Mai
11
2007

Ripleys und Bowmans Erben

Danny Boyle, der Regissseur von Trainspotting, hat mit “Sunshine” den besten Science-Fiction-Film der letzten Jahre, vielleicht sogar Jahrzehnte abgeliefert. In der nahen Zukunft droht die Sonne zu erlöschen. Die 8-köpfige Crew des Raumschiffs “Ikarus 2″ ist unterwegs zu ihr, um sie mit einer riesigen Bombe wieder anzuzünden. Doch bevor sie ihr Ziel erreicht, fängt die Besatzung ein automatisches Notsignal von “Ikarus 1″, dem verschollenen ersten Schiff auf, das seine Mission nicht erfüllt hatte.

Was tun? Das Notsignal ignorieren und wie geplant zur Sonne fliegen? Oder einen Umweg zu “Ikarus 1″ nehmen, um nach Überlebenden zu suchen? Die Frage ist so schwierig zu beantworten, weil die “Ikarus 2″ unbedingt die Sonne wieder entzünden muss. Jede Abweichung vom Weg kann die Mission und damit das Überleben der Menschheit auf der Erde gefährden.

Die Crew entscheidet sich, jedoch nicht einstimmig. Die Gruppendynamik macht Sprünge, die im Verlauf des Films immer extremer werden. Technische Probleme, menschliches Versagen, Schuldzuweisungen, Angst die Mission nicht erfüllen zu können und Angst vor dem Tod steigern den Streß der acht Astronauten ins Unermessliche. Und im Verlauf des Films bleibt es nicht bei acht Crewmitgliedern…

“Sunshine” ist hochspannend und verdient auch als Thriller Bestnoten. Die Bilder von Raumschiff und vor allem von der Sonne sind eindrucksvoll und guter Grund allein, den Film im Kino zu erleben. Als Science-Fiction-Fan kann man die wenigen unrealistische Aspekte (ein Astronaut ist ohne Raumanzug einige Sekunden im All und überlebt mit leichten Erfrierungen) verschmerzen und freut sich, dass Danny Boyle viele Genreklassiker zitiert.

In einem Interview nennt er Alien, “2001 – Odyssee im Weltraum” und Solaris (das Original von 1972) als Vorbilder. Es finden sich auch Elemente aus “Lautlos im Weltraum“, “2010 – Das Jahr in dem wir Kontakt aufnehmen” und Sphere. Sie zeigen sich in der Handlung, im Design und in einigen spleenigen Reminiszenzen wie Kubricks schwarzem Monolith, der in der Schlussszene gleich dreifach auf der Erde steht. Solche Dinge entscheiden zwar nicht darüber, ob ein Film gut oder schlecht ist, geben dem außerordentlich guten Sunshine aber noch etwas Puderzucker – oder, wie es im Film heißt, “Sternenstaub” – oben drauf. Klare Empfehlung: Sehen!

PS: Ripley und Bowman? Die Hauptfiguren aus Alien und 2001.

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Geschrieben von Deef in: Filme und Serien | Tags: , , , |
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12 Kommentare

  • Frank sagt:

    Ich hatte den pünktlich zum Kinostart gesehen und stimme dir da voll und ganz zu.
    Obwohl ich nicht so begeistert war von Solaris, ist Sunshine wirklich grandios. So gut wurde ich im Kino lange nicht unterhalten.

  • Daniel sagt:

    Großer Film. Das krude letzte Viertel trübt zwar etwas die Freude, aber Sunshine ist endlich mal wieder ein klasse Sci-Fi Movie.
    Habe selten einen Film gesehen, bei dem man sich so viele Aufnahmen auch gerne als Bild an die Wand hängen würde.

  • LiZard sagt:

    Ich fand den Film grottenschlecht.
    Unzählige Logikfehler und physikalische/technische Unmöglichkeiten reihen sich ein zur absolut schwachsinnigen Verhaltensweisen der Crewmitglieder.
    Dann nochmal iregdnwie ein Horrorelement am Ende reingewurschtelt.
    Unter aller Sau der Film.
    Fazit:
    Effekte gut, Rest Mist.

  • th sagt:

    (Achtung: leichte Spoiler)
    Ich habe all die Klassiker auch gesehen. Event Horizon wurde noch nicht genannt, wurde aber oft zitiert.
    Ich fand auch die bisherigen Filme von Boyle großartig.
    Aber Solaris war, naja, einschläfernd.

    Die Charaktere waren flach und austauschbar. Warum führt der Kapitän in den Film ein und verabschiedet sich so schnell?
    Die Story simpel und klischeehaft. Raumschiff fliegt zur Sonne, um die Erde zu retten. Die Astronauten streiten sich. Zwischendurch gibt es ein paar der üblichen Zwischenfälle.
    Und was machte der Zombie in diesem Film?
    Mein Verdacht ist, dass Boyle sich selbst (28 …) featuren wollte ;o)

    Im Ergebnis war es eine Zitatesammlung ohne eigenen Kern.

