Speed Dating verspricht, dass man schnell potentielle Partner kennenlernt. Sieben Männer und sieben Frauen treffen sich, sprechen jeweils für sieben Minuten miteinander und wechseln dann den Platz. Am Ende kreuzt man auf einem Formular an, wen man wiedersehen möchte und wenn der Wunsch auf Gegenseitigkeit beruht, werden vom Veranstalter die Kontaktdaten ausgetauscht. Effizient, nicht wahr?
Am Sonntag um 20 Uhr komme ich im Park Café an, Treffpunkt Bar. Eine Mitarbeiterin vom Veranstalter, der sogenannte “Dating Angel” fordert mich auf, mir eines der bereitgestellten Prosecco-Gläser zu nehmen und zu warten, bis alle da sein. Ich kippe aus Höflichkeit den Prosecco und bestelle ein Becks. Ich nicke den zwei Männern neben mir an der Bar zu, der eine stellt sich als Markus vor und erzählt mir in 20 Sekunden unaufgefordert, dass er sich nach zehn Jahren von seiner Freundin getrennt hat, dass das letzte Woche gewesen sei und das heute Abend was gehen müsse. Er hat beste Vorraussetzungen, zumindest was die Redegeschwindigkeit angeht. Daneben steht Thorsten, der erzählt, es ginge einiges. Er sei jeden Monat hier und die 29 Euro würden sich 100 prozentig auszahlen. Nicht nachfragen, denke ich. Gleichzeitig sagt Markus zu Thorsten: “Inwiefern?”
Ich mache einen Ausfallschritt auf die Proseccogläser zu und schütte mir ein weiteres rein. Dann werden wir in einen Hinterraum gebeten. Die Damen sollen vorne bleiben, die Herren nach hinten durchgehen. Wir nehmen in der Kinderspielecke Platz. Am Boden ein fleckiger Spiel-Teppich mit Straßen und Häusern darauf, eine Kiste mit Legosteinen und eine weitere mit Matchboxautos und Bauklötzen. Der Dating Angel erklärt vorne den Mädels, was gleich passieren wird. Wir Jungs werfen uns abschätzende Blicke zu. Einige verhuschte Typen dabei, zwei breitbeinige Lederjacken-Poser und natürlich “heute-muss-was-gehen”-Markus und “jeden-Monat-da”-Thorsten. Dann kommt der Dating Angel nach hinten, stellt sich als Meike vor und erläutert die Regeln. Wir werden gleich unsere Plätze an den Tischen einnehmen. Dann nehmen die Damen vor uns Platz. Alle sieben Minuten wechseln die Mädels die Plätze. Auf einem Formular vermerken wir, wen wir wiedersehen wollen und wen nicht. Dann prüft Meike die Anwesenheit und ruft die Namen auf, unter denen wir bei dem Speed-Dating-Anbieter registriert sind. Das sind internettypische Nicknames, die sie nun laut vorliest wie “Markus75″ oder “SmartMark” oder “MonacoFranze2000″. Ich schaue in die Runde und man sieht allen an, dass sie froh sind, sich nicht “Doktor Sex” oder “Hengst69″ genannt zu haben – keiner hatte geahnt, dass man hier mit dem Nicknamen angesprochen wird.
Dann geht’s los. Ich setze mich an Tisch Nummer 11 und nehme einen langen Zug aus der Becks-Flasche. Eine Frau mit Brille und Kurzhaarfriseur stellt sich als “Honigbiene-Melli” vor und nimmt mir gegenüber Platz. “TylerDurdenMünchen” sagte ich und schüttele ihr die Hand. Sie fragt, wer Tyler Durden ist. Ich erkläre es ihr und frage, wo ob sie gestern – es war Samstag – aus war und wo. Sie war nicht aus und fragt mich, was ich beruflich mache. Ich antworte und stelle die gleiche Frage, sie ist Sekretärin. Ich will wissen, ob sie 2010 schon im Urlaub war und wenn ja wo. Sie war auf Teneriffa. Ich war noch nicht im Urlaub. Doch, schiebe ich nach, ein paar Tage in der Schweiz. Dann gongt es. Platzwechsel. Ich wünsche der Honigbiene viel Erfolg. An ihre Stelle tritt “Muc-Sweetheart”. Ich schüttele ihre Hand und sage meinen Nicknamen. Sie will wissen, wer Tyler Durden ist und ich erkläre es ihr. Sie fragt, ob ich aus dem Osten sei. Ich verneine und will wissen, wie lange sie schon in München wohnt. Sie antwortet, seit zehn Jahren und fragt, ob ich Geschwister habe. Ich beantworte die Frage und will wissen, wo sie gerne abends weggeht. Sie zählt einige Läden auf, in die ich nie einen Fuß setzen würde und stellt eine weitere Frage und so geht das weiter bis der Gong schlägt.
