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    Reklame: re-publica 2013
Mai
26
2012

ESC-Finale 2012: ein Opa, viele Omas, Schmalz, Clubbeats, Balkanstyle und ein dänischer Lichtblick

Heute Abend feiert der Eurovision Song Contest sein Finale in Baku, zu sehen ab 21.00 Uhr im Ersten. Hier alle 26 Songs im ehrlichen Verri… äh Überblick – inklusive Stilanalyse und Erfolgsaussichten. Update mit den Ergebnissen ganzen unten.


Großbritannien: Engelbert Humperdinck – “Love Will Set You Free”

In den 80ern war Engelbert der Tom Selleck unter den Schnulzenonkels, wie man sich z.B. hier nochmal anschauen kann. Der Bart ist ab, der Nachname dran und Engelbert sieht jetzt aus wie Johnny Cash in seiner letzten Lebensphase (Vergleiche hier und da). “Love will Set You Free” ist eine ruhige Walzer-Ballade, die ohne Schlagerkleister und Bombastorchester auskommt. Wenn – sagen wir mal – Gossip das coverten, wär’s ein Hit. Und Engelbert? Der hat immerhin angeblich 150 Millionen Alben verkauft – wenn Europa ein Country for old Men ist, wird der sanfte Opa den ESC gewinnen. Nicht? Na gut, dann schickt Großbritannien nächstes Jahr seine andere Geheimwaffe: Roger Whittaker.


Ungarn: Compact Disco, “Sound Of Our Hearts”

Gefälliger internationaler Popsound. Fokusgruppiert, panelresearched und so die Art von englischsprachigem Titel, für den man zum Verständnis nur vier Vokabeln kennen muss. Das ist hochprofessionell und… den Rest habe ich vergessen, Teflonsongs wie der merken sich so schlecht.


Albanien: Rona Nishliu – “Suus”

Hier gibt’s Streicher plus Klagestimme, das Tempo beginnt mit Wachkoma und steigert sich auf Feueralarm. Passt gut in den Soundtrack einer albanischen Rosamunde-Pilcher-Verfilmung.


Litauen: Donny Montell – “Love Is Blind”

Fängt gefühlig und mit großen Gesten des Sängers an, der auf die tolle Idee kam, passend zum Songnamen eine Augenbinde zu tragen. Mausert sich nach anderthalb Minuten – da nimmt er die Binde ab – zu einer “hey-da-können-wir-mitklatschen!”-Disconummer. Könnte gewinnen. Wenn wir 1979 hätten.


Bosnien-Herzegowina: Maya Sar – “Korake Ti Znam”

Der Titel heißt nicht etwas “Karaoke Celine”, obwohl er klingt wie ein Dion-Song. Zu stark-stimmigem Mädchen am Klavier mixten die Toningenieure der schlechten Laune das gewisse Nichts: ein Panflöten-Solo. Wenn’s beim ESC nicht zum Sieg reicht, macht das nichts. Der Song kommt ganz bald wieder. Alle vier Stunden. Im Radiosender, den unsere Eltern hören.


Russland: Buranowski Babuschki – “Party For Everybody!”

Russland zieht das Volksmusi-Ass mit Oma-Trumpf. Zahnlos, aber buzzlastig. Klingt wie eine Gruppe Pfadfinderinnen auf Crack, die aus der Mundorgel singen. Das ist der Trash, den wir beim ESC sehen und hassen wollen. Na sdorowje!


Island: Gréta Salóme und Jónsi – “Never Forget”

Ein Duett mit einem Stylemix aus Musical und Hans Zimmers “Pirates of the Caribbean”. Kein schlechter Song, denen wünsch ich Erfolg. Also mindestens einen Auftritt im ZDF-Fernsehgarten.


Zypern: Ivi Adamou – “La La Love”

Die Lady Gaga / Ke$ha / Katy Perry untern den ESC-Teilnehmerninnen. Aber doch mit Eigenheiten. So ist der Refrain-Text “La La Love” noch simpler als bei den Vorbildern. Das Video kommt im twilightigen Vampirlook daher, der Liveautritt gestaltet sich als Hupfdohlenperformance. All das zusammen ergibt eine professionelle Melange, mit der Zypern ganz bestimmt auch dieses Jahr wieder verliert.


Frankreich: Anggun – Echo (You And I)

Also eins muss man dem Produzenten dieses Titels lassen: der kann wirklich gut mit der Trial-Version von Fruity-Loops und dem Add-on-Pack “Worst of 80′s Dance Floors” umgehen. Außerdem trägt Anggun Kostüme von Jean-Paul Gaultier. Da kann also nichts mehr schief gehen. Außer alles.


Italien: Nina Zilli – “L’Amore È Femmina (Out Of Love)”

Amy Winehouse ist tot, Nina Zilli lebt und singt soliden Retropop mit Bläsersatz und Surfgitarrensound. Allerdings gewinnt beim ESC selten das Solide, sondern Superhits – also das, was viele Menschen für gute oder zumindest unterhaltsame Musik halten. Dass das auf “L’Amore É Femmina” eher nicht zutrifft, ist ein Kompliment. Aber eine hohe ESC-Platzierung dürfen wir uns für Nina Zilli trotzdem wünschen.


