Mai
05
2011

Ein Herz für Selbstdarsteller

Stencil Street Art in München - Foto von Deef

Sie sind in den Medien, auf Konferenzen und im überall Netz: zur Marke gewordene Internetpersönlichkeiten. Ihre heftigsten Kritiker werfen ihnen Eitelkeit und Geltungssucht vor. Ist das berechtigt? Und wenn: na und?

Es gab diese Zeit, da lernten Kinder erst laufen und sprechen, dann still sitzen und den Mund halten. Als ich Ende der 70er im Kindergarten und Anfang der 80er in der Grundschule war, begann sich eine bessere Erziehung durchzusetzen: Kinder wurden neuerdings nach ihrer Meinung gefragt und sollten sich kreativ austoben. 30 Jahre danach sind die Kinder dieser und späterer Jahrgänge erwachsen und ein Teil von ihnen schreibt das Internet voll. Ein paar davon sind mit ihren Veröffentlichungen so erfolgreich geworden, dass man sie auch offline kennt.

Kreative Selbstvermarkter haben sich von der Medienkonsumentencouch erhoben. Jedes 68er-Lehrerkollegium und Bert Brecht, der sich schon vor über 80 Jahren Bürger als sendende Medien wünschte, würden sich freuen. Manche andere sind dagegen genervt und wütend. So ist z.B. unter einem jetzt.de-Artikel über Internetmenschen der Kommentar zu lesen, das seien „irrelevante Zivilversager“, die nur „Selbstbeweihräucherung“ betrieben.

Sascha Lobo kennt sich mit solchen Vorwürfen aus, denn durch seine Überall-Präsenz zieht er viel Kritik auf sich. Vor kurzem erklärt er der Netzgemeinde (zusammengefasst wiedergegeben – kompletter Vortrag im Video) dazu: „Wenn ein Journalist irgendwas Neues im Internet sieht, was er erklärt haben will, dann ruft er in 90 Prozent aller Fälle mich an und nicht Euch. Das ist Euer Problem, denn Ihr seid entweder zu doof oder zu leise, um medial eine Rolle zu spielen.“

Das ist polemisch, aber wahr. Sascha Lobo ist eloquent, sagt zitierbare Sätze und hat damit Erfolg. Mit der Kritik an ihm hat er kein Problem, er macht sie sogar zu seinem Vortragsprogramm (siehe Video). Da ich in München wohne, habe ich den Blick auf drei MünchnerInnen geworfen, die ich persönlich kenne und die ebenfalls mit Onlineveröffentlichungen Aufmerksamkeit erzielen. Obwohl sie weitaus weniger medial präsent sind als Lobo, wird auch ihnen mitunter Selbstdarstellertum vorgeworfen. Wie gehen sie damit um?

Richard Gutjahr - Foto © Mathias Vietmeier

Foto © Mathias Vietmeier

Richard Gutjahr ist Journalist beim Bayerischen Rundfunk, für den ich auch arbeite. Er bloggte einige Zeit eher unbemerkt vor sich hin, bis er 2010 auf die Idee kam – und der Zufall half mit – der weltweit Erste zu sein, der in New York ein iPad kauft. Banal, aber dennoch für viele Medien berichtenswert und prompt brach sein Blogserver unter der Masse der Zugriffe zusammen. Ende Januar reiste Richard spontan nach Ägypten, um als Ein-Mann-Korrenspondentenbüro von den Unruhen in Kairo zu berichten. „Ich mache Geschichten, die mich interessieren und es freut mich, wenn sie auch viele andere ansprechen,“ sagt er. Richard bekam viel Lob, aber es hagelte auch Selbstdarstellungs-Vorwürfe: „Die gehören dazu, denn als Blogger muss man auf sich aufmerksam machen, damit einen das Publikum findet.“

Foto © Sue Reindke

Foto © Sue Reindke

Sue Reindke interessiert sich weniger für ein großes Publikum: „Ich bin keine Rampensau, wie manche denken, sondern eher ein Rampenferkelchen“, sagt sie und lacht. „Ich finde über Twitter Leute, die auf meiner Wellenlänge liegen, aber es gibt im Leben wichtigere Dinge als das Internet.” Sie twittert als @HappySchnitzel und erreicht mit ihren ironischen Wortspielen über 25.000 Follower. „Manchmal irritiert es mich, dass mich so viele völlig Fremde lesen. Dadurch schreibe ich nicht mehr so offen wie früher.“ In ihrem Blog schaltet sie bei den meisten Artikeln die Kommentarfunktion aus. „Weniger wegen Kritik, mich störten eher Aufmunterungssprüche von Fremden wie ‚Wird schon wieder’, wenn ich etwas Nachdenkliches geschrieben hatte.“ Aus Sues Sicht machen gute Selbstdarsteller einfach ihr Ding.