Ich bin schon an dem Punkt, an dem ich gemerkt habe, wie ermüdend das alles ist. Denn man weiß schon beim Händeschütteln, ob man mit einer Person sprechen möchte oder nicht und mit den Anwesenden möchte ich es eigentlich nicht. Aber ich muss sieben Minuten mit jeder durchstehen. Muss jedesmal erklären, wer Tyler Durden ist, lächelnd wie eine Stewardess. Die meisten Fragen wiederholen sich. Nur einmal will eine Teilnehmerin wissen, welchen Frauentyp ich suche. Ich schwafele was von wegen “offen für Erfahrungen”, “ebenbürtig”, “nicht zu fixiert auf mich”. Sie gibt sich damit zufrieden. Es gongt zur Pause. Die gibt es, weil bei dieser Veranstaltung nicht wie vorgesehen sieben Männer auf sieben Frauen treffen, sondern zwölf auf zwölf. Gleich also nochmal sechs sich wiederholende Gespräche. Ich stürze an die Bar und leere zwei Prosecco.
Was hatte ich mir im Vorfeld nur gedacht? Eigentlich wäre leicht abzuschätzen gewesen, dass Speeddating nichts für mich ist. Ich spreche auf Partys auch nicht mit jedem Anwesenden. Ich könnte. Aber ich will nicht. Hier beim Speed Dating muss ich. Machen wir es kurz. Es war furchtbar. Ich kreuze bei allen Frauen auf dem Formular an, dass ich sie nicht wiedersehen will. Bei allen bis auf einer. Die wusste zwar auch nicht, wer Tyler Durden ist, lachte aber sehr süß, vor jeder Antwort, die sie gab, als würde ich ihr etwas entlocken, was es zu verheimlichen galt. Außerdem sah sie gut aus. Und machen wir uns nichts vor: beim Speeddating, keine Überraschung, geht’s auch vor allem ums Aussehen. Als ich das Park Café verlasse, laufe ich an Markus und Thorsten vorbei. Sie lächeln und schwenken zum Abschied ihre Speed-Dating-Formulare. Ich sehe, dass sie bei allen Teilnehmerinnnen “will ich wiedersehen” angekreuzt haben.
Zwei Tage später bekomme ich eine Email vom Veranstalter. Ich habe ein “Match”, denn sie will mich auch wiedersehen. Ich schreibe ihr eine gefährlich ehrliche Email, in der ich beschreibe, wie grauenhaft ich das Speed Dating fand und dass ich nur der Erfahrung wegen dort war. Außerdem lasse ich sie wissen, dass ich nicht nur Frauen küsse und eher ein zufriedener als ein verzweifelter Single sei. Darauf bekam ich keine Antwort. War wohl zuviel, dachte ich und war dennoch froh von Anfang an alles klar gemacht zu haben. Eine Woche später – Surprise – erhielt ich doch eine Email von ihr. Zeit für Slow Dating.
(Ach ja: Alle Namen von der Redaktion natürlich hochgradigst geändert.)


Interessant, dass dann doch wenigstens eine interessante Frau dabei gewesen ist – inwiefern sich das auf längere Sicht bestätigt, wirst du dann ja sehen, aber ich würde es schonmal als Erfolg verbuchen, dass du überhaupt in Betracht gezogen hast, sie wieder zu sehen :)
So, und jetzt google ich mal nach Tyler Durden.
Honigbiene-Melli? Armer Tyler ;) Viel Erfolg!
Lustige Idee für das nächste Mal, was es vermutlich nicht geben wird: Lice-Stream ins Netz vom gegenüber ^
So, you’re practically married.
Wollten WIR das nicht mal zusammen machen?! Aber ich hab’ Dich gewarnt, dass es furchtbar ist. Als ich dieses Experiment aus Recherchegründen gemacht habe, war’s ja noch schlimmer: Hätte verschiedene Altersgruppen geben sollen (18 bis 25; 25 – 35; 35 – 45). Da es aber irgendwie nicht aufging, warf der Veranstalter alle zusammen. Führte dazu, dass ich mit einem 19-Jährigen reden musste, der gerade mit der Schule fertig war… super Aussichten…
@Carrie: Danke für das Angebot, aber das geb ich mir nicht nochmal. Auch nicht für Kicks.