Estland: Ott Lepland – “Kuula”

Ein entfärbtes Video, welches perfekt auf den Song abgestimmt ist: farblos, kantenlos, erfolglos.


Norwegen: Tooji – “Stay”

Norwegen ist berühmt für seine Clubkultur und liegt bekanntlich im Orient – könnte man zumindest beim Hören von “Stay” denken. Aber warum soll Norwegen keine Dancenummer mit Conga-Geklapper und nahostige Melodieschlenkern abliefern? Der im Iran geborene Tooji wird ordentlich Stimmung in die Eurovision-Hütte zaubern. I like.


Aserbaidschan: Sabina Babayeva – “When The Music Dies”

Der Titel sollte eigentlich “When The Democrazy Dies” heißen, aber BITTE! Was sollen denn die Leute denken?! (Zu diesem Thema ernsthaft mehr hier, da und dort) Es gehört zu den ungeschriebenen Regeln des ESC, dass gefällige Sarah-Conner-Soundalikes wie “When The Music Dies” gute Chancen auf hohe Plätze haben.


Rumänien: Mandinga – “Zaleilah”

Michel Telos (“Ai Se Eu Te Pego” – oder wem das nichts sagt: “Nossa! Nossa!”) Schifferklavierpartyvolxmusikracher runtergebrochen auf dieterbohlenschen Dancestyle mit schnellem Beat als Hauptgericht und Autotune-Stimme als Beilage. Wohohohohoooyeeah-Bailaaaa! Da werden doch ein paar 13jährige für anrufen oder?


Dänemark: Soluna Samay – “Should’ve Known Better”

Kleine Ländern wie Dänemark sollte man ja etwas milder beurteilen, denn wie viele Talente haben die schon bei 5,4 Millionen Einwohnern? Die Überlegung ist aber gar nicht nötig, denn Soluna Samay könnte nicht nur die beste dänische Musikerin ihrer Generation sein, sondern sogar den zeitlosesten und schönsten Poprocksong des gesamten diesjährigen Eurovision Song Contests abgeliefert haben. Danke, Dänemark. Dafür verzeihen wir gerne Eure Verbrechen gegen die Menschlichkeit namens Carlsberg, Tuborg und Aquavit.


Griechenland: Eleftheria Eleftheriou – “Aphrodisiac”

Wikipedia erklärt: Ein Aphrodisiakum ist ein Mittel zur Belebung oder Steigerung der Libido. Wir hören in den Refrain des griechischen Dancepopsongs: “Ah ah a-ho oh, oh oh a-ho-hoo – you make me want your aphrodisiac“. Wir wenden uns Erotischerem zu. Leergut sortieren zum Beispiel.


Schweden: Loreen – “Euphoria”

Mamma Mia! Eine Zeitmaschine ist erschienen und ihr entsteigt Loreen mit Synthie-Sounds, die durch Kathedralen-Hall wabern und uns bewusst werden lassen: Ja, das Jahr 2000 war musikalisch schon ein ziemlicher Kothaufen in transparentem Acrylguss. Dass Schweden jetzt Musik ins Rennen schickt, gegen die sogar ABBA hörenswert wirkt, ist ein echtes Waterloo.


Türkei: Can Bonomo – “Love Me Back”

Nach den ersten Takten von “Love Me Back” glaubt man zu wissen, was folgt. Can Bonomo bedient sich bei Folk, Klezmer und Popmusik, aber macht daraus – anders als manche ESC-Konkurrenz – mutig etwas komplett Eigenes. Orientalisch, aber modern. Partytauglich, aber mit Gefühl. Wünsche der Türkei, dass daraus nicht “angestrengt, aber abgestürzt” wird.


Spanien: Pastora Soler – “Quédate Conmigo”

Große Gefühle. Zwei ganz besonders: Die Liebe. Und das Gefühl, man kenne die Nummer schon. Könnte daran liegen, dass die Mariah Careys dieser Welt schon Millionen gleichklingende Schmachtsongs abliefert haben. Kann man natürlich trotzdem mögen. Falls man beim Hören keinen narkoleptischen Anfall bekommt.


Deutschland: Roman Lob – “Standing Still”

Im Gegensatz zu allem, was Ralph Siegel in den letzten 300 Jahren für Deutschland beim ESC ins Rennen schickte, ist “Standing Still” fast sowas wie Musik. Nein, im Ernst: ein eingängiger, sanfter Popsong, geschrieben vom englischen Musiker Jamie Cullum. Kein Welthit, aber einer, für den sich Deutschland nicht schämen muss. Reicht.


Malta: Kurt Calleja – “This Is The Night”

Was Malta da ins Rennen schickt, klingt wie ein DSDS-Siegersong. Wer muss sich da jetzt mehr Sorgen machen? Der Inselstaat oder RTL? Und sonst gibt es noch ganz viel Spannendes über “This is the Night” zu erzählen: Ein Popsong für die heavy Rotation der Hitradios Europas. Nett.