Annik Rubens - Foto © Mathias Vietmeier

Foto © Mathias Vietmeier

Annik Rubens Ding ist Podcasting. Als die Audiofeeds 2005 hip wurden, berichteten dutzende Medien über die Münchnerin und machten sie bekannt. „Ich bin aber eher eine feige Selbstdarstellerin, weil ich lieber zuhause Podcasts aufnehme, als mich auf eine Bühne zu stellen.“ Über 500 Folgen „Schlaflos in München“ hat Annik veröffentlicht. Jede neue Ausgabe wird 10.000 Mal heruntergeladen – ihre zweite Serie, ein Deutschkurs für Ausländer, sogar 50.000 Mal. Sie arbeitet als Journalistin, aber anders als im Beruf redet ihr bei den Podcasts keiner rein – auch die Hörer nicht: „Es sind vor allem Männer um die 30. Würde ich mich an denen orientieren, müsste ich womöglich über Autos und nackte Frauen sprechen. Das bin nicht ich.“ Ihre Kritiker werfen ihr vor allem Belanglosigkeit vor, aber es ging auch schon unter die Gürtellinie: „Ich hatte zu Anfang Trolle, die mich völlig fertig machten. Ich hätte damals fast alles hingeschmissen, aber meine Fans haben mich davon abgehalten.“

Der deutsche Hang zum Nörgeln

Wie werden Selbstdarsteller wissenschaftlich beurteilt? „Psychologisch gesehen ist es nicht problematisch, wenn Menschen an die Öffentlichkeit treten, sich vielleicht sogar ehrgeizig mit anderen vergleichen und sich Feedback abholen, sagt die Psychologin Nicole Hövel. Sie ist Dozentin am Lehrstuhl für Persönlichkeitspsychologie der Uni München und coacht Führungskräfte und Teams in Unternehmen. „In den USA gehört es sogar zum guten Ton die eigenen Stärken darzustellen und sich zu vermarkten.“ Dagegen attestiert Hövel den Deutschen einen Hang zum Nörgeln: „Es werden gerne Fehler gesucht und wenn man keine findet, heißt es: ‚Nichts gesagt, ist gelobt genug’. Da können wir von den Amerikanern noch etwas lernen.”

Was haben dann diejenigen, die sich an Selbstdarstellern stören, für ein Problem? „Diesen Menschen fehlt unter Umständen die Offenheit, der Mut und die nötige Aufdringlichkeit“, so die Psychologin. Wer das als Defizit empfindet, bekomme es von erfolgreichen Selbstdarstellern plastisch vor Augen geführt. „Das kann unangenehm sein und sogar Neid und Angstgefühle auslösen. Manche fragen auch: ‚darf der oder die das überhaupt?’“ Wer anderen pauschal Geltungssucht oder Egomanie vorwerfe, „sagt mehr über sich aus als über die Kritisierten“, so Hövel. Gute Selbstdarsteller sind ihrer Ansicht nach offen für Kritik, orientieren sich aber nicht nur an den Rückmeldungen von anderen, sondern haben eine innere Motivation für das, was sie tun und ihnen Freude bereitet.

Wer auf Dauer genervt bleibt, verschwendet seine Lebenszeit

Sascha, Richard, Sue, Annik und viele andere kreative und aktive Menschen haben Freude an Netzveröffentlichungen. Das als eitle Selbstbeweihräucherung zu bemäkeln ist dumm. Denn selbst wenn es stimmte, was änderte das? Sie bieten Informations-, Meinungs- oder Unterhaltungsangebote, die ihre Fans mögen – deshalb haben sie Erfolg. Unsere Gesellschaft braucht Menschen, die freiwillig, kreativ und sendungsbewusst ihr Ding machen und sich trauen, damit aus der Masse herauszustechen. Wer sich an ihnen nur wegen der Selbstdarstellung stört, muss sich fragen lassen, warum er sie nicht ignoriert oder es besser macht. Wer auf Dauer genervt bleibt, verschwendet seine Lebenszeit.

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19 Kommentare

  • Und dann vermisst man sie – die Like und flattr-Buttons.

