Sybille Paulinus, guten Tag. Wir haben telefoniert. Setzen Sie sich. Tja, was soll ich sagen. Ich bin die Frau, die ihren Mitarbeiter umgebracht hat. Sie wissen das, deswegen besuchen Sie mich hier im Gefängnis. Trotzdem sag ich Ihnen das gleich zu Anfang nochmal, damit Sie sehen, dass ich Ihnen reinen Wein einschenke. Der Mitarbeiter, den ich ermordet habe, hieß Jo Elser und war einer meiner Grafiker. Ich musste ihn aus dem Weg schaffen, weil er mein System zerrüttet hat.
Wie Sie wissen bin ich… vielmehr war ich bis vor kurzem CEO der Werbeagentur MANNSTEIN+KAITEL. Die Agentur hat während meiner Geschäftsführung Auftragszahl und Umsatz verdoppelt. Meine Leistung wiegt um so größer, weil ich – und da bin ich ganz offen zu Ihnen – nicht wirklich Ahnung von Werbung, Marketing oder strategischer Kommunikation habe. Klar, ich hab meinen Doktor in Volkswirtschaftslehre gemacht, aber etwas anderes hat mir viel mehr gebracht: ich war zehn Jahre lang persönliche Referentin meines Vorgängers. Ich habe diesem Mann unzählige Male seinen Koffer hinterher getragen. Auch wenn er jede Chance nutzte, mich zu demütigen, hat es sich am Ende für mich ausgezahlt. Dummerweise ist mein Ziehvater als Senior President immer noch im Aufsichtsrat aktiv und hat großen Einfluss auf die Gesellschafter, deren brave Stute ich mittlerweile bin.
Als ich meinen Job antrat, habe ich die Agentur ins 21. Jahrhundert gehievt. Und zwar aus dem tiefsten Mittelalter heraus. Das hat mich fast meinen Kopf gekostet und tiefe Wunden hinterlassen. Ich habe Veränderungen vorgenommen und wurde gehasst. Nicht nur von den Gesellschaftern, auch von den Mitarbeitern. Dabei habe ich den Zug nicht nur aufs rechte Gleis gehoben. Aus einer Draisine wurde ein ICE! Ich könnte schon viel weiter sein, wenn diese Schnarchnasen nicht bei jedem Scheiß mitentscheiden müssten. Gesellschafter haben grundsätzlich Angst und keine Ahnung. Sie sind fast so schlimm wie ein Betriebsrat, dessen Gründung ich durch gezielte Entlassungen und Bonuszahlungen verhindern konnte. Aber egal, ich wurde in diesem mies strukturierten System demotiviert, desillusioniert und beleidigt. Mein Jahresgehalt von 150.000 Euro war mein Schmerzensgeld. Mein Dienst-BMW-Cabrio, mein Dienstlaptop, mein Diensthandy, mein Assistent, meine Sekretärin – das sind Gebrauchsgegenstände, die ich zur täglichen Arbeit brauchte und verdiente. Ich war realistisch genug, um einzuschätzen, dass ich als CEO die Spitze meiner Karriere erklommen hatte. Das Peterprinzip hatte mich die Treppe hochgespült und mir ging es nur noch darum, nicht wieder hinunterzustolpern und dabei so wenig wie möglich zu tun. Also verbrachte ich die meiste Zeit mit Geschäftsessen und Dienstreisen.
Trotzdem war ich unglücklich, weil ich die grundlegende Struktur des Ladens nicht ändern konnte. Meine Rache war, dass ich nach unten fortführte, was man mir von oben antat. Die Directors unter mir konnte ich in ein Kompetenzwirrwarr erster Güte einwickeln, das sie in dauerhafter Unzufriedenheit und gegenseitigem Argwohn hielt. Damit die niederen Mitarbeiter nicht feststellten, dass ich weder Ahnung von, noch Lust auf meinen Job habe, verkündete ich in unregelmäßigen Abständen leicht veränderte und gern auch widersprüchliche Grundsätze, die ich einzelnen Personen quasi vertraulich offenbarte. Begründungen gibt es im kreativen Bereich für alles. Ich nutzte immer die, die mir gerade passten. Wenn durch meine Entscheidungen oder (meistens) meine Entscheidungslosigkeit etwas schief ging, machte ich mir die Argumente der Mitarbeiter, die mich Wochen und Monate zuvor auf den drohenden Fehlschlag aufmerksam machen wollten, zueigen und schiss genau diese Untergebenen an. Denn gefährlich sind nicht die, die etwas in die Binsen gehen lassen. Gefährlich sind die, die merken, dass Du etwas versemmelst.
