Apr
23
2010

Luzie und Caro

Luzie - Foto (cc) kainr via Flickr
Luzie – Foto (cc) kainr via Flickr

Luzie fühlte sich wie ein überfahrenes Reh. Aber das Gefühl nahm mit jeder Minute, die das Diazepam mehr Wirkung aufbaute, ab und verlor sich in einer wabernden Wohligkeit, die Gründe und Konsequenzen schluckte und an deren Stelle ein wattiges Gefühl von Geborgenheit setzte. Es musste der Rücksitz des Golfs sein. Luzie öffnete kurz die Augen. Es war der Rücksitz des Golfs. Sie lag über die ganze Breite darauf, weil sie klein war, musste sie die dünnen Beine kaum anwinkeln. Sie war angegurtet mit dem Bauchgurt des mittleren Sitzes, ihre Sicherheitsparanoia funktionierte noch, und kuschelte sich mit dem Gesicht zur Bank unter ein Kissen aus dem Merchandisingprogramm von “Chihiros Reise ins Zauberland”.

Caro pustete sich das absichtlich schief gefranste Haar aus der Stirn und beobachtete Luzie im Rückspiegel. Sie prüfte den Sitz ihrer perforierten Lederhandschuhe, die sie beim Autofahren immer trug, seufzte und trat das Gaspedal durch. In sechseinhalb Stunden würden sie in München sein. Dann wären sie am gemeinsamen Wohnort angekommen, aber alles andere war fraglich. Die letzte Nacht im “Hangar”, einem Techno-Club auf dem Gelände des ehemaligen Flughafens Tempelhof, war – gemessen daran, was Caro vorgehabt hatte – ein komplettes Desaster gewesen. Sie hatte als Kind alle Folgen des A-Teams gesehen und sie liebte es, wenn ein Plan funktionierte. Der Plan war gewesen, ihrer Mitbewohnerin Luzie, deren Anblick ihr Herz beschleugte, deren Lächeln ihre Seele tanzen ließ und deren Geruch ihr Gänsehaut den Rücken rauf und runter schickte, ihre Liebe zu gestehen. Und zu Knutschen. Und Rumzumachen. Oder wenigstens eines der drei Dinge. Sie hatte sich selbst eine fifty-fifty-Chance gegeben, dass es klappt.

Vor anderthalb Jahren hatte Caro an einem Laternenpfahl auf der Theresienwiese gestanden Es war ein Oktoberfestabend und um sie herum wuselten tausende und abertausende wankende, schnaufende und zeternde Gestalten. Sie sah Lederhosen-Kerle, die zwischen Bierzelte pinkelten und Dirndl-Mädchen, die sich ihres Mageninhalts entledigten. Caro schoß Fotos für eine Boulevardzeitung. Der Artikel sollte übertitelt werden mit etwas wie “Wiesn – eklig wie noch nie” und sie lieferte die Bilder dafür. Als Caro gerade auf einen Hund zoomte, der an einem auf dem Boden schlafenden Asiaten das Bein hob, zupfte sie jemand am Ärmel. Sie ließ die Kamera sinken und war verloren. Vor ihr stand ein rehäugiges Mädchen, mit dem Gesichtsausdruck einer fünfjährigen, die ihre Mami verloren hat. Allerdings war das Mädchen Mitte 20 und hatte eine ausgegangene Zigarette in der einen und triefnasses Handy in der anderen Hand. Sie sagte: “Entschuldige, das tut mir jetzt total leid, dass ich dich beim Fotografieren störe, aber ich bin neu in der Stadt und zum ersten Mal hier und ich hab keine Ahnung wo’s zur U-Bahn geht und meine Freunde sind irgendwie weg und mein Handy ist in der bescheuerten Wasserbahn kaputt gegangen und ich kann niemanden anrufen und eigentlich weiß ich auch gar nicht, bei welcher U-Bahnstation die wohnen, also äh, tschuldige, äh, ich rede wohl gerade totalen Scheiß, was?”

Luzie übernachtete bei Caro und zog drei Wochen später bei ihr ein. Weil Caro ein Zimmer frei hatte und Luzie in ihr eine große Schwester sah. Caro, die ein Rauschen in den Ohren bekam, wenn das rehäugige Mädchen sie wie zufällig berührte, hatte es nicht mehr verhindern können. Sie hatte Luzie gesagt, dass sie lesbisch sei, doch Luzie hatte sie nur angestrahlt und gesagt “Das ist doch toll. Und ich bin nicht lesbisch, da können wir doch gut zusammen wohnen. Wie zwei Schwestern.” Dann hatte sie sich eine Gaulouise angezündet und skeptisch gefragt: “Oder wohnst du nur mit Lesben zusammen?”
“Natürlich nicht, dein Vorgänger war schwul”.
“Mein Vorgänger? Also hab ich das Zimmer. Oh, ich freu ich so”, quietsche Luzie, warf die frisch angezündete Zigarette aus dem offenen Fenster und umarmte ihre neue Mitbewohnerin.

Im Autoradio sang Freddie Mercury “Pain is so close to pleasure”. Caro drehte es so energisch ab, dass sie fürchtete den Knopf abzureißen. Schweigend fuhr sie, der Golf schnurrte bei 160 vor sich hin und auf dem Rücksitz schnarchte Bambi. So konnte das nicht weitergehen.

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Geschrieben von Deef in: Storys | Tags: |
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