  • Carsten sagt:

    Ich weiß nicht ganz, gegen wen sich dieser Windmühlenkampf richtet. Wer an Selbstdarsteller etwas kritisiert, und damit recht hat, hat zumindest recht. Für Kritiker ist das schon mal was. Und jeder, der sich einer Öffentlichkeit stellt, sollte mit Kritikern rechnen und nicht einfordern, diese sollten still bleiben. Das Internet bringt halt mit sich, dass sich Leute eher aus der Anonymität heraus melden, aber dass sie sich melden, ist ebenso wenig schlimm wie das künstlerische Mitteilungsbedürfnis: Es sind die Seiten derselben Medaille. Ob die Gesellschaft nun unbedingt Leute braucht, die aus Mitteilungsbedürfnis etwas von sich geben, sei es Kunst oder sei es Kritik, wenn es inhaltlich eben nicht mehr ist als ein Mitteilungsbedürfnis, das klärt dieser Text leider nicht.

  • Hendrik sagt:

    “Das ist polemisch, aber wahr.”
    An der Stelle möchte ich scharf widersprechen. Nach dieser Logik wäre die Beste Stelle, um sich über Journalismus zu informieren, die BILD-Redaktion.
    Unfug bleibt Unfug, auch wenn man ihn mit einem Mikrofon in die Welt schreit. Und wer auf den Dummkopf hört, ist und bleibt nur eins: ein noch größerer Dummkopf.
    ————–
    davon abgesehen: sehr schön, hab einen ganz neuen Namen (&Webaddresse) gelernt die ich mir jetzt mal genauer ansehen werde ;)

  • Detlef Borchers sagt:

    Vielleicht zwei kurze Einwände. Erster Einwand: Es gibt keine Selbstdarsteller. Es gibt Selbstdarsteller-Diskurse. Der Selbstdarsteller-Diskurs “Sascha Lobo” ist nicht der Mensch Sascha Lobo. Durch diese Differenz funktioniert überhaupt erst die Verortung im medialen Raum.Journalisten rufen nicht den Menschen Sascha Lobo an, sondern die Diskursmaschine Sascha Lobo. Der Mensch interessiert sie nicht, den bildet Sascha Lobo auch nicht öffentlich ab.(Wen hier der Begriff Diskurs stört, dann hey, es geht auch Kantorowicz mit dem zweiten Körper des Königs)

    Zweiter Einwand: zwischen den 68ern und ihrer verkniffenen Brechtelei und der kommerzialisierung des Internet gab es eine strukturalistische Phase (in der ich denken lernte). Aus dem Humanismus wurde der theoretische Antihumanismus, das Subjekt wurde beerdigt, das Ich als phallische Imagination entlarvt usw. Bezogen auf die Öffentlichkeit haben wir von einem völlig anonymen Journalismus geschwärmt (wie beim Spiegel aus anderer Denkrichtung praktiziert). Stattdessen ist das verhängnisvolle Subjekt-Denken mit der Spaßgesellschaft als großes Geplapper wieder gekommen.Wer heute journalistische Artikel über den Budenzauber von Anonymous liest, findet eine Ahnung davon, was ein Diskurs ohne Subjekt leisten kann. Und sehr erfreulich ist es auch, Leute wie Plomlomplom zu sehen, die genau in dieser Richtung weiterdenken. Die Reaktion derer, die sich als Selbstdarsteller inszenieren, ist natürlich klar: Datenspackeria.

    Also: die Selbstdarsteller im Internet erfüllen eine genau umrissene Funktion, indem sie die Fiktion “Selbst” “Ich” “Subjekt” weiter tragen und der Leiche Leben einhauchen. Man kann für sie ein Herz haben, aber man sollte sehen, dass es eine Rolle in der Internet-Ökonomie ist, die sie ausfüllen.

  • [...] Ein Herz für Selbstdarsteller | Die Gefühlskonserve [...]

  • Carsten sagt:

    Diskursmaschine. Meine Güte, ist das eine schöne Lobo-Umschreibung. Auf sowas wäre man selber gerne gekommen. Der allerletzte Satz ist aber auch ein Knaller. Ich hatte bei denjenigen, die privatermaßen eine internetökonomische Rolle spielen, eher an die iPhone-Käufer gedacht, die dieses weder beruflich noch privat ernsthaft brauchen, aber dauernd darauf rumdaddeln. Aber die Selbstdarsteller, die ja auch am Ball bleiben müssen, zählen da auch oftmals zu. Dem würde ich beipflichten.

  • [...] so überzeugt, aber egal. Jedenfalls hat dieser Artikel Detlef Borchers (wenn es denn der ist) zu einer Reaktion bewogen. Und diese ist zwar manchmal etwas umständlich formuliert, aber dann doch ungemein [...]

  • Deef sagt:

    Hallo Carsten,

    in deinem Kommentar von 17.17 schreibst du:

    Wer an Selbstdarsteller etwas kritisiert, und damit recht hat, hat zumindest recht.

