“Maria voll der Gnade” stellt Dir eine junge Columbianerin vor. Weil sie ihren Job in einer Gärtnerei geschmissen hat und zu Hause weg will, wird sie Drogenkurierin und fliegt, den Magen voll mit Heroinpäckchen, in die USA.
Der Film erzählt aus einer weiblichen Perspektive und ohne Vorurteile, Kitsch und Pathos. Durch viele Handkameraaufnahmen gibt er sich einen dokumentarischen Anstrich. “Maria voll der Gnaden” ist der Gegenentwurf zu Hollywoods Männer-Drogenkrieg-Vater-holt-Tochter-aus-Junkyloch-Epos “Traffic”. Der war auch gut, aber das hier, ist etwas gaaaanz anderes.
“Maria voll der Gnade”: Schönes Anti-Hollywood. Sehr sehenswert!
Nicole Kidman ist “Die Dolmetscherin”. Weil sie Zeugin eines Mordkomplotts wird, gerät sie in Lebensgefahr. Sean Penn soll eigentlich den Staatsmann schützen, der ermordet werden soll, interessiert sich aber immer mehr für das Wohl der Dolmetscherin. Paßt gut für ihn, seine Frau starb nämlich gerade. Jean Penn sieht aus, als hätte er den ganzen Film lang Kopfschmerzen. Und das die Dolmetscherin noch ein paar Überraschtungen für ihn auf Lager hat, macht diesen Zustand nicht besser. Der Film von Reggiseur Sydey Pollak (u.a. “Die drei Tage des Condor”, “Tootsie” und “Die Firma”) ist spannend und gut gemacht. Mir stießen die glattpolierten, auf Punkt formulierten Dialoge auf. Zwischen Tür und Angel beiläufig gesprochene Lebensweisheiten wie “Rache ist die schlechteste Form der Trauer” sind mir zu dick aufgetragen.
“Die Dolmetscherin”: spannendes Hollywoodkino. Sehenswert – kein Muss.
Andreas Dresen hat mir den schönsten deutschen Dokumentarfilm der letzten Jahre geschenkt: „Herr Wichmann von der CDU“. Vorher entzückte er mich mit dem Beziehungsdrama „Halbe Treppe“.
Gestern habe ich seinen neuen Film gesehen. Axel Prahl, der kumpelhafte Imbissbesitzer aus „Halbe Treppe“, spielt darin den Titelheld Willenbrock. Er ist Autohändler und besitzt Haus, Wochenendhaus, dickes Auto, schöne Ehefrau und willige Geliebte. Das Leben läuft gut. Andreas Dresen nimmt sich Zeit und stellt mir in aller Ruhe seinen Helden vor. Dann, als ich glaubte, der Film ginge immer so weiter, zieht der Regisseur Willenbrock plötzlich und unvermittelt den Boden unter den Füßen weg.
Die Stärke des Films sind die perfekt besetzten Schauspieler und die von ihnen lebensecht gespielten Figuren. Dresen erzählt realistisch und sein Handlungsbogen ist ungewöhnlich. Wie im wirklichen Leben, zeigt er zu dem alles ändernden Ereignis, nicht nur ein vor sich hinplätscherndes Vorher, sondern auch ein längeres Nachher. Das klassische Drama setzt den Höhepunkt eher gegen Ende und deshalb überrascht „Willenbrock“ formal. Er lässt die zum Schluss erwartete Wendung weg. Mag an der Buchvorlage liegen.
„Willenbrock“: schön erzählte Novelle mit tollen Darstellern, aber ohne Schlussbonbon. Ein Muss für Andreas Dresen-Fans.