@Michael: hä?
Ich stelle mir Speed-Dating auch sehr anstrengend vor.
Also bei mir wären die Gespräche bei der Frage “Wer ist Tyler Durden?” schon beendet gewesen. Aber gut, ich würde bei so einer Veranstalung auch 7 Sekunden pro Kandidat angemessen finden. ;-)
Erschreckend, dass niemand wusste wer Tyler Durden ist.
@nberlin: 7 Sekunden wären super. Dann ginge ich nochmal hin.
@Simon: Ginge ich nochmal hin, würde ich mich “Charles Manson” nennen.
Wäre auch eine tolle Idee für ein Vlog.
Ich guck’ mal. :)
Glaube nicht, dass jemand unter 30 weiß, wer Charles Manson ist/war. Verwechseln sie eher mit Marilyn Manson…
zu dieser schönen Geschichte fällt mir zu aller erst ein Film ein: http://www.youtube.com/watch?v=Omq0lEhBfI8
Ich für meinen Teil wäre ja aufgestanden und einfach gegangen. Auch wenn ich im Vergleich zu meinen miesepetrigen hessischen Landsleuten damit sogar noch ausgesprochen freundlich bin ;)
Aber lass mal: bei diesen Gelegenheiten trifft man eben auf die üblichen Verdächtigen.
Zeitungsannoncen sind auch eine sehr spannende Story.
Zur Auswahl stehen: Kandidatin A) Verheiratete arbeitslose Mutti von 4 Kindern auf der Suche nach Spaß, weil’s der Mann nicht mehr bringt.
B) Angeblich 20jährige (vermutlich aber eher Minderjährige) Hauptschulabbrecherin mit Kind, die dich am Eingang vom betreuten Wohnen in Unterwäsche empfängt mit den Worten “Ich brauch heute was zwischen die Beene”.
C) Oder wie wär’s mit einer leicht verwirrten Zahnruine, welche dir während des Dates erzählt sie hätte gerade ihren Job gekündigt und wolle zu dir ziehen, weil sie in dich verliebt sei.
D) Und auch der Klassiker – immer wieder gern genommen – die schüchterne Junge Dame, die dir am Ende des Gespräches mitteilt, dass sie eigentlich lesbisch sei. Sie hätte es mal probieren wollen, aber gerade gemerkt, dass das nichts für sie ist. (Schönes Kompliment!)
Also: wer darf ihr Herzblatt sein ;)
@Unionista: da waren viele Überdreißigjährige. Aber ich könnte mich sicherheitshalber Heath Ledger nennen.
@McWinkel: Her damit! Und bitte so schön direkt, wie bei dem legendären Bierkaufen-an-der-Tanke-Video. Da hieß es: “Ey, die spinnt doch, die Futt!”
@Kay: “Shoppen”, der Film über Speed Dating, geht, wie mir hier klar wurde, maximal an der Wirklichkeit vorbei. Man kommt bei dem 7-Minutengespräch gar nicht zu Einstellungsfragen und streitet auch nicht.
Sehr schöner Beitrag, vielen Dank!
Das Wissen um Tyler Durden hat mir bei meiner Speeddating-Erfahrung leider nix gebracht. War schauerlich.
sehr unterhaltsamer beitrag. macht irgendwie lust darauf, das auch mal auszuprobieren- weniger aufgrund des bedarfs, als wegen der erfahrung… wer kulturelle gleichgesinnte in entspannter atmosphäre und ganz ohne zeitdruck und dämliche nicknames sucht, sollte mal bei arti berlin vorbeischauen.
http://www.artiberlin.de
@Deef: “Eine Woche später – Surprise – erhielt ich doch eine Email von ihr. Zeit für Slow Dating.” deshalb, war offensichtlich ein Scherz ;o)
da fällt mir als erstes ein film ein
Ich halte von solchen Speed Datings nichts
Hey Deef, mich würde interessieren was aus dem Slowdate geworden ist. Ich kann auch nicht ganz nachvollziehen warum alles speeddating so schlimm finden. Nach deinem Bild zu urteilen warst du ja bei speeddating.de. Da war ich auch (allerdings in Berlin) und ich fand es zwar anstrengend aber auch witzig. Ok, dass eco und Singel es blöd finden verstehe ich, schließlich haben beide auch eine Singelseite ;-)
Das Slowdate war ausgezeichnet. Insofern hatte es sich gelohnt, wenn man so will.
Na dann kann man speeddating.de ja doch empfehlen ;-) Glückwunsch