Mai
10
2011

Sieben “Osama-Optionen” der USA

Dynamit an einer Münchner Hauswand - Foto von Deef

Man kann die tödliche Aktion gegen Osama bin Laden unter verschiedensten Gesichtspunkten betrachten: politischen, menschenrechtlichen, spieltheoretischen usw. Viele fragen sich, was darf Staatsräson oder was muss sie dürfen?

Ich finde noch eine andere Überlegung interessant: Welche Optionen hatten die USA und wie wären diese Szenarien von Fürsprechern und Kritikern bewertet worden? Was geschah und sechs weitere Gedankenspiele:

1.) Was laut den USA passiert ist: eine zugegebene (zugegeben im Sinne von: nicht nachträglich geheim gehalten) Kommandoaktion, bei der bin Laden getötet und seine Leiche an einem geheimen Ort bestattet wurde:

Pro:

  • Tod Osama bin Ladens
  • Keine Anschläge/Geiselnahmen, um seine Befreiung zu erpressen
  • Keine Pilgerstätte am Grab
  • Genugtuung für diejenigen Angehörigen von al-Quaida-Opfern, die für “Auge um Auge” sind
  • Innenpolitischer Beliebtheitszuwachs für Präsident Obama

Contra:

  • Tod Osama bin Ladens ohne Gerichtsverfahren
  • Bruch der universellen Menschenrechte.
  • Verschwörungstheorien bin Laden könnte noch leben
  • USA bestätigt die Propaganda von extremistischen Islamisten, die das Land als mörderischen Aggressor darstellen.
  • Racheakte der al-Quaida

2.)  zugegebene Kommandoaktion, bei der bin Laden getötet und seine Leiche in sein Geburtsland Saudi-Arabien überführt worden wäre:

Pro:

  • Tod Osama bin Ladens
  • Keine Anschläge/Geiselnahmen, um seine Befreiung zu erpressen
  • Genugtuung für diejenigen Angehörigen von al-Quaida-Opfern, die für “Auge um Auge” sind
  • Tod wäre von Saudi-Arabischen Offiziellen bestätigt worden, was das Aufkeimen von “Er lebt noch”-Verschwörungstheorien im Keim erstickt hätte.
  • Religiöse Bestattung in einem muslimischen Land

Contra

  • Tod Osama bin Ladens ohne Gerichtsverfahren
  • Bruch der universellen Menschenrechte
  • Ob Saudi-Arabien die Leiche hätte haben wollen, ist fraglich. Zumal bin Laden laut Wikipedia seit 1994 staatenlos war.
  • Grab hätte Pilgerstätte für Anhänger werden können.
  • Saudi-Arabien hätte für die USA unangenehme Details über den Tod bin Ladens veröffentlichen können. Z.B. Fotos der Leiche. Rein hypothetisch hätte eine Obduktion auch ergeben können, bin Laden sei vor seinem Tod unter Drogen gesetzt, gefesselt oder gefoltert worden. Das hätte die USA außenpolitisch isoliert.
  • Erhöhte Gefahr von al-Qaida-Anschlägen auf saudi-arabische Ziele, weil das Land mit den USA “kollaboriert” hätte.

3.) zugegebene Kommandoaktion, bei der Osama bin Laden getötet und seine Leiche in den USA beerdigt wird:

Pro:

  • Tod Osama bin Ladens
  • Keine Anschläge/Geiselnahmen, um die seine Befreiung zu erpressen
  • Genugtuung für die Angehörigen von al-Quaida-Opfern, die für “Auge um Auge” sind
  • Überwachung der Grabstätte und geheimdienstliche Beobachtung jeder Person, die dort auftaucht und sich als potentieller bin Laden-Sympathisant outet.

