Sep
22
2007

Einkauf am ersten Wiesentag

Meine greise Nachbarin schenkt mir selbstgepflückte Blümchen, die türkische Damen vom Getränkeshop zieht mir nichts ab, obwohl ich keinen ganzen Kasten zurückgebracht habe – Gott, oh Gott, heute ist die Welt wieder so nett zu mir und ich weiß kaum noch, wie ich meine schlechte Laune rechtfertigen soll. Wenn alles um einen rum so toll ist, bleibt nur intrinsische Schuldzuweisung. Ich fühl mich noch schlechter. Zu allem anderen hat mir das ganze Grillfleisch-und-Zwiebeln-Gefresse der letzten Tage auch noch heftige Blähungen beschert.

Dagegen nehme ich Lefax und gegen die schlechte Laune versuche ich es mit dem Klassiker: Konsum! Tengelmann ist nicht gerade die beste Wahl dafür, aber die nächste. Außerdem muss ich sowieso einkaufen. An der Kasse stehen die Chancen gut. Die hinter mir wartende magersüchtige 16jährige, sagt zu dem vor mir stehenden, etwas älteren, graumausig bebrillten Mädchen:

“Ah… Hi Tina, geht’s Ihr heut auf die Wies’n?”
Ich erlaube mir einen genaueren Blick. Ihre schiefen Zähle sind ganz süß, aber der knallgelbe Rock ist viel zu kurz und entblößt zerbrechliche Oberschenkel.
“Hi Bine, nein – ich muss heut’ noch einen Nudelsalat für eine Party machen. Geh morgen wahrscheinlich”.
“Ja, wir gehn heute. Aber ohne Geld.”

Ich denke darüber nach, was Bine damit meint. Nur Bummeln? Oder reißt sie mit ein paar anderen Bitches zahlende Kerle auf?
Ich komme nicht dazu, das weiterzudenken, denn ich sehe den Gesichtsausdruck der circa 25jährigen Kassiererin. Sie hat ihre schweren Lider mit den leicht getuschten Wimpern auf Halbmast herabgesenkt und wirft einen Lynchmordblick zu dem Magersuchtopfer hinter mir. Frauen können so bewundernswert abschätzig sein. Ohne den Blick abzuwenden, sagt sie mit ihrer Routinestimme und leicht slawischem Akzent:
“29,75. Sammeln Sie die Herzen?”
Ich, eingefleischter Gegner aller Punktesammelbonusbullshitsysteme mit Ausnahme von Miles&More, schlucke mein Nein herunter und sage bester Laune:
“Ich wollte schon immer damit anfangen. Her damit!”

Die Kill-Bill-Melodie pfeifend, schleppe ich meine Einkäufe in die Wohnung. In drei Stunden kommen meine Wiesngäste.

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Geschrieben von Deef in: Akte Deef,Storys | Tags: , , , , |
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