Das hat man schon mal gesehen: Ein Mann mit kantigen Gesichtszügen und langen Haaren steht im Scheinwerferlicht und beschimpft das Publikum. Er scheucht einen Protestierer von der Bühne, nennt ihn “dumme Sau”, befiehlt ihm “die Schnauze zu halten”. Es ist Klaus Kinski, wie man ihn kennt: exzentrisch, aggressiv, irre. So ist der Eindruck, der durch Ausschnitte entsteht. Sieht man den ganzen Auftritt vom 20. November 1971, der im neuen Film “Jesus Christus Erlöser” unkommentiert gezeigt wird, so ergibt sich ein komplexeres Bild.
Kinski hat aus dem Neuen Testament eine eigene Geschichte vom Messias extrahiert. Den Inhalt von dreißig Schreibmaschinenseiten hat er auswendig gelernt. Es ist, so sagt er, die „erregendste Geschichte der Menschheit: Das Leben von Jesus Christus“ als einem der „furchtlosesten, freiesten, modernsten aller Menschen, der sich lieber massakrieren lässt, als lebendig mit den anderen zu verfaulen. Um den Mann, der so wie wir allesein will. Du und Ich.“ [via]
Sein Jesus ist Arbeiter, der sich mit Huren und Verbrechern umgibt und zu den weinenden Müttern in Vietnam, zu Gammlern und Fixern predigt, statt wie die “Pharisäer-Priester Waffen zu weihen”. Kinski versucht aus Religion Kunst und aus Kunst Gesellschafts- und Autoritätskritik zu machen. Das passt thematisch in die Zeit, so wie Jesus Christ Superstar und Hair, aber Klaus Kinski ist kein Hippie, der mit Freunden ein Happening veranstaltet, sondern DER skandalumwitterte Bösewicht-Darsteller mit schnarrender Stimme und aggressivem Auftreten.
Es braucht nur ein paar Zwischenrufe und die Veranstaltung kippt ins Bodenlose. Mutwillige Störer provozieren ihn. Er schaute sie mit funkelnden Augen an, weicht vom Text ab und schreit: “Wäret ihr doch heiß oder wenigstens kalt, aber ihr seid nur lauwarm, und ich spucke euch aus!“ Dann fordert er einen mit ausgestrecktem Finger auf, zur Bühne zu kommen. Als der neben ihm erscheint und sprechen will, weist er einen Saalordner an, den jungen Mann rauszuschmeißen. Die Aufforderung geht über die Lautsprecher und das Publikum verwandelt sich in einen wütenden Mob. „Phrasendrescher“, „Du streust Hass!“, „Arschloch“ bekommt Kinski zu hören. In höchster Erregung steht er im gleißenden Licht und starrt in die Menge, die sich im Dunkeln vor ihm ausbreitet. Er wollte Jesus darstellen und zeigt stattdessen einen jähzornigen Geiferer vom Kaliber Adolf Hitlers.
Mehrmals geht er von der Bühne, setzt immer wieder neu an mit seinem Steckbriefmonolog “Gesucht wird Jesus Christus…”. Schließlich kommt die Polizei und Kinski bittet sie um Hilfe. Kurz zuvor hatte er noch rezitiert, dass sein Jesus nie eine Uniform getragen hat und nie pharisäerhaften Autoritäten dienen würde. Er gibt sich selbst der Lächerlichkeit preis und ist hilf- und fassungslos, dass ihn das Publikum nicht ungestört seinen Text vortragen lässt, den er mühsam auswendig gelernt hat.
Nachdem der Saal unter Mithilfe der Polizei geleert ist, beginnt Klaus Kinski mit den letzten 100 Zuschauern nochmal von vorn, spricht seinen Text mit leiser, rauer Stimme bis zum Ende. „Meine Erschöpfung ist wie weggeweht“, schreibt Kinski später. „Ich fühle meinen Körper nicht mehr. Um zwei Uhr früh ist alles zuende“. [via]
“Jesus Christus Erlöser” zeigt einen Schauspieler, der in Bezug auf das Saalpublikum alles falsch macht. Er zeigt aber auch einen brillianten Rezitator, bei dem jede Betonung sitzt und der mit vollem Körpereinsatz ein literarisches, politisches Gesamtkunstwerk darstellt. Könnte man das heute über einen Schauspieler sagen? Mir fällt niemand ein. Der Film zeigt darüber hinaus in erschreckendem Ausmaß wie überpolitisiert eine Literaturveranstaltung 1971 in Berlin war. Würde das Publikum heute akzeptieren, dass Studenten mitten in einer Lesung die Bühne entern und das Mikrofon einfordern, um eine offene Diskussion zu beginnen? Ich hoffe nicht.
Jesus Christus Erlöser, ein Film von Peter Dreyer, 2008. Hier im Kino.
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