Gegner der Spiele bin. Was mich schon interessiert, ist eine wirklich Antwort auf meine erste Frage. Also, ob Verhaltensweisen und Taktiken aus der Spielpraxis übernommen werden/wurden. Aber ich weiß nicht, ob es dafür überhaupt schon wissenschaftlich fundierte Untersuchungen gibt. (sofern möglich) – Für mich wäre selbst ein solcher Beweis noch kein Grund für ein Verbot, immerhin kann man auch Küchenmesser zu anderen Zwecken (miss)brauchen. (anderes Beispiel Rennspiele/ Formel 1 und Straßenverkehr) Und die Debatte weckt ja vermutlich eher noch das Interesse an den Spielen als abzuschrecken.
Zu den Gründen für das eigene Töten in der Realität, will ich erstmal keine Vermutungen anstellen.
Und: bin ich froh, dass die Leute die ich kenne, die zu Ballermedien neigen, in der Realität meist – hoffentlich nicht nur scheinbar ;) – absolut harmlose und liebenswerte, soziale Menschen sind. Ich höre ja auch Punk und liebe Pogo und gehe dennoch nicht zu den Chaostagen oder balkonisier Deutschland etc.
Ganz andere Frage: Muss man die Netzeitung eigentlich kennen? (ich habe erst durch Dich jetzt von ihr erfahren)
Die Netzeitung war mal Deutschlands Vorzeige-Onlinezeitung. Ohne eine Printredaktion und -Marke im Rücken kam sie als gute, überregionale Tageszeitung daher. Mitte 2007 wurde die Netzeitung von der BV Deutsche Zeitungsholding, die von David Montgomery geführt wurde, übernommen. Ich kann nicht sagen, dass sich das positiv auf die Qualität ausgewirkt hat.
immer diese sexismen zu kosten der männer: “der fan von hetero-sex” – nun ja, vielleicht ist es ja eine lesbische lustmörderin? ;-)
Keine Verarsche, Leboffffski!
:-)))