Ich werd’ mir das mal anschauen.
Diesen kleinen Text hatte ich für diese Lesung geschrieben.
Guten Tag, ich bin der Leibhaftige. Sie können mich aber auch Satan, Diablo, Deibel oder schlicht Teufel nennen. Luzifer und Mephisto klingen auch schön in meinen spitzen Ohren. Ich bin hier um ein Missverständnis aufzuklären, eine Schuldfrage. Normalerweise können Sie bei allem, was Sie nervt, getrost mir die Schuld geben. Bei Katastrophen, Kriegen, Unfällen und Verbrechen sowieso. Aber auch Kleinigkeiten wie mieses Wetter, fehlendes Streusalz, ausgefallene ICEs, das Partei-Programm der FDP, die Wahl zum Manager des Jahres und alle Sendungen von RTL gehen auf meine Kappe. Aber ich bin völlig unschuldig, was Weihnachten angeht. Gut, ich habe zwar meine Hände im Spiel seine wundervollen Begleiterscheinungen besonders höllisch zu gestalten wie zum Beispiel Fussgängerzonen-Bürgerkrieg, die Preisoffensive an der Glühweinfront, Wichtelwahnsinn auf der Firmenweihnachtsfeier, Geschenketerror beim Familienfest und das Feiertagsfernsehprogramm mit den 300 schönsten Märchenfilmen der Tschechoslowakei. Geschenkt, aber die Wurzel all diesen Übels, Weihnachten selbst hat Gott verbrochen. weiterlesen »

Luzie – Foto (cc) kainr via Flickr
Luzie fühlte sich wie ein überfahrenes Reh. Aber das Gefühl nahm mit jeder Minute, die das Diazepam mehr Wirkung aufbaute, ab und verlor sich in einer wabernden Wohligkeit, die Gründe und Konsequenzen schluckte und an deren Stelle ein wattiges Gefühl von Geborgenheit setzte. Es musste der Rücksitz des Golfs sein. Luzie öffnete kurz die Augen. Es war der Rücksitz des Golfs. Sie lag über die ganze Breite darauf, weil sie klein war, musste sie die dünnen Beine kaum anwinkeln. Sie war angegurtet mit dem Bauchgurt des mittleren Sitzes, ihre Sicherheitsparanoia funktionierte noch, und kuschelte sich mit dem Gesicht zur Bank unter ein Kissen aus dem Merchandisingprogramm von “Chihiros Reise ins Zauberland”. weiterlesen »

Foto (cc) Gribanov
Folgende Geschichte gibt es auch als 12-minütiges Hörbuch hier.
Mit einem – wie ich später herausfand – selbstverfassten Empfehlungschreiben und einem Polohemd, dessen Kragen hochgeschlagen war, ging er ins Büro meines Chefs. 15 Minuten später wurde er mir als mein neuer Partner vorgestellt. Tassilo. weiterlesen »

Foto (cc) Audreyjm529
Der See ist schwarz wie Tusche und in ihm spiegelt sich der bewaldete Hügel dahinter. Mein Blick gleitet von der Wasserfläche auf das gegenüberliegende Ufer, den Wald und in den Nachmittagshimmel. Ein kleines Flugzeug nähert sich. Es fliegt S-Kurven auf seltsam unbeholfene, fast schon gefährlich anmutende Weise. Dann schwebt es dicht an den See heran und – ich muss zweimal hinsehen – wassert. Es sah zuvor gar nicht wie ein Wasserflugzeug aus, sondern wie eine lächerliche Miniaturversion einer Concorde. Eine Luke öffnet sich und aus dem Inneren winkt mein Cousin Phil.
