Apr
05
2005

Zweifel

Ich hatte sie vor zwei Wochen zum ersten Mal gesehen und jetzt liegt sie auf meinem Bett. Sie sieht sehr gut aus, wie sie da liegt. Ihre Haare sind auf dem Kissen ausgebreitet. Ich knie neben ihr und betrachte sie. Wir haben unsere Kleider noch an. Keiner sagt etwas. In Gedanken trage ich alles zusammen, was ich von ihr weiß und versuche meine Gefühle zu ordnen. Tut sie das gleiche? Ich bin unschlüssig und weiß nicht, ob ich sie schon genug kenne, um mich fallen zu lassen. Ich riskiere, verletzt zu werden und ich bin ein gebranntes Kind. Im Moment ist sie neu und geheimnisvoll. Ich besitze sie nicht und muss um sie kämpfen. Das hält die Spannung aufrecht. Vielleicht erfahre ich aber bald Dinge von diesem Mädchen, die mein Interesse stoppen.

Ich war einmal mit einer jungen Krankenschwester zusammen. Ich liebte sie sehr und sie mich auch. Als wir ein Jahr zusammen waren, erzählte sie mir, von einer Beinah-Vergewaltigung. So schrecklich die Geschichte an sich war, sie hatte noch eine Steigerung parat, denn der Täter war ein Saufkumpan ihres Vaters. Papi hatte das Leben seiner Tochter genau vorausgeplant. Und in seinem Plan war Entjungferung im Alter von 16 fällig und zwar mit einem Mann seiner Wahl. Ich war schockiert – gleichzeitig fühlte ich mich noch stärker zu ihr hingezogen. Sie hatte mir die schlimmste und intimste Geschichte Ihres Lebens erzählt und mir somit ihr uneingeschränktes Vertrauen gezeigt. Kurze Zeit später trank sie auf einer Party mehr als ihr gut tat und erzählte die Story einem Typen, der zufällig neben ihr saß.

Das Mädchen auf meinem Bett ist abseits der Miss-World-Ästhetik wunderschön. Sie trägt wenig Schminke und ihr Kleidungsstil definiert sich maßgeblich über Shirts, Jeans und Turnschuhe. Es macht Spaß sich mit ihr zu unterhalten. Sie hat allerhand gelesen und ist schlagfertig. Von früheren Beziehungen spricht sie kaum und im Moment liegt sie einfach nur da. Ihre Augen versuchen in meinem Gesicht zu lesen. Sie wartet offensichtlich auf einen ersten Schritt von mir. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als sie in meine Arme zu nehmen, an ihr zu schnuppern und vielleicht an der einen oder anderen Stelle zu knabbern. Andererseits habe ich keine Lust, alles allein zu machen oder sie mit zuviel Eifer zu überfahren.

Während einer warmen Sommernacht saß ich einmal in einem Studentencafé mit nichts als einem Feuerzeug und einer vollen Schachtel Zigaretten. Vier Stunden und 15 Zigaretten später öffnete ich einer neuen Bekanntschaft die Beifahrertür meines Wagens. Ich war unerfahren und fühlte mich auch so, denn sie wusste genau was sie wollte. Die Frage „Fahren wir zu mir?“ war eine Aufforderung. Dort bugsierte sie mich in ihr Bad und hielt mir ein Handtuch hin. Als ich aus der Duschkabine trat, stellte ich fest, dass sie meine Kleider mitgenommen hatte. Ich wickelte mir das Handtuch um die Hüfte und trat in den Flur. Sie rief mich aus dem Schlafzimmer. Ich betrat den Raum, in dem ein riesiges Bett stand und einige Kerzen brannten. Sie trug nur noch einen seidenen Slip und einen knappen Büstenhalter. Ich staunte so sehr über die Situation, mich und sie, dass ich nicht in der Lage war, abzuschätzen, wie das hier weitergehen würde, obwohl es offensichtlich war. Ich setzte mich aufs Bett. Sie kicherte und öffnete flink ihren BH-Verschluss. Ich atmete ein und aus und dann hatte sie auch den Slip ausgezogen. Ohne Kleider sah sie noch erregender aus. Die Szene war so perfekt, dass mich große Zweifel packten. Ich bin nicht der Schönste, Reichste oder Interessanteste. Außerdem waren wir uns völlig unbekannt. Daraus schlussfolgerte ich, dass sie praktisch mit jedem Typen ins Bett gehen musste. Die Vorstellung verschlang nicht viel geistige Energie. Dennoch spürte ich, wie all das gestaute Blut aus meinen Schwellkörpern wich und sich in meinem Kopf sammelte. Ich brachte es in dieser Nacht nicht und am nächsten Morgen warf sie mich ohne weitere Worte aus ihrer Wohnung.

