Mrz
20
2011

Konrad Lischka und das “Netz der Ignoranten”

Ich bin eine zarte Wildblume... - Stencil Street Art in München - Foto von Deef

Konrad Lischka (Wikipedia, Homepage, Twitter) von Spiegel Online hat sich vorgestern – in gewisser Weise zurecht – über Menschen aufgeregt, die sich ignorant zur die Katastrophe in Japan äußerten. Sein Artikel dazu hier.

Aus meiner Sicht schwingt in dem Text (vielleicht unbeabsichtigt?) eine internetkritische Haltung mit, die ich in ihrer Pauschalität für faktisch falsch halte und die man als wohlfeilen Kulturpessimismus verstehen kann. Denn: es gab schon immer ignorante Menschen, das Internet macht sie nur sichtbar.

Der Artikel stellt zwar die Ignoranten in den Mittelpunkt, geizt aber nicht mit Sätzen wie “Im Netz der Ignoranten”, “das Internet, ein globales Dorf” oder “Auffällig ist, wie viele Menschen im Netz diese Fehleinschätzung teilen”. Diese Stoßrichtung von Lischkas Text kritisierte ich in einer Twitternachricht, die sich für mich überraschend zu einer Diskussion mit Konrad Lischka entwickelte. Meine Überraschung war positiv in der Hinsicht, dass ich nicht damit gerechnet hatte, dass ein Spiegel-Online-Autor versucht, sich mir und der Twitter-Öffentlichkeit gegenüber zu erklären bzw. zu rechtfertigen.

Ob ihm das gelungen ist, lässt sich hier beurteilen:

Konrad Lischka und ich diskutieren - Gespräch © Konrad Lischka und Deef Pirmasens

Dazu meine Frage an die geneigten Leser: Verstehe ich den Artikel von Konrad Lischka falsch? Überinterpretiere ich? Lese ich Internetkritik und Kulturpessimismus hinein, wo keine ist? Please tell me.

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14 Kommentare

  • Friedemann sagt:

    Der eigentliche Fehler solcher Beobachtungen ist doch (wie Du quasi nebenher auch richtig feststellst) die Unterscheidung zwischen “im Netz” und “außerhalb des Netzes” bzw. “das Netz” und “nicht das Netz”. Hoffentlich akzeptieren bald alle Menschen, dass “das Netz” keine parallele, sondern die selbe Realität bespielt wie der Rest ihres Lebens.

    Zum Thema des Artikels: Ja, manche Menschen sind ignorant. Manche davon tragen ihre Ignoranz (auch) online vor sich her. Leider haben viele dieser Menschen, und da ist das Beispiel der UCLA-Studentin mustergültig, noch nicht verstanden, was der Unterschied zwischen einer Äußerung via flüchtiger, begrenzter Medien (bspw. Sprache) und einem nicht nur ziemlich dauerhaften, sondern auch verbreitungsstarken Medium wie bspw. youtube ist. Und leider treffen viele Beobachter diese Unterscheidung eben so wenig. Den einen fehlt es an Medienkompetenz, den anderen an analytischer Genauigkeit.
    Mit diesen dann zu diskutieren ist müßig, wie man an Eurer Konversation sehen kann. Aber immerhin, da hast Du Recht, kommt eine Antwort. Das ist sicher nicht üblich.

  • Michael sagt:

    Hallo,

    ich verstehe Eure Diskussion ehrlich gesagt nicht. In dem Artikel wird doch lediglich – meines Erachtens zu Recht – auf Missstände aufmerksam gemacht; nämlich dumme Kommentare von (zumindest zeitweise) dummen Personen im “Netz”. Dass das Netz die Realität widerspiegelt halte ich für falsch, denn ich wage zu behaupten, dass sich nicht alle Nutzer im Netz so verhalten wie in der Realität. Das Netz schafft sich seine eigene Realität, beispielsweise durch Fehlinterpretationen, falsche oder fehlende Informationen, oder auch schlichtweg Leute, die im Netz nicht sich oder ihr “alter ego”, also eine alternative Persönlichkeit präsentieren.

