
Sie starrte auf das neue Macbook auf ihrem Schreibtisch und empfand nichts. Mehr als tausend Euro ausgegeben und trotzdem keinen Deut glücklicher. Sie war weder marken- noch technikgeil, aber es fehlte etwas. Sollten Anschaffungen nicht befriedigen? Vielleicht war es Glück, dass es nicht so war. Ihr Job als Online-Marketerin, ihre Wohnung mit Blick auf den Englischen Garten, ihr Singleleben – alles optimal. Mehr noch: Es standen so viele abgehakte Punkte auf ihrer “Das will ich im Leben erreichen”-Liste, dass man Angst haben musste, sie könnte jeden Augenblick einen kurzen Abschiedsbrief ins Facebookprofil posten, den letzten Mojito exen und ihren weißen Einser gen Brückenpfeiler lenken.
Der Laptopneukauf war jedoch nicht das fehlende Mosaiksteinchen. Er war gar nichts. Mit der festen Absicht die Gefühlstaubheit loszuwerden, ging sie ins Schlafzimmer, schloss Fenster und Vorhänge und masturbierte bis sie kam. Ihre Arme waren gerade aufs Laken gesunken, als das Telefon klingelte.
“Ja?”
“Ich bin’s”
“Hey, na?”
“Was machst du gerade?”
“Entspanne mich nach einem Orgasmus.”
“Haha, der war gut”.
“Ja, finde ich auch”.
“Soll ich vorbei kommen? Wir könnten in deinen Geburtstag reinfeiern”
“Oh Gott, erinner mich bloß nicht daran!”
“Komm schon, das wird lustig. Ich mixe Drinks mit 12 Jahre altem Rum und frischer Minze, massier dir den Rücken und wenn es sein muss, tanze ich sogar mit dir.”
“Ich sollte jetzt vermutlich lachen.”
“Zumindest kichern”.
“Ich erkenne die edle Absicht. Trotzdem: ich will heute abend alleine sein.”
“Wieso?”
“Ich war gerade auf Geschäftsreise und dann übers Wochenende zu Besuch bei Freunden. Danach hast Du zwei Nächte hier gepennt. Ich will… nein, ich MUSS auch mal alleine sein. Ich komm zu gar nichts sonst. Ich muss den Computer einrichten, Zeug abarbeiten…”
“Das kannst du doch auch, wenn ich da bin”.
“Woher willst Du das denn wissen? Ich kann es nicht. Außerdem gibt es auch noch andere Dinge für die ich alleine sein will.”
“Masturbieren?”
“Zum Beispiel. Oder ins Bett pupsen. Diese Unterhaltung habe ich schon dutzendmal in Beziehungen geführt. Diese Beziehungen sind gescheitert. Und wir haben nicht mal eine!”
“Weißt Du, warum deine Beziehungen gescheitert sind? Weil Du geliebt wurdest und die Liebe nicht erwidert hast”.
“Vielen Dank für die Analyse. Diese egoistische Liebe, die alles nur für die Erwiderung tut, kann mir gestohlen bleiben. Hör auf, dich aufzudrängen. Du nervst!”
“Oh… – ok. Tut mir leid”.
“Und hör auf, dich zu entschuldigen, das ist sowas von unattraktiv. Komm einfach morgen ins Büro und wir gehen Mittagessen. OKAY?”
“Ja, ok.”
“Fein. Also gute nacht”.
“Schlaf gut”.
Sie widmete sich wieder dem Laptop, legte eine CD ein und kopierte die Songs auf die Festplatte. Neben ihr auf dem Tisch hatte sich ein Stapel von mehr als zwei Dutzend eingelesenen Alben angehäuft als sie merkte, dass es Mitternacht war. Sie stand auf und holte das Paket von ihren Eltern, das heute gekommen war. In der aufgerissenen Pappschachtel erblickte sie zuerst eine längliche, in Geschenkpapier eingeschlagene Box. Darin war eine Packung Likörkirschen, auf die der Vater ein Post-it geklebt hatte: “Herzlichen Glückwunsch. Ich bin stolz auf Dich, mein Mädchen”. Die Karte der Mutter lag darunter zwischen selbstgestrickten Socken, war mit einem dicken Lippenstiftschmatz versehen und wünschte Glück, Erfolg und – mit Fragezeichen versehen – Kinder.
