Im Moment geistert der sogenannte “Kölner Aufruf gegen Computergewalt” durch die Medien. Sein Inhalt ist hier als pdf und dort in der Aachener Zeitung nachzulesen. Der “Kölner Aufruf” ist in aggressivem Ton verfasst und wirft seinen Kritikern pauschal Korruption vor:
“Über 3500 empirische Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Mediengewalt und gesteigerter Aggressivität. Wissenschaftler, die dies leugnen, machen sich zu Komplizen und sind Profiteure des militärisch-industriell-medialen Komplexes, denn deren Institute erhalten umfangreiche finanzielle Unterstützung der Games-Industrie.”
Prof. Dr. Norbert Neuß, der Vorsitzende der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK), weist die Vorwürfe zurück und kommentiert den “Kölner Aufruf”, siehe hier und dort.
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Es war klar, dass das kommen würde, aber gleich so extrem?
BTW: Wen erinnert das noch irgendwie an “KiG”?
Es bin ehrlich überrascht wie viele Leute dieses Geschreibsel aus Pauschalbeleidigungen, Scheinargumenten, völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen und hanebüchenen Unterstellungen unterschrieben haben.
Was mich besonders stört sind Texte wie: “Über 3500 empirische Untersuchungen belegen den Zusammenhang zwischen dem Konsum von Mediengewalt und gesteigerter Aggressivität.”
Woher stammen solche Zahlen? Ich kenne jedenfalls keine einzige Studie die etwas derartiges belegt hätte, was dort behauptet wird und dabei habe ich das Fach immerhin studiert.
Es wurde nur immer und immer wieder das gleiche gezeigt: 1. Gewaltszenen erhöhen kurzfristig die Aggressivität. 2. Je nach Einstellung des Probanden kann dabei Aggressivität auf- oder abgebaut werden, wobei die Wirkung jedoch schnell wieder verschwindet. 3. Es wurden keine Langzeitfolgen nachgewiesen.
Ein intelligenter Mensch dürfte daraus schließen: der Konsum von Gewaltdarstellungen ist eine mögliche Begleiterscheinung von Aggressivität, welcher dieses Gefühl als Mediator entweder verstärken oder reduzieren kann, aber es weder auslöst, noch beseitigt.
Viel interessanter ist die Frage: wodurch entsteht Aggressivität. Eine Antwort ist: Frustration. Wodurch entsteht also Frustration: durch Versagen, gesellschaftliche Ausgrenzung, soziale Ablehnung.
Dies sind ganz reale Probleme – nicht nur virtuelle. Das deckt sich im Übrigen auch mit den Erkenntnissen aus dem Bereich der Sozialpsychologie und der Frage nach der Motivation.
Die reale Ausgrenzung aus einer Gruppe stört das Selbstbild eines Individuums doch wohl deutlich mehr, als ein Videospiel.
Frustration im Sinne eines persönlichen Versagens, kann direkt an das Selbstwertgefühl appellieren und durch die Unvereinbarkeit mit dem eigenen Selbstbild eine starke Ablehnung des Individuums gegen sich selbst und andere hervorrufen. Dies wiederum kann eine offensichtliche Ursache sein für Gewalt gegen sich selbst und andere. Aber das soll nach Aussage dieses “kölner Aufrufes” irrelevant sein – den Schuld sind ausschließlich Videospiele?!
Dieser “Kölner Aufruf” ist nichts weiter als ein beschämender Versuch, von den eigenen Problemen abzulenken. Das Hauptproblem ist sehr einfach zu benennen: wer Kindern helfen will, der muss zunächst erst einmal anfangen sich ERNSTHAFT mit Kindern zu befassen. Genau dazu ist die Gesellschaft aber zu faul und konstruiert stattdessen einfache Lösungen, die ins Schema passen.
Das wäre alles halb so schlimm, wenn sie dabei nicht einerseits eine ganz Gruppe von Menschen völlig ohne Grund stigmatisieren würden und andererseits Kinder und Jugendliche nicht weiterhin darunter zu leiden hätten, dass sie allein gelassen werden und man sich um ihre eigentlichen Probleme nicht kümmert.
Fragt doch mal ein paar Kinder nach den ECHTEN Problemen in der Welt der 12- bis 16-jährigen und ihr bekommt Dinge zu hören wie: “die Mädchen lachen über mich”, “der X verprügelt mich und seine Freunde klatschen Beifall”, “der Y erzählt überall rum ich hätte der Z an den Busen gegrapscht”, “ich mag die L, aber die L mag den M und mich nicht”, “ich werde beim Fußball immer zuletzt gewählt”, “ich finde Mathe doof und kriege da nur schlechte Noten”. Glaubt denn irgendjemand ernsthaft, dass man diese Probleme durch ein Verbot von Counterstrike in den Griff bekommt?
@327.767: “KiG”?