    Siehe die letzten beiden Sätzen im Artikel oben. Gegen Kritik ist überhaupt nichts einzuwenden, wenn Sie substantiell ist. Selbstdarsteller brauchen kritische Rückmeldungen.

    Für Kritiker ist das schon mal was. Und jeder, der sich einer Öffentlichkeit stellt, sollte mit Kritikern rechnen und nicht einfordern, diese sollten still bleiben.

    Das habe ich auch nicht gefordert. Wer seine Lebenszeit verschwenden möchte, kann auch gerne unsubstanzielle Pauschalkritik äußern und “Selbstdarsteller!” schreien. Hoffentlich fühlt sich der Kritiker dadurch besser, weil bringen tut diese Art der Ausseinandersetzung ansonsten nichts. Oder ist für den Kritiker sogar kontraproduktiv, weil die Kritik den Kritisierten bekannter, wichtiger, größer macht.
    Hier beißt sich die Katze in den Schwanz: manche Selbstdarsteller sind bewusst polemisch, um mehr Aufmerksamkeit zu erlangen. Das kann man natürlich zurecht kritisieren, aber es kann passieren dass man dabei n die Provokationsfalle tappt und diese Selbstdarsteller – wie von ihnen gewünscht – noch mehr Aufmerksamkeit zuschanzt. Wer ist dann der Dumme? Der Kritiker oder der Kritisierte?

  • Deef sagt:

    Hallo Hendrik,

    in deinem Kommentar von 17.26 Uhr schreibst du:

    “Das ist polemisch, aber wahr.”
    An der Stelle möchte ich scharf widersprechen. Nach dieser Logik wäre die Beste Stelle, um sich über Journalismus zu informieren, die BILD-Redaktion.

    So wie ich dich verstehe, unterstellst du mir eine Logik, die ich gar nicht gesagt habe. Mein Satz “Das ist polemisch, aber wahr” meint: Lobos Aussage ist leider polemisch formuliert, aber trotz der Krawallbürstigkeit sagt er etwas Richtiges. Polemik sehe ich kritisch. Sie kann zur Aufmerksamkeitserregung hilfreich sein, ist aber rhetorisch Ultima Ratio um Reaktionen zu provozieren.

    Unfug bleibt Unfug, auch wenn man ihn mit einem Mikrofon in die Welt schreit.

    Richtig. Dann sollte man aber auch sagen “XY sagt Unfug, weil…” und nicht “Was XY macht Unfug, weil er/sie ein Selbstdarsteller ist.” Oder?

  • Deef sagt:

    Hallo Herr Borchers,

    Sie schreiben in Ihrem Kommentar von 20.34:

    Vielleicht zwei kurze Einwände. Erster Einwand: Es gibt keine Selbstdarsteller. Es gibt Selbstdarsteller-Diskurse.

    Es gibt beides.

    Der Selbstdarsteller-Diskurs “Sascha Lobo” ist nicht der Mensch Sascha Lobo. Durch diese Differenz funktioniert überhaupt erst die Verortung im medialen Raum.Journalisten rufen nicht den Menschen Sascha Lobo an, sondern die Diskursmaschine Sascha Lobo.

    Hier haben Sie vielleicht einfach ein anders Verständnis als ich. Ich sage: manche Menschen sind Selbstdarsteller. Haben Sie dazu noch ein paar andere Fähigkeiten wie z.B. Fachkompetenz, Rhetorik, Empathie, Gabe komplexe Themen einfach runterzubrechen oder zum richtigen Zeitpunkt weiterzudenken, dann können sie zu einer Diskursmaschine werden.

    Ihren zweiten Einwand verstehe ich leider nicht. Können Sie das näher erläutern?

    Man kann für sie ein Herz haben, aber man sollte sehen, dass es eine Rolle in der Internet-Ökonomie ist, die sie ausfüllen.

    Klar. Selbstdarsteller erfüllen eine Rolle für die Gesellschaft, für sich, für ihre Kritiker und von mir aus auch für die Internet-Ökonomie, was immer Sie damit meinen.

    Brecht können Sie natürlich als “verkniffen” oder überkommen ansehen. Kein Problem. Mich wundert aber, dass Sie mit Begriffen wie “phallische Imagination” operieren. Das klingt nach Freud und der gilt in der Psychologie in vielerlei Hinsicht als überkommen. Vielleicht versteh ich Ihre Argumentation aber auch einfach nicht.

    Den von Ihnen verwendeten Begriff “Spaßgesellschaft” habe ich in den 90ern das letzte Mal gehört. Da gehört er auch hin. Unabhängig davon: danke für Ihren ausführlichen Kommentar.

