
In der “Killerspiel”-Debatte kommen die Fans von Videospielen kaum zu Wort. Um das zu ändern, schlage ich einen offenen Brief an Medien, Politik und Eltern vor. Ich lade jeden Videospielfan ein, den Text zu nehmen, wie gewünscht anzupassen und mit seinem Namen weiterzuverbreiten.
Vorschlag für einen offenen Brief von Videospielfans an Medien, Politik und Eltern zur “Killerspiel”-Debatte
Den Fans von Videospielen geht es wie vielen anderen, die die Debatte, die in der Folge des Massenmords von Winnenden losgetreten wurde, verfolgen: sie sind fassungslos und verärgert. Fassungslos hinsichtlich des Leids, welches ein scheinbar ganz normaler Jugendlicher mit der Pistole seines Vaters angerichtet hat. Verärgert darüber, wie nun versucht wird, diese Wahnsinnstat unter anderem damit zu erklären, dass Videospiele Jugendliche zu Killern machten.
Neue Medien gelten als suspekt. Das ist nicht nur bei Videospielen oder dem Internet so, sondern galt früher auch fürs Fernsehen, Film, Micky-Maus-Hefte (die als Schmutz- und Schund verunglimpft wurden) und Büchern. Angeblich hat schon Goethes “Die Leiden des jungen Werther” reihenweise junge Männer in den Selbstmord getrieben.
Sind Menschen Pawlowsche Hunde?
Die Diskussion läuft dabei immer nach dem gleichen Muster ab: einem neuen Medium, das viele nur vom Hörensagen kennen, wird vorgeworfen, junge Menschen zu verblöden. Das Reiz-Reaktions-Muster welches dieser Argumentation zugrunde liegt, ist das von Pawlow. Sind Menschen wie Hunde, die auf ein Signal hin zu sabbern anfangen? Nein. Die psychologische Forschung hat die Annahme, menschliches Verhalten könne sich über plumpe Reiz-Reaktions-Schemata erklären lassen, schon vor Jahrzehnten widerlegt.
Wir Videospiel-Fans appellieren an Journalisten, sich mit Spielen und der Gesetzeslage, über die sie berichten, professionell auseinanderzusetzen. Kennen Sie den Unterschied zwischen ab 18 Jahren freigegebenen und indizierten Spielen? Wissen Sie ob World of Warcraft ein Egoshooter oder ein Online-Rollenspiel ist und ob Counterstrike nur Gewalt enthält oder Gewalt verherrlicht? In der Vergangenheit haben wir oft erlebt, dass Journalisten all das nicht wussten und mittels ausgesuchter Experteninterviews ihre eigenen Vorurteile gegenüber Videospielen bestätigten.
Journalistische Sorgfaltspflicht
Bei genauem Hinsehen werden Sie, verehrte Journalisten, feststellen, dass es eine breite Palette an Psychologen, Medienpädagogen und Erziehungswissenschaftlern gibt, die nicht durch die Talkshows tingelt, keine lauten Verbotsschreie von sich gibt, sondern zur Differenzierung auffordert. Die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet Ihnen ihre Recherche vorurteilsfrei und ergebnisoffen zu gestalten und in Konflikten beide Seiten darzustellen. Berichten Sie über die Erkenntnisse der Medienforschung, statt pauschal vorzuverurteilen. Warum erwähnen Sie überhaupt , dass der Massenmörder von Winnenden auch Computerspiele auf seinem Rechner hatte, wenn nicht bewiesen wurde, dass ein direkter Zusammenhang zwischen Medieninhalten und Gewalttaten besteht?
Möglicherweise haben Sie das Gefühl, die negative Wirkung von Videospielen liege auf der Hand, weil viele jugendliche Attentäter gewalthaltige Games besaßen. Wenn sie annehmen, hier bestünde ein einwandfreier Kausalzusammenhang, dann ignorieren Sie, dass Millionen Menschen sich mit derartigen Medien beschäftigen und ein friedliches Leben führen. Die Schlussfolgerung, die Sie mit einem Satz wie “alle Attentäter beschäftigten sich mit Gewaltspielen” ihren Lesern/Hörern/Zuschauern aufnötigen, folgt der gleichen Pseudo-Kausalität, wie die Aussage “Alle Attentäter sahen gerne fern” oder “Alle Attentäter aßen gerne Kartoffeln”. Macht das Sinn, verehrte Journalisten?