@Tom: Ich bin auch überrascht und erschrocken, wer sich für diese Propaganda alles einspannen lässt. Leider glauben tatsächlich eine nicht zu vernachlässigende Zahl von Menschen, dass man durch das Verbot von Erwachsenen-Spielen etwas gegen Jugendgewalt tun könnte.
Ich sehe in meinem Freundeskreis und meiner Verwandschaft aber auch, wie sich die Meinungen von voreingenommenen Menschen ändern können, wenn ich ihnen erzähle, dass nicht nur “irgendwelchen potentiellen Mörder” Zeit mit Ab-18-Videospiele verbringen, sondern auch ich.
Wenn klar wird, dass Videospiele ein Massenmedium sind, welches auch der studierende Sohn, der Nachbar, die Ärztin, der Friseur, der Lehrer spielen, schwindet die Möglichkeit es zu stigmatisieren. Ich empfehle das große “Ich bin Videogamer”-Outing.
Du meinst sowas wie: “Ich bin Videogamer und das ist gut so” ? ;)
Ich darf mir auch öfter “Was? Du spielst das auch?” anhören. Den meisten Lehrern bricht da die Kinnlade weg.
@ Deef:
Google einfach “Aktion Kinder in Gefahr”. Das sind Hardcorekatholen, die aber vor allem gegen Bravo und Homo-Erziehungsrecht Stimmung machen, aber wenns grad mal passt auch gern gegen Killerspiele und Horrorvideos. Toms Beschreibung “Geschreibsel aus Pauschalbeleidigungen, Scheinargumenten, völlig aus der Luft gegriffenen Behauptungen und hanebüchenen Unterstellungen” passt auch auf ihre Texte hervorragend und dieses Machwek könnte auch genausogut von ihnen sein.
@Deef
Ich finde das Outcoming für Videogamer eine gute Idee …
Eine Ursache für die schlechte Presse liegt meiner Ansicht nach in den 90er Jahren. Damals hat ID-Software der Szene vermutlich einen Bärendienst erwiesen, indem sie absichtlich einen Aufreger nach dem anderen produziert haben. Dass sie gleichzeitig als Erfinder des Egoshootergenres gelten, ist nicht unbedingt hilfreich.
Ich habe gerade den Wikipedia-Artikel zu Jon Romero gelesen und mir graute schon wieder, als ich eine Ankündigung gelesen habe, dass sein nächstes “Werk” “ein bisschen schockierend” sein würde.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass Videospiele insgesamt auf Doom und Co. reduziert werden und das ist nicht gut.
Es fehlt der Szene an positiven Beispielen.
@Tom: Wenn man gegen Videospiele argumentieren will, findet man immer negative Beispiele, um sie an den Pranger zu stellen, egal wieviel positive Beispiele es gibt.
Aber es ist auch die Frage, was man unter einem positiven Beispiel versteht. Portal und Boom Blox, weil sie gewaltfrei sind? GTA4 weil seine Geschichten und Figuren besser sind als in vielen Filmen? Geschmackssache.
Ich dachte mit “positiven Beispielen” eher an Personen wie Professor Marc Overmars, dessen Buch “Computational Geometry” ich für eines der besten Beispiele für hervorragende wissenschaftliche Lehrliteratur halte, der an der Universität Utrecht unter Anderem Game-Design lehrt, Vater der Software “Game-Maker” ist, eine eigene Firma und Jobs geschaffen und ein Online-Magazin auf den Weg gebracht hat.
Verstehe. Für Akademiker und Wissenschaftsinteressierte sind solche Beispiele möglicherweise interessant, ja.
Ganz im Gegenteil – gerade Eltern dürften sich dafür interessieren.
Es gibt da diesen “Schwiegersohnfaktor”, nachdem vor allem Eltern alles beurteilen, womit ihre Kinder theoretisch in Kontakt kommen.
Wenn jemand den Äpfeln aus dem Garten des eigenen Onkels mehr vertraut als denen aus dem Supermarkt, dann tut er dies nicht wegen der Äpfel, sondern wegen des Vertrauens zu seinem Onkel.
Wenn die Öffentlichkeit wieder Vertrauen in die Kompetenz der Softwareentwickler hat, dann fällt es auch leichter die Software welche sie entwickeln als “normale Arbeit” zu akzeptieren und mit ihr auch die Leute, welche diese “Arbeit” konsumieren (spielen).
Bessere öffentliche Meinung über Spieleentwickler schafft mehr Vertrauen in Spiele; schafft mehr Akzeptanz für Spieler; reduziert den öffentlichen Druck auf Politik und Gesellschaft.
Es wird keine breite öffentliche Akzeptanz für Spieler geben, ohne eine breite öffentliche Akzeptanz für den Beruf des Entwicklers. Denn wer den Spielemachern misstraut, der muss auch deren Produkten misstrauen.
Das beste Beispiel dafür, dass es tatsächlich so ist, ist Microsoft ;)