Ich habe mit verkrampften Fingern und angehaltenem Atem vor dem Bildschirm gesessen. Ich habe komplette Wochenenden damit verbracht, um diese Serie staffelweise zu verschlingen. Ich habe mir den Kopf zerbrochen und stundenlange Diskussionen über den Sinn geführt. Und jetzt ist eine der faszinierenden Fernsehserien aller Zeiten zu Ende (ACHTUNG SPOILER!). Nach 121 Folgen in 6 Staffeln ist Lost vorbei. Was nicht heißt, die Geschichte wäre auserzählt, denn viele Fragen blieben offen (siehe hier und dort). Das ist ok. Zwar hätte ich gerne Antworten darauf gehabt, was nun wirklich hinter der Insel und ihren Kräften sowie der Dharma Initiative steckt und welche Zeitlinie und Handlungsebene real ist, aber diese Antworten bergen auch die Gefahr alles Geheimnisvolle und Spannende kaputtzuerklären (siehe Teil 2 und 3 von Matrix).
Ich sagte, dass viele Fragen offen blieben, ist ok, aber es ist auch schade. Denn die Magie von Lost entstand für mich aus den wissenschaftlich Rätseln und dem Glauben, dass sie einen Sinn ergeben. Vor allem die 2. und 3. Staffel mit “the hatch”, den Zahlen, die in den Computer eingetippt werden mussten, den Dharma-Orientierungsfilmen, den verhaltenspsychologischen Menschenversuchen haben mich emotional Achterbahnfahren lassen. Die Handlung beschränkte sich noch auf das Insel-Geschehen und Rückblicke, die den Personen Tiefe gaben. Abgesehen vom schwarzen Rauch, den elektromagnetischen Anomalien und der Insel-Wirkung auf Schwangere und Kranke blieb die Handlung größtenteils logisch und mit den Gesetzen der Physik vereinbar.
Das änderte sich in der 4. Staffel, in der offensichtlich wurde, dass sich die Insel in Raum- und Zeit bewegen kann. Dieser Realitätsbruch senkte für mich die Spannung, denn wenn keine Regeln gelten, kann alles passieren und Vermutungen über Ausgang und Sinn verkommen zu Spekulationen. Die 4. Staffel beinhaltet auch den absoluten Tiefpunkt der Serie: das vereiste Holzrad mit dem Benjamin Linus die Insel bewegte. Das Rad sah aus wie übrig gebliebene Deko von Xena oder Conan dem Barbar. Ein paar Szenen zuvor wurde die Dharma Initiative, bisher wichtigstes Mysterium der Serie, aufs Abstellgleis geschickt. Auf John Lockes Frage nach dem Zweck der Dharma-Station “Orchid” antwortete Benjamin Linus: “It’s what all the Dharma stations are for: stupid experiments”. Ab diesem Punkt war’s mit der Wissenschaftlichkeit vorbei und Lost wandelte sich von einer Mystery-Serie mit viel Science-Fiction-Elementen in eine Fantasy-Erzählung.
In der 5. und 6. Staffel rückte die göttliche Figur Jakob zunehmen in den Mittelpunkt und es wird klar, dass er der Hüter der Insel-Geheimnisse ist. Mehr und mehr zeichnete sich ab, dass man die Serie nicht mehr logisch verstehen kann, sondern ihr einfach glauben muss, wenn man ihr weiter folgen will. Höhepunkte der zunehmenden Esoterisierung bildeten das leuchtende “Herz” der Insel und natürlich das Serienfinale. Letzteres wirkte wie ein Goldener Schuß Aufputschmittel, welches ins Gefühlszentrum des Großhirns gespritzt wird: Epische Orchesterklänge begleiteten Slowmotion-Kamerafahrten über verzückte Gesichter und Bilder voller religiöser Symbole und Metaphern ins weiße Licht. Zu dieser sentimentalen Kuschelparty waren Logik und Verstand nicht eingeladen.
Unvermindert faszinierend vom Anfang bis zum Schluss waren die Figuren in Lost. Ständig wurde suggeriert und manipuliert, geführt und gefolgt, intrigiert und gekämpft. Die Charaktere waren wie aus dem Lehrbuch von Sol Stein, dem Dozent für kreatives Schreiben, entwickelt. Seine Tipps “gib jeder Figur ein eigenes Ziel, das den anderen zuwiderläuft und dann lass sie aufeinander los” und “steck deine Figuren in eine ‘Brennkammer’ aus der es kein Entrinnen gibt” waren in Lost exemplarisch umgesetzt. Die wichtigsten Protagonisten hatten alle eine Vergangenheit, die ihnen Tiefe gab, waren nicht plump gut oder böse, sondern sehr differenziert gezeichnet.
Ja, Lost hätte besser sein können: durch weniger Esoterik und einen geringeren Umfang von nur drei oder vier statt sechs Staffeln. Aber natürlich ist das Kritik an einem fast perfekten Werk. Denn selbst schlechte Lost-Episoden sind besser als Folgen der meisten anderen Serien. Lost ist ein Meilenstein. Nie war Serienhandlung so verschlungen und komplex wie hier. Selten hat mich eine Serie derart fasziniert. Deshalb sage ich danke an die Lost-Macher für die vielen Stunden Spannung und ausgezeichnete Unterhaltung.
So.
I got lost, but now I let go…

Full ack.
Ich kann mich deiner Meinung zum Lost-Finale nur anschließen. Irgendwie wurde nichts so richtig geklärt und man erwartet einfach noch ein paar weitere Antworten. Meine größte Frage war, was es nun mit dieser Parallelwelt zu tun hat, die anscheinend nach dem Tod der Charaktere spielt. Irgendwie wurde mir das nicht ganz klar…
ich fand bis zur 3. staffel wars echt das geilste aber dan merkte man das die autoren sich im selbst geschriebenen wirrwar verloren haben was im ende seine krönung fand da helfen dan auch keine epischen melodien und bilder mehr