Die Vorboten des Papsbesuchs in München sind fühlbar. Die Zahl der an Würschdelbuden feilgebotenen Vatikanflaggen und der polizeilichen Ausweiskontrollen im U-Bahn-Netz steigt stündlich exponentiell. An einigen unterirdischen S-Bahnhöfen kann man nicht mehr wie gewohnt, rechts und links aussteigen, sondern nur noch auf eine Seite. Vorhin zum Beispiel in Fahrtrichtung links. Eine Traube von Menschen steht vor einer Tür nach rechts und presst zunehmend verunsichert, verärgert und fest Finger auf den Knopf mit dem Kreis aus leuchtenden roten Birnchen. Irgendwann drückt einer auf alle sichtbaren Knöpfe in Armreichweite und erwischt einen Notruf-Button. “Notruf, ja bitte?” knarzt eine blechernde Stimme aus einem kleinen Lautsprecher unter dem Knopf. Keiner Antwortet. Sie verlassen mit einem “Ich war’s nicht Blick” den Zug durch die Tür gegenüber. Ich schüttle den Kopf und denk mir meinen Teil.
Zwei Stunden und ein paar erledigte Besorgungen später sitze ich wieder in der Bahn. Diesmal eine dieser nagelneuen U-Bahnen, die die Stadt München wahrscheinlich direkt aus einem Science-Fiction-Film gekauft hat. In der Nähe der Türen gibt es Stehsitze. Ich lehne mich halb auf die Poleiste, halb an die Wand. Plötzlich jault eine Sirene mit der Lautstärke eines Martinshorns neben mir auf. Ich reiße den Kopf herum und bemerke, dass dort, wo ich meine rechte Schulter angelehnt habe ein Notrufknopf in die Zugwand eingelassen ist. “Notruf, ja bitte?!” knarzt es mir kurz darauf entgegen. Ich fühle, dass die Aufmerksamkeit aller Personen im Wagon auf mir lastet und blicke kurz reihum in belustigte Gesichter und sage kleinlaut, “Äh… nichts passiert. Bin aus Versehen auf den Knopf gekommen”. Keine weitere Antwort.
Als der Zug an der nächsten Station hält, steigt – von scheußlichem Husten geschüttelt – ein alter Mann mit fast grauer Hautfarbe ein und bleibt neben mir an der Tür stehen. Als die Bahn anfährt, klappt sein Kiefer nach unten und seine Gesichtszüge verkrampfen sich derart, als ob er gerade ersticke. Ich spiele die Konsequenzen kurz im Kopf durch und bin kurz davor ihn anzusprechen und erste Hilfemaßnahmen einzuleiten, als er mit einem kräftigen Husten irgendetwas aus seinem Hals nach oben befördert und in ein aus der Jackettasche gezogenes Stofftaschentuch spuckt. An der folgenden Haltestelle verlasse ich den Zug, froh, dass er und ich um die Mund-zu-Mund-Beatmung herum gekommen sind. Ich frage mich allerdings, wie die Knarzstimme reagiert hätte, wenn ich nochmal den Notrufknopf gedrückt hätte.