Das Universum ist kompliziert und da gibt es Dinge, die man nicht für möglich hält. Sie passieren einfach und man freut sich, sofern man sie nicht durch zuviel Nachdenken ruiniert. Ich denke nicht nach und springe ins schwarze, bodenlose Wasser. Schnell bin ich rübergeschwommen, hab mich auf einen Landeschwimmer der Machine gezogen und nehme im Cockpit Platz. Phil und ich umarmen uns. “Absolut schräge Steuerung”, meint er und überläßt mir den Start. weiterlesen »
Nein. Fuck! Warum? NEIN! FUCK!!! WARUM?!!! Das Wochenende in Berlin war perfekt gewesen. Eine Unaufmerksamkeit auf der letzten Etappe der Heimreise, der Bahnfahrt von Regensburg nach München, hat alle guten Gefühle gelöscht. Ich stehe vor meiner Wohnungstür und atme mit offenen Mund. War ich völlig verpeilt, als ich aus dem Zug gestiegen bin? Entweder mit den Gedanken schon zuhause oder’n Berghain-Flashback. Wie sonst konnte es mir passieren, dass ich meinen Koffer in der Gepäckablage vergesse? Erst jetzt, vor der Wohnungstür hab ich’s bemerkt.
“Kontaktieren Sie die Schaffnerin des Zuges,” bitte ich dem Telefonisten der Bahnhotline.
“Geht nicht.”
“Aber es könnte sonst vielleicht Bombenalarm wegen herrenlosen Gepäck ausgelöst werden”, versuche ich die Vorteile aus Bahn-Sicht herauszukehren.
“Der Zug könnte ja auch entführt werden”, antwortet er ohne jede Gefühlsregung. Und keucht nach einer Pause ein heiseres Stromberg-Lachen. Ich lege auf und stell mir vor, wie ich seinen gesichtslosen, mit Headset versehenen Kopf in einen Bottich rauchende Schwefelsäure tauche. weiterlesen »
Auf ihren taillierten T-Shirts prangt neonfarben “3 Tage wach”. Die Trägerinnen lächeln und zeigen mit den Fingern auf ihre Brüste. Die Pose halten sie solange, bis das Blitzen der Kamera in der Hand ihrer Freundin aufhört. Der Apparat verschwindet in einer Handtasche, die drei schlanken Körper in der tanzenden Menge. Harter House, maximaler Bass, verspielte Visuals an den Wänden. This club is a place to be.
Das steht auch in den Reiseführern, die die jungen Oktoberfestbesucher lesen. Sie brauchen auf der Tanzfläche doppelt soviel Platz, sie schreien doppelt so laut, wenn der Beat stärker wird. Zwei oder mehr Liter Wiesnbier wirken und machen vergessen, dass man in Lederhosen oder Dirndl in einem Elektroclub auffällt wie eine Nonne in einem Striplokal.
Um drei liegen Lederhosen und Dirndl müde auf den Sofas oder übergeben sich auf den Klos. Einige versuchen vor dem Club vergeblich ein Taxi zu bekommen. Die Fahrer schauen auf die Kleidung, sehen die ferngesteuerten Bewegungen und schütteln den Kopf. Schnell winken sie einen nüchtern wirkenden Fahrgast in Club-Outfit heran und brausen davon.
Die Mädchen mit den bedruckten Shirts wischen Haare aus verschwitzten Gesichtern, nippen an Wodka-Bulls und knipsen sich dabei. Sie kichern nicht über die verbliebenen Trachtträger, die am Rand der Tanzfläche eingeschlafen sind. Passt schon, das ist München im September und vielleicht gehen sie morgen Nachmittag in kurzem Dirndl selbst aufs Oktoberfest.

Sie starrte auf das neue Macbook auf ihrem Schreibtisch und empfand nichts. Mehr als tausend Euro ausgegeben und trotzdem keinen Deut glücklicher. Sie war weder marken- noch technikgeil, aber es fehlte etwas. Sollten Anschaffungen nicht befriedigen? Vielleicht war es Glück, dass es nicht so war. Ihr Job als Online-Marketerin, ihre Wohnung mit Blick auf den Englischen Garten, ihr Singleleben – alles optimal. Mehr noch: Es standen so viele abgehakte Punkte auf ihrer “Das will ich im Leben erreichen”-Liste, dass man Angst haben musste, sie könnte jeden Augenblick einen kurzen Abschiedsbrief ins Facebookprofil posten, den letzten Mojito exen und ihren weißen Einser gen Brückenpfeiler lenken. weiterlesen »
Hallo?
Deef, hier ist Gott.
Wer?