    Wie dem auch sei, ich halte die Diskussion für unnütz – oder zumindest verstehe ich sie nicht ;O) Denn der Kern des Artikels liegt doch wohl kaum in der Formulierung, die Gegenstand Eures virtuellen Schlagabtausches ist.

    Um aber Deine Frage zu beantworten, Deef: Ja, ich denke wohl, dass Du den Artikel missverstanden hast oder zu viel hinein interpretierst.

    Schöne Grüße,
    Michael

  • Michael sagt:

    Kleine Korrektur (erster Absatz, letzter Satz): … die im Netz nicht sich SONDERN ihr “alter ego” …

    ;O)

  • checka sagt:

    @Michael: ich sehe das ähnlich wie du.

    Das Netz kann nur einen Teil der Realität wiederspiegeln. Auch wenn wir überheblichen Industrienationsmenschen gerne glauben mögen, dass mittlerweile jeder vernetzt sei, so ist es in Wirklichkeit wohl nur eine Minderheit der auf der Welt lebenden Menschen. -Die anderen haben weder die Mittel noch die Zeit.
    Von den vernetzten Menschen ist es auch wiederum nur ein Bruchteil, der Wert darauf legt, relevante Information zu veröffentlichen.
    Der Großteil legt (zumindest der Verteilung von Views und Klicks nach zu urteilen, wo doch immer nur Lady Gaga oder irgendein beatboxender Hamster vorne liegt) wohl mehr Wert auf reine Unterhaltung.

    Naja, wie dem auch sei. Das Netz ist weder dumm noch schlau und eigentlich ne Super-Sache.

  • Deef sagt:

    @alle: Danke für das Feedback
    @Checka: Natürlich kann das Netz nur ein Spiegel gesellschaftlicher Meinungen sein, wo die Gesellschaft am Netz partizipiert. In Deutschland ist das so. Dass das nicht für jedes Land gilt, ist klar, deshalb kann ich aber für Deutschland dennoch eine Aussage über Netz und Gesellschaft treffen.
    @Michael: Du schreibst:

    “Dass das Netz die Realität widerspiegelt halte ich für falsch, denn ich wage zu behaupten, dass sich nicht alle Nutzer im Netz so verhalten wie in der Realität.”

    Bevor wir uns hier missverstehen: Es geht nicht um Verhalten, es geht darum, dass Menschen im Netz Meinungen äußern, die sie haben. Meinungen, die sie teilweise im wahren Leben wegen sozialer Kontrolle und sozialer Erwünschtheit nicht äußern würden. Somit sind Netz und Reallife nicht dasselbe, aber das Netz ist ein Spiegel gesellschaftlicher Meinungen. Das Netz generiert aber diese Meinungen nicht hauptursächlich, sondern legt sie nur offen. Wer also die Meinungen kritisiert tut gut daran, die Meinungsäußerer zu kritisieren und nicht das Trägermedium Internet allgemein. Auch Konrad Lischka hat die Meinungsäußerer in den Mittelpunkt gestellt. Aber aus meiner Sicht schwingt zuviel allgemeine Internetkritik mit. Aber ich sehe, dass es zwar Leute gibt, die es wie ich sehen, aber dass es dazu auch andere Sichtweisen gibt. Ich habe auf den Artikel bei Twitter und Facebook viel mehr Rückmeldung erhalten als hier Blogkommentare und diese Rückmeldungen bestätigten mich teilweise, widersprachen mir aber auch. Sehr interessant für mich. Danke dafür.

  • Guten Morgen,

    das passt in seltener Übereinstimmung zu dem Tweet, den ich eben bei Twitter gepostet habe:

    “Bei Twitter ist Schweigen niemals Gold. Ich besterne einfach mal all jene Tweets, die aus Respekt vor anderen Menschen nie getweetet wurden.”