Jo Elser saß eines Tages mit zusammengepresstem Kiefer in meinem Büro. Er hatte sich einen persönlichen Termin bei mir geben lassen. Ich kann mich nicht mehr daran erinnern, was er als Grund vorgeschoben hatte. Ist aber auch egal, er kam sehr schnell zur Sache und sagte mir, dass er sehr demotiviert sei, viele Entscheidungen von mir nicht verstünde. Elser war mir in den Arbeitsmeetings mit seiner engagierten Kreativität schon oft auf die Nerven gegangen. Viele seiner Mails beantwortete ich gar nicht. Sie waren zu… analytisch. Meistens hatte ich einfach keine Lust sie zu lesen. Er war einer von denen, die ihren Job liebten. Also einer der übelsten Sorte. Statt einfach seine Arbeit zu machen und die Schnauze zu halten, wollte er immer alles richtig machen und Lob dafür, „ja toll, hast alles richtig gemacht – gutschi, gutschi, bubu!“ Ich dagegen konditionierte alle mit meinen widersprüchlichen Anweisungen und meiner völligen Missachtung von Engagement und Kreativität auf die Anstoß-Wende-Automatik. Beim kleinsten Widerstand sofort das Gegenteil behaupten und mit dem Rest der Herde freudig wiehern. Das funktionierte oben, also musste auch das Fußvolk nach dieser Regel arbeiten. Wäre ja noch schöner, wenn das Pack mehr Spaß am Job hätte als ich.
Äh? Wo war ich. Achja, Elser, dieser nervige Besserwisser. Er erzählte mir also, wie schlimm alles für ihn sei und fing unvermittelt an zu flennen. Ja, es war sehr überraschend und ungemein authentisch. Stellen Sie sich das mal vor, da ist man jahrelang umgeben von gespielten und aufgesetzten Emotionen und dann DAS! Jo Elser schluchzte, er wolle alles liefern, was von ihm verlangt werde. Allerdings käme er nicht damit klar, dass sich die Richtlinien ständig änderten und seine Arbeit nie gelobt werde. Der Mann hatte vollkommen Recht. So einfach könnte Arbeit sein, die Spaß macht. Aber das war nicht Teil meines Systems. Ich fand es irgendwie erhebend zu sehen, wie wunderbar es funktionierte. Zermürbe Deine Mitarbeiter und sorge dafür, dass sich alle gegenseitig misstrauen, dann rotten sich auch nicht gegen Dich zusammen, sondern kommen mit Ihrem blutenden Fingerchen zu dem, der sie mit Lepra angesteckt hat: MIR. Das klingt vielleicht einfach, aber es ist schwieriger als man denkt, eine Bande von engagierten Ideenschleudern wie Elser in einem stabilen Gleichgewicht der Desinformation zu halten. Deshalb machte ich mir eifrig Komplimente und genoß das Machtgefühl, dass meinen Bauch wärmte und die feinen Härchen auf meiner Oberlippe aufrichtete.
Dummerweise durchbrach Jo Elster meinen Bann. Noch bevor ich meinen üblichen „Du bist einfach zu gut – die anderen neiden Dir Deine Kompetenz“-Sermon absondern konnte, wischte er sich die Tränen ab und sagte mir auf den Kopf zu, dass alle Probleme darauf zurückzuführen seien, dass ich eine inkompetente Führungskraft und fachliche Versagerin sei. Natürlich stimmte das. Aber ICH war der Boss. Wie zum Gegenbeweis tat ich etwas sehr Professionelles. Ich lud ihn für den gleichen Abend zum Essen ein. Wir verabredeten uns beim In-Italiener der Stadt. Natürlich war ich vor ihm in der Tiefgarage. Und überfuhr ihn.
