
Foto (cc) Gribanov
Folgende Geschichte gibt es auch als 12-minütiges Hörbuch hier.
Mit einem – wie ich später herausfand – selbstverfassten Empfehlungschreiben und einem Polohemd, dessen Kragen hochgeschlagen war, ging er ins Büro meines Chefs. 15 Minuten später wurde er mir als mein neuer Partner vorgestellt. Tassilo.
Von nun an teilten wir ein Jahr lang einen Krankenwagen und eine Zivi-Wohnung. Zwei Monate Ausbildung und dann 12-Stunden-Tagschichten und 24-Stunden-Bereitschaftsdienste. Der erste Patient, den wir zusammen transportierten, war ein Rentner mit Blasenkatheter. Ich fuhr, Tassilo saß hinten bei ihm und fragte für den Fahrtbericht erst nach seinem Geburtsdatum, seiner Krankenkasse und dann “Wie oft masturbieren Sie pro Tag?”. Auf den Gesichtsausdruck des Mannes reagierend fügte Tassilo hinzu: “Routinefrage”. Von da ab fuhr er und ich saß hinten beim Patienten.
An einem lauen Spätsommerabend kamen wir kurz vor Dienstschluss von einer Fernfahrt zurück. Ich döste hinten auf der Trage, Tassilo fuhr rauchend, beide Seitenfenster heruntergekurbelt und mit voll aufgedrehtem Radio. Als wir an einer Ampel hielten, schreckte ich hoch, weil der Krankenwagen wackelte und Tassilo schrie.
Schnell riss ich die Schiebetür auf, rannte um den VW-Bus herum und sah wie drei Teenager-Mädchen mit Tassilo rangen. Zwei zerrten seinen Oberkörper aus dem Seitenfenster, die dritte kratzte ihn mit ihren Fingernägeln. “Sofort aufhören” herrschte ich sie an. Tassilo nutzte die Ablenkung, verschwand im Innern der Fahrerkabine und rief “Ich hab noch was für Euch bevor ich leider weiter muss”. Im nächsten Augenblick schoß er den Mädchen weißen Staub aus dem Bordfeuerlöscher ins Gesicht – keine Ahnung, wie er den so schnell startklar gemacht hatte. Eine Stunde später, als wir auf dem Sofa unserer Zivi-Bude lagen und uns eine kleine Flasche Moskovskaya teilten, kicherte er immer noch. “Das war kapital! Du hast mich aus den Schlampenkrallen gerettet! Nastrovje!” Als ich ihn nach dem Grund für die Szene fragte, winkte er ab und wechselte das Thema.
Ich lernte die Erlebnisse mit Tassilo zu schätzen, obwohl eine Grenzüberschreitung die nächste jagte und es nicht immer gut für mich ausging. Als wir mal nach ein paar Bier aus einer Kneipe kamen, wollte ein aufgepumpter Typ mit Ballonseidenhosen irgendwas von ihm und fing an ihn zu beschimpfen und zu schubsen. Ich ging dazwischen und Tassilo rannte weg. Als er am nächsten Morgen meine aufgeschlagenen Lippen sah, tätschelte er wortlos meine Schulter und blickte zu Boden.
Dann war da der Tag als die Tür vom Fernsehraum aufflog und der Wachenleiter mit pulsierenden Halsschlagadern reinmarschierte. “Wer von Euch ist heute früh den Bus gefahren?” Sein Gesicht hatte die Farbe eines Feuerlöschers. Tassilo schaltete den Videorekorder aus, der gerade einen Porno abspielte und setzte sein “Na und”-Gesicht auf.
“Ich,” sagte er.
“Das war Ihre letzte Fahrt”, zischte unser Chef, legte die Scheibe aus dem Fahrtenschreiber auf den Tisch und rauschte aus dem Zimmer. Sie zeigte eine Höchstgeschwindigkeit von 120 Km/h und es war leicht herauszufinden, dass wir an diesen Morgen nur Stadtfahrten ohne Blaulicht gehabt hatten.
Ich ließ mir die Vor- und Nachteile eines Fahrverbotes für Tassilo durch den Kopf gehen. Ich hatte keine Lust verstörte Patienten beruhigen und unleserliche Berichte neu schreiben zu müssen. Außerdem war ich ohnehin nicht scharf auf die Fahrerei mit dem untermotorisierten, sich in den Kurven bedrohlich neigenden VW-Bus. Kurzentschlossen ging ich ins Wachenleiterbüro und übernahm die Schuld. Ich behauptete Tassilo hätte mich decken wollen.
