Fühle mich mehr als gut. Ich hab heute einen ganzen Berg Arbeit erledigt. Morgen habe ich mir freigenommen und düse am Nachmittag nach Augsburg. Der Rekord für ausgeschüttete Glückshormone wird an diesem Wochenende gebrochen.
Höre Aerosmith – Cryin’. Altes Zeug der Band hatte Kurt Cobain früher gern gehört. Vor genau 11 Jahren wurde das, was von ihm übrig war, von einem Elektriker entdeckt. Nach drei Tagen. Mann ist das traurig! Und unverständlich. Hätte er nicht glücklich oder zumindest zufrieden sein müssen?
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Geschafft
Es ist dunkel im Zimmer. Eine Ikealampe ist an ein Bücherregal geklippt und strahlt düstere 25 Watt in eine Ecke. In einer anderen liegt Jens. Heute ist der 8. April 1994. Ein trostloser Freitag, der mit Nieselregen angefangen hat. Kurt Cobain ist schon drei Tage tot, aber erst heute wird er gefunden. „Something in the way“ singt Cobains Stimme auf dem „Nevermind“-Tape, das Jens eingelegt hat. Der Song erinnert ihn an einen anderen Freitag.
Wie jede Woche war er die 150 Kilometer vom Wohnheim des Elisabethenstifts zum Haus seiner Eltern gefahren. Nach fünf Tagen Arbeit kam er zum Wochenende heim.
„Hab ich Post?“ fragte er seinen Vater. Der schüttelte den Kopf.
„Hat jemand für mich angerufen?“ Nochmal die gleiche Reaktion vom Vater.
Jens ging in sein Zimmer, verschloss die Tür, startete das Nirvana-Tape und bereitete die Infusion vor. Einige Minuten später steckte in seinem linken Arm eine Kanüle. Sie war mit einer Infusionsflasche verbunden, die über ihm hing. Wenn er mit der Rechten nach oben griff und den Infusionsschlauch öffnete, würde ein halber Liter Natriumchloridlösung 100mg Hypnomidate und 50mg Esmeron in seinen Blutkreislauf spülen. Nach drei Minuten hätte das Hypno ihn schlafen geschickt. Die verwendete Menge garantierte als Nebenwirkung einen gefährlich flachen Atem, dem das muskelrelaxierende Esmeron schließlich den Rest gäbe. Sein Zivildienst im Krankenhaus gab ihm, was man braucht, um sich bequem das Leben zu nehmen.
Das Kribbeln, dass er seit dem kurzen Gespräch mit seinem Vater auf dem Rücken spürte und das Tränen ankündigte, breitete sich auf seinem ganzen Körper aus. Jens gab sich dem Gefühl hin, der einsamste Mensch der Welt zu sein. Er klammerte sich fester an sein besticktes Kissen, das seine Mutter ihm kurz vor ihrem Tod geschenkt hatte. Er hielt die Luft viele Sekunden an und schluchzte dann so laut, dass er fürchtet, sein Vater könnte kommen und nach ihm sehen. Welches Entsetzen diese Szene bei seinem Vater auslösen würde. Hatte er einen so undankbaren und nichtsnutzigen Sohn verdient, für den ein bisschen Einsamkeit zuviel war und der sich umbrachte, obwohl er keine wirklichen Probleme hatte? Und was war mit all den Menschen, die Jens verachtete, vor denen er Angst hatte. Was würden sie sagen? Wären sie bestätigt? Würden sie lachen? Jens wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. Nein, niemals würde er seinem Vater das antun, niemals würde er seinen Feinden diesen Sieg schenken. Mit der Rechten griff er nach links und zog die Kanüle aus der Vene. Dann nahm er die Kassette aus dem Radiorekorder und warf sie auf den Boden.
„Es tut mir leid, dass Du es nicht geschafft hast, Kurt“. In Jens Kopf antwortet Kurt:
„Es freut mich, dass Du es geschafft hast, Mann.“
„Hab ich das denn?“
„Aber sicher, Jens. Du bist gesund und Du solltest Dich nicht an einem Kranken wie mir orientieren“.
„Was meinst Du damit?“
„Ich war depressiv. Ich konnte nicht mehr schlafen. Ich konnte nicht mehr aufstehen. Ich bekam nichts mehr auf die Reihe. Das schlimmste von allem war, dass ich nicht mehr lieben konnte. Hast Du meine Tochter gesehen? Weißt Du wie schrecklich es ist, dass ich ihr kein guter Vater sein konnte?“
„Nein, das weiß ich nicht“.
„Nun, jetzt muss sie mich nicht mehr ertragen.“
„Was erzählst Du da für eine Scheiße? Du warst Rockstar, Du hattest eine Tochter und alles! Wie konntest Du Dich erschießen? Verschwinde aus meinen Träumen!“
Kurt lacht und singt: „Our litte group has always been and always will until the end…“
Es ist dunkel im Zimmer. Simone dreht sich um und presst ihren Körper an Jens
„Soll ich mal andere Musik auflegen, Süßer? Du bekommst immer so einen komischen Gesichtsausdruck bei Nirvana.“
Jens lacht ein erleichtertes Kichern, zieht seine kleine Krankenschwester an sich heran und küsst sie lange auf die Stelle über dem rechtem Schlüsselbein, die so gut riecht.