Contra

  • Tod Osama bin Ladens ohne Gerichtsverfahren
  • Bruch der universellen Menschenrechte
  • Grab hätte Pilgerstätte für Anhänger werden können.
  • Racheakte der al-Quaida
  • Innenpolitischer Protest gegen die Beerdigung von bin Laden in den USA

4.) zugegebene Kommandoaktion bei der bin Laden entführt und in ein US-Internierungslager wie z.B. in Guantanamo verbracht wird:

Pro

  • Osama bin Laden wäre noch am Leben
  • Er hätte in US-Verhören verwertbare Informationen preisgeben können
  • Vermutlich innenpolitischer Beliebtheitszuwachs für Präsident Obama

Contra

  • Osama bin Laden wäre noch am Leben
  • Anschläge/Geiselnahmen mit dem Ziel bin Laden freizupressen
  • Die Verhöre von bin Laden hätten ergeben können, dass er heute nur noch wenig Einfluss auf al-Qaida und internationalen Terrorismus hat, was die USA eventuell unter Druck gesetzt hätte.
  • Vorwürfe, die USA würden bin Laden foltern und ihm Anwalt und fairen Prozess vorenthalten
  • Bruch der universellen Menschenrechte

5.) geheime Kommandoaktion, bei der bin Laden heimlich getötet wird und seine Leiche an einem unbekannten Ort verschwindet:

Pro

  • Solange die Aktion oder zumindest die Nationalität des Kommando-Teams geheim blieben, könnte man den USA keine  auf Fakten basierenden Vorwürfe machen.
  • Tod Bin-Ladens, der aber nur einem kleinen Kreis aus hohen Militärs und Geheimdienstlern bekannt wäre.
  • Keine Pilgerstätte am Grab
  • Keine Anschläge, um die Befreiung bin Ladens zu erzwingen

Contra

  • Bruch der universellen Menschenrechte
  • alles, was geheim ist, kann und wird womöglich nicht geheim bleiben. Je mehr Personen Kenntnis haben und je brisanter das Geheimnis ist, desto wahrscheinlich die nachträgliche Veröffentlichung. Ein Bekanntwerden einer solchen geheimen Kommandoaktion hätte die USA vermutlich außenpolitisch schwer unter Druck gesetzt.
  • keine Genugtuung für die Opfer von al-Kaida-Anschläge solange die Aktion geheim bliebe.
  • kein innenpolitischer Beliebtheitszuwachs für Präsident Obama wegen Geheimhaltung. Bei nachträglichem Bekanntwerden wahrscheinlich Kritik am Präsidenten, weil er das us-amerikanische Volk nicht über die Aktion informierte.
  • Nach Bekanntwerden: USA bestätigt die Propaganda von extremistischen Islamisten, die das Land als mörderischen Aggressor darstellen.
  • Nach Bekanntwerden (vielleicht auch schon davor): Racheakte der al-Quaida

6.) keine Kommandoaktion, sondern der Versuch, bin Ladens Umfeld geheimdienstlich zu infiltrieren:

Pro

  • Osama bin Ladens wäre noch am Leben
  • Seine weiteren Aktionen hätten verhindert oder behindert werden können. Seine Verbindungsleute wären u.U. nach und nach aufgeflogen.

Contra

  • Osama bin Laden wäre noch am Leben
  • Die Verwendung von Wissen über kommende Anschläge und über bisher unbekannte al-Qaida-Anhänger hätte den Informanten in bin Ladens Umfeld gefährdet, so dass dauerhafte Infiltration nicht sinnvoll erscheint.
  • Bei Bekanntwerden der Infiltration hätte sich der US-Präsident gegenüber us-amerikanischer Hardlinern und Angehörigen von al-Qaida-Opfern, die bin Laden nicht überwacht, sondern verurteilt und/oder tot sehen wollen, rechtfertigen müssen.
  • auch solche Geheimdienstaktivitäten sind vor menschenrechtlichen Gesichtspunkten fraglich

7.) zugegebene Kommandoaktion, bei der bin Laden entführt und vor ein Gericht gestellt wird:

