In einer halben Stunde hab ich Feierabend. Ich bin ziemlich geschafft. Heute Mittag gab’s für die Gruppe Tortellini in Schinken-Sahne-Soße. Das ist ein Klassiker, die Kids lieben sie. Irgendwie hab ich nicht aufgepasst – jedenfalls hat sich Sophie drei Teller reingeschaufelt. Als alle beim Mittagsschlaf lagen, kam sie mit grünem Gesicht angetapst. Ich hab nicht lang gefackelt und bin mit ihr zackig auf die Toilettentür zu gerannt. Vergebens – plötzlich war ich voller Kinderkotze. Abgesehen davon, war es ein schöner Tag. Maurice hat ein Bild von mir gemalt und gesagt, „das bis’ Du mit Dein’n roten S’uhen, wo so s’hön sin’“. Ich hab den süßen Fratz gedrückt.
Die Wanduhr zeigt jetzt 17:35 und ich denke wieder dran, dass dieses Ding mit Digitalanzeige weg muss. Wenn die Kids die Uhr lernen sollen, dann muss sie Zeiger haben. Titus holt mich aus meinen Gedanken. Er und zwei weitere Kinder werden immer erst kurz vor 6 abgeholt.
„Jule, ich muss auf’ Klo.“ Ich versuche ihn auffordernd anzulächeln und antworte,
„Na, dann geh.“ Er lächelt zurück und rennt los. Die beiden Zwillis Marthe und Leoni spielen in der Puppenecke. Wenn Titus zurückkommt werde ich die drei gehfertig machen.
Mein Handy piepst und zeigt eine Nachricht von Dirk. „COUCHKINO BEI MIR? IM ANGEBOT: CHOCOLAT UND AMELIE.“ Er ist ein Schatz. Wahrscheinlich steht er gerade in seiner Küche und zaubert eine leckere Palette Fingerfood, bäckt Muffins oder bringt seine Bude auf Hochglanz. Ich würde ihn auch dann abgöttisch lieben, wenn er mich nicht so verwöhnen würde, aber es ist einfach himmlich, das zu genießen. Ich tippe in mein Nokia: „WAS DU LIEBER MAGST. BIN UM SIEBEN BEI DIR, DU TOLLER!“. Die SMS fliegt davon und die Handyuhr zeigt 17:41. Titus ist schon fünf Minuten weg, stelle ich fest und stehe auf, um mal nachzuschauen, was er so treibt. In der Toilette angekommen, frage ich,
„Na, was hast Du gemacht?“
„Kacka“, antwortet Titus und ich kann mir ein Lachen nicht verkneifen. Gegen die Antwort ist nichts einzuwenden, denn schließlich hatte ich gefragt.
„Komm, ich wisch Dich ab“, biete ich an und öffne die Tür der Kabine. Titus dreht sich brav um und offenbart, dass es hier um mehr als ein bisschen Abwischen geht. Sein Po sieht aus, als hätte er sein Geschäft auf dem runter geklappten Klodeckel gemacht. Ich versuche es mit Papier abzuwischen, aber das Zeug ist völlig eingetrocknet. Anscheinend hatte er sich schon vor ein paar Stunden die Hosen gefüllt. Komisch, dass das keiner gerochen hat. Mit Babytüchern gebe ich seinem Hintern die Hautfarbe zurück. Seine Unterhose weiche ich ein und stecke ihn in eine frische aus dem Fundus. Während meiner Handgriffe presst Titus die Lippen aufeinander und schaut zu, was ich mit ihm anstelle.
„Geh wieder rein und sag den Mädels, sie sollen sich schon mal anziehen“, fordere ich ihn auf und wasche mir gründlich die Hände. Als ich reinkomme, versucht Marthe vergebens eine Schleife an ihrem linken Turnschuh zu binden. Leoni strahlt mich an, weil sie auf Anhieb ihren Reißverschluss zubekommen hat. Normalerweise ist das eine böse Falle für eine Vierjährige. Ich zwinkere ihr lobend zu, während ich ihrer Schwester die Schuhe binde. Titus hat seine Jacke angezogen und hängt sich seine „Bob-der-Baumeister“-Tasche um. Als ich gerade kontrolliere, ob die drei alles haben, klingelt es. Perfektes Timing. Auf den Vater der Zwillis ist Verlass. Er ist immer pünktlich. Und er strahlt jedes Mal übers ganze Gesicht, wenn er seine Töchter abholt. „Waren sie brav?“
„Ich glaube, Ihre Töchter können gar nicht anders.“
„Wenn Sie wüssten“, ruft er und lacht. „Also dann, bis morgen!“
„Ja, tschüß!“
Als ich gerade die Tür hinter ihnen zu machen will, kommt Titus’ Mutter. Sie hat eine Zigarette in der Hand.
„N’abend“, sagt sie und macht einen Zug.
„Hallo“, sage ich und will gerade eine Erklärung abgeben, damit sie sich nicht beim späteren Ausziehen ihres Sohnes wundert, warum der eine fremde Unterhose anhat. Doch sie atmet aus und sagt:
„Haben Sie ihn geduscht? Das Ferkel hat heute morgen in die Hosen geschissen“. Mir stockt der Atem und das liegt nicht an dem Rauch, den sie mir ins Gesicht pustet. Die Alte ist echt krass. Und der Ton ist… unfassbar! Mein Hirn bastelt noch an einer gepfefferten Erwiderung als sie schon fortfährt,
„Naja, egal, vielleicht lernt er’s besser, wenn er jedes mal drin hocken bleibt, was?!“ Spricht’s und bricht in ein kratziges Gelächter aus, das in ein prustendes Husten übergeht. Sie schnappt sich Titus, der jetzt einen roten Kopf hat und verschwindet durch die Tür. Ich steh da wie eine Idiotin und ärgere mich über meine mangelnde Schlagfertigkeit.
Auf dem Weg zum Auto rufe ich Dirk an, der sich mit „Restaurante Casa d’Amor“ meldet. Das hellt meine Laune auf und spiele mit, weil ich weiß, dass er solche Kaspereien liebt
„Guten Abend, was haben Sie auf der Spezialitätenkarte?“
„Wie jeden Abend Alimento Fino y Bebidas! Ganz besonders kann ich empfehlen: Tortellini con Prosciutto e Formaggio“.
„Dirk, warum sprichst du erst Spanisch und kochst dann italienisch?“, falle ich aus der Rolle. Er dagegen ganz der Profi im Rumspinnen:
„Isse niggt Dirrrrk, isse Alejandro. Wir haben heut italienische Abend in die Casa d’Amor. Tortellini sind eine Spezialität von unsere Chef!“. Bei Tortellini muss ich an Sophie denken. Komischerweise kann ich über die Assoziation lachen und sage,
„Le amo, Alejandro! Einen Tisch für zwei in einer dreiviertel Stunde.“ Als ich losfahre, fällt mir auf, dass Dirk meine schlechte Laune vertrieben hat. Er ist was ganz Besonderes. Und ich will was Besonderes für ihn sein.