  • Deef sagt:

    (ACHTUNG SPOILER!)

    @ Lizard und th:
    Meine Theorie ist, dass man einen Film aus dem Bauch heraus gut oder schlecht findet und dann hinterher möglichst viele gute Gründe dafür sucht, um das zu begründen. Insofern werde ich Euch nicht überzeugen können. Trotzdem Gegenargumente:

    - Unrealismus: Jeder Science-Fiction-Film hat unlogische oder unrealistische Elemente oder Grundlagen. Manchmal sind solche Dinge einfach dumm, manchmal sind sie nötig für die Story. Die Frage ist, wieviele man davon akzeptiert. Im Falle von “Sunshine” könnte man z.B. erwähnen, dass es eigentlich auf einem solchen Flug nicht zu Sauerstoffmangel kommen kann, da Sauerstoff aus CO2 oder Wasser mit genügend Energiezufuhr (und die hatten sie ja) herausgespalten werden kann. Aber ohne Sauerstoffknappheit stellt sich auf dem Schiff nicht die Frage, welches Crewmitglied geopfert werden muss…

    - Das Verhalten der Crewmitglieder: Bei so einer Mission steht alles vorher fest. Doch drei Dinge kommen zusammen, die zu sich kumulierenden Fehlern führen: 1.) das Funkloch (keine Rücksprache mit Basis möglich), 2.) die erste entscheidende Abweichung vom Weg, von der Mission, von den vordefinierten Regeln (die Kursänderung mit all den Folgefehlern und Problemen), 3.) Menschen machen Fehler. Immer. Je größer der Streß, je mehr das eigene Überleben gefährdet ist, um so emotionaler und heuristischer werden die Entscheidungen.

    - Der eigene Kern: Je mehr Science-Fiction-Filme es gibt und je mehr aus anderen zitiert wird, umso schwieriger ist es etwas Eigenes zu kreieren. Boyle hat bewußt viel zitiert und setzt sich dadurch natürlich dem Vorwurf aus, er hätte nichts Eigenes geschaffen. Tatsächlich liegt das im Auge des Betrachters. Ich finde er hat einen tollen Mix aus anderen Filmen/Storys geschaffen UND etwas Eigenes eingebaut. Nämlich die Wirkung, die die Sonne ausübt. Sie verführt, beglückt und tötet. Der Psychologe berauscht sich an immer höheren Licht-Dosen. Als der Kapitän im Licht stirbt, schreit der Psychologe in den Funk: “WAS SEHEN SIE?! WAAAS SEEHEEEN SIIIIIE?!!!” Eine unglaubliche Gänsehautszene.

    Aber wie gesagt: man findet einen Film entweder gut oder schlecht und sammelt dazupassend Argumente. Ihr habt dementsprechend auch genug, die “belegen” wie schlecht der Film ist. Auch ich finde viele Klassiker besser. Aber “Sunshine” ist trotzdem für mich der beste Science-Fiction-Film seit Jahren.

  • Marc sagt:

    Deef hat natürlich vollkommen recht: Filme sind wie Essen. Entweder es schmeckt mir, oder eben nicht.
    ABER: Es gibt gewisse Dinge, die kann man einem Handwerk (der Filmemacherei wie auch der Kochkunst) einfach nicht vorwerfen. Darunter fällt beispielsweise der Vorwurf, ein Sciene-Fiction Film enthalte zu viele Logikfehler und „physikalische/technische Unmöglichkeiten“. Science-Fiction, die Wissenschafts-DICHTUNG, ist Unmöglichkeit, sonst wäre es kein Science-Fiction. Von daher klingt der Vorwurf nach technischen Unmöglichkeiten etwas komisch. Ungefähr so wie: „Der Fenchelsalat schmeckte mir persönlich etwas zu sehr nach Fenchel.“
    Zur „Plattheit“ der Charaktere: Der Film schafft es, dem Zuschauer die Charaktere auf eine sehr einfache Art und Weise näher zu bringen, ohne sie vorher großartig vorstellen zu müssen. Keine Familienszenen, die den Astronauten im Kreise seiner Liebsten zeigen, damit wir später auch wunderbar heulen können, wenn die Mama vom Tod erfährt und auch die Nachbarn noch zum Trauertee kommen. Danke dafür. Das braucht der Film nicht. Nein, das Verständnis für die Situation und das Schicksal der Crewmitglieder verlangt vom Zuschauer ein gewisses Maß an Emphatie. Wer diese aufbringen kann, erlebt Kaneda und Co. nicht als flache Raumschiffnerds mit Mission zur Sonne.
    Zur Frage warum der Kapitän in den Film einführt und dann so schnell stirbt: Warum denn bitte nicht?
    Zugegeben, über den „Zombie“ (der keiner ist) im letzten Teil des Films kann man streiten. Muß nicht sein, hatte der Film nicht nötig. Aber stören tut er auch nicht.
    Also: Wer den Film nicht mag. Okay. Warum auch nicht. Aber gewissen Vorwürfe kann man dem Film einfach nicht machen. Wer dennoch noch neugierig ist: Sunshine ist ein Film voll phantastischer Bilder, guter und stimmiger Musik und einer einfachen, aber spannenden Story.