Pro

  • Osama bin Laden wäre bis zu einem möglichen Todesurteil noch am Leben
  • Außenpolitischer Imagegewinn für die USA, die die Menschenrechte (abgesehen von der Entführung) selbst bei ihrem ärgsten Feind gewahrt hätten.
  • Islamische Länder hätten es wahrscheinlich begrüßt, wenn bin Laden z.B. einem saudi-arabischen Gericht vorgeführt worden wäre. Ob Saudi-Arabien sich aber ob der Staatenlosikeit bin Ladens zuständig gefühlt hätte, ist fraglich.
  • Westliche Welt hätte es wahrscheinlich begrüßt, wenn bin Laden sich vor dem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag hätte verantworten müssen.
  • Genugtuung für diejenigen Angehörigen von al-Quaida-Opfern, die gegen “Auge um Auge” sind.

Contra

  • Osama bin Laden wäre bis zu einem möglichen Todesurteil noch am Leben
  • Anschläge/Geiselnahmen um bin Laden freizupressen
  • Keine Genugtuung für diejenigen Angehörigen von al-Quaida-Opfern, die für “Auge um Auge” sind
  • Innenpolitische Zweifel am Patriotismus und/oder der Kaltschnäuzigkeit des US-Präsidenten

Man sieht: es wäre möglich gewesen, die universellen Menschenrechte nicht bzw. weniger umfassend zu brechen. Szenarien ohne Nachteile gibt es aber nicht. Was man auch sieht: es gibt Argumente, die sich je nach Meinung als Pro- oder Contra-Argument benutzen lassen. Das heißt nicht, dass ich sie so nutze, ich stelle mir nur die Diskussionen vor.

Mein Favorit ist Option 7. Ich gebe zu, Festnahme und fairen Gerichtsprozess zu fordern, fällt leicht, wenn man nicht der US-Präsident ist. Allerdings sollten auch für ihn universelle Menschenrechte unverhandelbar sein. Ich hatte gehofft, dass Barack Obama sich in der Hinsicht z.B. von seinem Vorgänger Georg W. Bush unterscheidet. Unabhängig davon kann ich die Freude darüber, dass von Osama bin Laden keine Gefahr mehr ausgeht, nachvollziehen.

Das könnte Dir auch gefallen:

Reklame:

6 Kommentare

  • thinkpunk sagt:

    Interessante Zusammenstellung und immer wertvoll zu sehen, dass es Alternativen gibt.

    Was mir unklar ist und ich bedenklich finde, ist, dass nichtmal versucht wurde, die Tötung als Notwehr-Aktion oder mit irgendner akuten Gefährdung von Beteiligten zu begründen. Diese Version (quasi Option 8 oder 1b: Festnahme als proklamiertes Ziel, Tötungserlaubnis bei Anzeichen von Risiko) hätte zwar das Ergebnis nicht verändert und könnte als reines Coverup inszeniert sein. Aber wenn Obama das so eingefädelt oder erklärt hätte, ließe das immerhin auf ein Problembewusstsein hinsichtlich vorsätzlicher Ermordungskommandos schließen. So..? Assassination ist das neue “brought to justice” und indefinite detention Rechtstaatlichkeit. Mission accomplished.
    Ich nehme keiner Person Freude oder Erleichterung über Osamas Tod übel, aber als Staat(svertretung) darüber so gung-ho zu sein ist erschreckend. Same old, same old.

    Übrigens fand ich ganz nett, was Küppersbusch dazu sagt:

    “Solange wir schmerzfrei und mit Stauffenberg selbst von der “geplanten Ermordung Hitlers” reden, sehe ich keinen Anlass, Obamas Tat zu so ner Art Sterbehilfe im Auslandseinsatz hübschzuparfümieren. Der Friedensnobelpreisträger nimmt nicht weniger als einen Mord auf sein Gewissen, und ich muss auch zugeben: Die gleiche Nummer gegen Hitler und ich hätte versucht, persönlich zu gratulieren. Der Vergleich hinkt wie Goebbels – und von den Nürnberger bis hin zu den aktuellen Den Haager Prozessen sind die angemesseneren Mittel mehr als klar. Obama kann nun sein Wahlversprechen einlösen, die Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Daran würde ich ihn messen.”

    http://www.taz.de/1/debatte/kommentar/artikel/1/wie-geht-es-uns-herr-kueppersbusch-cfa3354990/

  • checka sagt:

    Auch mir sagt die Zusammenstellung zu.