Politikverdrossenheit durch Ignoranz und Populismus
Wir Videospiel-Fans appellieren an Politiker, reflexhafte Verbotsschreie nach Attentaten einzustellen. In Bierzelten mag das Applaus bringen, aber Sie machen sich bei den Millionen von wahlberechtigten Menschen, die sich besser mit Spielen auskennen als Sie, lächerlich. Ihre Erklärungsversuche und Schuldzuweisungen strotzen vor Ignoranz und Populismus. Sie schüren so – gerade bei jungen Leuten – die Politikverdrossenheit und Sie treiben Menschen, die noch wählen gehen, zu anderen Parteien.
Aus unserem Leben sind Medien nicht mehr wegzudenken. Warum haben wir immer noch keine regelmäßige Medienerziehung in den Schulen? Warum wird so wenig für die Aufklärung von Eltern bezüglich Medienwirkungsweisen und Medieninhalten getan? Warum wird zugelassen, dass unser Schulsystem aussortiert und frustriert und so eine hohe Zahl von Schulversagern produziert? Wie kann es sein, dass die einzige Anerkennung, die einzigen Erfolgserlebnisse, die manche Jungs erfahren aus Videospielen kommt? Wir brauchen eine Kultur des Hinsehens und der Anerkennung in den Schulen und wir müssen uns bewusst werden, welche Verantwortung Eltern hinsichtlich des Medienkonsums ihrer Kinder haben. Hier sind Sie gefragt, verehrte Politiker.
Nachhaltige Politik nimmt die Eltern in die Pflicht
Wir haben eines der restriktivsten Jugendschutzgesetze der Welt in Deutschland und das ist auch gut so. Wenn dennoch Spiele, die nicht für Kinder bestimmt sind, von Kindern gespielt werden, woran liegt das dann? Eltern sind verantwortlich dafür, dass ihre Kinder gut ernährt, gekleidet, erzogen werden. Wenn sie ihre Kinder verwahrlosen lassen, ist das ein Fall fürs Jugendamt. Wenn aber Kinder stundenlang vorm Fernseher oder dem Computer sich mit Inhalten beschäftigen, die nicht für sie gemacht sind, wenn diese Kinder also medial verwahrlosen, wieso ignoriert man dann die Verantwortung der Eltern und ruft nach Verboten für Videospielen? Nachhaltige Politik, die nicht nur auf schnelle Aufmerksamkeit abzielt, schaut auf die Ursachen, nicht auf die Symptome und nimmt die Eltern in die Pflicht.
Wir Videospiel-Fans appellieren an Eltern sich mit ihren Kindern und den Medien, die sie begeistern, auseinander zusetzen. Wenn Sie ihren Kindern schon Fernseher, Spielkonsolen oder Computer ins Zimmer stellen, sollten sie auch wissen, was damit gemacht wird. Sie werden feststellen, dass viele Spiele wunderbare Geschichten erzählen, die begeistern und berühren. Sie werden feststellen, dass viele Spiele völlig friedlich sind. Sie werden feststellen, dass Spiele, in denen Gewalt vorkommt, Brutalität nicht um der Gewalt willen einsetzen, sondern als Handlungsaspekt einer Geschichte oder im Rahmen eines sportlichen Wettkampfs mit Teamcharakter.
Wenn ihr Kind aber auch Spiele besitzt, die erst ab 18 freigegeben oder gar indiziert wurden, so passiert das maßgeblich deshalb, weil Sie als Vater oder Mutter keinen oder zu wenig Überblick haben, was Ihr Kind eigentlich macht. Schauen Sie hin, haben sie Interesse und haben Sie den Mut Ihren Kindern Spiele, die nicht für Kinder gemacht wurden, wegzunehmen und zu verbieten. Die Verantwortung für ihre Kinder kann ihnen niemand abnehmen, nicht der Gesetzgeber und kein Zensor.