  • LiZard sagt:

    Menschen entscheiden eigentlich fast immer über alles aus dem Bauch (besser gesagt dem Unterbewusstsein) heraus und suchen hinterher passende Gründe für die eigene Meinung. Ist ganz normal.

    @Marc

    Na wenn du das so siehst, können wir das “science” in science-fiction ja auch gleich weglassen.
    Ein gewisses Maß an Realitätsnähe muss einfach gegeben sein, auch um die Fiction darauf aufzubauen.

    Hier mal zwei szenen die ich besonders dumm fand:

    1: Die Crew erforscht die Ikarus 1, alles gleichmäßig mit Staub aus Menschenhaut bedeckt, die Crew sitzt aber vollzählig im “Sonnenraum”, schleuse wird abgesprengt (?), Ikarus 2 dockt ab, 3 Astronauten sind auf der Ikarus gefangen, es gibt nur einen Raumanzug. 1ner im Raumanzug, die beiden andren reißen Isolierfolie aus den Wänden (!??!!?) und wickeln sich darin ein, alle 3 springen so ins Weltall, um rüber zur Ikarus 2 zu schweben.
    Das Vakuum und die unglaubliche Kälte haben den Astronauten kaum geschadet.

    2: Die Crew stellt fest dass der Sauerstoff nicht mehr reichen wird, ein Crewmitglied liegt auf der Krankensattion und ist ruhiggestellt.
    Es wird festgestellt, dass genau ein Crewmitglied zu viel da ist.
    Die Frau, bis jetzt schon immer die Moraltante gewesen, spricht sich gegen Mord aus. 1ne Filminute später hat auch sie keine einwände mehr, man beschließt den Kerl auf der Krankenstation abzumurksen: “mach es schmerzlos” (!).
    Nächste szene: Mann betritt Krankenstation und nimmt sich ein Skalpell(!!!!)

  • Deef sagt:

    @ Lizard:

    Zu 1: Du hast vollkommen recht. Ohne Raumanzug durchs All zu schweben, führt augenblicklich zum Tod. Der nicht vorhandene Luftdruck lässt das Blut kochen und bringt Kapillargefäße und Lungen zum Platzen. Aus diesem Grund kommt es gar nicht erst zum Tod durch Erfrieren oder Ersticken, wie es “Sunshine” vorgaukelt. Das kreide ich dem Film auch an, toleriere ich aber.

    Zu 2: Meiner Meinung nach hat es einen anderen Grund, warum Mace (Chris Evans) zum Skalpell greift. Der Zuschauer sieht so, dass in der Schublade mehr Skalpelle waren und dass zwei Stück FEHLEN. Wer das eine genommen hat, zeigt sich wenige Sekunden später, wer zum anderen griff erst später im Film. Diese Voranhnung bekäme man nicht, wenn Mace vorgehabt hätte den Depressiven mit blossen Händen zu erwürgen – was darüber hinaus möglicherweise schmerzhafter und schrecklicher gewesen wäre, als ein gezielter Stich ins Herz (ganz schön Makaber, über was wir hier reden).

  • LiZard sagt:

    wieso dem depressiven, der auf der Krankenstation sowieso schon ruhiggestellt ist nicht einfach ne überdosis geben?
    Stich ins Herz mit nem Skalpell wird glaube ich eher schwierig, is eifnach nich dafür gemacht.

    Okay, man köntne sicher noch studnenlang weiter über den Film diskutieren, aber lassen wir’s dabei, jeder hat seine Meinung :)

  • Deef sagt:

    :)

  • unionista sagt:

    Gerade den Film gesehen. Zu Fünft im UCI. SF ist halt doch Außenseiterkino, außer natürlich als SF getarnte Weltraumopern alias Star Wars. Klasse Geschichte. Wenn man auch als alter SciFi-Freak die Szenen kennt (2001, Alien, und wie hieß doch der Film wo der Mann mit einer Art Gewächshaus durchs All treibt …) – es passt doch wunderbar!

    Insgesamt fand ich den Film ein wunderbares Porträt der Sonne. Am Anfang hört man den vertonten Sonnenwind (das ist dieses Geklimper), man erfährt dass sie “stirbt” und trotzdem ist ihre Macht und Kraft doch so unendlich groß, fast göttlich. Der Psychologe ist süchtig nach ihrem Licht – wie auch die anderen diesem Sog fast verfallen.

  • Deef sagt:

    dito.

    “Lautlos im Weltraum” heißt der traurige Space-Gewächshaus-Film. Link siehe oben.

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