Apr
27
2008

Protokoll eines Samstags

Party - Foto von Deef
Party in Meister Eders Werkstatt – Foto von Deef
 

Nur ein bisschen verschlafen. Schnelles Frühstück bei Häagen-Dazs am Hauptbahnhof. Um die Geschmacksintensität des New-York-Cheese-Cake mit Himbeersauce zu beschreiben, müsste man ein neues Wort erfinden. Diabetiker fallen schon ins Koma, wenn sie nur dran schnuppern. Ich nehme die S5 und komme noch rechtzeitig zum Wii- und Xbox-Zocken mit Freunden in Gilching. In einem Spiel versuchen wir zu dritt eine Stadt von Terroristen zu befreien. Wir sehen sowas von kein Land. Jedesmal wenn einer von uns den virtuellen Tod erleidet, zitieren wir die kaputtesten Berliner Comics. Weia, Weia, Stulle. Au Backe, Didi.

Warte danach auf dem Bahnsteig auf die S-Bahn, die mich zurück in die Zivilisation bringt. Augustiner in der Hand, Kippe im Mund, Stöpsel im Ohr, Electro im Kopf, Sonne im Gesicht. Komme rechtzeitig heim, um die Waschmaschine zu verkaufen. Vor der Tür warten schon die Käufer. Die messen ewig an der Maschine rum. Sie ist zu breit. Sie kaufen sie trotzdem. Stopfe 50 Euro in mein Portmonee, schleppe die Privileg mit den beiden zur Straße und wuchte sie in ihren Polo. Dann schnell zum Podcastertreffen in der Osteria in der Leopoldstraße.

Lerne endlich Martin Bauer von “Ein Leben in Erding kennen“. Ärgere mich, weil Pizza viel zu spät kommt. Ärgere mich doppelt, weil ich statt einer Halben, eine Ganze bestellt habe, den Umstand vergessend, dass die Osteria unter Normalgröße Wagenrad versteht. Ärger verfliegt, da eine Hörerin namens Inge (aus München, nicht aus Hamburg) mir sehr freundliche Komplimente macht. Verabschiede mich trotzdem. Andere Freunde warten schon an der Münchner Freiheit.

Von dort zum gemeinsamen Ziel: eine Party in bum-fucking-nowhere named Johanneskirchen. Wieder in der S-Bahn. Direkt neben uns laute, aggressive Migrationsjugendliche mit Schweinsteigerfrisuren. Nachdem sie ausgestiegen sind und ich zu meinen Freunden etwas sage wie “Wir hätten sie ja mal spaßeshalber fragen können, ob sie die Musik aus ihren Handys leiser machen” entwickelt sich ein Gespräch mit einer Frau Mitte 30: “Keiner sagt was. Und wenn man was sagt, dann muss man sich als deutscher Spießer beleidigen lassen”. Stimmt, doch als der Dialog in Richtung Sinn und Zweck von Lebenslänglich im Vergleich zu Sicherheitsverwahrung und Todesstrafe abgleitet, klinke ich mich aus. Kurz darauf: Johanneskirchen, Ausstieg rechts.

Die S-Bahn entlädt uns in die dunkle Ruhe eines schlafenden Ortes, der an einem Samstag abend mehr zum Abfahren auffordert, denn zum Ankommen einlädt. Ich habe keine Ahnung, wessen Party wir eigentlich besuchen. Nach einem Fußmarsch von ein paar hundert Metern betreten wir ein Grundstück, laufen über einen Hof und stehen vor einem Gebäude Typ “Meister Eders Werkstatt”, das hell erleuchet ist. Drinnen singt eine Blonde mit Inbrunst “I will survive” in ein Mikrofon, dazu spielt eine Band. Wir gehen rein. Ich halte nicht Ausschau nach Bekannten, denn ich kenne hier niemanden und suche stattdessen das Bier, finde es und verteile Flaschen an die Jungs. Zisch, Zisch, Prost, Prost, Schluck, Schluck. Dann Zigaretten schnorren.

Die Wände zieren großformatige, moderne Ölbilder, hauptsächlich abstrakt und von einer Qualität, die ich gern im Wohnzimmer hätte. Der Künstler ist wohl der Besitzer der Werkstatt. Die Blonde beendet den Gaynor-Song, jemand legt Jamiroquai auf. Ich denke kurz über den musikalischen Zeitsprung nach, von den 70ern in die 90er und freue mich, den obligatorischen 80ern entgangen zu sein. Jemand erhebt die Stimme und kündigt einen Zauberer an. Der sieht aus wie eine Mischung aus Frank “The Transporter” Martin und Woody Harrelson und bringt mit einfachsten Requisiten wie einem Becher, zwei Tennisbällen und einem Kartenspiel die Menge zum Raunen und Staunen. Notiere mir seine Nummer. Die Blonde fängt wieder an zu singen. Jemand flüstert mir ins Ohr, sie sänge auf Kroatisch. Noch ein Bier, dann ist es schon kurz vor zwei und wir rennen, um die letzte S-Bahn zu bekommen.

Landen dann noch im Schall und Rauch in der Schellingstraße. Ein Song von Rick Astley grinst mir aus den Boxen entgegen. Gefolgt von weiteren Superhits aus den 80ern. Ein Absacker-Becks, dann ergreife ich die Flucht, die Jungs folgen. Zu Fuß durch die sternenklare Nacht mit hochgeklapptem Kragen. Wir trennen uns an der Münchner Freiheit. Mein Nachtbus ist unfreundlich, weil gerade ohne mich abgefahren. Der Taxifahrer dagegen sehr freundlich. Er könnte 60 sein. Oder 90, so genau kann ich es nicht sagen. Er fragt mich, wo ich gefeiert hätte und zählt Dissen an der Münchner Freiheit auf, von denen ich noch nie gehört habe. Ich erkläre ihm, dass ich ganz wo anders war. Er meint, mit der Gegend gehe es sowieso bergab. Das würden alle sagen. Ich gebe Trinkgeld, schreib das hier auf und geh ins Bett.

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