  • Deef sagt:

    @MissGlueckTwit: Was passt zu deinem Tweet? Kannst du das etwas näher erläutern? Ich versteh den Bezug leider nicht.

  • Antje sagt:

    Hi,
    ich finde auch, dass der Artikel sich so liest, als gäbe es überwiegend diese Seite der Reaktionen auf Japan bzw. als wäre der Großteil der Leute im Netz ignorant. Für mich klingt da vor allem Frustration und Ärger durch, den ich gut verstehen kann angesichts der Beispiele. Es gibt aber sicher auch genügend Gegenbeispiele, die in dem Artikel Platz gefunden hätten.

  • @Deef

    … die in K. Lischkas Artikel angesprochenen “Unerträglich egozentrischen, ignoranten Kommentare …” wie sie auch in den vergangenen Tagen bei Twitter zu lesen waren. (Selbst wenn ich als Hauptmotiv vieler Schreiber vermuten darf, dass sie sich einfach nur als wortwitzig, schlagfertig und originell präsentieren mögen und ihre Comments nicht die eigentliche Meinung widerspiegeln.)

    Gesichtslose Avatare und anonyme Profile lassen hemmungslos alles zum besten geben, was der eigene Kopf da an Unsinn zusammen reimt. Und ich meine schon, dass das dem “Trägermedium” Netz zuzuschreiben ist, weil es dort selten Konsequenzen mit sich führt. Kaum jemand muss für das geradestehen, was er sagt. Und im Ausnahmefall (die erwähnte amerik. Studentin) erweist sich dann bei einer Konfrontation, dass der ‘Autor’ sich selbst nicht mehr nachvollziehen kann.

    Ich fang da auch gerne bei mir selbst an:
    Mit der entsprechenden Portion Humor und dem Vermögen, formulieren zu können, wird aus einem Ereignis fix ein spöttelnder 140-Zeichen-Kommentar für ein Thema, das mich ‘im stillen Kämmerlein’ in meiner Seele mehr berührt, als ich dort zum Ausdruck bringe.

    Ich hoffe, ich konnte die Frage beantworten :-)

  • Kirchharz sagt:

    Herr Lischka hatt meines Erachtens recht. Wenn man sich das Web2.0 mal genau anschaut, erkennt man schnell, dass es im Prinzip nur zwei Funktionen dient: Gleichgesinnte finden und Gegner ausmachen. Man sendet Meinung ins Netz oder man sammelt Meinung.

    Wer das tut, hat aber bereits einen Standpunkt. Es geht nicht darum neue Meinungen zu erhalten. Im Web2.0 sucht man Bestätigung oder man will andere ausspähen/kritisieren oder gar beleidigen.

    Twitter ist kein Medium, in dem man diskutieren kann. Man gibt seinen Standpunkt bekannt. Fertig.

    Ignoranz ist, andere Meinungen nicht anzuhören, nicht zu bedenken oder gar nicht mal zur Kenntnis zu nehmen. Das entspricht meiner Erfahrung im Netz.

    Es sind seltene Ausnahmen, dass fruchtbare Gespräche, Dialoge und Bekanntschaften entstehen.

    Lischka beschreibt die Regel. Der Autor dieses Blogs die Ausnahme. Es ehrt ihn, aber man sollte sich der Realität bewusst sein.

  • Deef sagt:

    @MissGlueckTwit: Du schreibst

    Gesichtslose Avatare und anonyme Profile lassen hemmungslos alles zum besten geben, was der eigene Kopf da an Unsinn zusammen reimt. Und ich meine schon, dass das dem “Trägermedium” Netz zuzuschreiben ist, weil es dort selten Konsequenzen mit sich führt. Kaum jemand muss für das geradestehen, was er sagt.

    Ich stimme dir zu, dass abwegige und/oder sozial unerwünschte Meinungen im Internet gut sichbar werden. Aber eben nur _auch_ im Internet. Auf dem Schulhof, am Stammtisch usw. ist es nicht anders. Und so wie die Gesellschaft nicht nur aus Schulhof und Stammtisch besteht, ist das Internet nicht nur ein Ort von Ignoranten. Ich würde mich freuen, wenn man das betont, bevor sich Pauschalurteile gegen das Internet (weiter) verfestigen. Dann hätte nämlich die – so würde ich behaupten – Minderheit der Ignoranten gewonnen.