Gewaltverherrlichende Spiele sind bereits verboten in Deutschland
Es gibt in Deutschland komplexe, mehrstufige Restriktionen für Gewaltinhalte. Komplett verboten ist schon lange die Verherrlichung oder Verharmlosung von Gewalt (§ 131 StGb). Spiele oder andere Medien, auf die das nicht zutrifft, die aber dennoch geeignet sind, Kinder- oder Jugendliche in ihrer Entwicklung zu gefährden, werden von der Bundesprüfstelle für Jugendgefährdende Medien indiziert (§ 18 JuSchG) und dürfen nicht beworben oder offen verkauft werden. Spielezeitschriften dürfen nicht mal Rezensionen mit den Namen von indizierten Spielen drucken. Zu kaufen sind sie nur für Erwachsene, die im Laden gezielt danach fragen, weil indizierte Spiele nicht offen in Geschäften ausliegen dürfen.
Spiele oder andere Medien, die nicht kinder- oder jugendgefährdend aber dennoch geeignet sind, Kinder- oder Jugendliche in ihrer Entwicklung zu beeinträchtigen, dürfen nicht für ihre Altersstufe freigegeben werden (§ 14 JuSchG). Sie werden je nach Inhalt von der USK, der Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle, freigegeben ab 6, 12, 16 Jahren oder erhalten gar keine Jugendfreigabe (= Verkauf ab 18). Diese Spiele enthalten eine Kennzeichnung und dürfen normal beworben und in Geschäften präsentiert werden. Politiker, Journalisten oder andere, die fordern, gewaltverherrlichende Spiele müssten endlich verboten werden, verkennen, dass das schon der Fall ist (siehe oben).
Wir sind keine potentiellen Gewaltverbrecher oder Psychopathen
Bei einem Thema wie Jugendschutz und der Verhinderung von Gewalttaten ist es nicht nur wichtig, sondern absolut unerlässlich zu wissen, wovon man spricht. Da gibt es Leute, für die alleine schon der Verdacht, Videospiele könnten negative Einflüsse haben, genügt, um Verbote auszusprechen. Ob denen bewusst ist, dass sie damit die im Grundgesetz garantierte Meinungs- und Medienfreiheit mit Füßen treten, darf bezweifelt werden. Nur, was bringt es Spiele zu zensieren und zu verbieten, wenn der Nutzen dieser Restriktionen nicht erwiesen ist, sogar von den meisten Experten in Zweifel gezogen wird?
Wir Fans von Videospielen haben im Hinblick auf Games die Medienkompetenz, die vielen Journalisten, Politikern und leider auch Eltern abgeht. Viele von uns haben selbst Kinder, einige bloggen oder nutzen andere Web2.0-Techniken und nehmen so an der Debatte teil. Wir sind ganz normale Leute und wir sind viele. Wir wollen nicht mehr belogen und in die Nähe von Gewaltverbrechern und Psychopathen gerückt werden. Wir wünschen uns eine offene, auf Fakten basierende Diskussion. Hören Sie auf unsere Stimmen.
Anmerkung: In einer früheren Fassung des Textes war der Abschnitt über das Gewaltverherrlichungsverbot und die Indizierung von Spielen kürzer und nicht ganz korrekt. Danke für die Hinweise in den Kommentaren.
Nachtrag 1: “Derzeit ist es opportun, Computerspiele zu bashen” – jetzt.de hat mich interviewt. (23.03.09)
Nachtrag 2: “Offener Brief – Wir haben es satt” – Interview bei Südwild vom Bayerischen Fernsehen (24.03.09)
Nachtrag 3: Hinweis auf den offenen Brief und aktueller Stand der Debatte bei Bartl spielt, dem Game-Blog von kress.de. (19.04.09)
Nachtrag 4: Deef im Radio, Diskussion über Gewalt in Videospielen bei Ego-FM (20.04.09)

@deef: Hehe, danke für die Frage nach “Shooter vor 23 Jahren”. Wenn man den weiten Begriff des “Shooters” im Sinne von “Shoot ‘em up” zu Grunde legt, zählen galaxians und Space Invader natürlich dazu – und davon gab es auf der Brotkiste C64 zur genüge. (Und bei Gott: Wir hatten sie alle ;)). D**m oder Wolfen****** waren natürlich erst Anfang der 90er.
