Jul
09
2006
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Von der Nationalfarbenblindheit geheilt

WM-Übertragung im Olympiastadion München - Foto von Deef

Als ich Zivi war, bin ich in Sanitäteruniform zur Bundeswehrvereidigung einiger Schulfreunde gegangen. Als die örtliche Haute-Volée bei der Nationalhymne aufsprang und mitsang, blieb ich gemeinsam mit anderen Langhaarigen demonstrativ sitzen. Und ich fühlte mich gut dabei.

Das ist zwölf Jahre her. Seitdem traf ich dänische Rucksacktouristen in Schottland, die ihre Landesflagge auf ihre Backpacks genäht hatten. In Leipzig lernte ich einen französischen Austauschstudenten kennen, der mir und allen Deutschen ein gestörtes Verhältnis zur eigenen Nation vorwarf. Ich besuchte ein Baseballspiel in Cincinnati, vor dessen Beginn die anwesenden US-Bürger ganz selbstverständlich aufstanden, sich mit der Rechten ans Herz fassten und der Nationalhymne lauschten, die eine Sopranistin live schmetterte, während auf der Videoleinwand das Sternenbanner im Wind wehte.

Und trotzdem: Vor dem Hintergrund von verordnetem Patriotismus a la “Du bist Deutschland” oder dem Selbstbewußtseinssurrogat für Debile “Stolz ein Deutscher zu sein” konnte ich mir nicht vorstellen die Fahne zu schwenken oder “DEUTSCHLAND” zu brüllen. Im Verlaufe der WM-Spiele unserer Elf zerbröselte die spontane kollektive Begeisterung meinen verkopften Widerwillen. Bei der Übertragung des Spiels um Platz drei im Münchner Olympiastadion war ich soweit. Der schwarz-rot-goldene Enthusiasmus hat mich überwältigt. Mit dem Herz in der Hand und der Leidenschaft im Bein erreichen Flagge und Hymne in meinem Bewußtsein eine bisher unbekannte Normalität. Es war nicht geplant, aber es tut unheimlich gut und wird die Fußball-WM 2006 unvergeßlich machen.

Geschrieben von Deef in: Akte Deef | Tags: , , , |

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