“Ihr Partner hat Mumm”. Das Gesicht des Chefs war mittlerweile violett. “Aber Sie sind ein feiges Würstchen”. Tassilo spuckte einen Mund voll Bier gegen die Wand und lachte schallend als ich es ihm nach Dienstschluss erzählte. Unvermittelt kam er auf mich zu und drückte mich so fest, dass ich mir die Luft wegblieb. Dann ließ er los und schaute in meine Augen. Der große Zeiger der Funkuhr an der Wand klackte vernehmlich weiter.
“Was ist?” fragte ich,
“Wollen wir uns zur Feier des Tages etwas gönnen?” Er griff in seine Hosentasche und hielt eine Ampulle hoch. Es war Dormikum, das er aus dem Lager stibiezt hatte. Ab diesem Zeitpunkt klafft eine zweistündige Erinnerungslücke in meinem Gedächtnis.
Am nächsten morgen gab Tassilo wieder den Geheimniskrämer.
“Keine Fragen, keine Lügen”, sagte er als er nur mit einem Handtuch bekleidet aus der Dusche kam. Er zündete sich eine Gauloises an und die Zigarette ging gleich wieder aus von den Wassertropfen, die aus seinen halblangen Haaren perlten. “Keine Sorge, du hast nichts gemacht, was ich nicht auch tun würde. Und du sahst glücklich aus”.
Die Monate vergingen. Er fuhr, ich versorgte und unterhielt die Patienten und machte den Papierkram. An einem verregneten Tag im April saß ich hinten im VW-Bus und schrieb gerade “Dialyse-Praxis” als Abfahrtsort in den Fahrtbericht. Die Patientin im Sitz neben mir war nach der Blutwäsche müde und still. Ich musste ihr auch nicht die üblichen Fragen stellen, da wir sie dreimal die Woche fuhren und ich ihre Daten auswendig kannte. Gelangweilt malte ich das “Dialyse-Praxis” mehrmals nach. Zeichnete dicke Kringel über die “Is”. Dann explodierte die Seitenscheibe neben von mir.
Wenn bei einem Passagierjet in 10.000 Meter Höhe ein Fenster zerspringt, dann saugt der geringe Außendruck die Luft und alles was nicht niet- und nagelfest ist, aus dem Flugzeuginnern nach draußen. In diesem Moment wurde nicht die Luft aus dem VW-Bus gesaugt, sondern mein Bewusstsein aus mir.
Der Polizeibericht vermeldete: “Der Fahrer eines Lastkraftwagens überfuhr ein Stopschild und nahm verkehrswidrig einem von links kommenden Krankenwagen die Vorfahrt. Der Fahrer des LKW konnte wegen überhöhter Geschwindigkeit und Wasserglätte sein schweres Gefährt nicht rechtzeitig zum Stehen bringen und rammte den Krankentransporter seitlich. Der VW-Bus wurde durch die Wucht des Aufpralls gegen eine Hauswand geschleudert. Der Fahrer erlitt eine Fraktur am linken Unterschenkel und der im Fahrgastraum sitzende Sanitäter brach sich linksseitig Schlüsselbein und Unterarm. Beide Personen wurden noch an der Unfallstelle notärztlich versorgt und in die nächstgelegene Klinik verbracht. Die im VW-Bus transportierte Patientin und der LKW-Fahrer kamen mit dem Schrecken davon.
Posttraumatisch, postoperativ dämmerten wir vor uns hin und wurden irgendwann gewahr, dass wir im selben Krankenhauszimmer lagen. Nach nur einem Tag, hatten wir raus, wie das hier lief. Das sollte der Urlaub werden, der unseren Zivildienst beschließen würde. Eine Weltreise ohne Bewegung. Bei der Chefarztvisite gaben wir uns, als hätten wir gerade ein Kilo scharfe Zwiebeln aufgeschnitten und ließen Tränen kullern und stöhnten. Postwendend wurde unsere Schmerzmitteldosis erhöht. Die Nachtschwester war freundlich und schob unsere Betten direkt nebeneinander. Und so rückten wir zusammen, erzählten uns langsam und mit verwaschener Artikulation wilde Geschichten und kicherten wie Schulmädchen, während uns das Dipidolor in den Weltraum schoß.
Wir kannten den Rhytmus der erlaubten Injektionen und klingelten alle fünf Stunden nach unserem Schuß. Einmal fiel der ausgerechnet auf 5 Uhr morgens. Als die Schwestern eine Stunde danach zum Wecken kamen, stand ich auf und ging zum Waschbecken. Nicht ganz, denn ich sackte auf halbem Weg schwer atmend auf dem Boden zusammen. Tassilo rief nach mir und sprang trotz Gipsbein aus dem Bett, nur um zwei Sekunden später ebenfalls zu Boden zu gehen. Am gleichen Tag wurden unsere Dosen wieder reduziert. Der Flug war vorbei.