@Frank P. Schulte, wenn man es genau nimmt gibt es die “Castle Wolfenstein” Reihe bereits seit Anfang der 80, denn ‘Castle Wolfenstein’ ist 1981 von Silvas Warner auf den Markt gebracht worden und auch der Nachfolger “Beyond Castle Wolfenstein” ist noch innerhalb der 80er erschiene.
Früher war die Grafik zwar allgemein nicht mit heute zu vergleichen, dafür waren Spiele im Gegensatz zu heute meist spielenswert und keine bewusst erzeugten Grafikwunder die den Spielspass auf der Strecke liessen. Früher war alles besser. ;)
Zum Thema Gewalt in Games und zum deutschen Jugendschutz ein sehr sachlicher Bericht vom ZDF. Siehe hier http://bit.ly/48TB
[...] Vergleich” (via Spiegel Online, Gamesmarkt). Auch die Videospieler wehren sich in einem offenen Brief gegen das Bashen von Videospielen (via [...]
[...] Gast sind Deef Pirmasens (Offener Brief) und Michael Wallies (Geläuterter Spieler, Unterzeichner des Kölner Aufrufs, Mitbegründer von [...]
[...] früh hab ich in deef ’s (der Mann der einen Offenen Brief zur “Killerspiel”-Debatte vorgeschlagen hat) Tweet gelesen, dass die Intel Friday Night, ein Computerspiel-Wettbewerb, nicht [...]
[...] wir nicht zu einer sachlicheren Diskussion zurückkehren und uns überlegen, ob ein Verbot von World of Warcraft, von dem es auch ein [...]
[...] Deef Pirmasens hat in einem Interview bei jetzt.de festgestellt: “Derzeit ist es opportun, Computerspiele zu [...]
[...] hattest in deinem Blog mit einem öffentlichen Brief an die Politik eine Versachlichung der Debatte gefordert. Welche Reaktion gab es darauf hin? Zum [...]
Hi Deef,
sehr gute Aktion mit dem offenen Brief, RESPEKT!
Diese Killerspieldebatte ist neben Zensursula auch nur eine weitere Auswirkung der eigentlichen Ursache:
Die Demokratie der Alten
(“Was war nochmal ein Browser?”)
Siehe dazu auch: http://www.youtube.com/watch?v=wM1xs1jDcis
(Kinder befragen Politiker nach ihren Grundkenntnissen über Computer und Internet)
Dein Artikel ist hervorragend geschrieben, nur einen Punkt möchte ich noch ergänzen: Eltern, die “wegsehen” bzw. nicht mitbekommen, was Ihr Kind da eigentlich macht, sind mit dem Medium Computer oft genug selbst überfordert!
Die Medienkompetenz zieht sich wie eine Trennlinie durch die Gesellschaft – das eigentliche Problem dabei ist, dass die, die sich nicht auskennen, genau die sind, die den Ton angeben – sei es als Politiker oder als Eltern. Das Resultat ist bekannt.
Einziger Hoffnungsschimmer dabei ist, dass sich das eigentliche Problem mit fortschreitender Zeit vermutlich von selbst erledigen wird, d.h. nur ein Problem der jetzigen Generation der 15-40-Jährigen ist.
Siehe dazu auch:
http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,628017-2,00.html
(Spiegel: “Die Generation C64 schlägt zurück”)
Von diesen ganzen Diskussionen musst Du Dich unbedingt erholen, z.B. demnächst mit AVP:
http://www.gamestar.de/news/pc/action/egoshooter/1958004/aliens_vs_predator.html
(Hab außer HL2E2 lang nix Vernünftiges gesehen…. :O))
Liebe Grüße,
Tom von den GassiPods (www.twitter.com/gassipods)
PS: Auch ich habe mich in Blog und Podcast damit befasst: http://gassipods.de/2009/06/27/zensursula-it-works/
[...] Pirmasens hat auf seiner Seite einen interessanten offenen Brief (Betreff siehe oben) veröffentlicht und das sowohl schriftlich wie auch hörbar. Da man [...]