»Was denkst Du gerade?« fragt sie mich. Ich drehe mich im Bett um, um sie anzusehen und vor allem, um Zeit zu gewinnen. So oft ich diese Frage schon gehört habe, ich bin nie darauf vorbereitet. Ich habe mir keine clevere Antwort zurechtgelegt, die ich freundlich lächelnd präsentieren kann. Was könnte ich passenderweise antworten? Bilder von hungernden Kindern gehen mir durch den Kopf, Jesus am Kreuz, eine Wiese voller Pusteblumen. In Ermangelung brauchbarer Alternativen versuche ich es mit einer Gegenfrage: »Was glaubst Du?« »Ich habe zuerst gefragt,« beharrt sie.

Zwei Jahre zuvor hatte ich starke Schmerzen. Ich konnte nichts essen und beim Pinkeln brannte es. Nierensteine attestierte mir eine praktische Ärztin. Obwohl ich ihr sagte, dass ich einiges an Schmerzen aushalten konnte, verschrieb sie mir ein starkes Mittel. Ich legte das Rezept auf meinen Nachttisch und mich zu meiner damaligen Freundin ins Bett. Mitten in der Nacht wachte ich auf, weil ich Glassplitter im Magen hatte. Jedenfalls fühlte es sich so an. Ich brauchte das Schmerzmittel. Mit zitternden Fingern las ich in der Zeitung nach, welche Apotheke Notdienst hatte. Meine Freundin liebte mich sehr. Meine Schmerzen spiegelten sich in ihrem hübschen Gesicht wieder. Ich drückte ihr meinen Autoschlüssel und das Rezept in die Hand. Eine Stunde später war sie wieder da. Mit dem Schmerzmittel. Ich hatte mir in der Zwischenzeit die Unterlippe zerbissen. Obwohl ich die doppelte Dosis schluckte, konnte ich nicht schlafen. Sie lag in Löffelposition hinter mir und hatte ihre Arme um mich geschlungen. Von hinten streichelte sie meine Brust. Am nächsten Morgen diagnostizierte mir ein anderer Arzt eine akute Blindarmentzündung und einen weiteren Tag später lag ich in einem Krankenhausbett und mein Blinddarm im Müllcontainer. Als meine Freundin mich besuchte, brach sie spontan in Tränen aus. Die Infusionen und der Schlauch, der aus der Operationsnaht heraus zu einem Beutel mit Blut und Sekret führte, waren nicht gerade der Anblick, der einen denken lässt, „halb so wild, so eine Blinddarm-OP“. Nach meiner Entlassung aus dem Krankenhaus stritten wir uns oft. Eines abends, als wir nebeneinander im Bett lagen, fragte sie mich, was zwischen uns nicht stimme. Ich wusste es genau und ich sagte es ihr. Ich sah sie nach diesem Abend nur noch ein einziges Mal, als ich einige Kleidungsstücke aus ihrer Wohnung holte. Meine Antwort hatte wahrheitsgemäß gelautet: »Du liebst mich und ich habe Dich nur gern«.

Ich halte die Luft einen Augenblick länger an, als zwischen zwei Atemzügen nötig. Sie hat zuerst gefragt und ich stehe vor der Wahl, ihr allen Zweifeln zum Trotz etwas von hundertprozentigen Gefühlen zu erzählen. Wäre eine Lüge mehr auf dem Kerbholz und in der Folge bekomme ich wahrscheinlich heute Nacht einen weiteren Punkt mehr auf meiner sexuellen Highscoreliste. Die Alternative ist, ihr zu sagen, dass ich nicht so recht weiß, ob ich schon soweit bin. Ich entschied mich für Letzteres und sah damit über meine Erektion hinweg. Das Mädchen auf meinem Bett setzte sich auf und greift nach meinen Händen. Sie hat ihre Augen keinen Moment abgewandt. »Doch«, sagt sie, »Du bist soweit«. Sie kennt mich kaum, aber sie klingt so überzeugend, dass sich ein Stück ihrer Gefühle auf mich überträgt. Es lässt meinen Bauch warm kribbeln und das Gefühl hält an, während ich sieh an mich heranziehe, umarme und schier endlos küsse.

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