Mai
31
2005

“Verdammte Perversos!”

Ich schlage die Augen auf. Mein Kopf tut weh und meine Nase blutet. Warm und salzig läuft es über meine Lippen und tropft in meinen Schoß. Ich würde das Blut gerne es wegwischen, aber meine Hände sind an die Stuhllehnen gefesselt.„Es tut mir leid, das mit der Nase“, sagt eine freundliche Stimme hinter mir. „Eine kleine Überreaktion bei Ihrer Ankunft. Das gibt sich aber schnell und wenn Sie uns regelmäßiger besuchen sollten, dann wird das nicht mehr vorkommen, glauben Sie mir“. Der Mann geht um meinen Stuhl herum und bleibt vor mir stehen. Ich hab ihn noch nie zuvor gesehen. Er trägt einen weißen Kittel und sieht aus wie Dustin Hoffman in seinen besten Jahren. Freundlich schaut er mich an.
„Wissen Sie, wo Sie sind?“
„Nein“, antworte ich und meine Stimme klingt ungewohnt hoch und weich. „Aber meine Nase…“
„Geben Sie sich selbst etwas Zeit und Sie werden das alles genießen lernen. Sie werden gar nicht mehr weg wollen.“ Er schaut mir direkt in die Augen und ich frage mich, wovon er redet.
„Denken Sie daran, Sie können alles im Handumdrehen beenden, wenn Sie uns dass Codewort nennen. Und das mit dem Blut haben wir gleich. Warten Sie, ich werde Taschentücher und ein kaltes Tuch holen“. Bevor ich etwas erwidern kann, verschwindet durch eine Tür hinter mir, die ich nicht sehen kann. Also konzentriere ich mich auf das, was ich sehe.

Der Raum ist fensterlos und neonbeleuchtet. Boden und Wände sind weiß gekachelt. An der Wand vor mir befindet sich ein breiter Flachbildschirm und zu meiner Linken ist ein verspiegeltes Fenster eingelassen. Ich erblicke das Spiegelbild des Stuhles, auf dem ich sitze und als meine Augen nach oben wandern, setzt mein Herz einen Schlag aus. Denn die Person, die dort gefesselt auf dem Stuhl sitzt… IST EINE FRAU! Sie hat unverkennbar meine Gesichtszüge, wenn auch femininer als ich es gewohnt bin, aber der Kopf sitzt auf einem weiblichen Körper. Ich schaue ungläubig an mir herunter und wieder hinauf und sehe Turnschuhe, Kniestrümpfe, einen Rock, und mein Nasenblut auf einer unverkennbar von Brüsten ausgefüllte Bluse. Ich habe das Gefühl ein Kilo Zimmermannsnägel läge in meinem Magen. Als ich mich vorbeugen will, um meinen verspannten Bauch zu entlasten, schnürt sich mir der Hals zu.

„Lass das mal, Süße“. Die raue Stimme hinter mir erschreckt mich zu Tode. Der Sprechende ist lautlos eingetreten und wirft die Tür hinter mir krachend ins Schloss. Dann packt er meine zum Zopf gebundenen Haare und zerrt meinen Kopf nach hinten.
„So geht’s gleich besser mit dem Atmen“ sagt er und legt die Hände auf meinen Nacken und meine Gurgel. Seine Finger spielen mit einem Halsband, von dem ich gar nicht wußte, dass ich es trage.
„Bleib schön gerade sitzen, ansonsten…“ – mit einer schnellen Handbewegung zieht er das Band zusammen – „…geht Dir die Puste aus“. Die Zimmerdecke verschwindet über meinem Kopf, der Fussboden fliegt gen Himmel und das Licht geht aus.

Synthesizerklänge wecken mich, aber es bleibt schwarz vor Augen. Annie Lennox singt „Sweet dreams are made of this…“. Rote Buchstaben glimmen auf in der Dunkelheit und ich lese: „Sicherheitshinweis: Sie können jederzeit abbrechen, in dem Sie Codewort ‚Exit’ nennen. Sollten Sie nicht sprechen können, so haben Sie die Möglichkeit durch fünfmaliges schnelles Blinzeln einen sofortigen Abbruch herbeizuführen. Ich schlucke und sage mit einer ungewohnten Mädchenstimme leise, aber hörbar „Exit“.

Ein Zucken geht durch meinen Körper, als hätte ich einen leichten Stromschlag bekommen. Ich öffne die Augen und finde mich wieder auf einem ergonomischen Liegesessel. An der Wand neben mir ist eine Zewa-Rolle montiert. Ich greife rüber, reiße einige Blätter ab und wische mir Tränen, Schweiß und Speichel aus dem Gesicht. Da öffnet sich die Kabinentür und der Typ von der Kasse kommt rein.
„Warum hammse abgebrochen? Das Programm wär noch fast ‘ne Stunden gelaufen,“ sagt er und hält mir einen Kassenzettel hin. Ich nehme den Wisch und lese.
Maso-Mädchen streng verhört.“
„Die geilsten Szenen hammse verpasst. Richtig rund geht’s erst nach einer halben Stunde“. Er nimmt mir den Datenhelm ab und fährt die Liege in eine aufrechtere Position, damit ich leichter aufstehen kann. Als ich auf meinen Füßen stehe, zerreiße ich den Kassenzettel vor seinen Augen.
„Das zahle ich nicht.“
„Wennse das Programm gestartet hamm, müssense auch zahlen, egal ob se’s bis zum Schluss gucken“, sagt er und läuft rot an.
„Ich hatte ‚Wellness am Paradiesstrand’ bestellt. Für den perversen Verhör-Dreck bekommst Du von mir GAR NICHTS!“
„Ja, aber…“
„Ich kann gerne Deinem Chef erzählen, dass Du zu blöd bist, das richtige Programm einzustellen. Nein, ich glaub’, ich lass das gleich schriftlich von meinen Anwalt machen, dann ist auch noch ein Schmerzensgeld für mich drin“. Er schluckt und schaut zu boden.
„Ach verdammt! Hau’nse ab!“

Die untergehende Sonne leuchtet rot wie eine Nachtclub-Reklame als ich aus dem Virtual-Pleasure-Dome komme. Das war kein virtueller Genuß. Wie hätte ich wissen sollen, dass man in dem Verhörprogramm die Mädchenrolle erlebt? Verdammte Perversos! Ich beschließe beim nächsten Mal wirklich den Paradiesstrand zu nehmen und singe auf dem Heimweg: „Some of them want to abuse you, some of them want to beeeeee aaaabuuuuused!“

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Geschrieben von Deef in: Storys | Tags: , |
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4 Kommentare

  • NBerlin sagt:

    TITLE:
    Wirklich ausversehen das falsche Programm gewählt? ;-)

  • waschsalon sagt:

    TITLE:
    neuronale vergewaltigung würd ich auch nicht bezahlen.

  • unionista sagt:

    TITLE: Da kommen Erinnerungen hoch…
    “Total Recall”, Arnie Schwarzenegger, Sharon Stone – Du kannst Dir nicht sicher sein, dass das Leben nach dem Aufwachen das reale ist.

    Deine Geschichte ist gut. Nette Wendung :)

  • Deef sagt:

    REPLY:
    TITLE:
    Thanks, my dear. :)

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