Sie hatte die Socken angezogen und die Likörkirschen aufgegessen, als sie beschloss nicht weiter vergeblich auf Glückwunschanrufe, SMS oder Mails zu warten. Die Uhr im Bad zeigte ein Uhr nachts und ihr Mageninhalt klatschte in einem schokobraunen Schwall ins Klobecken. Danach fühlten sich ihr Bauch und ihr Kopf in seltenem Einklang leer wie die Schachtel Pralinen. Sie dachte darüber nach, sich in die Badewanne zu legen. Wie wäre das, den neuen Laptop, während er gerade “All Black” von TNT JACKSON spielt, zu ihr ins Wasser fallen zu lassen?
Die Überlegung endete mit der Antwort, die ihr Gewissen schon immer auf suizidale Fragen gegeben hatte. Nein, sie wollte niemandem die Schuld geben, niemandem die Laune vermiesen, sondern nur der eigenen entfliehen. Und wie das ging, wußte sie. Mit Diskretion. Und einer Diazepam.
es war einmal ein Bild? Oder ist das Einbildung? Aber so ist mehr Platz für Imagination – auch nicht schlecht…
Ich hab mich doch für ein eigenes Bild entschieden.
es war einmal ein Bild, das wurde ersetzt durch ein anderes Bild und war darüber gar nicht sonderlich amused, dafür freute sich das neue Bild – das Glück des einen, das Pech des anderen? ;)
Hey Birthday Girl, hoffe dein Abend gestern war trotzdem irgendwie schön. ;-)
Muss ich nochmal erklären, dass alles was unter “Stories” veröffentlicht wird keine Tagebucheinträge sondern reine Erfindung ist?
Ich will (Quiero)
Ich will, dass du mir zuhörst, ohne über mich zu urteilen.
Ich will, dass Du Deine Meinung sagst, ohne mir Ratschläge zu erteilen.
Ich will, dass du mir vertraust, ohne etwas zu erwarten.
Ich will, dass du mir hilfst, ohne für mich zu entscheiden.
Ich will, dass du für mich sorgst, ohne mich zu erdrücken.
Ich will, dass du mich siehst, ohne dich in mir zu sehen.
Ich will, dass du mich umarmst, ohne mir den Atem zu rauben.
Ich will, dass du mir Mut machst, ohne mich zu bedrängen.
Ich will, dass du mich hältst, ohne mich festzuhalten.
Ich will, dass du mich beschützt, aufrichtig.
Ich will, dass du dich näherst, doch nicht als Eindringling.
Ich will, dass du all das kennst, was dir an mir missfällt.
Dass du es akzeptierst, versuch es nicht zu ändern.
Ich will, dass du weißt…..dass du heute auf mich zählen kannst…
Bedingungslos.
(Jorge Bucay)
Das passt ganz gut, wie ich finde, zu dem Verhalten der Frau.
… oder man geht ins Geburtstags-Exil nach München.
Alles Gute nochmal!
Ich mag diesen Text und würde mich freuen wenn du ihn einmal podcasten würdest. Ich habe längere Zeit nichts Literarisches mehr gelesen, dieser Post trägt vielleicht dazu bei, dass sich das demnächst ändern könnte, wenigstens online. :)
@ Egon: Das passt in der Tat.
@ Markus: Geburtstags-Exil? Hä?
@ Georges: Ok. Eventuell nach Jekyll und Hyde.
Ich. München. Geburtstag. Biergarten. Du. Auch.
:-)
ah, jetzt, ja.