    Gleichermaßen stellen sich auch viele Fragen bezüglich der Sinnhaftigkeit eines Prozesses (vgl. den Prozess gegen Saddam Hussein):
    Hätte es überhaupt eine sinnvolle Rechtsverteidigung geben können?
    Wäre ein anderer Ausgang zu erwarten gewesen als Todesstrafe?
    Wie viel Sinn macht ein Prozess, wenn das Gericht vom Angeklagten und seinen Anhängern sowieso nicht anerkannt wird?

    Ob es sich bei der Tötung um (gefühlte) Notwehr handelte oder um Vorsatz, wage ich nicht zu beurteilen -aus Mangel an gesicherten Informationen.
    Nicht dass ich den Tod eines Menschen je begrüßen würde, aber irgendwie scheint es fast fair, dass Bin Laden entsprechend den “Spielregeln” geschlagen wurde, die er selbst gewählt hat.

  • Deef sagt:

    Hallo Checka,

    ja, diese Fragen stehen im Raum. Sagen wir mal so: Vermutlich wäre jeder Prozess gegen bin Laden von seinen Anhängern nicht anerkannt worden. Aber es geht ja nicht nur um seine Anhänger. Es geht um die Anwendung von Prinzipien wie Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit. Und zwar immer und nicht nur, wenn es in den Kram passt. Es geht auch um die Wirkung einer tödlichen Kommandoaktion auf Unentschlossene, die nun glauben könnten, dass die al-Qaida-Propaganda recht hat mit dem Bild, das sie von den USA zeichnet. Ein Gerichtsverfahren in einem als muslimisch angesehenen Land hätte al-Qaida nicht ohne weiteres als “Schauprozess des Westens” abtun können.
    Einen Terroristenführer ohne Gerichtsverfahren zu töten, erscheint fair, wenn man sich an “Auge um Auge” orientiert und Vergeltung als Handlungsprinzip gutheißt. Aber nicht, wenn man das Fundament eines Staates auf Menschenrechte und Rechtstaatlichkeit baut und sich gerade damit von sogenannten “Schurkenstaaten” unterscheiden möchte. Die USA oder “der Westen” wollen besser als die Terroristen sein, die sie angreifen? Dann müssen sie auch besser handeln. Das ist natürlich schwieriger. Aber besser sein, heißt auch mit höherer Schwierigkeit zurechtzukommen, statt den “leichten Weg” zu wählen.

  • nberlin sagt:

    Sage dazu nur “Wag the dog”. Gerade weil es keine Bilder oder eine Beerdigungsstätte gibt. Ich glaube der Berichterstattung kein Wort.

    Ob er lebt oder nicht und warum, wann oder wie er gestorben ist, das wird wohl nur er wissen und vielleicht auch der amerikanische Geheimdienst, obwohl ich mir noch nicht mal da sicher bin.

  • Deef sagt:

    Hallo Nadine,

    ja “Wag The Dog” schwingt auch in meinen Überlegungen mit. Aber wäre es dann nicht einfacher gewesen, bin Ladens mutmaßliches Haus mit einem Marschflugkörper oder eine Rakete aus der Ferne zu zerstören, hinterher mit einem Kommandoteam einen Todesbeweis aus den Trümmern zu ziehen (oder zu fälschen) und die Kollateralschäden – alle im Haus wären getötet worden – zu rechtfertigen?

  • [...] Shared Sieben “Osama-Optionen” der USA. [...]

RSS feed für Kommentare. TrackBack URL


Kommentar schreiben

 

Konserviert mit einem WP-Theme von TheBuckmaker | Hintergrundbild © Deef
Die Gefühlskonserve © Deef Pirmasens 2005-2012 | Impressum und Datenschutz