Kurze Zeit später wurden wir entlassen und erholten uns, jeder bei sich zuhause, vom Unfall und vom Fliegen. Kaum war Tassilo wieder auf den Beinen, spendierten ihm seine Eltern eine Weltreise. Ich hing derweil zuhause rum und wartete darauf, dass mein Studium anfing. Tassilo und ich hatten uns nicht richtig verabschiedet und ich dachte manchmal an ihn und wo er wohl gerade sein mochte. Wie als Antwort lag eines Tages eine Postkarte im Briefkasten. Darauf ein Känguruh und auf der anderen Seite stand: “Ist irre hier. Während meine Eltern glauben, ich würde eine Sprachschule besuchen, rasiere ich jeden Tag Weiber. Und zwar überall. Bevor Du jetzt aber zu neidisch wirst, lass mich noch erwähnen, dass es sich um Schafe handelt. Mir ist in einem Hostel das Backpack samt Geld geklaut worden, deshalb schlage ich mich jetzt als Farmarbeiter durch. Gar nicht schlecht, Bizeps und Bräune entwickeln sich prächtig. Liebe Grüße von Deinem T. und denk dran, Du bist kapital, Baby!
Im Oktober zog ich nach Berlin und studierte fortan Medizin an der Humbold. Und wie das so ist im Studium, lernt man Unmengen neuer Leute kennen, hat viel um die Ohren und ballert ab einem bestimmten Zeitpunkt Tag und Nacht Wissen ins Kurzzeitgedächtnis. Dann irgendwann viel später – BÄMM! – hatte ich meinen Abschluss. Natürlich hatte ich auch vor der Approbation immer mal wieder an Tassilo gedacht und ihm sogar mehrmals geschrieben. Aber die Briefe nach Australien kamen zurück und seine Eltern waren verzogen. Als wir uns Mitte der 90er kennengelernt hatten, war noch nicht die Zeit von Handynummern und Emailadressen angebrochen. Aber jetzt stand mir das Internet zur Verfügung. Ich fand seinen Namen auf der Absolventenliste einer Fakultät für Werbung und PR in London und schrieb an die angegebene Mailadresse. Das war gestern.
Heute habe ich meine Erlebnisse mit ihm Revue passieren lassen und jetzt sitze ich vorm Rechner und sehe, dass eine Antwort in meinem Posteingang liegt. Ich fahre mit der Maus über die ungelesene Mail und zögere das Anklicken noch ein paar Momente hinaus.
Mein Herz klopft ein bisschen und ich muss sogar ein Lachen unterdrücken, denn die Email, die er mir 10 Jahre nachdem wir uns zum letzten Mal sahen, schreibt, hat den Betreff “Wie oft masturbieren Sie am Tag?”
Schöne Geschichte. Gefiel mir, wie du sie in Berlin vergangenen Montag vorgelesen hast.
[...] Shared Tassilo. [...]
Fabelhaft. Muss unbedingt auch mal wieder zum Griffel greifen.
[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Deef Pirmasens, erotiktweets erwähnt. erotiktweets sagte: Tassilo | Die Gefühlskonserve: Tassilo schaltete den Videorekorder aus, der gerade einen Porno abspielte und s… http://bit.ly/aK24VE #Hot [...]
auf jeden fall ne tolle story. mein highlight vom letzten jourfitz – obwohl ich da selber lesen musste… durfte… äh… tat.
Wundervolle Geschichte, vertont noch viel schöner als nur gelesen. Chapeau. Toll gemacht.
Großartig. Habe mich sehr gefreut über die Geschichte und die Idee Blogartikel/Geschichten zu vertonen ist ziemlich awesome.
Harhar! Ich lach mir n Ast, das ist dann auch noch der mit diesen Berghaingeschichten. Twitterblindness.
Großartig. Habe mich sehr gefreut über die Geschichte und die Idee Blogartikel/Geschichten zu vertonen ist ziemlich awesome.
Harhar! Twitterblindness.
*Bravo*
[...] meiner Fahrt schmökerte ich in meinem RSS-Reader; als ich diesen Blogpost las, musste ich irgendwie an Paul denken. Die Frage “Wie oft masturbieren Sie am Tag?” konnte [...]
[...] meiner Fahrt schmökerte ich in meinem RSS-Reader; als ich diesen Blogpost las, musste ich irgendwie an Paul denken. Die Frage “Wie oft masturbieren Sie am Tag?” konnte [...]