Mazedonien (FYR): Kaliopi – Crno I Belo

“Schwarz und Weiß” heißt dieser Titel. Eine Mischung aus Klavier, Fidel und Schlager, die nach einer Minute von Rock-Gitarre und Schlagzeug durcheinander gewirbelt wird und zu der Kaliopi im Stil von Gianna Nannini schreit. Internationale Musikwissenschaftler suchen in diesem Song seit Monaten nach etwas, das man als positiv beschreiben könnte.


Irland: Jedward – “Waterline”

Push-Forward Pop im vollen Doppelsinn. Den einen treibt es auf die Tanzfläche, der andere klickt Skip. Das Zwillingspaar Jedward mit der Partnerlookfrise im Stu-Stu-Studioline-Style darf man aber nicht unterschätzen. Sie brachten auch schon das über 60jährige ZDF-Publikum zum mitklatschen. Wenn Großelten und Enkel gemeinsam für die Hoppsasa-Boys anrufen, ist eine hohe Platzierung beim ESC drin.


Serbien: Željko Joksimovic – “Nije Ljubav Stvar”

Željko Joksimovic liefert uns, was wir vom ESC erwarten: einen Song irgendwo zwischen Disney-Zeichentricksoundtrack, Eros Ramazzotti und Balkan-Schlager. Wir müssen das Beste fürchten, denn diese Mischung hat Aussicht auf Platz und Sieg.


Ukraine: Gaitana – “Be My Guest”

Gaitana wirkt, als sei sie das Ergebnis eines Klon-Experiments, bei dem ukrainische Mad Scientists die Gene von Rihanna und Shakira kombinierten. Ihre Dance-Nummer verzichtet auf überflüssigen Text und setzt auf viel Na-Na-Na und eine Callanetics-Performance von Tänzern in zu engen Kostümen. Der Sound ist so etwa das, was man im Münchner P1 für gutem Vocal-House hält.


Moldau: Pasha Parfeny – “Lautar”

Der Titel heißt auf Deutsch nicht das, was nahe liegt, sondern “Musiker”. Der Sänger ist hübsch, der Song schnell und balkanesk. Tanzflächenkompatibel, aber austauschbar. Moldau im Mittelfeld. Oder Abseits.

Fazit:

Die Top-10-Favoriten der Abstimmung auf eurovision.de, nach über 38.000 abgegebenen Vote-Klicks:

  1. Deutschland
  2. Italien
  3. Zypern
  4. Schweden
  5. Serbien
  6. Griechenland
  7. Türkei
  8. Rumänien
  9. Norwegen
  10. Island

Ich tippe dagegen auf dieses Ergebnis:

  1. Großbritannien
  2. Russland
  3. Serbien
  4. Norwegen
  5. Irland
  6. Schweden
  7. Italien
  8. Türkei
  9. Dänemark
  10. Deutschland

UPDATE von 01:40 Uhr – Das Ergebnis:

  1. Schweden
  2. Russland
  3. Serbien
  4. Aserbaidschan
  5. Albanien
  6. Estland
  7. Türkei
  8. Deutschland
  9. Italien
  10. Spanien

Das komplette Endergebnis aller 26 Auftrittsnationen hier. Ich habe Großbritannien, Norwegen, Irland und Dänemark grandios überschätzt. Bei Dänemark und Norwegen hätte ich es mir denken können – nicht massentaugliche Songs. Beziehungsweise ist es fraglich, ob die Zielgruppe, die diese Titel mag überhaupt ESC anschaut und abstimmt. Aber das Versagen des bekannten Engelbert und der chartigen Jedward-Nummer überrascht mich sehr. Der Musikkultur geht aber nichts verloren. Massiv unterbewertet hatte ich Spanien, Estland, Albanien und Aserbaidschan und auch auf den Gewinner Schweden wäre ich nicht gekommen. Immerhin schaffte ich die Punktlandung bei der Prognose von Serbiens und Russlands Erfolg und lag bei Italien, der Türkei und Deutschland nicht so falsch. Deutschland hat gut abgeschnitten. Vor allem wenn man betrachtet, wo das für den westlichen Musikmarkt wichtigste europäische Land – nämlich Großbritanien – gelandet ist: auf dem vorletzten von 26 Plätzen. Da können wir sehr zufrieden sein.

PS: Österreich flog in einem der Halbfinals raus mit:


Österreich: Trackshittaz – “Woki Mit Deim Popo”

Zu schade, dass sich unsere lustigen Nachbaren mit dieser gender-awaren, ironisch rapeculture-kritischen Nummer übernommen habe… ach was red ich? Ich lach mich tot, liebe Trackshittaz, dass ihr im Halbfinale rausgeflogen seid mit Eurer Party-Sexisten-Musi. Und liebe Österreicher, gab’s keine anderen Kandidaten in Eurem schönen Land als die Abschlussklasse der Arnold-Schwarzenegger-Musikschule?

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