  • Carsten sagt:

    Was fordert man denn, wenn man ein Herz für Selbstdarsteller herbeiwünscht und dann in diesem Zusammenhang über den deutschen Hang zum Nörgeln schreibt (übrigens köstlich: Eric T. Hansen hierzu)? Nicht doch eine nicht ganz so harsche Kritik? Der Unterschied zwischen Nörgeln und begründeter Sachkritik kam mir da nicht so gut zum Vorschein. Ich würde auch sagen, dass man sich Nörgeln sparen kann aber,

    Wer sich an ihnen nur wegen der Selbstdarstellung stört, muss sich fragen lassen, warum er sie nicht ignoriert oder es besser macht.

    ich glaube nicht, dass sich jemand über jemanden anders nur wegen dessen Selbstdarstellung stört, denn Selbstdarsteller ist ja jeder bis zu einem gewissen Grad. Es sind wohl eher diejenigen, die intensiver Selbstdarsteller sind als man gewöhnlicherweise ist, die aber noch kein vollständiges Kunstprodukt sind. Ich denke, wenn jemandem hier der Eindruck entsteht, dass Sachthemen auf Kosten der eigenen Selbstdarstellung falsch behandelt werden, gibt es Kritik.

    Und ein Kritiker muss sich nicht fragen, warum er etwas für ihn Kritisierenswertes nicht ignoriert oder eigenständig verbessert: Um ein Bild zu kritisieren muss ich schließlich auch nicht selbst wissen, wie man malt. An den Ratschlägen für konstruktives Nörgeln arbeite ich noch.

  • Detlef Borchers sagt:

    @Deef & phallische Imagination: Das ist nicht nach Freud gemeint, sondern nach Lacan als Signifikant des Wunsches.Ehe ich jetzt ganz verschwurbelt “Franzosentheorie” dresche, vielleicht der Hinweis, dass diese Imagination auf die Behrerrschung der Einheit eines Körpers abzielt. Im Idealfall halluziniert ein Selbstdarsteller, wenn er Ich=Ich setzt. Und alle machen mit.

    Wenn man Freud nehmen will, müsste der Begriff Idealich im Gegensatz zum Ichideal heißen. “Idealich ist die leidenschaftliche Bewunderung für große Persönlichkeiten.” Übrigens hat Freud auf die sadomasochistische Komponente hingewiesen, will sagen: Die Unterwerfung unter den Selbstdarsteller ist lustvoll.

  • Deef sagt:

    @Detlef Borchers:
    Zugespitzt könnte man vielleicht sagen, Eros sei der Handlungstrieb bei den Selbstdarstellern und ihren Anhängern, Thanatos bei den pauschalen Selbstdarstellungskritikern. Klingt küchenspychologisch plausibel, aber ob man damit menschliches Handeln vorhersagen kann, was eine Maßgabe für wissenschaftliche psychologische Theorie wäre, bezweifle ich.

  • [...] sondern lieber irgendwo als Beobachterin in der Ecke. Oder zum Podcasten im Schrank. Lest selbst, was Deef zum Thema geschrieben hat. Kommentar schreiben bzw. Trackback [...]

  • hagohi61 sagt:

    Lies bitte mal deinen ersten Satz ganz langsam nochmal durch und stell die Wortreihenfolge richtig. Danke.

  • Detlef Borchers sagt:

    Nachtrag nach dem WE: Man sollte die Sache mit den Selbstdarstellern mit dem Gegenteil zusammendenken, das ja auch Konjunktur hat, siehe Anonymous, siehe “Der kommende Aufstand”, siehe die “Grundbausteine einer Theorie des Jungen-Mädchens” usw.

  • [...] dem Aufkommen es Social Web hat sich auch ein neuer Typus Mensch entwickeln können: Der digitale Selbstdarsteller. Das sind Personen, welche die vielfältigen, mit der Digitalisierung sowie dem Aufkommen von [...]

  • Tanja Handl sagt:

    Ein interessanter Artikel. Möge die Bühne Internet weiterhin offen sein – dann gibt’s wenigstens Spannendes zu lesen. Über die Diskursmaschinen – und über ihr Publikum.
    Denn letzten Endes sind auch die Nörgler froh, wenn sich in dieser Welt ein bisschen was tut – egal, ob on- oder offline. ;) Und wenn’s zuviel wird: Einfach Not-Power-Knopf drücken. Denn wenn der Computer aus ist, dann muss man gar nichts mitkriegen von “Selbstdarstellern” usw.
    Liebe Grüße, Tanja

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