Jetzt weiß ich, dabei hätte ich es bewenden lassen können. Ich wäre einfach nach Hause gefahren und man hätte mir nichts nachweisen können. Man wäre nicht mal darauf gekommen, dass es Mord war. Ein tödlicher Unfall mit Fahrerflucht. Doch ich hatte es anders geplant und ich wollte nicht wegwerfen, was bereits vorbereitet war. Beim Aushecken hatte ich Lachkrämpfe und mir kam die Spucke aus der Nase – herrlich. Also – nachdem ich ihn überfahren hatte, genoss ich eine Sekunde den Adrenalinschub, das Gefühl des Sieges, dann legte ich den Rückwärtsgang ein und setzte zurück. Diesmal war ich besser auf das Geräusch, dass sein Körper unter meinen Vorderrädern machte, vorbereitet. Es ist absolut unique, man kann es nicht beschreiben. Leider blieb keine Zeit den Moment länger auszukosten. Ich stieg aus und zog ihm die Hose von den zermatschten Beinen. Sie können sich vorstellen, dass das nicht einfach war. Ich zerrte ihm seine blutgetränkte Unterhose herunter und zog ihm statt dessen einen geblümten Mädchenslip an. Den hatte ich mal für ein obszönes Kundenmailing vorgesehen, die Idee dann aber ohne jemand davon zu erzählen, wieder verworfen. Zum Glück. Obwohl dieses Mailing eingeschlagen hätte wie eine Bombe. Jetzt schlug die Bombe eben in den Leumund von Jo Elser ein. Und die drei Ausdrucke mit Fotomontagen, die ich in seine Brieftasche legte, komplettierten das Bild. Sie zeigten meinen Kopf, der auf die posierenden Körper von 13jährigen im Bikini (aus den Onlineseiten eines Versandhauses) gesetzt war. Die Bilder hatte ich auf seinem Rechner montiert, bevor ich zum Restaurant fuhr. Natürlich habe ich die Systemzeit seines PCs entsprechend zurückgedreht, damit die Ermittler später feststellen konnten, dass Elser schon vor einem Jahr begonnen hatte, mich auf perverse Weise zu begehren.
So, mein lieber Dr. Frank. Das habe ich Ihnen unter dem Siegel der juristischen Verschwiegenheit erzählt. Wir werden doch mit Notwehr gegen versuchte Vergewaltigung durchkommen oder? Vielleicht sollten wir noch einen Detektiv anheuern, der noch mehr belastendes Material über Elser zutage fördert. Wenn man ordentlich Schorf wegkratzt, kommt irgendwann genug Eiter ans Tageslicht, um die sauberste Betschwester als eklige Irre dastehen zu lassen, HA! Und bereiten Sie Schadensersatz- und Schmerzensgeldklagen vor. Prüfen Sie, ob Elser eine Lebensversicherung oder Angehörige hat, die für ihn zahlen müssen. Holen Sie raus, was drin ist – ich will für jeden Tag, den ich hier drin sitze, entschädigt werden. Außerdem können Sie schon mal die Fachpresse anrufen. Ich muss ein paar Interviews zu meiner baldigen Rehabilitation geben. Sind wir soweit klar? Ich danke Ihnen. Dann bis nächste Woche. Ach, um einen Gefallen möchte ich Sie noch bitten. Schicken Sie mir doch die aktuelle COSMOPOLITAN per Boten – die mit dem Single-Supplement. Ich hab jetzt Zeit, mich mal wieder zu verlieben.
TITLE: Tja, was?
Was soll ich da sagen, D! ?
Arbeitest Du hier? Ist Jo die Kurzform meines Namens, ausgesprochen von jemandem, der einen “Fl zu Jott”-Fehler hat? Wie hast Du meine Tränen sehen können? Und warum hast Du meinen Damenwäsche-Fetisch so falsch dargestellt? Ich liebe es, Spitzenunterwäsche zu tragen, D! ! Ganz wie Du selbst auch übrigens… ups… hätt ich das hier nicht erwähnen sollen?
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Spitzenunterwäsche? Ist nur halb so sexy wie der Spongebob-Slip!
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Danke für die Lesen/Hören-Option. Ich las [natürlich].
Im übrigen war es tatsächlich der Spongebob-Slip, der mich neugierig werden lies. Gemein.
Zur Geschichte an sich: Klingt gut.
Ich kann zwar mit dem CEO-Kram nichts anfangen, aber das wirkte sich kaum nachteilig aus.
Ich würde gern noch mehr Worte dazu schreiben, aber mir fällt gerade nichts ein. [Das ist ne gute Sache, da es mir oft leichter fällt Negatives als Positives zu formulieren...]
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Der Nachsatz in eckigen Klammern ist gut. Sonst hätte ich es anders verstanden.