“Alter, ist es schon soweit?” fragte er müde am anderen Ende der Leitung. Ich schrie:
“In 19 Minuten sind wir on air. BEEIL DICH DU PENNER!”
Vor fast zehn Jahren begannen meine Samstage in der Pfalz immer gleich. Ich stand um 7 Uhr auf, lief 300 Meter die Straße runter zum Radiosender, befüllte die Kaffeemaschine, fuhr die Redaktions-Rechner hoch und weckte telefonisch meinen Co-Moderator. Der erschien nur wenige Minuten vor der Sendung mit BILD-Zeitung, Croissants und Orangensaft. Wir frühstückten – das hieß fünf Minuten Kaffeetrinken und Rauchen, Croissants anbeißen und wegen Verkaterung und Zigarettenübelkeit halbgegessen wegwerfen.
Wenn’s gut lief, konnte ich vor der ersten Moderation noch die BILD und die Nachrichtenagenturen überfliegen. Ausführliche Sendevorbereitung Fehlanzeige – na und? Rock’n'Roll, Baby! Kurz nach 8 grinsten wir uns im Sendestudio an, ich öffnete die Mikros, fuhr ein lächerlich chefmäßiges Jingle ab und die Comedyshow begann. Vier Stunden Wahnsinn mit einem – so professionell waren wir dann doch – schon tags zuvor verfassten und sogar gemeinsam probegelesenen Skript.
Mein irrer Partner hatte allerdings die Angewohnheit, in jeder Moderation vor Erreichen der Pointe von der Textvorlage abzuweichen und spontan zu improvisieren. Das war teilweise lustiger als der eigentliche Gag, denn ich versuchte ihn zum Ursprungstext zurückbringen, um den gewünschten Moderationsausstieg zu bewerkstelligen und er wehrte sich durch krude verbale Hakenschläge. Die versuchte ich vorauszuahnen und er, mich immer wieder neu aus dem Konzept zu bringen. Spieltheorie live im Radio.
Unser Chef war entzückt. Trotzdem fand der Blödsinn nach einigen Monaten ein Ende, weil es uns aus der Pfalz wegzog. Mein Moderationspartner fing an, in Stuttgart Design zu studieren, ich setzte mein Studium in Leipzig fort. Wir telefonierten einige Male, trafen uns zweimal und verloren uns schnell aus den Augen.
Nach fast zehn Jahren habe ich heute zufällig durch Xing festgestellt, dass er auch in München wohnt und ihn spontan angerufen. Was für ein Flashback mit ihm zu sprechen. Zurück in einer andere Zeit, in einem anderen Leben. Ihm ging’s genauso, denn er, der damals vor allem durch sprachliche und künstlerische Begabungen auffiel, arbeitet jetzt als erfolgreicher Investmentbanker. Ich freue mich, als hätte ich einen verlorenen Schlüssel zu einer längst vergessenen Tür wiedergefunden. Das Wiedersehen wird irre.

Das gibt hoffentlich auch einen Podcast mit Doppelmoderation
Ach, ich will auch mal Morgensradio machen ;-)
Anderseits ist es gegen 16 Uhr auch nicht besser. Ich glaube, Radiomoderatoren sind einfach immer chronisch unvorbereitet.
[...] zehn Jahren hatte ich die Ehre, mit dem hier beschriebenen Herrn eine Radiosendung zu moderieren. Lange nicht gesehen, gestern wiedergetroffen, [...]
elmar forever…
Elmar?