Der Spiegel widmet dem deutschen Mann ein Titelthema. So scheint es, dabei geht es eigentlich um die weibliche Emanzipation. Zehn Autoren beschreiben auf elf Seiten den aktuellen Stand der Gleichberechtung und dem Weg dorthin in den letzten Jahrzehnten. Das ist eine nette, streckenweise sogar interessante Fleißarbeit, aber kein knalliges Heft-Verkäufer-Thema.
Deshalb versieht der Spiegel das Thema “50 Jahre Emanzipation” leider mit dem dick gedruckten Untertitel “Was vom Manne noch übrig ist”. Genauso irreführend wie blöde, denn Männer haben, wie der Artikel auch sagt, durch die Emanzipation viel gewonnen. Sie sind akzeptiert, wenn sie Kinder erziehen, Gefühle zeigen, private Beziehungen pflegen und sich von der patriarchaischen Rolle als Familienernährer und -bestimmer distanzieren.
Aber nicht nur der Titel ist schlecht gewählt. Der Artikel erzählt viel über Gesetze, Frauengruppen, Alice Schwarzer usw. vernachlässigt aber einiges der aktuellen gesellschaftlichen Realität. Zum Beispiel, dass männliche Protagonisten und klassische Rollenmuster in Film und Fernsehen immer noch überwiegen. Zum Beispiel das Thema Integrationsproblematik:
“Klare traditionelle Rollen, im Konsens, der Gesellschaft fast schon abgehakt, werden in Deutschland im Wesentlichen nur noch von einer Bevölkerungsgruppe gelebt: konservativen muslimischen Zuwanderern, die ihr Frauenbild meist nicht den Vorstellungen der westlichen Emanzipation angepasst haben.”(…)
Das “nur noch” suggeriert, dass das kein großes Problem sei. Ich glaube aber, dass es hier gewaltige Unterschiede im Rollenverständnis gibt, die dem gesellschaftlichen Klima nach meinem Empfinden sehr abträglich sind. Ehrenmorde an Frauen und Mädchen (werden vom Spiegel lediglich kurz erwähnt) sind nur die schreckliche Spitze des Eisberges. Aber reden wir mal über chauvinistische Jungs und Männer, die Frauen “Fotze” nachrufen und händchenhaltenden Geschlechtsgenossen vor die Füße spucken.
Bilde ich mir die nur ein? Gibt es die nur in meiner Welt? Sind die nicht lebendiges Beispiel dafür, wie weit entfernt manche Bevölkerungsgruppen von normalem, nicht-chauvinistischen, nicht-sexistischen Denken sind? Haben die nicht auch Eltern und Verwandte die ähnlich denken? Bekommen die nicht Kinder, denen sie als Vorbild dienen?
Es ist erfreulich, dass eine Frau in Deutschland Kanzlerin werden kann, es ist schön, dass sogar die Bild-Zeitung lobt, wenn Franz Müntefering die Politik aufgibt, um sich um seine kranke Frau zu kümmern. Aber diese Akzeptanz moderner Frauen- und Männerrollen ist weit entfernt von der Situation auf der Straße, im Fußballstadion, in Pirmasens-Sommerwald, Berlin-Neukölln oder am Münchner Hauptbahnhof.
Und auch in vielen gutbürgerlichen Stuben ist man weit von verstandener Gleichberechtigung entfernt. Immer noch, vielleicht sogar immer mehr, wird wissenschaftlich widerlegter Unsinn wie “Warum Männer nicht zuhören und Frauen schlecht einparken” geglaubt. Kann man doch alles mit den Höhlenmenschen erklären, sagt Vati und schaut mit Mutter und Tochter “Germany’s Next Topmodell” oder eine beliebige Sendung mit Gülcan an. Darin geht es um erfolgreiche Frauen, die vermitteln: Körperfetischismus und Konformismus sind die weiblichen Tugenden von heute. Millionen Fernsehzuschauer wollen das sehen. Kein Wort darüber im Spiegel.
Zwischen den Zeilen sagt der Artikel, seit dem ersten Gleichberechtigungsgesetz vor 50 Jahren ist Deutschland wahnsinnig vorangekommen. Das stimmt auch – aber das ist doch nicht alles. Oder sollen wir uns auf dem, was diese Gesellschaft gleichstellungstechnisch erreicht hat, ausruhen? Gerade hinsichtlich Gegenwart und Zukunft, Analyse und Weitsicht habe ich vom Spiegel, dem kritischen Vorzeigemagazin und Top-Meinungsbildner, mehr erwartet.

Ja! Ja! Ja! Danke für Deinen Artikel! Jetzt müssen wir Dich nur noch beim Spiegel einschleusen. ;-)
Ich hab den Spiegelartikel nicht gelesen, kann aber Deinen kritischen Fragen nur zustimmen. Mich regen diese Dinge auch auf. Bei mir heißt der Blick in die Realität “einfach mal U-Bahn fahren”. Da erlebt man Rollenspiele, die einem nicht viel Hoffnung machen. Es gibt in der Gesellschaft natürlich Lichtblicke, die auch mal publik werden, aber im Alltag sieht es oft ganz anders aus. Selbst bei meinem Sohn habe ich erlebt, wie ihm aus dem Umfeld ein veraltetes Rollenverständnis vermittelt wurde: “das ist Spielzeug für Mädchen” oder “sowas machen nur Mädchen”. Dort fängt es schon an. Kein Kind braucht solche Aussagen, um sich in der Welt zurecht zu finden. Kinder können sehr genau beobachten und im besten Falle hat es Mutter UND Vater und nimmt dadurch genug Rollenspiel wahr.
Ich habe auch erlebt, dass es selbst in der heutigen Zeit in deutschen Familien Männer gibt, die ihrer Frau statt dem Arbeitsplatz, bei dem man Anerkennung und Geld verdienen kann, den Arbeitsplatz am Herd “nahelegen”.
Wenn beim Thema Emanzipation und modernes Rollenverständnis von den Medien jedes Mal Alice Schwarzer vor`s Mikrofon geholt wird, kann ich gut verstehen, wenn das für manche Menschen verstörend wirkt. Die gute Frau hat sicher was bewegt, nur ist ihr Blick auf das Thema (so wirkt es zumindest auf mich) noch einer aus den 70ern. Ich kenne einige junge Familien, bei denen sich die Rollen im Vergleich zur vorigen Generation mächtig verändert haben. Das macht mich froh und das Schöne ist: die haben Kinder, die dieses Rollenverständnis weiterleben (-entwickeln) werden.
:)
Kinderthemen.net? Neue Homepage?
ja. Ein bisschen ausprobieren. Ein bisschen die Welt verändern. usw :-)
Guter Ansatz.