Du glaubst nicht an mich, ich weiß. Wie kann ich dir beweisen, dass ich es bin?
Ich hätte gerne drei Wünsche frei.
Wir sind nicht in einem Märchen.
Wenn Gott anruft, sind wir’s.
Ich will dich aber nicht mit Wünschen bestechen, sondern dir einen Beweis meiner Existenz liefern.
Wie wär’s mit Weltfrieden? weiterlesen »
Ich schrei Deinen Namen.
Hörst Du den Alarm?
Sie kommen nach.
Nimm meine Hand.
Da geht’s lang!
Sie machen gleich den Fang.
Ich bleib zurück. Lauf voran!
Sieh mich nicht so an.
Ich bin dran.
RUN
!
Alles fing ganz harmlos und kontrolliert an. Nur das Nötigste mitgenommen: Geld, Digicam, Handy, Schlüssel. Kreditkarten und Tasche bleiben zuhause.
Im Freisitz vorm Schottenhamel bekommen wir Plätze. Der Kellner gibt sich sein Trinkgeld selbst. Egal. Das Bier läuft, die Friseur sitzt. Schnell drückt die Blase. Eigentlich bin ich kein Kabinenpinkler und habe keine Probleme es in öffentlichen Klos laufen zu lassen. Heute schon. Denn die Herrentoiletten vom Schottenhamel sind worst Nightmare: weiterlesen »
Meine greise Nachbarin schenkt mir selbstgepflückte Blümchen, die türkische Damen vom Getränkeshop zieht mir nichts ab, obwohl ich keinen ganzen Kasten zurückgebracht habe – Gott, oh Gott, heute ist die Welt wieder so nett zu mir und ich weiß kaum noch, wie ich meine schlechte Laune rechtfertigen soll. Wenn alles um einen rum so toll ist, bleibt nur intrinsische Schuldzuweisung. Ich fühl mich noch schlechter. Zu allem anderen hat mir das ganze Grillfleisch-und-Zwiebeln-Gefresse der letzten Tage auch noch heftige Blähungen beschert. weiterlesen »
Als ich noch ein Kind war, sah ich diese Tür. Sie erschien in einem Traum und befand sich in der Wohnung meiner Eltern. Ich öffnete sie und betrat das Zimmer. Es war weiß gestrichen und vollkommen leer.
Als ich erwachte stieg ich aus dem Bett und ging ich an die Stelle, an der sich im Traum die Tür befunden hatte. Doch dort war nur eine Wand mit einem Bild von M.C. Escher. Es zeigte Ritter, die eine endlose Treppe hinauf und hinab stiegen. Ich starrte das Bild minutenlang an und vergaß die Welt um mich herum.
Schnitt. Ich wache auf. Erwachsen und in meiner eigenen Wohnung. Nachdem ich mich aus dem Bett gewälzt habe, gehe ich in jedes Zimmer. Doch da ist eine Tür zuviel. Sie ist wirklich da. Ich drehe den Knauf und schiebe die Tür langsam auf. Vor mir liegt ein leerer Raum mit weißen Wänden. Ich gehe hinein und setze mich auf den Parkettboden. Einige Minuten verstreichen, während ich die Augen fest geschlossen halte. Dann knallt die Tür hinter mir zu und die weißen Wände stürzen ein…
Nachdem ich drei Mal geklingelt habe und schließlich zu Sturmklingeln übergegangen bin, knackt endlich die Sprechanlage.
„Wer ist da?“ Jürgens rauchige Stimme klingt total genervt.
„Max“. Stille. Dann hat er sich entschieden und der Türöffner summt. Der Aufzug ist kaputt, ich latsche die fünf Stockwerke hoch. Oben angekommen, steht niemand da zur Begrüßung. Jürgen hat die Tür angelehnt. Ich finde ihn in der Küche.
MINDESTENS HALTBAR, das Online-Magazin für Meinungen, beschäftigt sich in Ausgabe 2/15 mit diversen Aspekten von Kontrolle. Der Autor dieses Blogs (hält sich für einen Autisten, ist aber nur ein Einzelkind mit Tendenz zum Kontrollfreak) wurde auch gebeten einen Text beizusteuern. Read it here, my dear.
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