  • Deef sagt:

    @Kirchharz: Sie schreiben:

    Herr Lischka hatt meines Erachtens recht. Wenn man sich das Web2.0 mal genau anschaut, erkennt man schnell, dass es im Prinzip nur zwei Funktionen dient: Gleichgesinnte finden und Gegner ausmachen. Man sendet Meinung ins Netz oder man sammelt Meinung.

    Das halte ich für eine steile These. Wenn ich sie richtig verstanden habe, blendet sie zum Beispiel die Mehrheit der reinen Leser, die nicht Kommentieren, aus. Aber nehmen wir mal an, Sie hätten recht. Sich schon eine Meinung gebildet zu haben und diese mit anderen auszutauschen ist doch – wie im wahren Leben – nichts per se Schlimmes. Die Frage ist, wie sachlich Gesprächskultur und Argumente bei der Äußerung dieser Meinungen sind. Bei den Kommentaren unter Youtube-Videos sieht das anders aus als z.b. bei Zeit-Online. So wie sie auch auf dem Schulhof bzw. am Stammtisch anders sind, als bei einer wissenschaftlichen Podiumsdiskussion. Wenn Sie sagen würden, das Internet ist genau wie die Gesellschaft an Stammtischen manchmal ignorant, dann kann ich das verstehen. Wenn Sie die Stammtische im wahren Leben tolerieren/akzeptieren, das Internet aber wegen dort auch vorhandenem Stammtischniveau als “in der Regel” ignorant bezeichnen, dann halte ich das für wenig durchdacht. Warum an “das Internet” oder “das Web2.0″ andere Maßstäbe anlegen als an die Menschen bzw. die Gesellschaft, die dieses Trägermedium mit Meinungen füllt?

  • checka sagt:

    Zu den letzten Posts:
    Der Stammtisch /Schulhof bleibt in der Regel unter sich.
    Aber im Netz hat man nun Einblick in sämtliche Stammtische und Schulhöfe.
    Das konfrontiert einen nun mit einer Vielzahl von Meinungen und Aussagen, die man sonst nie mitbekommen würde.

    Und ich denke, viele Leute (auch ich) sind erschreckt wie viele Menschen auf dieser Welt auf gut Deutsch absolut unreflektierte sch*** von sich geben. Das wiederum projeziert der eine oder andere dann pauschal auf “das Netz”.

    Dabei hat das Netz per se ja weder eine Meinung noch einen Charakter… oder vielleicht doch?? könnte es aufgrund der neuronalen Struktur eine Art eigenes, kollektives Bewusstsein entwickeln? und wenn ja, ist das noch menschlich?? -egal, das ist ein anderes Thema;)

  • Deef sagt:

    @Checka: Sehr interessanter Kommentar, vielen Dank. Du schreibst:

    Das konfrontiert einen nun mit einer Vielzahl von Meinungen und Aussagen, die man sonst nie mitbekommen würde.

    Richtig. Und das ist in seiner Gänze gut. So kann jeder sehen, welche abwegigen Meinungen es gibt. Du schreibst:

    Und ich denke, viele Leute (auch ich) sind erschreckt wie viele Menschen auf dieser Welt auf gut Deutsch absolut unreflektierte sch*** von sich geben. Das wiederum projeziert der eine oder andere dann pauschal auf “das Netz”.

    Das Menschen davon erschreckt sind, verstehe ich. Aber sollte man sich als Autor oder Journalist nicht bemühen, diesem Erschrecken mit Aufklärung zu begegnen, statt es für eine Stärkung von Pauschalisierungen und Vorurteilen zu nutzen? Kein Vorwurf an Konrad Lischka, sondern ganz allgemein gefragt.

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